25 Mai

Umstrittene Riefenstahl Ästhetik auf der WGT Karte 2010?

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 201068 Kommentare

WGT 2010 EintrittskarteEigent­lich hatte man gehofft, das sich die Ver­an­stal­ter des WGT nach der Dis­kus­sion um das Sym­bol der schwar­zen Sonne auf der Obsor­ge­karte zum WGT 2009 geschick­ter ver­hal­ten hät­ten, aber das Gegen­teil scheint der Fall zu sein wenn man den Gerüch­ten glau­ben schen­ken möchte. Aber was ist dran an die­ser Behaup­tung? Auf der Karte des dies­jäh­ri­gen Wave-Gotik-Treffen sind in den Flü­geln des Schmet­ter­lings zweite nackte Men­schen dar­ge­stellt, die offen­sicht­lich im Tanze die Kör­per stre­cken und die Arme in die Luft wer­fen und die einem Bild, das ver­mut­lich aus Leni Rie­fen­stahls Film Olym­pia stammt zum ver­wech­seln ähnlich sieht.  (Anmer­kung: Den Scan die­ser Ein­tritts­karte habe ich auch Gründe der Sicht­bar­keit in Farbe und Sät­ti­gung mani­pu­liert)

Leni Rie­fen­stahl, die sich vor allem im drit­ten Reich als Film­re­gis­seu­rin und Foto­gra­fin einen Namen machte, gehört zu einer der umstrit­tens­ten Künst­le­rin­nen die­ser Zeit. Nicht nur wegen ihrer per­sön­li­chen Bezie­hung zu Adolf Hit­ler son­dern auch und vor allem wegen ihrer fil­mi­scher Werke, denen rück­bli­ckend vor­ge­wor­fen wird, natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ideo­lo­gien zu glo­ri­fi­zie­ren. Die von Rie­fen­stahl geschaf­fene Ästhe­tik, gut gebaute Kör­per in der Bewe­gung und beim Sport abzu­lich­ten waren stil­prä­gen­des Mit­tel, das vor allem im Film Olym­pia 1938 umge­setzt wurde, der auch heute noch inter­na­tio­nale Aner­ken­nung erfährt. Das TIME-Magazin wählte den Film in die bes­ten 100 Filme aller Zei­ten1, die Film­be­wer­tungs­stelle Wies­ba­den kenn­zeich­nete die DVD als »beson­ders wert­voll»2.

Betrach­tung

leni riefenstahl

Quelle: strangevehicles.greyfalcon.us

Betrach­ten wir das ganze sach­lich, so ist eine gewisse Ähnlich­keit zwi­schen dem Ori­gi­nal und der Bear­bei­tung auf der Ein­tritts­karte nicht von der Hand zu wei­sen. Das Adolf Hit­ler von der Kunst Rie­fen­stahls ange­tan war, mani­fes­tierte sich in zahl­rei­chen Fil­men mit ein­deu­tig natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Hin­ter­grund. Die Dar­stel­lung nack­ter Men­schen in die­sen Posen gehörte sei­ner­zeit zur moder­nen und jun­gen Kunst und wurde von Rie­fen­stahl in Filme und Foto­gra­fien per­fek­tio­niert. Allein daran gibt es zunächst nichts aus­zu­set­zen, sieht man das Bild als sol­ches ist tat­säch­lich äußerst ästhe­tisch und ein­fach Teil des künst­le­ri­schen Aus­drucks die­ser Zeit. Ein Rund­gang über den Leip­zi­ger Süd­fried­hof zeigt einige in ähnli­cher Ästhe­tik sti­li­sierte Figu­ren und macht deut­lich, das ein Zusam­men­hang hier mehr als frag­lich erscheint.

So heißt es bei Wiki­pe­dia: »Rie­fen­stahl sah rück­bli­ckend ihre Feh­ler in ihrem „poli­ti­schen Des­in­ter­esse“ und ihrer „damit zusam­men­hän­gen­den Mit­läu­fer­schaft“. Ihren Aus­sa­gen nach ging es in ihrem künst­le­ri­schen Wir­ken stets um Ästhe­tik und nicht um Ideo­lo­gie. Als Pro­pa­gan­dis­tin habe sie sich damals nicht gese­hen. Erst rück­bli­ckend sei es ihr mög­lich, Dinge anders zu betrach­ten – in der NS-Zeit hin­ge­gen habe sie im dama­li­gen unkri­ti­schen Zeit­geist gelebt. In spä­te­ren Inter­views beteu­erte sie stets, die NS-Verbrechen zu ver­ur­tei­len und wehrte sich gleich­zei­tig gegen jeden Ver­such, ihr eine Schuld anzu­las­ten. Als ent­schei­den­den Makel in Rie­fen­stahls Bio­gra­phie sehen die meis­ten Kri­ti­ker die Tat­sa­che an, dass sie bis an ihr Lebens­ende eine selbst­kri­ti­sche und tie­fer­ge­hende Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen Ver­gan­gen­heit ver­mis­sen ließ»3
Und obwohl hier kein Sym­bol­cha­rak­ter zu fin­den ist, scheint die Ver­wen­dung als gra­phi­sches Mit­tel der WGT Karte gerade im Rück­blick auf den Eklat 2009 als beson­ders unglück­lich. Man hätte davon aus­ge­hen sol­len, das sich kri­ti­sche Augen auf jedes opti­sche Mit­tel des Kar­ten­de­signs stür­zen wür­den und hätte opti­ma­ler­weise ein nicht so grenz­wer­ti­ges Design neh­men sollen.

Mei­nung und Marketing

Ich denke mitt­ler­weile, das dahin­ter ein gewis­ses Kal­kül steckt  und das die Macher ver­mut­lich ganz bewusst eine sol­che Ver­wandt­schaft gewählt haben. Pro­vo­ka­tion gehört und gehörte schon immer zu den Mit­tel der Szene, sich von ande­ren abzu­gren­zen.  Das man dabei bewusst oder unbe­wusst Bil­der aus einer recht kur­zen Epo­che natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Dik­ta­tur bedient scheint für mich als Ver­wen­dung auf einer Ein­tritts­karte jeden­falls frag­lich, auch wenn der Zusam­men­hang an der Haa­ren her­bei­ge­zo­gen zu sein scheint und durch­aus als pole­misch gel­ten darf. Die Gerüchte-Küche auf dem WGT bro­delte jeden­falls, schon im Vor­feld wurde auch im Netz dar­über dis­ku­tiert. Der all­jähr­li­che Stand  des VAWS-Verlags in der Markt­halle  und Polizei-Präsenz im heid­ni­schen Dorf sorg­ten für wei­te­ren Gesprächs­stoff.

Leni Rie­fen­stahl war ein talen­tierte Künst­le­rin, die bis zu ihrem Tode immer wie­der groß­ar­tige visu­elle Ein­drü­cke geschaf­fen hat und auch auf dem Gebiet der Schnitt­tech­nik und Insze­nie­rung eine wich­tige Rolle spielte, sie pau­schal in rechte Ecke zu drän­gen ist ebenso eng­stir­nig wie sie von jeg­li­chen Zusam­men­hän­gen frei­zu­spre­chen. Im Zen­trum mei­ner Kri­tik ste­hen aber­mals die Macher des WGT, die auch die­ses Jahr jede Kri­tik des letz­ten Jah­res unge­hört ver­schal­len las­sen und sich immer noch zu kei­ner offi­zi­el­len Stel­lung­nahme im Rah­men der Obsor­ge­karte 2009 hin­rei­ßen lie­ßen und Stände wie den des VAWS immer noch. Wie­der ein­mal schei­nen Unfä­hig­keit zur Kri­tik und fal­scher Umgang mit Pro­vo­ka­tion zum Mar­ke­ting­in­stru­ment gewor­den zu sein und ver­lei­hen einem sonst wirk­lich gelun­ge­nen Tref­fen einen faden Beige­schmack. Ich freue mich auf Eure Mei­nung.

  1. Olym­pia, Parts 1 and 2 (1938). Film­kri­tik von Richard Cro­liss und Richard Schi­ckel im TIME Maga­zine, 2005 []
  2. Olym­pia der Film, Wiki­pe­dia Ein­trag zum Film []
  3. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Leni_Riefenstahl []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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68 Kommentare

  1. Natür­lich muss Pro­vo­ka­tion grenz­wer­tig sein, sonst bricht sie kein Tabu und pro­vo­ziert nicht.
    Ande­rer­seits frage ich mich, wer mit Obsor­ge­kar­ten (etc) pro­vo­ziert wer­den soll — die eigene Kund­schaft? Außer­dem stellt sich die Frage, warum muss über­haupt pro­vo­ziert wer­den — und warum nicht mal in eine andere Richtung?

  2. @Chapman: Wie­der eine berech­tigte Frage, wer damit letzt­end­lich pro­vo­ziert wer­den soll, zudem ich ver­mute, das hier keine direkte pro­vo­ka­tive Absicht dahin­ter­steht. Viel­mehr ein sorg­lo­ser und unre­flek­tier­ter Umgang mit Sym­bo­lik, eine fal­sches Ver­ständ­nis vom Genre »Neo­folk« und eine ver­korkste Ansicht auf die eigene »Kunst«.

    Wie pro­vo­ziert man Dei­ner Ansicht nach in die andere Richtung?

  3. Ich bin mir sicher, dass sich noch andere Reiz­the­men fin­den las­sen, außer der Zeit der 30er und 40er Jahre. Wie wäre es mal mit zeitrge­nös­sich? Es muss ja nicht immer die erste Hälfte des 20. Jh. oder die Bron­ze­zeit bedient werden.

  4. @Chapman: Ich denke die Mit­tel zu Pro­vo­ka­tion wer­den immer knap­per. Nackte Haut, Gewalt, Hor­ror? Alles schon dage­we­sen. Wie pro­vo­ziert man heute eine breite Masse? Nur noch mit dem Leid ande­rer, was sich gut an der Pro­gramm­ge­stal­tung der pri­va­ten Fern­seh­sen­der able­sen lässt. Des­halb noch­mal meine kon­krete Frage, wel­che The­men sind Reiz­the­men? Aus­wan­de­rer ohne Fremd­spra­chen­kennt­nisse? Rauch­ver­bot? Unfä­hig­keit der Poli­tik? Krieg in Afgha­nis­tan? Das zu heiße Wetter?

  5. Das drif­tet mir jetzt zu sehr in eine Dis­kus­sion über Pro­vo­ka­tion ab. Die breite Masse muss beim WGT nicht pro­vo­ziert wer­den, da Ein­tritts– und Obsor­ge­kar­ten nur für Besu­cher des WGT sicht­bar sind.
    Außer­dem wage ich mal den Umkehr­schluss: Es gibt keine ech­ten Pro­vo­ka­ti­ons­the­men mehr — neh­men wir doch die Nazi­zeit, das geht immer?

  6. Ja du hast recht, mein Feh­ler. Pro­vo­ka­tion hat auf einer Ein­tritts­karte sowie nicht ver­lo­ren. Las­sen wir also den Umkehr­schluss, den ich sehr inter­es­sant finde, außen vor. Für mich steht immer noch die Frage im Raum, ob man bei der Ein­tritts­kar­ten­ge­stal­tung mög­lichst krea­tiv sein möchte oder warum man sich dafür ent­schie­den hat. Denn wie du schon rich­tig sagst, sind die Kar­ten nur für die Besu­cher, die Obsor­ge­karte gar nur für die Zeltplatzbewohner.

    Ich finde diese Dis­kus­sion dar­über warum und wieso etwas ver­wen­det wird, bei dem sich an der Aus­wahl unbe­tei­ligte dazu äußern, ein unaus­weich­li­ches Phä­no­men das mit­un­ter auch zu absur­den Ergeb­nis­sen füh­ren kann. Es macht wie­der ein­mal deut­lich wie wich­tig es ist eine Aus­sage von jeman­dem zu bekom­men, der sich für das Design ver­ant­wort­lich zeigt. Denn wer weiß viel­leicht sollte die Karte auch nur schön aus­se­hen und das Sym­bol hatte man zufäl­lig irgendwo aufgeschnappt?

  7. @Robert: Da nun das Sym­bol als nicht nur schön iden­ti­fi­ziert wurde, würde ich es schön fin­den, sich in Zukunft mehr darum zu küm­mern, was man da so ver­wen­det. Neben­bei: Die­ses Sym­bol erscheint erschre­cken­der­weise unter den Top 12 der Bil­der, wenn man »schöne Sym­bole« googlet.…

  8. Um es mal ket­ze­risch zu for­mu­lie­ren: Es wer­den unre­flek­tiert die Zei­chen ver­wen­det, die der »Künst­ler« selbst in sei­ner Szene vor­fin­det. Und damit muss ja nicht die Schwarze Szene gemeint sein.

    Sich hin­ter dem Begriff »Kunst« zu ver­ste­cken, passt in dem Fall sehr gut. Denn Gestal­tung hat immer etwas mit Kom­mu­ni­ka­tion zu tun. »GöArt« klingt nach »Art«, also muss man nichts kom­men­tie­ren. Kunst kann der »Künst­ler« auch unkom­men­tiert las­sen und gar nichts erklä­ren.
    So funk­tio­niert es aller­dings nicht. Ich emp­fehle ein Gestaltungs-Studium. Ein Volkshochschul-Kurs über Pixel­schie­ben in Pho­to­shop reicht eben nicht aus. (Wie man sieht.)

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