7 Mai

Wenn Grufties tanzen: Riding the Dark Wave

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 20115 Kommentare

Tanzen wie die Grufties 1985Der ewige Kampf inner­halb einer mitt­ler­weile bunt zusam­men­ge­misch­ten Szene gip­felt in der Regel auf der Tanz­flä­che, wenn man sich auf­grund gen­re­über­grei­fen­dem Lied­guts1 dort begeg­net. In der Regel geht man sich aber gepflegt aus dem Weg und fröhnt sei­nen ganz eige­nen Bewe­gungs­ab­läu­fen und gibt sich einer stän­di­gen geis­ti­gen oder ver­ba­len Abwer­tung des jeweils ande­ren Tanz­sti­les hin. Im unglei­chen Kampf der Rand­grup­pen sollte Humor das ver­bin­dende Ele­ment blei­ben, den jüngst Karn­stein mit der Krea­tion einer Per­si­flage auf den Tanz­stil der Cyber-Kultur auf die Spitze trieb.

»Nehmt es mit Humor und euch nicht so wahn­sin­nig wich­tig.« schrieb zum Abspann sei­nes Mach­wer­kes. Zustim­mend nickte ich vor dem Rech­ner und lehnte mich zufrie­den in Stuhl zurück. Einige Tage spä­ter ver­öf­fent­lichte er dann mit »Riding the Dark Wave« einen groß­ar­ti­gen Zusam­men­schnitt schwar­zer Ein­drü­cke der 80er und 90er, in denen auch Tanz ein zen­tra­les Ele­ment ist.  Grund genug, ein­mal näher hin­zu­schauen und den Tanz­stil ver­gan­ge­ner Zei­ten unter die schwarze Lupe zu nehmen.

Wie pas­send, das sich der Uni­SPIE­GEL sich zeit­nah mit dem Thema »Eins, zwei, Gothic­tanz« mit der Idee, Stan­dard­tänze auf die schwar­zen Tanz­flä­chen zu brin­gen, aus­ein­an­der­setzt: »In Kampf­stie­feln, mit viel Kajal und Spitze dre­hen sich düs­tere Pär­chen in ganz tra­di­tio­nel­len Schrit­ten zu har­ten Rhyth­men unter der Anlei­tung gruf­ti­ger Tanz­leh­rer.« Bevor die Szene mit ernst gemein­ten Arti­keln zur einer Kari­ka­tur ihrer selbst mutiert, machst du es lie­ber, denn Dis­cofox, Cha-Cha-Cha, Samba, Rumba und Jive sind nicht wirk­lich die ver­spro­chene Berei­che­rung, von der Tanz­leh­rer Vic­tor spricht: »Stan­dard­tanz ist eine Berei­che­rung — auch oder gerade für die schwarze Szene

Das »Jas­min« und »Lukas« ihren rich­ti­gen Namen nicht nen­nen wol­len, liegt aber nicht »der Berüh­rungs­angst der Gesell­schaft, die immer noch so sehr vor dem düs­te­ren Ambi­ente der Gothics zurück­schreckt«, son­dern viel­leicht an der Tat­sa­che, in einer selbst­er­nannt indi­vi­du­el­len Szene einen Standard-Tanz zu erler­nen um sich damit genau den Dog­men zu unter­wer­fen, die man sonst durch Out­fit und Dasein so vehe­ment ablehnt. Immer­hin fühle ich mich mit mei­ner Ableh­nung nicht allein, denn Tobi­kult sieht die Sache ganz genau so. In mei­nem wohl­mög­lich kran­ken Sinn von Ästhe­tik und Stil haben Gruf­ties so aus­zu­se­hen und zu tanzen:

0:36 — 0:45 | Ero­ti­scher Aus­drucks­tanz. Ein sehr ernst zu neh­mende Form gruf­ti­ger Bewe­gungs­aub­läufe. Die Augen sind geschlos­sen, kein lächeln stört das mor­bide Gesamt­bild, der Kopf ist gewohnt leicht nach vorne geneigt. Hände und Arme umschlie­ßen das Gefühl eins mit der Musik zu sein und zei­gen gleich­zei­tig die ableh­nende Hal­tung gegen­über der Gesell­schaft. Die Bewe­gun­gen sind ruhig, ele­gant und schön anzu­se­hen. Unter­bro­chen wird das ganze durch ener­gi­sche Mund­öff­nung, die den Biss in den Hals der Opfer zeigt und dadurch vor allem beim Männ­chen für Anzie­hungs­kraft sor­gen sol­len. (Erneut zu sehen von 1:55 — 2:09)

Tanz der schwarzen Kinder der Nacht0:51 — 0:59 | Die Auf­merk­same. Ihre Bewe­gun­gen sind pas­send, aber nicht auf­re­gend. Sie sind ein­stu­diert und sit­zen wie das Vater unser. Die Auf­merk­same (wahl­weise auch der Auf­merk­same) beob­ach­tet seine Umge­bung sehr genau, gleich fällt ihr die schwer zu erken­nende Kamera auf, die sie mit ihrem Blick fixiert: »Ja! Schau mich an! Ich tanz am Bes­ten!« Auf der Suche nach wei­te­ren poten­ti­el­len Ange­guck­ten und Zurück­gu­ckern setzt sie ihren Tanz fort.

1:00 — 1:19  |Ein klas­si­scher »Toten­grä­ber­tanz«, des­sen Aus­füh­rung denk­bar ein­fach erscheint: 3 Schritte vor, 3 Schritte zurück, den Kopf demü­tig nach vorne geneigt. Wahl­weise been­det man den Zyklus des nach vorne Schrei­tens mit einer tiefe Beuge des Ober­kör­pers, die die Tätig­keit des »Grab Schau­felns« sym­bo­li­siert. Eine kol­lek­tive Aus­füh­rung mit anspre­chen­den Fri­su­ren ist ein Augen­schmaus erfor­dert doch ein Min­dest­maß an Koor­di­na­tion und Bewegungsspielraum.

2:10 — 2:16 | Den Höhe­punkt die­ser Zusam­men­stel­lung eröff­net ein gran­dios aus­ge­führ­ter Vam­pir­biss, des­sen Detail­an­sicht durch die auf­wen­dig aus­ge­formte Fri­sur ver­deckt wird. Ver­stört bedeckt das Gruftie-Weibchen nach der abge­bro­che­nen Aus­füh­rung ihre fri­sche Biss­wunde und wid­met sich wie­der dem ehr­wür­di­gen herumstehen.

2:17 — 2:33 | »Manch­mal muss man einen Schritt zurück­tre­ten und das ganze Bild auf sich wir­ken las­sen« — sag ich immer. Hier sehen wir eine Ansicht der Tanz­flä­chen im Bochu­mer Zwi­schen­fall, in der wir den Aus­drucks­tanz und den Toten­grä­ber­tanz in Kom­bi­na­tion sehen. Ein Paar im Vor­der­grund zeigt den simul­ta­nen Ablauf einer sol­chen Bewe­gungs­ab­folge, die noch durch das melan­cho­li­sche wie­gen des Kop­fes nach links und rechts unter­stützt wird.

2:34 — 2:43 | Die Musik in sich hin­ein krie­chen las­sen. Die­ser zunächst etwas Bewe­gungs­arm anmu­tende Anblick ist typisch für den Genuss von dunk­ler Musik, den eige­nen Kör­per zu Takt­lo­sig­keit ver­dammt, die Miene eisig ver­fins­tert. Die Prot­ago­nis­tin ver­fei­nert das ganze durch ver­schwö­rende Arm­be­we­gun­gen, die wohl dazu die­nen, die Trom­pe­ten­arme ihres Out­fits zu Gel­tung zu brin­gen. Sehr geschickt!

3:12 — 3:25 | Die Unend­lich­keit. Was zunächst leicht und beschwingt aus­sieht ist tief­grün­di­ger, als es erscheint. Die ange­win­kel­ten Arme beschrei­ben die Form einer lie­gen­den »8«, dem Zei­chen für die Unend­lich­keit, die Beine sor­gen der­weil für die gespielte Har­mo­nie, die durch eine kon­stante Dre­hung um die eigene Achse ver­stärkt wird. Gebro­chen wird die­ses Gesamt­bild wie­der durch den aus­drucks­lo­sen und gleich­gül­ti­gen Gesichts­aus­druck der zeigt: Bewe­gung beim Tanz ist nur der Spie­gel der Ober­flä­che. Ergreifend!

3:28 — 3:37 | Der Tou­rist. Er bewegt sich um nicht auf­zu­fal­len, kann seine wahre Her­kunft aber nicht ver­ei­teln. Kau­gum­mis ent­lar­ven jeden, denn ein echte Gruf­tie kaut keine sol­chen Mund­schmeich­ler, schon gar nicht so. Seine Bewe­gungs­ab­läufe lie­fern zusätz­li­chen Beweis: Schnelle, zucken­den und wohl­mög­lich Rhyth­mus­ori­en­tierte Bewe­gun­gen pas­sen eigent­lich ganz woan­ders hin. Der Tou­rist möchte gese­hen wer­den und sel­ber gucken. Achtung!

3:43 — 3:53| Eine Wie­der­ho­lung des Aus­drucks­tan­zes. Mit fort­schrei­ten­der Aus­füh­rung stel­len sich exta­ti­sche Zustände bei der Tän­ze­rin ein. Der Mund ist weit geöff­net, Zähne sym­bo­li­sie­ren den Wil­len einen Vam­pir­biss aus­zu­füh­ren, ver­strö­men gleich­zei­tig unbän­dige Lust und Ero­tik. Das Männ­chen am rech­ten Bild­rand ist Bei­tän­zer, seine Bewe­gun­gen ähneln denen der Tän­ze­rin, jedoch in eine abge­schwäch­ten und leich­ten Aus­füh­rung. Das demons­triert Erge­ben­heit und Unter­wür­fig­keit, was zusätz­lich durch den gesenk­ten Kopf ver­stärkt wird.

Diese völ­lig sub­jek­tiv emp­fun­dene Ana­lyse bewegte mich tat­säch­lich zur der Ein­sicht, das auch ich mich an vor­ge­fer­tig­ten Ver­hal­tens­mus­tern ori­en­tiere und eigent­lich so tanze, wie es einst Tears for Fears in Mad World prä­sen­tierte, kurz bevor ich es zu schät­zen lernte, nur nach vorne und nach hin­ten zu lau­fen. Dass das frei­lich keine ganz unge­fähr­li­che Sache ist, hab ich an mei­nen eige­nen Füßen zu spü­ren bekom­men und sind wohl auch der ein­leuch­tendste  Grund, warum die Stahl­kap­pen­stie­fel einst ihren Sie­ges­zug antraten.

  1. Gerade im elek­tro­ni­schen Teil des brei­ten Fächers schwar­zer Musik fin­den sich viele Stü­cke, zu denen die meis­ten der unter dem Schirm der Szene gesteck­ten Unter­grup­pie­run­gen tan­zen. »Chrome« von VNV Nation bei­spiels­weise ist bei Cybern, Goths und sol­chen die es wer­den wol­len, glei­cher­ma­ßen beliebt. []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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5 Kommentare

  1. Wow danke!
    Sehr schö­nes Video mit schö­nem Lied und schö­nem Men­schen:)
    Schön hier einen Gegen­pol zum »Indus­trial« Dance vor­zu­fin­den. Wenn doch nur mehr Men­schen wie­der so tan­zen würden…

  2. *lach* Deine Ana­lyse ver­leiht der gan­zen Sache auch end­lich mal den Ernst den sie ver­dient — wir tan­zen ja immer­hin nicht zum Spaß! :D
    Aber ernst­haft: So weit ich mit­be­kom­men habe muss es auch damals schon Leute gege­ben haben die das Ganze sehr ernst und sys­te­ma­tisch betrach­te­ten, und etwa ver­such­ten bei den Schrit­ten keine Auf-Ab-Bewegungen zu voll­füh­ren son­dern den Kopf auf einer Höhe hal­tend zu Schlur­fen — so oder so ähnlich.
    Finde ich per­sön­lich zwar viel schö­ner und stil­vol­ler, aber auch irgend­wie sehr grenz­wer­tig in sei­ner Regularisierung…

  3. @Epitaph89: Das krie­gen wir wie­der hin. Als Neu-Stil-Verweigerungs-Tänzer kämpfe ich seit Jahre durch den Vor­führef­fekt für eine Wie­der­ge­burt der alten Werte. Manch­mal auf ver­lo­re­nem Pos­ten, da stimme ich zu, aber gele­gent­lich kommt es zu nost­al­gi­schen Masseneinlagen :)

    @Karnstein: Es gibt immer Aus­rei­ßer aus dem Gesamt­bild. Auch für Nicht-Tänzer bie­tet die Szene ja ein Refu­gium. Ein­fach rum­ste­hen und den Kopf krei­sen las­sen und dabei die Musik schööööön in sich rein­krie­chen las­sen. Gerade bei Stü­cken von »The Cure« ein wah­rer Genuss, wie ich finde. Ernst­haf­tig­keit ist der Tod jeder natür­li­chen Gefühls das die Musik aus­zu­lö­sen ver­mag, finde ich jedenfalls.

  4. huch

    Ich hätte nicht erwar­tet, dass »oldschool-goths« sich über­haupt so viel bewe­gen.
    Bis­her kannte ich nur den Toten­grä­ber­tanz vom Hören­sa­gen (bzw »Industrial«(alias Techno) vom sehen (bzw. ne ganze Menge Leute die weder das eine noch das andere tanzen))

    Vobei ich aller­dings sagen muss, dass die­ser Vam­pir­kram auf man­che sicher­lich ebenso »lächer­lich« wir­ken kann wie Plas­tik­schläu­che auf dem Kopf. Mag sein, dass Vam­pire durch­aus eine gewisse »Mys­tik« und Tiefe (Unter­be­wusst­sein) ver­kör­pern, »den Tod« ins Gedächt­nis holen.

    Ver­mut­lich steh ich doch wei­ter »abseits« der »Szene« als ich dachte :)
    Begnüg ich mich ein­fach mit der Musik.

  5. Defi­ni­tiv @unkraut. Vam­pir­kram und Plas­tik­schläu­che ran­gie­ren auf dem glei­chen Niveau. Aus­wüchse einer neu­gie­ri­gen Gene­ra­tion, von geblen­de­tem Nach­wuchs in die Lächer­lich­keit überführt ;)

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  1. | Otranto-Archive schreibt:

    […] tan­zen Grufts? Das war ja schon hin und wie­der mal das Thema bei mir und auf Spon­tis auf gran­diose Weise aus­ein­an­der gepflückt.wurde eine mei­ner Bemü­hun­gen. Doch bis­lang ging es […]