20 Juni

Schementhemen mit Myk Jung und Klaus Märkert

Kategorie: Veranstaltungen — Jahrgang: 20114 Kommentare

Schementheme BannerWie konnte ich das nur ver­pas­sen? Die­ses Gefühl beschlich mich unzäh­lige Male, seit ich Leip­zig nach dem Wave-Gotik-Treffen den Rücken gekehrt habe, vor allem gute Lesun­gen sind mei­nem Gefühl nach viel zu kurz gekom­men. So ärgerte ich mich bei­spiels­weise, dass ich die Lese­reihe »Sche­men­t­he­men« ver­säumt habe, in der die bei­den »Ruhrpott-Urgesteine« Klaus Mär­kert und Myk Jung eigene Texte zum Bes­ten geben um sich von zusätz­li­chen Gäs­ten dabei hel­fen zu las­sen. Glück­li­cher­weise fand ges­tern, am 19. Juni eine der regel­mä­ßi­gen Lesun­gen in Vel­bert statt, das sich als gut erreich­bar ent­puppte und sich dar­über hin­aus als will­kom­me­nes Ende des Sonn­tags anbot.

Klaus Mär­kert, der 1984 zusam­men mit ande­ren in Bochum das legen­däre Zwi­schen­fall eröff­nete, stu­dierte Jura und Sozi­al­ar­beit, bevor er als Street­wor­ker, Taxi­fah­rer und DJ sei­nen Lebens­un­ter­halt bestritt. 2009 ver­öf­fent­lichte er »Hab Sonne«, sein ers­tes Buch, bei dem es sich um die auto­bio­gra­fi­sche Geschichte eines Men­schen han­delt, der zu einer ver­rück­ten Zeit zwi­schen den Punks, New Wavern und Gothics der 80er eine Dis­co­thek eröff­net, in der er am Plat­ten­tel­ler seine Sicht der Dinge genießt. Myk Jung, der seit 1984 die Band The Fair Sex mit sei­ner Stimme beglückte, ist seit dem in zahl­rei­chen wei­te­ren Musik­pro­jek­ten aktiv und arbei­tet als freier Autor für Musik­ma­ga­zine. 1999 ver­öf­fent­licht er mit »Der Herr der Ohr­ringe« sein ers­tes Buch, eine deutsch­spra­chige Par­odie auf Tol­kiens berühmte Trilogie.

Klaus Maerkert und Myk Jung

Klaus Maer­kert und Myk Jung

Wie die bei­den schluss­end­lich zusam­men­fan­den, ist nicht über­lie­fert, seit April 2009 gestal­ten die bei­den Sche­men­t­he­men, die humorvoll-skurrile Lese­bühne mit wech­seln­den und illus­tren Gäs­ten aus den Berei­chen Lite­ra­tur, Kaba­rett und Musik. Die Zusam­men­ar­beit mün­det 2010 in der Geschichten-Sammlung »Ich bin dann mal tot« und wei­te­ren Wer­ken, die auch immer wie­der Gegen­stand ihrer Lesun­gen sind und auch schon den Weg auf eine Hörbuch-CD fanden.

Sze­nen­wech­sel. Vel­bert an einem ver­reg­ne­ten Sonn­tag­abend im Juni, der sich anfühlt wie ein ver­reg­ne­ter Sonn­tag­abend im April. Das Flux ist eine gut zu errei­chende Kneipe, die etwas außer­halb des Stadt­kerns, inso­fern es einen gibt, direkt an der A535 liegt und in Sachen Erreich­bar­keit durch­aus als opti­mal bezeich­net wer­den könnte. Die Räume sind gemüt­lich und ver­strö­men die­sen sub­ti­len Charme einer in die Jahre gekom­me­nen Szene-Lokalität. Am Ein­gang knöpft mir die freund­lich rot­haa­rige 5€ ab und weist mich in den Stimm­zet­tel ein, denn heute soll sich das Publi­kum für den schlech­tes­ten Song aus 3 Deka­den ent­schei­den, ange­sichts des drauf ste­hen­den »Cheri Cheri Lady« von Modern Tal­king (Video auf eigene Gefahr!), steht mein ers­ter Platz bereits fest. Ich setze mich an einen der klei­nen Tische, die direkt vor der klei­nen, aber ordent­li­chen Bühne dra­piert sind und lasse mei­nen Blick über die Anwe­sen­den strei­fen. Das Jung & Mär­kert bereits anwe­send sind, ist mir nicht ent­gan­gen, ganz in schwarz sticht man doch etwas her­aus aus dem bunt-gemischten Alters­quer­schnitt, das fällt mir am eige­nen Leib auf.

Ulli Engel­brecht

Um 20:15, etwa par­al­lel mit dem Tat­ort, beginnt die Lesung, die heute von Ulli Engel­brecht unter­stützt wird, der aus sei­nem Buch »Samt­cord, Strass & Sound­ge­wit­ter« vor­liest. Doch zunächst eröff­nen jeweils Myk Jung und Klaus Mär­kert mit einer Geschichte, die gleich zu Beginn ver­hei­ßen: Das kann ja hei­ter wer­den. Die natür­lich unter­kühlte und wüs­ten­tro­ckene Art die wort­ge­wal­ti­gen Texte zu prä­sen­tie­ren stößt bei mir auf sofor­tige Gegen­liebe, ich kann mich zunächst nicht ent­schei­den ob ich den fili­gran kon­stru­ier­ten Sät­zen fol­gen soll, oder das laute Lachen unter­drü­cken muss um die Lesen­den und die Anwe­sen­den nicht zusätz­lich aus dem Kon­zept zu bringen.

Unter­stützt durch Video­ein­blen­dun­gen im Hin­ter­grund, die die schlech­tes­ten Songs aus 3 Deka­den noch ein­mal ins Gedächt­nis rufen, und den zügi­gen Wech­sel der Auto­ren und Geschich­ten bekommt das Ganze einen ange­neh­men Show-Charakter. Die Geschich­ten, die sich heute rund um die Musik der 70er, 80er und 90er Jahre dre­hen, sind gut aus­ge­sucht und har­mo­nie­ren mit­ein­an­der. Bei Sche­men­t­he­men ist der Humor schwarz und die Geschich­ten bunt, der unnach­ahm­li­che Cha­rak­ter der Erzäh­lun­gen und die Art und Weise diese zu prä­sen­tie­ren packen, schüt­teln und lockern ihren Griff um ein Gefühl von Nost­al­gie und Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung zurück zulassen.

Ich komme wie­der, nicht zuletzt um die kleine vege­ta­ri­sche Spei­se­karte des Flux zu tes­ten, son­dern auch weil ich mit mei­ner Bewäl­ti­gung noch lange nicht durch bin und außer­dem ein zwei­stün­di­ges Bauch­mus­kel­trai­ning für 5€ für sehr kos­ten­güns­tig halte. Mär­kert und Jung sind zwei potente Beglei­ter, die nicht nur durch ihre Art zu lesen, son­dern auch durch die Schreib­weise ihrer Geschichte im Gehör blei­ben um Wort– und Erfah­rungs­schatz aufzuwerten.

Die Lese­reihe Sche­men­t­he­men im Flux in Vel­bert öffnet ihre Pfor­ten für einen wei­te­ren Ter­min (10. Juli), bevor es in die Som­mer­pause geht, bevor sie im Sep­tem­ber wie­der mit neuen Lesun­gen durch­star­tet. Dar­über hin­aus fin­det man auf der Inter­net­seite noch zahl­rei­che wei­tere Ter­mine der bei­den Auto­ren, die viel­leicht auch in eurer Nähe stattfinden.

(Bild­quelle Klaus Mär­kert und Myk Jung: schementhemen.de, Clau­dia Both)

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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4 Kommentare

  1. Die Lesun­gen hab ich am WGT lei­der auch ver­passt (warum müs­sen die auch par­al­lel mit Nos­fe­ratu auf­tre­ten *ärger*). Danke für die kleine Über­sicht Myk Jung hab ich schon mal gesehen/gehört und mag seine Art auch sehr gerne.

    Wenn die denn mal Rich­tung Thü­rin­gen kom­men soll­ten bin ich dabei. Lei­der schafft es aus­ser Oswald fast kei­ner hier ne Lesung hin­zu­be­kom­men. Liegt aber auch hier mehr am Publi­kum als am Künstler…

  2. Glück­li­cher­weise habe ich es am WGT-Montag Mit­tag (ja, Mit­tag!) geschafft, die Lesung von Myk Jung und Klaus Mär­kert zu besu­chen. Ich mag die tro­ckene Art der bei­den Urge­steine auch sehr. Lei­der hat man in mei­ner Gegend eigent­lich nie die Gele­gen­heit, sol­che Lesun­gen zu besu­chen. Da schiele ich doch ziem­lich nei­disch in den Wes­ten der Repu­blik. Der Gedanke an die Schementhemen-Lesung beim letzt­jäh­ri­gen NCN-Festival zau­bert mir ein Grin­sen in mein Gesicht. Damals dachte ich kurz­zei­tig, dass ich vor lau­ter Lachen an Sau­er­stoff­man­gel ster­ben müsste.

  3. In Sie­gen und Umge­bung war­tet man lei­der auch ver­geb­lich auf sol­che Ver­an­stal­tun­gen. Allen­falls im Ruhr­ge­biet kann man Glück haben und das ist immer­hin auch min­des­tens eine Auto­stunde ent­fernt. Aber ich werde die Sche­men­t­he­men im Blick behal­ten. Spä­tes­tens im Sep­tem­ber wird es dann hof­fent­lich klappen.

  4. @Epitaph89: Dabei ist der »Osten« doch gerade musi­ka­lisch sehr aktiv. Viel­leicht wäre eine Gedanke zum Sel­ber­ma­chen gar nicht der schlech­teste, gerade bei euch könnt ihr doch auf eine gut funk­tio­nie­rede Szene zurück­grei­fen, oder?

    @Marcus: Mit­tag… Immer­hin ist es das erste mal, das man nei­disch in den Wes­ten der Repu­blik blickt, bis­her war das immer anders herum, wenn ich so an eure sehr gute Aus­wahl schwar­zer Ver­an­stal­tun­gen abseits von Elec­tro und Cyber denke.

    @orphi: Ich hoffe natür­lich auch dass es klappt, gerade für Dich ist sowas genau das Rich­tige. Ich für mei­nen Teil werde die Mög­lich­keit vor der Som­mer­pause am 10.7. dazu nut­zen, noch­ein­mal nach Vel­bert zu fah­ren um auch in den Genuss einer neuen Gast­le­se­rin zu kom­men. Wenn man es Kli­schee­haft aus­drü­cken möchte: Ich habe Blut geleckt. Immer­hin ist das Ruhr­ge­biet »nur« 1 Auto­stunde ent­fernt, Mar­cus und Epitaph89 kön­nen da ande­res berichten ;)

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