7 Juni

Die Sonne brennt heiß: Mein kleines WGT Tagebuch (2)

Kategorie: Veranstaltungen — Jahrgang: 2010Keine Kommentare

Gebäude des MDRSams­tag, 22. Mai 2010: Die Nacht war viel zu kurz, aber Früh­stück gibt es nur bis 10 Uhr. Das Bild von ver­schla­fe­nen Gruf­ties die schwarz geklei­det durch den Früh­stücks­raum schlur­fen ent­schä­digt für die Ent­beh­run­gen der Nacht. Heute werde ich ein zwei Inter­views durch­füh­ren und bin schon ent­spre­chend auf­ge­regt und ver­su­che mich noch ein­mal the­ma­tisch vor­zu­be­rei­ten. Wir fah­ren erst mal ins Zen­trum, wol­len die Moritz­bas­tei besu­chen und uns unter die Leip­zi­ger Bevöl­ke­rung mischen um die Sehens­wür­dig­kei­ten der Stadt zu besu­chen. Ein tol­les Bild, über­all gibt es schwarze Ansamm­lun­gen die das Stadt­bild ent­schie­den beein­flus­sen. Offen­bar ver­wirrt zei­gen sich andere Besu­cher von Leip­zig, sind aber nicht scheu die fremde und schwarz geklei­de­ten Men­schen in ihre Stadt­be­sich­ti­gung mit einzubeziehen.

Hätte ich doch eine Kopf­be­de­ckung mit­ge­nom­men, es ist noch nicht ganz Mit­tag und ich spüre schon wie sich mein Kopf bedenk­lich erhitzt. Pünkt­lich treffe ich auf Guld­han mit dem ich mich in die Innen­stadt setze um beim freund­li­chen Inder zum Inter­view ein Was­ser zu ver­zeh­ren, sehr span­nend vir­tu­elle Bekannt­schaf­ten mit reel­len Ein­drü­cken zu ver­knüp­fen. Es ist Mit­tag, das rie­sige Gebäude des mdr spen­det auch kei­nen Schat­ten, wir ver­zie­hen uns in den Kel­ler der Bas­tei um ein paar kalte Getränke zu uns zu neh­men und meine Stirn­syn­ap­sen vor Über­hit­zung zu bewah­ren. Über­all dunkle Gestal­ten, die sich hier ver­bor­gen in der Kühle der alten Gemäuer sicht­lich woh­ler füh­len als auf der Ober­flä­che. Ich weiß nun, warum man das WGT nicht Wave-Gotik-Festival nennt. Es ist keins. Leip­zig ist über Pfings­ten der größte Treff­punkt für schwarze Gemein­de­mit­glie­der aus aller Welt, die Musik ist ein ange­neh­mes Bei­werk aber nicht der Mittelpunkt.

Moritzbastei UntertageIm Park treffe ich auf Rosa Cha­ly­beia mit der ich auf einer Bank ein inter­es­san­tes Inter­view führe, das ledig­lich durch einige Fotowün­sche unter­bro­chen wird. Wir ver­ab­re­den uns erneut für den Besuch im Spie­gel­pa­last am Sonn­tag, denn da fin­det der Göt­ter­tanz statt, heute Abend ste­hen Vel­ja­nov (Deine Lakeien) und die When we were Young Party und so machen wir uns auf in Rich­tung Park­bühne. Trotz dich­tem Gedränge hal­ten wir bis zum Schluss durch und wer­den nicht enttäuscht.

Bevor wir die Party entern, wol­len wir noch etwas »ver­nünf­ti­ges« essen. So keh­ren wir in ein voll­kom­men lee­res Restau­rant ein, von dem wir eigent­lich schon ver­mu­te­ten es sei geschlos­sen, doch unser Hun­ger sollte gestillt wer­den. Mit die­ser Grund­lage machen wir uns auf die Suche nach dem Club im Kauf­haus, der um ein paar Ecken direkt in der Innen­stadt behei­ma­tet ist.

Er hat gerade geöff­net und nie­mand zeigt sich son­der­lich Bewe­gungs­ori­en­tiert. Wie düs­tere Pan­ther schei­nen skur­rile Gestal­ten die Tanz­flä­che zu umrin­gen die nur dar­auf war­ten, das die erste Beute ihrem Bewe­gungs­drang freien Lauf lässt. Bei Alice ist es um mich gesche­hen, obwohl ich nicht der erste bin tau­che auch ich ein in den Nebel der wan­dern­den Lei­ber und bringe die Soh­len mei­ner Pikes auf ein ange­neh­mes Tem­pe­ra­tur­ni­veau. Gute Party: Ü30 für Gruf­ties. Erst als deut­lich wird, wie viele dunkle Gestal­ten sich in die Räum­lich­kei­ten drän­geln kön­nen, zie­hen wir die Reiß­leine und ver­schwin­den. Es ist 1:30.

Es fah­ren nur Busse, die soge­nann­ten Nacht­ex­presse. Nach Stu­dium des Fahr­plans bin ich über­zeugt rich­tig zu sein und lasse mich auch von der Durch­sage frem­der Hal­te­stel­len nicht aus dem Kon­zept brin­gen. Manch­mal kann ich so bescheu­ert stur sein. Erst als die Lich­ter immer weni­ger wer­den und der Bus immer lee­rer geht mir ein Licht auf, doch da ist es schon zu spät, wir haben die End­sta­tion Schkeu­ditz erreicht. Eine kurze Kom­mu­ni­ka­tion mit dem Bus­fah­rer offen­bart: Wir habe die Hal­te­stelle an der wir aus­stei­gen muss­ten grob ver­passt. Der Mor­gen graut als wir die Straße zum Hotel ent­lang­ge­hen. Das innere Ego heult wäh­rend ich die Schmach zu Bette trage.

Sonn­tag, 23. Mai 2010: Von 50 Paar Augen­rin­gen gemus­tert neh­men wir das Früh­stück zu uns. Wir beschlie­ßen nach dem Früh­stück noch ein­mal die Matratze mit unse­rer Anwe­sen­heit zu ver­wöh­nen, doch ich kann nicht schla­fen und gebe mich einem aus­gie­bi­gen Kör­per­pfle­ge­pro­gramm hin. Meine rote Stirn ver­sorge ich mit Feuch­tig­keits­spen­den­der Lotion. Blöd­heit und Arro­ganz wurde bestraft. Wir bre­chen auf um das heid­ni­sche Dorf und den Markt auf dem Agra-Gelände zu besu­chen. Das Dorf prä­sen­tiert sich in bes­tem Wet­ter und ist gut besucht, zwi­schen den unzäh­li­gen Fress­bu­den fin­det man immer wie­der Per­len der Accessoire-Kunst. Wir gön­nen uns drin­gend benö­tigte Ent­span­nung und schauen dem bun­ten Trei­ben auf dem Markt auf­merk­sam zu.

Da hier auch nicht WGT­ler gegen die Zah­lung eines Obo­lus Ein­lass erhal­ten, ist das Trei­ben sehr bunt und zahl­reich und führt nicht sel­ten zu Stau­un­gen an den Kno­ten­punk­ten des ange­nehm schat­ti­gen Gelän­des. Viele haben sich hier ein­fach nie­der­ge­las­sen und lau­schen den Dar­bie­tun­gen der Büh­nen, andere ver­voll­stän­di­gen ihre Samm­lung mit­tel­al­ter­li­cher Gegen­stände, so wie Spon­ti­li­en­chen, die hat jetzt ein Horn.  Am Gür­tel wohlgemerkt.

Die Zeit bis zum Auf­tritt von Faith and the Muse ver­brin­gen wir damit, die Fla­nier­meile des AGRA-Geländes zu bestau­nen wobei auch das ein oder andere Kom­men­tar unsere Mün­der ver­lässt, die eigent­lich den Ein­satz von Kern­seife erfor­dern um den Läster-Geschmack wie­der aus dem Rachen zu bekom­men. Eigent­lich sollte ich mich wohl schä­men, tue ich aber nicht, denn mir geht´s sau­gut. Das Kon­zert ist ziem­lich groß­ar­tig, Monica Richards hat eine tolle Aus­strah­lung und tritt in einem sehr atem­be­rau­ben­den Kos­tüm auf, das nur noch von der Viel­sei­tig­keit der Stü­cke über­trof­fen wird. Ähnlich wie die Alben erin­nert auch der Büh­nen­auf­tritt an ein Kon­zept, das von Taiko-Trommeln und klas­si­schen Instru­men­ten neben anstän­di­gen Gitar­ren und trei­ben­den Beats geschmückt wird.

Wie­der ein­mal treibt es uns zu nächt­li­cher Stunde in den Spie­gel­pa­last. Heute fin­det ja der von Rosa so gelobte Göt­ter­tanz statt, den ich mir nach dem lieb­li­chen Lob­ge­sang nicht ent­ge­hen lasse. Ich decke zwei Geheim­nisse auf: 1.) Der Tanz­stil »Boden­wi­schen« ist nur mög­lich, wenn man einen Reif­rock trägt, das die­ser bedingt durch seine Größe und Bau­form den Tanz­stil eigent­lich schon vor­gibt. 2.) Göt­ter­tanz heißt so, weil es eben so aus­sieht wenn die Damen und Her­ren der Schwarz­ro­man­tik die Tanz­flä­che rei­ni­gen. Bei eini­gen Lie­der kann ich eben­falls nicht bei mir blei­ben und ver­su­che die Flä­che des Tan­zes durch den »Staub­sau­ger­tanz« noch ein­mal nach­zu­bes­sern. Zwi­schen­durch ein net­ter Plausch mit Rosa, die mir von ihrem nächt­li­chen Tref­fen mit einem gel­ben Engel berich­tet. (Hier nach­le­sen) Ich bin fer­tig, meine Füße has­sen mich. Drau­ßen befeuch­tet der erste Regen Leip­zigs Straßen.

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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