11 Oktober

Riding the Dark Wave – Young&Cold IV in Augsburg

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Alles bei ihrem Auftritt in der Ballonfabrik

Alles bei ihrem Auftritt in der Ballonfabrik

Die Schminke ist drauf, die Haare stehen, das Outfit sitzt, die Tiefkühlpizza hat den kleinen Hunger vertrieben, ich bin furchtbar aufgedreht und im Freudentaumel verlassen wir unsere Unterkunft – okay, nein, so war es dann doch nicht. Die Haare zum stehen zu bekommen war ein unglaublicher Akt und ich hatte vor lauter Kleidung im Gepäck nichts zum anziehen, die Tiefkühlpizza glich sich in der Farbe meiner Kleidung an und die Bahn spuckte Matthias viel zu spät in Augsburg aus. Natürlich hat auch keiner von uns ein gefühltes halbes Jahrhundert gebraucht, bis das Äußere stimmte, niemand musste sich noch was zu essen besorgen und wir haben uns auch nicht verlaufen auf dem Weg zur Ballonfabrik – es ist alleine der Deutschen Bahn anzulasten, dass wir – Matthias, Nancy und ich – erstmal gepflegt die ersten beiden Bands des vierten Young&Cold Festivals in Augsburg verpassten. (Was mir vor allem um Adam Usi leid tut, wollte ich das doch gerne mal live erleben und noch mehr – zeigen schon die Bilder des Auftrittes, wie großartig Adam seine Musik zelebriert haben muss).

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O-Ton Sabrina: „Wir haben mal ein Foto gemacht. Aus der Hüfte geschossen. Die anderen 200 nicht gelungenen versteigere ich meistbietend“

Mit seinen 250 Besuchern ist das Young&Cold an sich recht überschaubar und bewahrt sich so eine wunderbare familiäre Atmosphäre. Lange nicht gesehene Menschen kann man hier wieder begrüßen – neue Spontis und andere Besucher kennen lernen und die Augen über all die wunderbar zurecht gemachten Leute streifen lassen. Toupierte Haare, Pikes, Haremshosen und Wallawallagewänder wo man hinschaut. Ein bisschen wie in den Fotos aus der 80ern…Trotz der sehr spezifischen musikalischen Ausrichtung fasziniert es mich doch immer wieder wie unterschiedlich die dortigen Menschen sind. Jung und Alt, rausgeputzt oder in Jeans und Shirt, zwei Abende im absoluten Partymodus oder andächtiger der Musik lauschen und Gespräche genießen und alle wunderbar entspannt.

Die Ballonfabrik ist an und für sich ja auch schon ein echt cooler Veranstaltungsort, die kreativen Köpfe des Young and Cold Teams, allen voran Babsi, haben sich mal wieder mächtig ins Zeug gelegt und mit der Deko selbst übertroffen. Spinnennetze aus weißen Bettlaken, geometrisch-glotzernde Elemente und Puppen, die von der Decke schweben, goldene Köpfe und das obligatorische Skelett neben der Bühne. Auch das Drumherum gehört eben dazu – da kann die Musik noch so großartig sein, wenn die Location nicht so das Wahre ist und man sich in dieser fehl am Platz fühlt, nützt alles nichts – es bleibt ein befremdliches Gefühl zurück – nicht so beim Young and Cold. Aber nicht nur die Deko, war mal wieder mit viel Liebe für’s Detail angefertigt worden und sorgten für eine angemessene Atmosphäre, auch die Besucher waren ein Augenschmaus und die Stimmung wunderbar und heimelig.

Alles, waren mir bisher kein Begriff gewesen, aber ein würdiger Einstieg in den Abend – zumindest für mich – und eine gute letzte Band des Tages.

(c) Sabrina Forst

(c) Sabrina Forst

Drinnen fegte die Afterschowparty düster durch die Dekospinnenwebereien hin zum Skelett, düstere Gestalten mit aufwändigen Frisuren und Kleidung bewegten sich zum Takt der Musik über die Tanzfläche, drängten sich vor die Bar und belagerten die Sitzgelegenheiten, während draußen keine Spur der Spätsommers mehr zu erahnen war und sich die Raucher und Frischluftfreunde unter Sonnenschirm und Pavillon zum Schutz vor Regen und Kälte zusammendrängten. Umheimlich gerne lausche ich bei solchen Gelegenheiten den Gesprächen anderen, wenn ich nicht gerade selbst in eines verwickelt bin. Neue Bekanntschaften lassen sich auf solchen Veranstaltungen ja bekanntlich sehr einfach schließen und so war ich nicht schlecht erstaunt, dass unter all den Besuchern, die über ganz Deutschland und darüber hinaus verteilt leben, eine von diesen nicht weit von mir entfernt aufgewachsen war. Die Szene ist eben doch ein kleines Dorf, wen man nicht nicht irgendwo mal (virtuell) begegnet ist, der hat einen Bekannten von einem Bekannten und war auch schon mal hier oder dort und man noch diese oder jene Gemeinsamkeit – schön!

Zwischen all den Menschen, Gesprächen, Zigaretten und Musik verschwimmt der Abend in der Erinnerung in meinem Kopf und formt sich zu einem beschwingten Film, unterlegt von dunkeldüstereren Synthesizern, die die Füße über die Tanzfläche treiben, bis die beste Idee ist sich an die Wasserflasche zu hängen. So ließ ich mich gegen 3 von Nancy und Matthias mit in die Unterkunft nehmen um dort ziemlich erledigt ins Bett zu fallen. So erledigt, dass ich von der Welt erst wieder etwas mitbekam, als die beiden mit Frühstück vom Einkauf zurück kamen und ich mit einem Blick auf die Uhr leicht in Panik verfiel, war ich doch um 18 Uhr mit Marcel, Daniel, Manuel und Babsi vom Young&Cold Team zum Interview verabredet.

Immerhin die Haare standen noch leidlich und nach Frühstück und Dusche kehrte ich langsam zurück unter die Lebenden – zumindest rein äußerlich, gedanklich fühlte ich mich immer noch recht braindead. Und so saß ich dann auch um 6 mit den vieren in einem Hinterraum, in welchem sie mir vieles über das Young&Cold verrieten – ihr könnt also gespannt sein ;)

Adam Usi beim Auftritt

Adam Usi beim Auftritt

Die erste Band des zweiten Abends, Mängelexemplar (Minimal Wave), werden sicher nicht meine Lieblingsband, trotzdem muss ich sagen, dass sie einige schöne Lieder hatten und die Performance der Sängerin ja mal so was von gepasst hat. Paradox Sequenz haben ich dann leider nur von drinnen hallen hören – da dieses Jahr kein Foodstand zu beschaffen war, mussten wir erste Mal was zu essen bestellen und auf den Pizzaboten warten – was nur ungefähr ein gefühltes Jahrhundert dauerte, und genervt hat…und ja, man sieht ganz schön assi aus, wenn man versucht eine nicht geschnittene Pizza zu essen. Danke auch.

Werner Karloff hatte vorher schon irgendwie mal den Weg in meine Musiksammlung gefunden – und ist dann in dieser kläglich untergegangen – zu meinem eigenen Leidwesen. Werner Karloff lässt mich ja immer sofort an die 80er denken, selbst schreibt er auf seiner bandcampsite:Werner karloff is an artist located in México city , his musical style is based on music from artists like Stratis , Andy arroganti ,circuit 7 etc… also some artistic influences such as Futurism, Constructivism and German Expressionism“ Insofern eine wunderbare Wahl für das Young&Cold.
Brigade Rosso haben mich sehr positiv überrascht. Ich hab ja in der Regel so meine Probleme mit deutschsprachigen Texten, in meinen Ohren klingen diese häufig sehr platt und pathetisch. Nicht so Brigade Rosso, bei ihnen verschmilzt der durchaus tanzbare Klang der Synthesizer wunderbar mit der Stimme des Sängers. Angefangen hat alles als „classical synthie-Duo“ 2008, Einflüsse der Neuen Deutschen Welle, des Deutschpunk der 80er und des deutschen EBM finden sich in ihrer Musik wieder, so läd diese nicht nur zum tanzen, sondern auch zum denken ein – wenn man es denn möchte…

Besucher (c) Marcel Leidenroth

Besucher
(c) Marcel Leidenroth

Vita Noctis, eine belgische Minimalwave Band, die schon in den 80ern anfingen Musik zu machen, sollten den krönenden Abschluss darstellen – mir persönlich waren sie dann doch etwas zu Minimal und hatte für meinen Geschmack deutlich Nervfaktor. Dark Entries Records schreiben über die Band: “More “arthouse” than “goth”, Vita Noctis blend the sneering attitude of punk with the spartan structures of minimal electronics. The band had more in common with the early electronic Sheffield scene of Cabaret Voltaire, Vice Versa or early Human League than their Belgian contemporaries. Urgent vocals go from a whisper to a scream in seconds and sound restless, bored and irritated all at once. Fuzzy guitar, simple baselines and crude electronics take turns accompanying the dynamic vocal stylings. While lyrics tackle weighty topics like death and religion, the landscape they paint is as playfully bratty as it is grim. Vita Noctis are the soundtrack to Armageddon, very fitting in the contemporary climate of dissatisfaction and social upheaval.“

Und dann war es auch schon fast wieder vorbei. Die Aftershowparty war viel zu schnell da und viel zu schnell kamen die Müdigkeit und der Abschied. Seltsam war es am Hautbahnhof zu sitzen und auf den Zug zu warten. Zu müde, um richtig wach zu sein und zu wach, um zu schlafen. Aber nächstes Jahr wartet, mit einer besonderen Überraschung….

3 Kommentare

  1. Klasse Bericht! Vielen Dank für deine Mühe; ich glaube es ist immer schwer, so ein Konzerterlebniss mit all seinen Eindrücken und Stimmungen in Worte zu fassen. Aber was du beschreibst, klingt wundervoll – besonders das hier:

    Mit seinen 250 Besuchern ist das Young&Cold an sich recht überschaubar und bewahrt sich so eine wunderbare familiäre Atmosphäre. Lange nicht gesehene Menschen kann man hier wieder begrüßen – neue Spontis und andere Besucher kennen lernen und die Augen über all die wunderbar zurecht gemachten Leute streifen lassen. Toupierte Haare, Pikes, Haremshosen und Wallawallagewänder wo man hinschaut. Ein bisschen wie in den Fotos aus der 80ern…

    Das Young&Cold steht auch schon länger auf meiner Wunschliste, wenn Augsburg nur nicht so quälend weit weg wäre T_T Aber ich hoffe für die Daheimgebliebenen wird fleißig weiter berichtet :D

  2. Ein toller Bericht! Dieses Jahr sollte nicht sein, vielleicht klappts ja im nächsten? Wäre doch schön ;-)

  3. Schließe mich Heiko an, herzlichen dank für den tollen Bericht. Schade, dass du Adam Usi verpasst hast, aber ich bin optimistisch, dass du das noch nachholen kannst, Flederflausch ^^. Und gepannt auf die Einblicke vom Interview. Wie ich bereits sagte, vielleicht kriege ich es kommendes Jahr eingerichtet auch mal in Augsburg aufzuschlagen… Karten gibts ja erst ab Februar, wenn ich das richtig im Kopp hab.

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