25 August

Wie aus "Hammer Horror" Gothic wurde

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 20109 Kommentare

Immer dann, wenn man in der Geschichte des Gothic gräbt, lau­fen einem die Hammer-Filme über den Weg, die zwi­schen den 50ern und den frü­hen 70ern ent­stan­den sind und nicht unbe­dingt zu den groß­ar­tigs­ten Fil­men der Film­ge­schichte zäh­len son­dern wegen ihrer Qua­li­tät schnell in ein eigens dafür geschaf­fe­nes Genre gesteckt wur­den, die B-Movies. Kurio­ser­weise ist die Wir­kungs­zeit der Filme die Geburts­stunde vie­ler spä­te­rer Musi­ker, von denen einige aus ihren Erin­ne­run­gen daran Ein­flüsse in Sti­lis­ti­scher und Ästhe­ti­scher Hin­sicht mach­ten. Doch wie lässt sich Hammer-Horror und Gothic in sti­lis­ti­scher Hin­sicht unter einen Hut bringen?

Kate Bush ver­öf­fent­lichte 1978 ihr Sin­gle­de­büt und bediente sich Emily Bron­tes Saga »Die Sturm­höhe«, die in den kah­len Hoch­moo­ren York­shires zur Win­ter­zeit spielt und mit allem aus­ge­stat­tet war, was wir heute als Gothic bezeich­nen wür­den1. »Wut­he­ring Heights« ist aber auch ohne den lite­ra­ri­schen Bezug ein frü­hes Genre-Meisterwerk, auch wenn es unge­wöhn­lich und anders erscheint. Das Werk blieb von der Kri­ti­kern ver­kannt, erst ihr Album Lion­he­art ver­half ihr zum Durch­bruch, auch wenn sie in einem völ­lig ande­ren Genre agierte.

Doch Kate Bush scheint die erste Ver­bin­dung zu »Ham­mer Hor­ror« zu sein, denn die­ses Stück von Album »Lion­he­art« war ihr Tri­but an die Film­stu­dios, die mit ihren scho­ckie­ren­den Bil­lig­pro­duk­tio­nen eine Zeit lang zum Dau­er­bren­ner des bri­ti­schen Fern­se­hen wur­den, der die Filme regel­mä­ßig an Frei­tag­aben­den auf den Schirm brachte. Der Titel selbst ent­stand 1976 und ist auf einem frü­hen Demo zu hören, das in Bush-Fan-Kreisen als The Cathy Demos in Umlauf ist. »Ham­mer Hor­ror« erschien schließ­lich auf dem bereits erwähnte Album Lionheart.

Der Anfang spielt auf einer der drei Film­ver­sio­nen von »Der Glöck­ner von Norte Dame« an, die damals in Umlauf gewe­sen sind und von denen kurio­ser­weise keine von den Ham­mer Stu­dios pro­du­ziert wur­den. Doch allein der Name des Titels erzeugte allein durch den Bezug zu den berüch­tig­ten Stu­dios ein gru­se­lige Atmo­sphäre. Mitte der 70er war »Ham­mer Hor­ror« bereits zum Syn­onym für abge­schla­gene Köpfe von krei­schen­den, leicht beklei­de­ten Damen gewor­den. Kate Bush gestand, »dass sie nachts das Licht anlas­sen musste, nach­dem sie die ers­ten Hammer-Horrorfilme gese­hen hatte. »2 Und obwohl den meis­ten die Lächer­lich­keit der Dar­stel­lung mehr als bewusst war, so übten die Ein­drü­cke den­noch ein beklem­men­des Gefühl aus, wie Peter Murpy von Bau­haus zugab: »Bevor ich alt genug war, um ein biss­chen schlauer zu sein, waren Hammer-Horrorfilme für mich etwas rich­tig schreck­li­ches. Spä­ter natür­lich, nach­dem ich ein paar gese­hen hat­ten, habe ich dar­über gelacht.»2

Die ers­ten, die ganz bewusst mit der frag­wür­di­gen Ästhe­tik die­ser Filme in ihrer Musik spiel­ten war Sioux­sie & The Bans­hees. Allen voran die Front­frau selbst, die mit ihrem Makeup und ihrer Klei­dung die Augen der Zuhö­rer scho­ckierte, wäh­rend sie ihre mit ihrer unver­wech­sel­ba­ren Stim­men ihre Songs von der Bühne prä­sen­tierte. »Wir wol­len die Leute ein­fach nur pro­vo­zie­ren. So, als ob man über Spas­ti­ker lacht. Wir haben einen mor­bi­den Sinn für Humor. Ich glaube, dass jeder kranke Dinge im Grund lus­tig fin­det, wenn er mal ehr­lich dar­über nach­denkt. Als ich noch jün­ger war, habe ich nichts ande­res gele­sen als die bil­li­gen Hor­ror­ta­schen­bü­cher von Her­bert van Thal. Meine Lieb­lings­filme waren die Hammer-Filme, vor allem die mit Vin­cent Price. Seine Art zu spie­len ist so bil­lig und offen­sicht­lich, aber gleich­zei­tig unglaub­lich wir­kungs­voll. Mann sollte nie­mals Angst haben, bil­lig zu sein.»2

Ham­mer ist Grund­stein für eine neue Inter­pre­ta­ti­ons­welle der klas­si­schen Cha­rak­tere wie Fran­ken­stein oder auch Dra­cula, die das ältere Publi­kum noch aus den Stumm­film­pro­duk­tio­nen der 20er und 30er Jahre kennt. Sie erhe­ben den Hor­ror in eine neue, eine far­bige Dimen­sion denn die Stu­dios arbei­ten schon 1957/58 mit Farb­fil­men. »Der Fluch von Fran­ken­stein« und »The Hor­ror of Dra­cula« wer­den erneut sehr erfolg­reich und »kata­pul­tie­ren das Tan­dem Chris­to­pher Lee und Peter Cus­hing zu den größ­ten Stars des phan­tas­ti­schen Films seit Bela Lugosi und Boris Kar­lof»3

Die Stu­dios bauen ihren Erfolg kon­se­quent aus, bevor die Filme Anfang der 70 Jahre begin­nen zu flop­pen. Ame­ri­ka­ni­sche Stu­dios lau­fen den bil­lig pro­du­zie­ren­den Bri­ten mit ihren auf­wen­di­gen Horror-Produktionen schnell den Rang ab. Die Nacht der leben­den Toten, der Exor­zist und auch das Texas Chain­saw Mas­sa­ker spie­len sich nun in die Gunst des Publikums.

Mit der Gothic-Bewegung der frü­hen 80er ver­selbst­stän­digt sich dann das Phä­no­men der Ham­mer Hor­ror Pro­duk­tio­nen. Nach den ers­ten musi­ka­li­schen und sti­lis­ti­schen Errun­gen­schaf­ten von Sioux­sie & The Bans­hees über­neh­men immer wei­tere Anhän­ger der Bewe­gung die Stil­vor­lage und bezie­hen sich dabei direkt auf die Filme der Stu­dios. Als das legen­däre Batcave im Juli 1982 seine Pfor­ten öffnet, spielt Ham­mer Hor­ror auch bei der Aus­stat­tung des Clubs eine gewich­tige Rolle. »Mit einem win­zi­gen Lift ging es vier Stock­werke nach oben, wo man durch einen Durch­gang in Sarg­form in einen klei­nen Raum gelangte, der gleich­zei­tig Kino, Kaba­rett, Thea­ter, Disko und Live­club zu sein schien.»4 Als gru­se­lig iro­ni­sche Hin­ter­grund­be­ma­lung dien­ten eben diese »Gothic-Fiction« Klas­si­ker und Filme der Ham­mer Hor­ror Pro­duk­tio­nen, die im dor­ti­gen Kino gezeigt, oder auf Lein­wände pro­ji­ziert wurden.

1985 schließt das Batcave seine Pfor­ten sorgt aber nach­hal­tig dafür, das Ham­mer Hor­ror ein inte­gra­ler Bestand­teil der frü­hen Gothic-Szene wird. Immer wie­der wer­den Stil­ge­ber und Szene inhalt­lich zusam­men­ge­bracht, 1987 sorgt Chris Nichol­son in einer BBC Radio­re­por­tage für ein Zusam­men­schluss: »…Doch im heu­ti­gen Groß­bri­tan­nien zie­hen die meis­ten Gothics (oder Goths, wie sie meist genannt wer­den) ihre Inspi­ra­tion größ­ten­teils aus den Horro­fil­men der Hammer-Studios aus den 1930er und –40er Jah­ren: Fran­ken­stein, Dra­cula.»5

Bedeu­tungs­ge­la­dene Schwan­ger­schaf­ten, die die Sym­bo­lik völ­lig falsch inter­pre­tie­ren neh­men eben­falls von nun an ihren Lauf. Hammer-Horror ist und bleibt ein Selbst­läu­fer. Vom Bestand­teil einer Büh­nen­per­for­mance bis zum Quell für Kli­schees wie Sata­nis­mus oder Lei­chen­schän­dung ver­ge­hen ledig­lich 10 Jahre. Ernst­haf­tig­keit und Iro­nie sind jedoch zwei Dinge, die in der Szene direkt neben­ein­an­der exis­tie­ren und immer wie­der zu Ver­wechs­lun­gen füh­ren. Nie­mand würde heute noch bestrei­ten das Horror-Filme aus den Ham­mer­stu­dios eine gewisse Iro­nie besit­zen und das eben diese Iro­nie auch von den frü­hen Bands so ver­stan­den wurde.

  1. Die Saga Sturm­höhe könnt ihr euch im eng­li­schen Ori­gi­nal auf der Inter­net­seite von Wiki­source durch­le­sen []
  2. Dave Thomp­son: Schat­ten­welt — Hel­den und Legen­den des Gothic Rock, Han­ni­bal Ver­lag 2004, S. 19 [] [] []
  3. Aus dem Arti­kel Ham­mer Hor­ror der Inter­net­seite Vampire-World.com, abge­ru­fen am 16.08.2010 []
  4. Dave Thomp­son: Schat­ten­welt — Hel­den und Legen­den des Gothic Rock, Han­ni­bal Ver­lag 2004, S. 180 []
  5. Ein voll­stän­di­ges Trans­skript der Sen­dung von Chris Nichol­son ist in den Otranto-Archiven zu fin­den. []

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Schwarze Szene
Schlagwort: , , ,

Verwandte Artikel

9 Kommentare

  1. oooh Kate Bush! Ist sie nicht über­ir­disch? Sie ist es!

  2. Ihre Stimme ist es jeden­falls, in jeder Hinsicht.

  3. Oh, ja, das war etwas kurz gefasst. Natür­lich ihre Stimme, aber auch die Arran­ge­ments, die Sie so unglaub­lich in Szene set­zen. Irgend­wie genial.

  4. Sehr sehr guter, inter­es­san­ter Bericht. Aus die­sem Blick­win­kel habe ich das noch gar nicht gese­hen, aber es stimmt und einige frü­here Bands han­tie­ren tat­säch­lich auf­fal­lend mit Hammer-Horror-Szenen/Bildern.

    @Robert: Du hast es ein­fach drauf, die Dinge auf den Punkt zu brin­gen, beson­ders in den letz­ten bei­den Sät­zen. D’accor.

    @Vizioon: Jo, defi­ni­tiv über­ir­disch, die Kate.

  5. @Vizioon: Spricht da Fas­zi­na­tion? Viel­leicht möch­test du einen Arti­kel über Kate Bush ver­fas­sen :) Sie hätte es ver­dient und Du wärst sicher­lich ein adäqua­ter Verfasser ;)

    @shan_dark: Vie­len Dank für dein Lob, das bedeu­tet mir mehr, als Dir viel­leicht bewusst sein dürfte ;) (Musst mal raus, es wird sowieso viel zu wenig gelobt in die­sem unse­rem Lande!)

  6. @Robert: Ja, Fas­zi­na­tion. Ich kann zwar für nichts garan­tie­ren, aber ich möchte, für mich selbst über­ra­schend, einen Bei­trag nicht aus­schlies­sen. Einen Zeit­rah­men kann ich aber nicht nennen ;)

    Edit-Funktion ist ein gutes Feature!

  7. Anmer­kung von Spon­tis: Die­sen Kom­men­tar schickte mir Fried­helm über das Kon­takt­for­mu­lar, da es mei­ner Ansicht nach wert­voll zu die­ser Dis­kus­sion bei­trägt, habe ich ihn um Erlaub­nis gebe­ten, es ver­öf­fent­li­chen zu dür­fen:
    Gruss aus Ostfriesland!

    Als Film­freund beschäf­tige ich mich bereits vier­zig Jahre mit dem Thema.
    Unter ande­rem bin ich ein ech­ter Fan der guten alten »Hammermovies«.

    Ich sel­ber, und mit mir viele andere, konn­ten sol­che Din­ger noch im Kino bewun­dern. Du liegst sicher rich­tig damit, »Ham­mer« in die B-Movie Ecke zu ver­le­gen, denn das waren sie…, B.

    Aller­dings sahen diese Pro­duk­tio­nen immer teu­rer aus, als sie eigent­lich waren. Und daran hat­ten viele, gute Leute ihren Anteil. Allen vor­ran Bern­hard Robin­son, der Art­di­rec­tor die­ser Firma. Der Mann war eine Legende und konnte eine Pro­duk­tion mit sei­nen beschei­de­nen Mit­teln teu­rer aus­se­hen las­sen als sie wirk­lich war.

    Des­wei­te­ren finde ich diese guten alten Hor­ror­mo­vies selbst heute noch gruselig.

    Wenn Du Chris­to­pher Lee in den ers­ten »Hammer-Draculas« gese­hen hast, dann stimmst Du mir sicher­lich bei. Ich ziehe so etwas auf alle den Hochglanz-PC-FX-Dingern von heute vor. Zum »Glöck­ner von Notre Dame« habe ich auch noch ein paar Worte. Kommt irge­dendwie gele­gen, weil ich auf http://www.zauberspiegel-online.de gerade meine Serie »Monsters-The Origins« mit die­ser Figur abge­schlos­sen habe.

    Wenn man es recht bedenkt, dann hat »Ham­mer« dem Glöck­ner aus gutem Grund nie­mals einen Film gewidmet.

    Dort hatte man wohl etwas mehr Weit­blick als andere, denn Vic­tor Hugos Geschichte »Notre Dame de Paris« ist mit­nich­ten eine Hor­ror­story und Qua­si­modo kein mör­de­ri­sches Halb­we­sen. Hugos Roman ist ein his­to­ri­sches Drama. So, bis denne..Ansonsten helfe ich immer wie­der gerne weiter…

  8. Das ist wirk­lich ein inter­es­san­ter Aspekt, der in Zei­ten von Com­pu­ter­ani­ma­tion sträf­lich miss­ach­tet wird, Hor­ror­filme bei denen man noch auf Maske set­zen musste. Mit­un­ter gab es in die­sem Genre auch Bei­spiel bei denen die Qua­li­tät der Maske noch beschei­de­ner war als die Story des Films zu dem sich gemacht wurden.

    Die »Stim­mung« die Chris­to­pher Lee allein durch sei­nen Seri­en­cha­rak­ter und die Art und Weise sei­ner Dar­stel­lun­gen in die Filme gebracht hat, waren spä­ter sogar Stil­bil­dend für einige Prot­ago­nis­ten der Gothic-Szene und wur­den auch ent­spre­chend verarbeitet.

    Vie­len Dank für Dei­nen Kom­men­tar zum Thema, bin immer froh wenn Leser sich aktiv ein­brin­gen und noch etwas neues bei­tra­gen können :)

  9. Kate Bush ist von den ursprün­gen Art­pop, ab 1980 (Never Fore­ver) kann man sie wohl zum gothic inspi­rier­ten New Romantic/New Wave Zir­kus rech­nen. Auch um 1986 herum gab es Auf­tritte z.B. mit David Gil­mour auf youtube zu fin­den in denen sie im lan­gen schwar­zen Man­tel und Stie­fel sowie Rüschen­bluse auf der Bühne steht. Bereits 1989 wird dann auch ihr Album The Sen­sual World als gothic pop rezen­siert. Der Zeit­raum um 1986 scheint mir beson­ders bemer­kens­wert weil um die­sen Zeit­punkt der Her­aus­bil­dung des Dark Wave aus dem New Wave erfolgte. Und diese Strö­mung ist für die heu­tige gothic Szene ziem­lich rele­vant. Die Frage die ich mir stelle ist aber der Ein­fluß von Kate Bush auf den Cold Wave.

Schreibe einen Kommentar

Hilfe bei der Kommentareingabe?