20 Mai

Mittelalterliche Gedanken zur Saisoneröffnung in Xanten

Kategorie: Veranstaltungen — Jahrgang: 2010Keine Kommentare

Das Mit­tel­al­ter war eine düs­tere Zeit zwi­schen Krank­heit, Armut und Tod — die Kir­che machte was sie wollte, Lehns­her­ren und Könige auch. Was den Men­schen an Freude geblie­ben ist, kom­pen­siert sich heute in Mit­tel­al­ter­märk­ten. Gauk­ler, Musi­ker, Min­ne­ge­sang und Völ­le­rei in mög­lichst authen­ti­schen Umge­bun­gen übt einen gewis­sen Reiz aus, auch auf mich. Eigent­lich wollte ich schon den letz­ten schö­nen Sonn­tag dazu nut­zen, die Burg Satz­vey zu besu­chen, lei­der machte mir ein Schlaf­pro­blem einen Strich durch die Rech­nung. Doch ges­tern haben wir es end­lich geschafft und sind bei strah­len­dem Son­nen­schein zum Siegfried-Spektakel nach Xan­ten gefah­ren. Die Stadt ist nicht nur mit einem unglaub­lich schö­nen his­to­ri­schen Stadt­kern und einer gro­ßen römi­schen Wehr­an­lage geseg­net, nein sie ist auch die ein­zige in Deutsch­land, die mit einem »X« beginnt.

Neben dem übli­chen Markt gab es auch noch 3 Büh­nen, auf denen in dich­ter Rei­hen­folge bekannte und weni­ger bekannte Mittelalter-Kapellen, Bar­den und Gauk­ler das Volk belus­tig­ten und so auf dem schlauch­för­mi­gen Ring vor der Stadt­mau­ern für eine dichte Atmo­sphäre sorg­ten. Das die meis­ten Mit­tel­alt­er­feste mitt­ler­weile von gro­ßen Ver­an­stal­tern ins Leben geru­fen wer­den, die damit durch ganz Deutsch­land rei­sen, tut der Sache eigent­lich kei­nen Abbruch, sorgt aber für recht ordent­li­che Ein­tritts­preise und so gönn­ten wir uns für 12€ die Kar­ten für alle 3 Büh­nen, denn auf der gro­ßen Nibe­lun­gen­bühne sollte die große Dra­chen­show star­ten. Der Ein­tritt für den übri­gen Markt wäre mit 9€ zu Buch geschla­gen und damit unwe­sent­lich güns­ti­ger gewesen.

Rück­bli­ckend hätte ich mir die zusätz­li­chen 3€ spa­ren sol­len, denn die Dra­chen­show dau­erte 20 Minu­ten und war im wesent­li­chen für Kin­der aus­ge­legt. Mich, der schon in unzäh­li­gen Träu­men mit viel gefähr­li­che­ren Dra­chen gekämpft hatte, konnte das ganze natür­lich nicht beein­dru­cken. So blieb es beim Erleb­nis Markt mit musi­ka­li­scher Unter­ma­lung, der aber dank zahl­rei­cher Schmuck­stände nicht ohne Fol­gen für unse­ren Geld­beu­tel blei­ben sollte. Ein Ring in Gestal­tung der Fleur de Lis, sowie ein Pen­ta­gramm das von einer Schlange durch­bro­chen nun mein Hals ziert. »Es dient als Schutz vor bösen Geis­tern und über­na­tür­li­chen Kräf­ten. Es kann zur Ver­tei­di­gung gegen magi­sche Angrei­fer genutzt wer­den, indem es dem Zau­ber gegen seine Urhe­ber wen­det. Die Schlange als Amu­lett för­dert die Bereit­schaft durch Ler­nen zur Erkennt­nis zu gelan­gen. Sie steht für Weis­heit und Ein­sicht. Die Schlange weist den Weg in die Spi­ri­tua­li­tät.»1 Bea, hell­füh­lige und weise Frau des Ladens, war so nett mir das Amu­lett auch noch mit posi­ti­ver Ener­gie auf­zu­la­den und mir zu raten, das Ritual zu voll­füh­ren um es an mich als Trä­ger zu gewöhnen.

Aber eins kann auf die­sen Märk­ten kei­ner mit Geld auf­wie­gen, das beob­ach­ten der Leute. So kam es, das wir uns mit einem klei­nen Snack bewaff­net an die Mauer zurück­zo­gen um über die unglaub­li­che Band­breite der Besu­cher zu läs­tern sin­nie­ren. Da tum­meln sich klas­si­sche Fami­lien im funk­tio­nel­len Jack Wolfs­s­kin Out­fit »Geh mal nicht so nah dahin, der hat keine Schuhe an!«, die ihre Kin­dern mit Schild und Schwert in die Grund­la­gen des bewaff­ne­ten Kamp­fes ein­wei­hen. »Schlag aber nicht so fest, nach­her tut ihr euch weh!« neben den mit rie­si­gen Foto­ap­pa­ra­ten bewaff­ne­ten Paa­ren die ihre Foto­samm­lung sinn­voll erwei­tern möchte und so auch die dicks­ten Rohre auf jeden mit Fell beklei­de­ten Wil­den rich­ten »Kön­nen Sie bitte noch­mal böse gucken?«

Ja das ist ver­werf­lich, wie ich mich so unge­stüm mei­nen Gedan­ken hin­gebe, aber Hand auf’s Herz: Wer macht das nicht? So rege ich mich auch nicht auf, wenn der Wikin­ger mit dem spät­mit­tel­al­ter­li­che Rit­ter über die kon­se­quente Zer­set­zung über ihres sonst so authen­ti­schen Refu­gi­ums dis­ku­tie­ren. Schließ­lich pas­sen wir »schwar­zen« ja auch nicht ins Bild und stö­ren mit unse­rer Fahne aus Patchouli emp­find­lich die von Schweiß und Rauch geschwän­gerte Luft. Immer­hin dul­det man uns, schließ­lich brin­gen wir Devi­sen. Der auf­merk­same Leser erkennt, wie leicht man mit Flos­keln die Tat­sa­chen in einem ande­ren Licht dar­stel­len kann.

Ehr­lich, ich mag diese Mit­tel­al­ter­märkte, egal vor wel­chem his­to­ri­schen Hin­ter­grund sie ste­hen oder wie authen­tisch sie sind. Als Ent­de­cker an Schmuck­stän­den oder auf der Suche nach neuen Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten in Sachen Klei­dung finde ich sie herr­lich. Dazwi­schen eine schnelle Wurst als mit­tel­al­ter­li­cher Snack und Apfel­schorle aus klo­bi­gen Bechern zu Klän­gen aus Sack­pfei­fen, Trom­meln und Dreh­lei­ern. Ein wirk­lich schö­ner Sonn­tag in Xan­ten, einer Stadt in der sich immer ein Besuch lohnt. Wer das Frei­licht­mu­seum APX noch nicht gese­hen hat, sollte die kleine Reise unbe­dingt auf sich neh­men (von Mön­chen­glad­bach aus rund 75km), es gibt viel zu sehen in der Stadt mit »X«.

  1. Quelle: Inter­net­seite des Händ­lers auf dem Siegfried-Spektakel Magic-Wotan aus Schrecks­bach []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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