27 Februar

Edgar Allan Poes "The Raven" erobert Hollywood

Kategorie: Schwarze Leinwand — Jahrgang: 20124 Kommentare

The RavenEs klopft an der Tür. Der Mann, der über dem Lesen eines Buches fast ein­ge­schla­fen wäre, schreckt hoch. Hätte er doch nicht Trost in okkul­ten Bücher gesucht um den Tod sei­ner Gelieb­ten Lenore zu bewäl­ti­gen. Seine Ner­ven sind zum zer­rei­ßen gespannt. »Viel­leicht ein spä­ter Besu­cher?«, ver­sucht er sich zu beru­hi­gen. Er schaut sich um. Das glim­mende Kamin­feuer und das Rascheln der schwe­ren Gar­di­nen hül­len ihn in die düs­tere Atmo­sphäre, von der er eben noch gele­sen hat. Er öffnet die Tür zu sei­nem Zim­mer, doch nie­mand ist da. Seine Gedan­ken krei­sen nur um eine ein­zige Frage: »War das Lenore?«, sein ver­zwei­fel­tes Herz raubt ihm die Sinne. Als er ins Zim­mer zurück­kehrt, klopft es erneut, dies­mal am Fens­ter. Has­tig rennt er dort hin und öffnet es, »Lenore?«. Ein impo­san­ter Rabe fliegt durchs Fens­ter und setzt sich auf die Büste von Pal­las Athene. »Wie heißt du?«, fragte der ver­ängs­tigte Mann. »Nim­mer­mehr«, krächzt der Rabe…

So oder so ähnlich muss die Geschichte zum Gedicht »Der Rabe« von Edgar Allan Poe lau­ten. Das am 29. Januar 1845 in der New Yor­ker Zei­tung »Eve­ning Mir­ror« ver­öf­fent­lichte Gedicht erzählt von einem Raben, der einem ver­zwei­fel­ten Lie­ben­den einen mys­te­riö­sen und mit­ter­nächt­li­chen Besuch abstat­tet. Das Gedicht, dass in viele Spra­chen über­setzt wurde (unter ande­rem auch von Charles Bau­de­laire), zählt zu den berühm­tes­ten Gedich­ten des Schriftstellers.

Die Geschichte wird wei­ter­ge­tra­gen. Namen und Verse aus dem Gedicht von Poe zie­hen sich wie ein roter Faden durch Lite­ra­tur und Film. Es ist dicht ver­netzt mit dem, was viele als die Ursprünge des »Gothic« defi­nie­ren wür­den. Die Liste der Künst­ler, die sich mit dem Gedicht im Laufe der Zeit befasst haben liest sich (bis auf eine Aus­nahme) wie ein Quell­ver­zeich­nis zur Subkultur.

In Terry Prat­chetts Schei­ben­wel­ten ist zu lesen: »Sprach, der Rabe, der das „N-Wort“ nicht aus­spre­chen will.«. 1963 ver­filmte ein B-Movie die Geschichte des Raben in einer absur­den Komö­die, in der Vin­cent Price, Boris Kar­loff und auch der jun­gen Jack Nicho­lo­son die Rol­len spie­len. 1982 ver­öf­fent­licht Tim Bur­ton den Kurz­film »Vin­cent«, der mit der Schluss­zeile des Gedichts endet. Bei den Sim­psons liest Lisa das Gedicht als Gru­sel­ge­schicte vor, in der Homer in der Rolle des Erzäh­lers erscheint, wäh­rend Bart die Rolle des Raben über­nimmt. Sti­li­kone Eric Dra­ven zitiert einen Teil des Gedichts in dem legen­dä­ren Film »The Crow« aus dem Jahr 1994. Und bei der schreck­li­chen Fami­lie »The Muns­ters« gibt es einen Raben in der Kuckucks­uhr, der immerzu »Never­more« von sich gibt.

Wenn sich Hol­ly­wood der Sache annimmt, wird dar­aus etwas ganz ande­res. Am 24. Mai 2012 erscheint »The Raven« in die deut­schen Kinos, in der John Cusack die Rolle des »sozial geäch­te­ten Schrei­ber­lings Edgar Allan Poe»1  ein­nimmt, der von der Poli­zei als Tat­ver­däch­ti­ger in einer blu­ti­gen Mord­se­rie im Groß­bri­tan­nien des 19. Jahr­hun­dert fest­ge­nom­men wird.  Seine blu­ti­gen Mord­ge­schich­ten schei­nen Vor­lage für die bes­tia­li­schen Morde gewe­sen zu sein. Doch wäh­rend die­ser ver­hört wird, geschieht ein wei­te­rer Mord. Man bit­tet den Autor um Mit­hilfe, den mys­te­riöse Kil­ler zu fassen.

Was das ganze nun mit »The Raven« zu tun haben soll, ist mir noch ein wenig schlei­er­haft. Viel­leicht will man an den Erfolg der Action-Ausgabe von »Sher­lock Hol­mes« anknüp­fen und wie­der ein­mal durch die Aus­schlach­tung einer his­to­ri­schen Idee volle Kas­sen machen. Viel­leicht ist es aber auch nur eine Visua­li­sie­rung der düs­te­ren Phan­ta­sie eines gewis­sen Edgar Allen Poe, der bis zum sei­nem Tod 1849 jedoch nie mit der Poli­zei in Berüh­rung gekom­men ist. Ist es Aus­schlach­tung oder eine Hom­mage an einer der wich­tigs­ten Schrift­stel­ler des 19. Jahrhunderts? Wir wer­den sehen — oder auch nicht.

  1. Quelle: Ankün­fi­gung von »The Raven« bei Filmstarts.de []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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4 Kommentare

  1. Warum sollte sich die Film­in­dus­trie nicht eines his­to­ri­schen The­mas anneh­men und es aus ihren Grund­fes­ten heben? Noch ent­schei­den wir immer noch selbst, ob wir die Kino­kasse klin­geln las­sen oder nicht. Ich finde es gut, dass man »The Raven« über Gene­ra­tio­nen hin­weg immer wie­der annimmt — in wel­cher krea­ti­ven Form auch immer — denn nur dann kann das Schaf­fen des Künst­lers sei­nen Tod über­dau­ern. Wenn es sich ergibt, werde ich mir den Film irgend­wann mal auf DVD anschauen; den »Raven« mit Vin­cent Price habe ich mir schließ­lich auch ange­schaut (und fand den Film etwas… merkwürdig).

    Der Rabe beflü­gelt aber nicht nur die Lite­ra­tur– und Filmwelt:

    http://www.youtube.com/watch?v=o__BNenkv6w
    http://www.youtube.com/watch?v=6fXmSvHJNQU
    http://www.youtube.com/watch?v=dRDsa99fMuw&feature=related

    Dabei fällt mir auf, dass es meis­tens Metal-Bands sind, die sich sei­ner annehmen.

    Übri­gens sagte man Mis­ter Poe eine gewisse Trunk­sucht nach, da kann es schon sein, dass er das ein oder andere Mal mit dem »Freund und Hel­fer« Bekannt­schaft gemacht hat. Nunja, wir wis­sen es nicht ;-)

  2. Nach­dem ich mir den Trai­ler ange­se­hen habe ver­stehe ich den Film­ti­tel »The Raven« wohl eher als eine Refe­renz an eines der größ­ten Werke von Poe. Nicht ganz wahl­los her­aus­ge­grif­fen. Der Film scheint tat­säch­lich nichts spe­zi­ell mit The Raven zu tun zu haben (außer, dass immer mal einer wo rum­flat­tert). Hier wur­den sämt­li­che Poe-Werke im Film mit sei­ner Lebens­ge­schichte ver­wurs­tet: Leben­dig begra­ben, Die Grube und das Pen­del, Die Maske des roten Todes und vor allem seine Detek­tiv­ge­schich­ten »The Mur­der in the Rue Mor­gue« etc.…wo auch ein paar Poli­zis­ten rum­sprin­gen, wenn ich es recht erin­nere. Typisch Hol­ly­wood, aber viel­leicht ist es ja auch ganz char­mant gemacht. Weiß man ja nicht. Trotz­dem, auch wenn der Schau­spie­ler für Poe gut gewählt ist — ich denke auch, dass mir die DVD reicht.

  3. Klar, das klingt alles wie­der mal nach Hollywood-Ausschlachtung und man hat immer die Angst dass es den Vor­la­gen nicht gerecht wird. Aber ich muss geste­hen: Auf mich wirkt der Trai­ler (auch wenn er natür­lich auf die aus­ge­lutsch­tes­ten Kon­ven­tio­nen zurück­greift um Span­nung auf­zu­bauen) und das hat er auch bereits als ich ihn im Kino gese­hen habe, als ich auf den zwei­ten Teil der aktu­el­len Sherlock-Holmes-Reihe gewar­tet habe.
    Letz­te­rer hat mich posi­tiv über­rascht da er zwar mas­sive Ein­griffe vor­ge­nom­men hat, dies aber auf eine Weise die einem gezeigt hat dass es Absicht ist und nicht künst­le­ri­sches Unvermögen.

    Daher bin ich auch guter Dinge, dass mir »The Raven« gefal­len wird — auch wenn die Geschichte an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen sein mag und das ganze in bes­ter Hol­ly­wood­ma­nier viel action­las­ti­ger aus­fällt als es Poe gerecht würde.

    Übri­gens aber auch ein sehr sehr schön geschrie­be­ner Arti­kel — tolle Zusam­men­fas­sung (mei­nes immer­hin liebs­ten Gedich­tes ^^) am Anfang und inter­es­sante Auf­lis­tung von kul­tu­rel­len Anleh­nun­gen und Ver­ar­bei­tun­gen der Geschichte.
    Achja, und jetzt ratet wie der (lei­der etwas unscharfe) Kol­lege hier heißt:
    http://www.otranto-archive.de/wp-content/uploads/2012/02/tasche.jpg
    (Nein, nicht der Robert, der darunter ^^)

  4. Schließe mich da dem gute Karn­stein an, scheint arg an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen zu sein, aber könnte trotz­dem ein gute Film sein.
    Ich denke ich werde ihn mir anschauen.…wenn es das Port­mo­naie her­gibt, begin­nende Roman­zen sind teuer ;D

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