4 Februar

Vom Klischee und seiner Geburt

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 20108 Kommentare

Menschen vor dem AdmiralpalastWie ent­steht eigent­lich so ein Kli­schee? Und vor allem, warum drän­gen sich immer mehr Jugend­kul­tu­relle Szene in das mediale Licht der Öffent­lich­keit? Ein Kli­schee ist eine über­trie­bene Vor­stel­lung der Rea­li­tät, die häu­fig durch ein über­be­an­spruch­tes Bild oder Stil­mit­tel aus­ge­löst wird. Seit­dem der visu­elle Markt mit immer neuen Marot­ten eini­ger Men­schen gefüt­tert wer­den will um die Zuschauer zu beein­dru­cken, rücken Jugend­kul­tu­relle Sze­nen wie­der in der Vor­der­grund und wer­den ans Licht der Öffent­lich­keit gezerrt, obwohl sie das in der Regel ablehnen.

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Hot 5 ist eine Rubrik die  im Rah­men der Sen­dung taff gezeigt wird, bei der es um die weib­li­che Selbst­ein­schät­zung und deren Wir­kung auf Män­ner geht. Sie sol­len ihre Wir­kung auf Män­ner ein­schät­zen, die sie dann in einem zwei­ten Schritt »ran­ken«.  Ein Blick in die jüngste Staf­fel vom Dezem­ber 2009 wirkt auf mich wie ein Fleisch­be­schau, bei dem sich die vor­wie­gend sehr jun­gen Mäd­chen von etwa gleich­alt­ri­gen Män­nern bewer­ten las­sen. Die meis­ten davon sind  nach eige­nen Anga­ben in der Model-Branche tätig und ver­su­chen viel­leicht ihren Bekannt­heits­grad zur erhö­hen oder ihren Geld­beu­tel zu berei­chern, viel­leicht auch aus Spaß an der Freude doch ohne sich ein genaues Bild davon zu machen wel­che Wir­kung sie dabei auf den Zuschauer haben. Letzt­end­lich bestimmt ja Regie und Pro­duk­tion wie etwas dar­ge­stellt wird.

Das Motto der ers­ten Staf­fel lau­tet: »Hier­für suchen wir krass Täto­wierte, Gepiercte, Rocke­rin­nen, Pun­ke­rin­nen, Gothic-Mädels und alle ande­ren, die optisch auf­fal­len!»1 Hier wird also klar­ge­stellt, das es offen­bar nur um Äußer­lich­kei­ten geht.

Wenn ich mir Sen­dun­gen in die­sem Stil ansehe fällt mir auf, das die Mäd­chen, die sich auf so einen Auf­ruf in der Regel mel­den eine Jugend­kul­tur zum Stil degra­diert haben und sich rein äußer­lich in diese ver­set­zen. Sie ver­klei­den sich. Sie täto­wie­ren sich, weil sie es cool fin­den, sie pier­cen sich weil das viele so machen, sie sind Punk weil das gerade In ist und füh­len sich Gothic, weil das so schön Mys­te­riös erscheint. Viel­leicht hegen sie die Hoff­nung durch ihre gefühlte »Anders­ar­tig­keit« Auf­träge zu bekom­men oder Auf­merk­s­amt­keit zu erha­schen, ich weiß es nicht. Doch hier wird der Grund­stein für ein Kli­schee gelegt. Eine äußer­li­che Hülle reprä­sen­tiert für die Sen­dung eine Jugend­kul­tur, eine Bewe­gung oder Lebens­ein­stel­lung. Dabei ist der Kern einer Jugend­kul­tur genau anders herum, wenn wir uns die Äußer­lich­kei­ten anse­hen. Für die ist ihre Anders­ar­tig­keit näm­lich keine Ver­klei­dung son­dern ein Teil ihres Lebens.

Das da nicht viel Inhalt rüber­kommt dürfte wohl klar sein. Trotz­dem wer­den sie vom Zuschauer als »stell­ver­tre­tend für…« ange­se­hen, denn man pro­ji­ziert den Ein­druck den man gewinnt auf andere, die »genauso aus­se­hen«. Das was die Kan­di­da­tin­nen in Inter­views dann über sich erzäh­len, oder was man wie Sprech­ge­sang unter eine sol­che Sen­dung schreibt rutscht in die selbe Schiene.  Aus der Pro Sie­ben Sen­dung Styling-Tausch vom 04.02.2010: »…Und jetzt soll auch noch Gothic-Puder auf’s Näs­chen bzw. das Sze­ne­ty­pi­sche Mus­ter auf die Augen…« Ein Kli­schee ist geboren.

Doch wie damit umge­hen? Mitt­ler­weile ist es ein Phä­no­men die­ser Sen­dun­gen sich damit zu beschäf­ti­gen und der Quell der Men­schen, die gerne daran teil­neh­men scheint nie­mals zu ver­sie­gen. Ich denke man muss sich damit abfin­den das es immer wie­der einen Markt für so etwas gibt. Das ein oder andere löst die Zeit, denn der Fokus rückt immer wie­der andere Dinge in den Vor­der­grund um den Zuschauer nicht zu lang­wei­len und mit Ein­schalt­quo­ten die Wer­be­kun­den nicht zu ver­grau­len. Kom­mu­ni­ka­tion ist das Stich­wort, erzählt euren inter­es­sier­ten Men­schen von euch und gebt euch nicht ver­schlos­sen und arro­gant, das ist nicht beson­ders hilf­reich aber eben so weit verbreitet.

(Bild­quelle: Admi­rals­pa­last Ber­lin via flickr.com)
  1. Quelle: Inter­net­seite der Cas­ting Agen­tur vom 04.02.2010 — Titel: Sexy Mädels für HOT5 (Pro­Sie­ben) gesucht! Jetzt bewer­ben! [] []

Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Schwarze Szene
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8 Kommentare

  1. Ah, Taff schon wie­der … so lang­sam kann man die Uhr danach stel­len wann mal wie­der ein »Grufti-Bericht« bei denen auftaucht.

    Mich wurmt es auch wie hier immer wie­der auf Äusser­lich­kei­ten degra­diert wird, die ent­spre­chend aus­tausch­bar ist, Pro­bant wird vor­ge­führt daß man es angepasst-normal leich­ter hat, bes­ser ankommt und eh alles viel tol­li­ger ist.
    Ich muss zuge­ben, mir sind Äusser­lich­kei­ten wich­tig. An mir selbst zumin­dest. Ich lege wert auf meine Kla­mot­ten, denn ich will mich in mei­ner Haut wohl­füh­len. Ich mag Desi­gner­kla­mot­ten *lach* aller­dings bin ich auch mein eige­ner Desi­gner und Schnei­der ;)
    Klar kreuze ich nicht mit Reif­rock und gekalk­tem Gesicht bei nem Bewer­bungs­ge­spräch auf (als Bei­spiel) — nach Ansicht von ein­schlä­gi­gen Berich­ten müsste ich das ja eigent­lich tun und mich dann wun­dern daß mich kei­ner neh­men mag — aber ver­klei­den kommt mir nicht in die Tüte, Kom­pro­misse sind OK und auch not­wen­dig manch­mal, ich kann mich dafür aber auch in Nadelstreifen-Beinkleid und Bluse in freund­li­chem schwarz wohl in mei­ner Haut füh­len. Ich denke, das Gegen­über merkt auch wenn man sich für so einen Anlass dann wirk­lich kom­plett ver­dreht und ver­klei­det und ich kann mir nicht vor­stel­len daß das die bes­sere Wahl ist.
    Auch wurmt mich der Umkehr­schluss »Gothic = ran­zig, schlabb­rig und bäh« im Gegen­satz zu der braun­ge­brann­ten, modisch-stylischen »Model«-Tante.

    Ansons­ten kann ich nur wie­der mal bemer­ken daß es schade ist daß viele Fernseh-Konsumenten sol­che »Berichte« für bare Münze hin­neh­men, eigent­lich ist heut­zu­tage doch eh alles nur noch gestellt, wahr­heits­ver­deht und auf

    Und die Schäf­chen ren­nen hin­ter­her … grad kam mir noch ein ande­rer Gedanke .. weil du schriebst daß ja auf­fäl­lig viele Mädels angeb­lich Models sind, und stimmt, mir fiel das im Nach­hin­ein auch auf. Ein Fall für Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker?
    Ich mein, auf dem glei­chen Sen­der wie Taff läuft alle Jahre wie­der diese »tolle« Model-Casting Sen­dung, und in ande­ren For­ma­ten des besag­ten Sen­ders sind Mädls die nach 08/15 Emp­fin­den hübsch und erfolg­reich dar­ge­stellt wer­den alle­samt Models? Eine Form von Wer­bung? Ein Schelm wer böses dabei denkt, oder doch zu weit hergeholt?

    Naja, ich weiß schon wes­we­gen bei mir fast nur noch Arte und 3Sat läuft, immer­hin sen­det Arte »Mit Schirm, Charme und Melone« … was braucht man da die ollen Pri­va­ten *dre­ckig grins*

  2. Bei sol­chen Repor­ta­gen lehne ich mich immer grin­send zurück und denke mir, wie schön es doch ist, dass allein der geneigt Goth immer und über­all als Gali­ons­fi­gur der Szene her­hal­ten darf und ich nicht zur Liga der »Gruf­ties« gehöre. Ein sehr befrei­en­des Gefühl.
    Man könnte jetzt auch recht bös­ar­tig argu­men­tie­ren und sagen, dass jede Szene die Berichte bekommt die sie ver­dient. Frei nach dem Motto: »Stell´ dir vor, es gibt eine Repor­tage und keine® geht hin«
    Aber ich weiß auch, dass eine kom­plette Szene nichts dafür kann, dass einige Por­ti­ons­ruhm­ver­ses­sene sich immer wie­der genö­tigt sehen ihre Sze­ne­weis­hei­ten in die Medi­en­land­schaft abzusondern.

    Und zum Thema »Kom­mu­ni­ka­tion ist das Stich­wort«
    Ich gebe mich gerne arro­gant und ver­schlos­sen. Es ist einer mei­ner Erfah­rungs­werte, dass der inter­es­sierte Mensch kaum fragt. Höchs­tens nach­fragt oder hin­ter­fragt, was aber schon ein soli­des Wis­sen vor­aus­setzt. Ansons­ten ist es für ihn eine Bege­ben­heit und nicht der Rede wert. Aber die, die von mir einen hal­ben Selbst­fin­dungs­re­port ein­schließ­lich Sym­bol­deu­tung, Wesens­test und Lebens­phi­lo­so­phie abver­lan­gen oder fra­gen »Sag´mal, bist du rechts«, tun die­ses nicht aus Inter­esse, son­dern um nur ein­mal kurz­zei­tig ihre Neu­gier zu stillen.

    Davon ein­mal abge­se­hen, warum muss man sich erklä­ren. Dann steht die eigene Aus­sage gegen die von BILD oder RTL oder in dem Fall Pro7 und kommt einem Kampf gegen Wind­müh­len gleich. Zudem fragt mich auch kei­ner wenn ich einen Anzug trage. Was der Kno­ten des Bin­ders zu bedeu­ten hat und warum ich mich in aus­ge­rech­net die­ser Weste wohl füh­len würde. Das inter­es­siert nie­man­den. Warum inter­es­sie­ren aber plötz­lich der Tat­zen­kreu­z­an­hän­ger dar­un­ter oder die Leder­tre­ter.
    Es ist ein Stil, ein Gedanke, eine Emo­tion eine Ein­stel­lung. Alles recht pri­va­ter Natur und da haben Gäste kei­nen Zutritt. Davon ein­mal abge­se­hen. Gegen­über manch ande­ren, die ihren Stil inner­halb eines Quar­tals von Null auf Goth vom Zaun bra­chen, dau­erte meine »Stil­fin­dung« fast ein Jahr­zehnt. Dass kann ich nicht in acht Sätze packen. Da ginge schon ein gan­zer Abend drauf und dass dann nur gegen Bezahlung.

  3. Pro7 und taff, davon kann ich ja lei­der ein recht pein­li­ches Lied­chen sin­gen… Nach mei­nem völ­lig ver­kack­ten Ver­such mal was Gutes draus zu machen hab ich das alles der­ar­tig satt, dass ich gerade nicht mal weiß, ob ich mir das jüngste Mach­werk über­haupt noch anschauen soll…

  4. @Rosa: Danke für dei­nen aus­führ­li­chen Kom­men­tar. Äußer­lich­kei­ten sind dir wich­tig, aber wenigs­tens füllst du sie mit Hin­ter­grund und — was die ganze Sache noch posi­tiv abrun­det — viel Lei­den­schaft. Die Gothic Szene und auch, oder vor allem die Neo-Romantiker sind sehr ästhe­tisch ori­en­tiert was grund­sätz­lich ja sehr ange­nehm ist. Es darf nur nicht dar­auf redu­ziert wer­den. Zum Schlab­ber­lock: Ganz ehr­lich? Ich bin fast ein biss­chen froh wenn wir als schlabb­rig und häss­lich gel­ten, wie schreck­lich wäre es denn, wenn wir allen gefal­len wür­den? Des­halb bin ich fast froh das Tus­sis sowas nicht tra­gen würden :)

    @Guldhan: Kom­mu­ni­ka­tion ist das Stich­wort: Ein Teu­fels­kreis? Viel­leicht fragt der inter­es­sierte auch nicht, weil du dich arro­gant und ver­schlos­sen gibst. Ich finde es umso wich­ti­ger auch auf banale Fra­gen »bist rechts?« so zu ant­wor­ten, das man zumin­des­tens sich selbst nicht ver­leug­net. »Gar keine Ant­wort ist auch eine Ant­wort.« Gerade in ästhe­ti­schen Rand­zo­nen (Stich­wort hier: Sym­bo­lik) sehe ich es als Pflicht an, seine Kon­tro­ver­si­tät zu erläu­tern und zumin­des­tens für ein kla­res State­ment zu sor­gen. Natür­lich ver­stehe ich auch, das das ein Kampf gegen Wind­müh­len ist, aber hätte das nie­mand getan, würde dar­über auch nie berichtet.

    Das fas­zi­nie­rende an der eige­nen Stil­fin­dung ist der Weg jedes ein­zel­nen. Das finde ich immer span­nend. Was war zuerst? Die Musik, die Lei­den­schaft für Okkul­tes, das Äußere oder ein­fa­cher Grup­pen­zwang. Span­nend ist, was sich dar­aus ent­wi­ckelt. Das man das nicht in 8 Sätze packen kann ist daher umso positiver.

    @Karnstein: Guck es Die ruhig an, du wirst erken­nen, es geht noch schlim­mer. Dann Ver­such war ehren­voll und wurde nur durch Pro7 selbst ver­ei­telt. Muss­tes du eigent­lich was unter­schrei­ben und irgend­wel­che ver­trag­li­chen Klau­seln akzeptieren?

  5. Nein, gefal­len müs­sen wir natür­lich nicht allen, und das würde auch ich gewiss nicht wol­len ;) ich seh das nur nicht von dem Stand­punkt »schlabb­rig und häss­lich« son­dern von einer gewis­sen Extra­va­ganz, die sich Mode­püpp­chen wohl nicht so trauen wür­den *g* das löst durch­aus auch ein »ja wie rennt die denn rum« aus, wo ich den abfäl­li­gen Unter­ton in der Tat­sa­che begrün­det sehe daß es eben nicht das ober­to­p­mo­dischste Kla­mott ist daß jetzt grade jede Tante anhat — »Mode« im sinne von das tra­gen was grade super­to­p­ak­tu­ell ist, ist für mich per­sön­lich eine Form des blind hin­ter etwas her­ren­nen was einem fer­tig vor­ge­kaut wird und wo man kei­nen eige­nen Stil für benötigt.

    Und auch aus dem Grunde bin ich eben­falls der Mei­nung daß auch unter Schwarz­kit­teln eine Redu­zie­rung nur auf Kla­mot­ten und Äusser­lich­kei­ten genauso däm­lich ist.
    Grade Neo-Romantiker sind klar ein extre­mes Bei­spiel. Einer­seits schei­nen die Kla­mot­ten grade wie­der etwas Auf­schwung zu bekom­men, ande­rer­seits häu­fen sich auch da die Leute die sich aus Spaß mal ein bissl ver­klei­den. Unterm Strich kann und will ich natür­lich auch nie­man­dem ver­bie­ten sich mal einen Reif­rock an den Hin­tern zu hän­gen, da schau ich mir lie­ber sowas am WGT und im Club an als die halb­nackte Tante mit Gür­te­ler­satz um die Hüf­ten und abge­kleb­ten Nip­peln, aber da greift wie­der das Phä­no­men das Guld­han so schön als »von Null auf Goth« beschrie­ben hat, nur viel­leicht mehr inner­halb der schwar­zen Stil-Vielfalt. Mor­gen ist dann was ande­res szen­ein­tern in, und das Wal­leout­fit wird in die Kiste gepackt. Wenn man mal die Szene-bekannten Kata­loge durch­forscht dann fin­det man da inwzi­schen doch das glei­che Phä­no­men wie in der Mode der Nor­ma­los, näm­lich: Mode. Nur halt ein biss­chen dunk­ler, aber vom Prin­zip her ist es nichts ande­res als Mode.

    Auf der ande­ren Seite begiebt man sich auch inner­halb der Szene als neo-Romantik-Fuzzi in die Gefahr von ande­ren Schwarz­kit­teln als ober­fläch­lich und auf­merk­sams­geil abge­stem­pelt zu wer­den. Sicher, die Leute gibt es auch, und ich bin auch bei ande­ren Neo-romantikern auf das Kli­schee rein­ge­fal­len, nach Kon­takt­auf­nahme haben sich viele als sehr nette, auf­ge­schlos­sene Leute entpuppt.

    Und da kom­men wir wie­der zur Kom­mu­ni­ka­tion. Ich hab auch die Erfah­rung gemacht daß es doch etli­che Neid­ham­mel gibt die sich hin­ter­rücks das Maul zer­rei­ßen, ohne jemals ein Wort mit einem gewech­selt zu haben. Und dann gibt es auch wie­der die Leute die einen mal anschrei­ben oder real anspre­chen, und da hab ich einige sehr schöne Bekannt­schaf­ten gemacht und Kli­schee­den­ken besei­ti­gen kön­nen. Aber ich kann natür­lich nicht jeden Läs­te­rer raus­fi­schen und aufn Kaf­fee ein­la­den um ihm zu zei­gen wie ich als Per­son eigent­lich bin. Wer sich dann nicht dafür inter­es­siert soll mir­we­gen wei­ter rum­mo­sern, ist ja nicht mein Blut­druck der da in die Höhe schnellt *g*

    Das Prin­zip geht genauso auf der Strasse mit Bunt­volk. Klar kann man selbts nicht Gott und die Welt anquat­schen und sich erklä­ren, aber wenn jemand auf einen zukommt und sich nur ein biss­chen dafür inter­es­siert — das kön­nen sehr tolle Gesprä­che wer­den. Und auch da kann man Kli­schees im grö­ße­ren Maße ausräumen.

    Die Sache soll und kann natür­lich nicht so weit gehen daß man rum­phi­lo­so­phiert über Details und Sym­bole, im Sinne des tie­fe­ren Sin­nes Bin­der­kno­tens ;) wenn man sich für einen gewis­sen Stil inter­es­siert dann zuerst gan ober­fläch­lich weil man es schön fin­det. Und dann kommt daß man sich selbst wohl drin fühlt. Der Rest wächst im Sinne der eige­nen Ent­wick­lung und Stil­fin­dung irgend­wie zusam­men. Ich bin auch nicht mit Reif­rock auf die Welt gekom­men *g* daher klar, die eigene Geschichte ist wohl immer eine län­gere Sache — ich könnte da auch Bände fül­len, wenn ich genaue­res dazu sagen müsste, aber so gewisse Eck­da­ten rei­chen für den Inter­es­sier­ten auf der Strasse auch aus. Der muss nicht wis­sen wel­chen tie­fe­ren Sinn ich in wei­ßem Make-Up sehe, zumal ich so eh nicht auf der Strasse all­tags rum­laufe, aber ich kann grob anrei­ßen warum die Farbe schwarz — ich erin­nere mich nur eben an einen Satz aus wie­der mal einer grus­li­gen Doku wo ein Sze­ne­gän­ger genau danach gefragt wurde und geant­wor­tet hatte er wüsste das nicht, könnte ja genauso gelb sein, weil ist doch eigent­lich wurscht *hüs­tel* — und warum ich lie­ber alt­mo­di­schen Geh­rock trage statt super­mo­derne Mode — da muss man nicht aufs kleinste Detail ein­ge­hen. Die wirk­lich per­sön­li­chen Dinge erfah­ren die wenigs­ten, egal ob Bunt­volk oder Schwarzvolk.

  6. Nein, keine Klau­seln, Ver­träge oder irgend­so­et­was… Sie haben mich nur stun­den­lang beglei­tet und inter­viewt, die Teile mit Infos über His­to­rie und Inhalte weg­ge­schmis­sen, und die betont, wo ich Ober­flächllich­kei­ten plap­pere.
    Aber Haupt­sa­che man sieht mich beim Schmin­ken und ich wirke so rich­tig schön steif und wahn­sin­nig ernst, wie ich mich so dar­über aus­lasse wie leb­haft das in der Hop­per­disko ist (es war mit­ten in der Nacht, nach etwa 12 Stun­den ner­vi­gen Dreh­ar­bei­ten, und dann werde ich auch noch mit Hip-Hop zuge­müllt… klar, dass mir das dann gegen den Strich geht… meine ungüns­tige Wort­wahl ärgert mich da sehr, bin doch eigent­lich selbst eher leb­haft…).
    Naja, aber 50 Euro und ein herz­li­ches Dan­ke­schön hab ich bekommen…

    In der Uni habe ich gerade heute mit­tag im Rah­men eines Semi­nars »The Gothic Tra­di­tion« (haupt­säch­lich Lite­ra­tur der letzte 250 Jahre) einen Vor­trag gehal­ten zu Ent­ste­hung von Goth­rock, Dark Wave und der Sub­kul­tur, deren Ent­wick­lung bis heute, und die Bezüge zu klas­si­scher Gothi­ckunst.
    Kam sehr gut an (wenn auch »Bela Lugosi’s dead« einige Leute zumin­dest mal zu über­ra­schen schien) — viel­leicht müsste man sowas ein­fach mal in grö­ße­rem Rah­men auf­zie­hen und dar­aus einen Doku­film machen (ein guter Freund von mir ist frei­be­ruf­li­cher Fil­me­ma­cher)… dann ab auf YouTube und beob­ach­ten…
    Sicher­lich würde auch daran aus der Szene Kri­tik geübt wer­den, weil Fak­tor XYZ nicht so dar­ge­stellt wurde wie Per­son ABC das gerne hätte, aber es wäre sicher­lich 100 mal bes­ser als die­ser ganze Pro7-Rotz, den ein­fach immer Leute machen, die schlicht­weg keine Ahnung von der Mate­rie und zu wenig Sen­de­zeit haben.

  7. zu Robert:
    Es ist sogar mög­lich, dass ich damit den Teu­fels­kreis selbst rotie­ren lasse. Vor allem da ich inner­halb einer mir unbe­kann­ten Gesell­schaft stark ins intro­ver­tierte Ver­hal­ten abgleite, wirke ich auch mit geschlos­se­nem Mund und neu­tra­lem Sinn schon arro­gant. (Was mir unlängst wie­der bestä­tigt wor­den war) Aber warum den ers­ten Ein­druck enttäuschen ;)

    Aber mal ernst­haft. Ich habe nichts gegen einen böse­ren Ruf, nur sollte die­ser sau­ber blei­ben und somit werde ich einen Teu­fel tun und irgend­wel­che Gerüchte hin­sicht­lich einer Rechts­ge­sin­nung wach­sen und gedei­hen las­sen. Aber je nach Ton­fall ant­worte ich auch schon ein­mal mit den Wor­ten der betag­ten Her­ren von Lai­bach, die fast hin­ter­häl­tig erklär­ten: »Wir sind genauso rechts­ge­rich­tet, wie Hit­ler Maler war«
    Das Pro­blem ist nur, dass der Gesprächs­part­ner bei einem »Nein, ich bin nicht rechts« auto­ma­tisch ein »Ja, ich bin links« ver­steht. Was ich aber, trotz diver­ser Sym­pa­thie, eben­falls ver­neine. Wodurch sich die­ser zumeist genö­tigt sicht, einen anschlie­ßend zum Gefan­ge­nen in einer Debatte über die Gefahr ver­meint­li­chen Unpo­li­tisch­seins wer­den zu las­sen. Wobei ich das auch nicht bin, aber erkläre das mal.

    Im Grunde bin ich ja bereit mich kurz zu erklä­ren. So hatte ich schon viele put­zige Unter­hal­tun­gen auf­grund mei­nes alten »Gott hasst mich«-Schriftzuges am Ruck­sack. Und um beim ers­ten Bei­spiel zu blei­ben: Ich sage dann schon, dass das Tat­zen­kreuz weder braun noch bun­des­wehr­bunt ist, son­dern eben rot. Und das nicht sym­bo­lisch, son­dern optisch. Was dann aller­dings ein rotes Tat­zen­kreuz bedeu­tet, dass kann der­je­nige selbst nach­schla­gen, sofern es ihn wirk­lich so stark interessiert.

    Wir muss­ten uns damals unser Sze­ne­wis­sen auch »erar­bei­ten« und das damals ohne Inter­net, ohne Mas­sen­me­di­en­hal­tung und mit nur einem X-tra –glaube das war der in Karls­ruhe– Warum soll man es also heute den Men­schen so ein­fach machen, wenn sie gerade mal 5 Minu­ten Zeit bei Wiki­pe­dia ver­brin­gen müs­sen, um schon mit den gröbs­ten Kli­schees und Vor­ur­tei­len bre­chen zu kön­nen. Gäbe es noch immer kaum neu­tra­les Nach­schla­ge­werk, so würde ich natür­lich auch bereit­wil­li­ger erzäh­len.
    Zumal das alles sel­ten auf Gegen­liebe stößt, was mich eben­falls gran­tig stimmt. Man hält einen lan­gen Mono­log über die Fas­zi­na­tion der Musik, die emo­tio­nale Ver­bun­den­heit mit den Sym­bo­len oder das unpo­li­ti­sche Ver­ständ­nis hin­sicht­lich der »ästhe­ti­schen Rand­zo­nen« (den Begriff muss ich mir mer­ken) und macht dann den Feh­ler zurück­zu­fra­gen. Dann wird man mit zwei Sät­zen ste­hen gelas­sen: »Ist eben gerade in« und »Es gefällt mir halt«
    Der extra­va­gante Gesell muss sich immer erklä­ren kön­nen, aber dem »nor­ma­len« Kon­su­men­ten soll man seine Unfä­hig­keit zur Eigen­de­fi­ni­tion nach­se­hen. Wenn mir ein Hip­Hoper oder Emo nicht seine Sicht des Warum und Wieso erklä­ren kann, dann ist der für mich nur ein Wer­be­op­fer. Davon beob­achte ich hier aller­dings auch schon zu viele.

  8. @Rosa: Ich finde es sehr fas­zi­nie­rend wie du die Sache mit den DIY-Augen beleuch­test (Do-it-Yourself) und Mode aus den Kata­lo­gen auf ihren eigent­lich Sinn redu­zierst. Ich habe prin­zi­pi­ell nichts gegen Katalog-Ware und ziehe mir für mich »modi­sche« Sache her­aus und ver­su­che die mit ande­ren schwar­zen Sti­len zu mei­nem per­sön­li­chen Stil zu erhe­ben. Für einen aus­ge­präg­ten DIY-Sinn fehlt mir ein­deu­tig das Geschick und der Wille, des­halb kannst du mei­ner Aner­ken­nung sicher sein. Es ist Mode, da stimme ich Dir voll­kom­men zu, man muss sie nur zu nut­zen wis­sen und nicht jedem lächer­li­chen Katalog-Trend hin­ter­her­lau­fen. Ich habe einen Hei­den­spaß daran mög­lichst kuriose Kla­mot­ten auf­zu­trei­ben und die in mei­nen schwar­zen Stil ein­flie­ßen zu las­sen. Fün­dig werde ich meis­tens im Aus­land oder auf Trö­del– oder Flohmärkten.

    Die Gothic-Szene hat in den letz­ten Jah­ren viel Zulauf bekom­men und ist zu einem sehr poten­ti­el­len Markt ver­kom­men, den eben diese Kata­loge bedie­nen und sehr viele Wochenend-Grufties fin­den es nur klasse sich schwarz zu ver­klei­den und zwi­schen den ande­ren zu tech­no­iden Klän­gen abzu­fei­ern. Für den Beob­ach­ter sehen wir dann alle gleich aus, obwohl man echte »Szene-Gänger« teil­weise am Out­fit unter­schei­den kann.

    Die Neo-Romantik war eigent­lich immer schon ein Teil der Szene und wurde in den frü­hen 80er durch die Filme und geschrie­be­nen Vor­la­gen inspi­riert. Die New Roman­tics trie­ben das auch farb­lich auf die Spitze und explo­dier­ten Nach­her zu bun­tem Kon­fetti. Die Neo-Romantiker grei­fen eben diese Ele­mente der Ver­gan­gen­heit auf um kom­pen­sie­ren diese auf ihren eige­nen Stil.

    @Karnstein: Dei­nen Bei­trag für die Uni habe ich schon bei dir gese­hen, aber dazu spä­ter mehr. Immer­hin hast du 50€ Schmer­zens­geld dafür bekom­men was man Dir ange­tan hat. Ich meine wenn man dich näher ken­nen­lernt hat das Bild bei Pro7 so gar nichts mit Dir zu tun, in die­sem Fall wären wir wie­der bei der von Rosa ange­spro­che­nen Kom­mu­ni­ka­tion. Man kennt dein Gesicht, aber nicht Dich.

    @Guldhan: Ich finde einen Aspekt dei­nes letz­ten Abschnit­tes sehr span­nend: Ist nicht gerade die Tat­sa­che, das wir in der Lage sind unser Out­fit mit Inhalt und Bedeu­tung zu fül­len, das was uns von den »Ist eben gerade in« Men­schen unter­schei­det? Ich beob­achte die­ses Phä­no­men vor allem in der schwar­zen Szene, das hier viele Dinge Bedeu­tungs­schwan­ger sind obwohl natür­lich der größte Teil der Trä­ger damit nicht anfan­gen kann. Ich meine die Leute die wis­sen warum man sich »totschminkt«,warum das Kreuz umge­dreht ist, und wel­che Bedeu­tung das Temp­ler­kreuz hat. Das Wis­sen woher etwas kommt mit dem man sich klei­det oder schmückt ist unbe­zahl­bar und zählt für mich bei der schwar­zen Szene zu »Sze­ne­wis­sen«. Aber du hast völ­lig recht, gerade in Zei­ten von Wiki­pe­dia und Inter­net ist es nach­läs­sig und unver­zeih­lich sich bei Neu­gier auf ein Gerücht zu verlassen.

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