27 November

Totenkult - Begrabener Instinkt?

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 20084 Kommentare

Die meis­ten Men­schen haben schon einen ande­ren Men­schen ver­lo­ren. Doch im trau­ern haben die wenigs­ten Men­schen etwas gemein­sam, die per­sön­li­che Trauer ist so indi­vi­du­ell wie der Tod selbst. Im Laufe der letz­ten Jahre hat sich jedoch eine spür­bare Fried­hofs­mü­dig­keit breit gemacht, es gibt einige die sagen sich »Ich brau­che kei­nen Platz, kei­nen Ort um der Toten zu Geden­ken, in mei­nem Her­zen und in mei­nem Geist lebt der Mensch wei­ter…«

Brau­chen wir keine Grä­ber mehr? Ist die letzte Ruhe­stätte ein über­hol­tes Relikt aus der Ver­gan­gen­heit? Ich teile die Mei­nung vie­ler, das die Per­son in einem immer noch prä­sent ist, gerade wenn man sich sehr nahe gestan­den oder ein Fami­li­en­mit­glied ver­lo­ren hat. Dazu benö­tige ich aber eine Brü­cke, ein Por­tal zu mei­nen Erinnerungen.

Bil­der, Texte und viel­leicht auch Filme machen das alles mög­lich. Diese Mög­lich­kei­ten ste­hen uns aber nicht seit je her zu Ver­fü­gung, so such­ten die Men­schen Mög­lich­kei­ten diese Brü­cken zu bauen. Ein Grab ist also nicht nur die letzte Ruhe­stätte eines Ver­stor­be­nen son­dern auch Brü­cke für Erin­ne­run­gen. Wenn man so will, ist der Toten­kult ein Urinstinkt.

Ster­ben ist teuer, das war schon immer so. Geschmückte, ver­zierte und bepflanzte Grä­ber wie wir sie ken­nen konn­ten sich schon immer nur rei­che und pri­vi­le­gierte Mensch leis­ten, lei­der ist das Ster­ben heute auch noch büro­kra­tisch ver­un­stal­tet, was mit dem Toten geschieht ist regle­men­tiert und man hat sich als Ange­hö­ri­ger an mehr Regeln zu hal­ten, wie zu Leb­zei­ten. Zu allem Über­fluss ver­wech­seln die meis­ten Men­schen den Tot mit Reli­gion, doch Ster­ben ist inter­es­siert sich nicht für den Glau­ben und Grä­ber gab es schon lange bevor jemand über­haupt Chris­ten kannte.

Da sich der Gruf­tie bekannt­lich stär­ker mit der The­ma­tik aus­ein­an­der­setzt als andere ist klar, das ich mir auch meine Gedanke dar­über mache. Ver­gäng­lich­keit, Fried­höfe, Geschichte und Okkul­tis­mus haben mich schon immer fas­zi­niert und das ist nicht wei­ter ver­wun­der­lich, das macht die Mensch­heit seit Jahr­tau­sen­den. Aber statt in poe­ti­schem Geblub­ber zu ver­sin­ken möchte ich den Blick auf die Rea­li­tät len­ken und die Begeis­te­rung für das Ver­gan­gene wecken. Füh­run­gen mit Geschich­ten zu his­to­ri­schen Fried­hö­fen und Grä­bern sind für mich kogni­tive Erleb­nis­rei­sen, das Bild oben stammt übri­gens von einem Grab des alten Lon­do­ner High­gate Ceme­tery. Hier wird deut­lich das Ende und Anfang ganz nah bei­ein­an­der sind.

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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4 Kommentare

  1. Ich belege an der Uni­ver­si­tät gerade einen Kurs, der sich im zwei­ten Teil mit Gedenk­stät­ten befas­sen wird. Dann wäre ich also auch schon genau im Thema.
    Es stimmt. Viele Men­schen sagen sich, dass Fried­höfe nicht mehr wich­tig sind. Man hat den Men­schen auf Bil­dern, auf Fil­men und so wei­ter.
    Für mich ist ein Fried­hof aber den­noch ein wun­der­schö­ner Ort. Ich möchte dort auch spä­ter begra­ben wer­den, damit die ange­spro­chene Brü­cke exis­tiert. Sie muss ja nicht allein genutzt wer­den, aber sie soll genutzt wer­den.
    Fried­höfe haben eine beson­dere Aura, eine beson­dere Atmo­sphäre. Das kann einem auch kein Film bie­ten. Dort hat die Per­son zuletzt gele­gen. Dort hat sie Ruhe gefun­den. Das kann mir keine Kamera zei­gen. Sicher hat man den Men­schen im Her­zen (wenn nicht, dann wäre da auch was falsch), aber das ist ja alles keine Ein­bahn­straße.
    Heut­zu­tage gibt es ja weit mehr Mög­lich­kei­ten der Beer­di­gung. Anonym, halb anonym und was es nicht alles gibt. Dient alles auch im Grund­satz nur einem Zweck: Man will den Fried­hof für Ster­bende »wie­der attrak­ti­ver« machen.
    Ob das letzt­end­lich gelingt, dass wird uns die Zukunft zei­gen.
    Und es stimmt. Fried­höfe gibt es schon ewig. In den grie­chi­schen Pol­eis ebenso wie in Ägyp­ten oder auch schon weit vor deren Zeit. Man kann Fried­höfe nur schwer­lich mit dem Chris­ten­tum in Ver­bin­dung set­zen. Nur die Art der Zele­brie­rung des Toten­kul­tes kann man an Reli­gio­nen bin­den. Wobei diese in der heu­ti­gen Zeit auch nicht mehr jedem zusa­gen mögen.
    Ziem­lich lan­ger Kom­men­tar. Ich mach mal lie­ber Ende an der Stelle.

  2. Wegen mir kann nach mei­nem Able­ben mit mei­nem Kör­per sonst was gemacht wer­den. Ich habe über­haupt kei­nen Bezug zu der toten Hülle die ich mal hin­ter­las­sen werde und ent­spre­chend habe ich auch kei­nen Bezug zu den toten Kör­pern mei­ner Bekann­ten und Verwandten.

    Allein wegen der Kos­ten würde ich mich, sollte ich ein­mal diese Ent­schei­dung für jeman­den tref­fen müs­sen, für eine Urnen­wand ent­schei­den. Was muss ein gamm­li­ger Kada­ver noch soviel kos­ten wie ein net­tes gebrauch­tes Auto?

    Fried­höfe kön­nen zwar recht schön sein, aller­dings gibt es davon nur noch wenige. Die glän­zen­den, blank polier­ten rot-schwarzen Steine mit gol­de­ner Inschrift finde ich nur häss­lich. Alte Toten­kulte finde ich recht inter­es­sant, die Pyra­mi­den der Ägyp­ter sind fas­zi­nie­rend… aber was in der heu­ti­gen Zeit im Ver­gleich dazu vor­herrscht ist im Grunde nur Geldmacherei.

    Inter­es­sant wäre, was irgend­wann noch kommt. Kommt die öffent­li­che Ver­bren­nung wie­der? Wird die Him­mels­be­stat­tung in Deutsch­land lega­li­siert? Oder gibt es Soy­lent Green?

  3. Nun ja Fried­höfe kön­nen schon schön sein, aller­dings sehe ich kei­nen Sinn darin, das Grund­was­ser zu ver­seu­chen und die hohen Kos­ten für das Grab den Ange­hö­ri­gen aufzubürden…zudem sind Schwei­zer Fried­höse so der­mas­sen geregelt,nein danke…dann lie­ber im Wald ver­streuen. Und nach 28 Jah­ren oder so wird das Grab eh aufgehoben…

    Ob Toten­kult ein Urinstinkt in dem Sinne ist bezweifle ich stark, in Süd­ame­rika gibt es ein indi­ge­nes volk, dass frü­her die Toten ver­speiste und auch sonst jeg­li­che Spu­ren des Toten aus­löschte. Kein Kult, son­dern das gegen­teil, abschlies­sen und ver­ges­sen. Mitt­ler­weile dür­fen sie das nicht mehr, was den Ange­hö­ri­gen ziem­lich zu schaf­fen macht…sie fin­den jeman­den unter der Erde ver­rot­ten zu las­sen, sei unmenschlich…

    LG

  4. Also wenn ich jeman­den essen würde, der mir nahe steht, dann würde ich damit nicht abschlie­ßen, son­dern den Gedan­ken auf­brin­gen, dass ich die Per­son nun noch mehr in mir habe. Tote wer­den da sicher­lich nicht ver­ges­sen, son­dern es ist eine andere Art der Trauer, die wir hier nicht ver­ste­hen kön­nen. Toten­kult ist sicher­lich kein Urinstinkt, aber er ent­steht durch die Bin­dun­gen, die wir ein­ge­hen. Das ist Emo­tion. Da Men­schen diese anders aus­bil­den kommt es zu unter­schied­li­cher Art von Trauer. Natür­lich gibt es auch die, die mit dem Leib nichts ver­bin­den, der unter der Erde liegt. Andere sehen das anders. Toten­kult wird mei­ner Mei­nung nach immer betrie­ben. Ob er nun mit einer Bestat­tung oder ande­ren Ritua­len und Gedan­ken zusam­men hängt ist für mich eher neben­säch­lich.
    Der Tod und die Trauer ist nun ein­mal doch etwas gar per­sön­li­ches.
    Die heu­tige Art der Bestat­tung exis­tiert nun ein­mal so, weil wir auch viel mehr Men­schen unter die Erde brin­gen müss­ten. Man schaue sich Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lun­gen an und stelle fest: Zu den Zei­ten, wo wir die Bestat­tun­gen noch toll fan­den, leb­ten viel weni­ger Men­schen. Da konnte man spe­zi­elle Dinge noch viel bes­ser durch­set­zen als heute.
    Und ich würde nicht sagen, dass wir mit einem Leich­nam das Grund­was­ser extrem ver­schmut­zen. Da ver­schmutzt die Frau, die jeden Tag ihre Anti-Baby-Pille nimmt das Grund­was­ser um eini­ges mehr.

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