3 Februar

Szenenzugehörigkeit - Hardliner oder Mainstream?

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 20092 Kommentare

szenegruppen1

Den Einstieg in eine Szene vollzieht sich  immer auf die gleichen Wege. Man findet die Musik gut und folgt dem Genre oder einem bestimmten Künstler, Geschwister, Freunde oder Mitschüler gehören bereits einer Szene an, oder ein bestimmter Kleidungsstil animiert dazu diesem auf den Grund zu gehen. Wie weit man jedoch in die Szene abtaucht, hängt von vielen umgebenden Faktoren und der eigenen Überzeugung ab, dem aufgebrachten Willen und der Faszination. "Aber Robert Smith sah ich zum ers­ten mal. Seine Art sich zu zei­gen, sich zu bewe­gen, zu klei­den, sein Stil, alles an ihm erschien anbe­tungs­wür­dig. Seine Fri­sur und sein Make-up, das war es was wir wollten».1 Prin­zi­pi­ell kann man den Grad der Zuge­hö­rig­keit in Grup­pen ein­tei­len, ich weiß, nie­mand der wirk­lich in der Szene ist, lässt sich gerne Kate­go­ri­sie­ren, aber manch­mal hilft es still und heim­lich einen Schritt zurück­zu­tre­ten und sich das ganze Bild anzuschauen.

Die Zuge­hö­rig­keit zu den ein­zel­nen Grup­pen ver­än­dert sich in der Regel im Laufe der Zeit, Ein­stiegs­al­ter und Dauer der Sze­ne­zu­ge­hö­rig­keit, sowie das soziale und beruf­li­chen Umfeld kön­nen hier eine ent­schei­dene Rolle spie­len.  Ich kenne nur ganz wenige Men­schen, die ihrer Jugend­szene das ganze Leben auf dem glei­chen Level treu blei­ben, auf den sie ein­mal gelebt haben.

Dis­kus­sio­nen über die Echt­heit der Sze­ne­zu­ge­hö­rig­keit defi­nie­ren sich mei­ner Mei­nung nach durch völ­lig irre­le­vante Maß­stäbe. Wirk­lich Echt ist nur der, der keine Rolle annimmt, son­dern ein­fach nur ist wer er ist. Sich die Haare zu schnei­den, wenn sie den ande­ren bis zum Hin­tern rei­chen, Theo­lo­gie zu stu­die­ren, wenn die Freunde ihre Zeit im Puff ver­brin­gen, Johan­nes­beer­saft zu trin­ken wäh­rend andere sich mit Tequila zuschüt­ten. Zu wis­sen, was man will und sel­bi­ges auch durch­zu­set­zen.2

Ich behaupte, jeder schwarze lässt sich auf diese Art ein­ord­nen, ver­lässt man die Szene, so bleibt man jedoch sicher­lich unter den Sym­pa­thi­san­ten, die sich auf irgend­eine Art und Weise mit der Szene iden­ti­fi­zie­ren. Sei es Musik­ge­schmack, Inter­es­sen oder Klei­dungs­stil. Auf­fäl­lig ist, das die meis­ten Hard­li­ner unter den Jugend­li­chen zu fin­den ist, ältere Sze­n­e­mit­glie­der sind dort sel­ten zu finden.

Hard­li­ner

Die Kern­szene besteht aus den Leu­ten, die sich voll­stän­dig mit der Szene iden­ti­fi­zie­ren. Sämt­li­che Aspekte ihres Lebens, sei es auf modi­scher, mora­li­scher oder welt­an­schau­li­cher Ebene sind auf die Szene aus­ge­rich­tet.  Der Freun­des­kreis ver­än­dert sich, fast alle Freunde kom­men nun aus der Szene. Sie lesen ent­spre­chende Fan­zines, sind über musi­ka­li­sche Neue­run­gen bes­tens infor­miert und sind über den Kon­sum der Szenee­ige­nen Mode­la­bels hin­aus und kre­ie­ren ihren eige­nen Style. Damit wer­den sie zu Trend­set­tern und ande­rem zum Vor­bild. »Sie sor­gen für kul­tu­relle Inno­va­tion und geben der Szene Rich­tung, alles andere wird neben­säch­lich.»3 Andere Sze­nen wer­den zwar tole­riert, aber igno­riert — das Inter­esse gilt aus­schließ­lich der eigenen.

Akti­vis­ten

Die Leute der Rand­szene set­zen sich mit dem Style und den Wer­ten, die das Leben inner­halb der Szene prä­gen inten­siv aus­ein­an­der.  Sie agie­ren aber weit weni­ger kom­pro­miss­los wie die Hard­li­ner und neh­men nicht jede Eigen­art der Szene Bier­ernst. Für Sie ist es mehr eine Ori­en­tie­rung, was sich wie und mit wem in ihrer Frei­zeit machen, wie sie sich klei­den und wel­che Musik sie hören. Oft­mals fin­den sich unter den Akti­vis­ten Sze­nes­prin­ger, die sich nicht auf eine Spiel­art der Szene fest­le­gen möch­ten. Gothics ist ja auch nur der Ober­be­griff für viele klei­nere Unter­sze­nen, des­we­gen spre­chen Akti­vis­ten gerne davon Gothic zu sein, ohne das spe­zi­elle Genre selbst zu nen­nen. »Wäh­rend für die Kern­szene Mit­glie­der die Szene eine Art Reli­gion ist, ist sie für die Randszene-Jugendlichen nicht mehr als ein Spiel.»4 Sie sind tole­ran­ter und iro­ni­scher, gehen locke­rer mit den Dog­men einer Szene um und haben durch­aus auch Szen­e­fremde Freunde und Bekannte.

Main­strea­mer

Sie sind die Kon­su­men­ten der Szene, die den Klei­dungs­stil und die Art sich zu ver­hal­ten kopie­ren ohne sich um den eigent­lich Inhalt und die Ein­stel­lung inner­halb der Szene zu küm­mern. Ihre modi­schen Ideen bezie­hen sie aus ein­schlä­gi­gen Kata­lo­gen und Läden, sie sind bereit für das adap­tie­ren der Szene Geld aus­zu­le­gen ohne jedoch dabei jemals Teil der sel­bi­gen wer­den zu wol­len. Hard­li­ner und die daran angren­zen­den Akti­vis­ten sind eine Gemein­schaft von Gleich­ge­sinn­ten, die Main­strea­mer sind nur eine Gemein­schaft von Gleich­ge­styl­ten.5 Von vie­len Mit­glie­dern der ande­ren bei­den Grup­pen wer­den die Main­strea­mer sehr kri­tisch beur­teilt oder gar abge­lehnt, sie ver­mu­ten eine Stück­weise Zer­set­zung der eige­nen Werte durch die Gleich­gül­tig­keit die­ser Spezies.

Eins haben alle Sze­nen und Grup­pen gemein­sam, man muss sich inte­grie­ren um dazu­zu­ge­hö­ren, ein Stück von sei­nem Indi­vi­dua­lis­mus able­gen und das tun, was andere tun. Aber das ist ein natür­li­cher Vor­gang, den der Mensch ist ein Heer­den­tier und soziale Kon­takte ein wich­ti­ger Bestand­teil sei­ner Exis­tenz. Je schwie­ri­ger die Auf­nahme in die Szene ist, desto eli­tä­rer der Kreis der Men­schen, die ihr ange­hö­ren. Man sollte nur nie ver­ges­sen, wer man ist.

  1. Jörn Ranisch: Le Petit Mort — Sex & Drugs und Muko­vis­zi­dose (2007), S. 55ff []
  2. Bauer, Peter: Die Farbe des Schnees (1996), S. 91 []
  3. Bern­hard Heinzl­maier: Sze­nen, Szene­codes und Jugend­trends, S.21 []
  4. Bern­hard Heinzl­maier: Sze­ne­ana­ly­sen als neue Grund­lage für das Jugend­mar­ke­ting (1999), S. 29f. []
  5. Klaus Farin: Jugend­kul­tu­ren in Deutsch­land (2006), Band 2, S. 87 []

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Schwarze Szene
Schlagwort: ,

Verwandte Artikel

2 Kommentare

  1. Schön geschrie­bene »Ein­tei­lung«, wobei ich per­sön­lich Ein­tei­lun­gen in Schub­la­den nicht so gerne habe, da es immer sehr viele Zwi­schen­töne gibt. Wie du ja schon rich­tig geschrie­ben hast, ist nur der­je­nige »ECHT«, der keine Rolle annimmt, das auch hei­ßen kann das er sich nicht in eine Schub­lade ein­ord­nen lässt.

  2. Rich­tig, eine Ein­tei­lung in Schub­la­den ist immer schwie­rig und viele möchte sich nicht ein­ord­nen las­sen. Eine grobe Kate­go­ri­sie­rung ist aber sehr inter­es­sant um zu ver­ste­hen, wie es inner­halb einer Gruppe zugeht und die eigene Posi­tion bes­ser ein­schät­zen zu kön­nen, viel­leicht erwei­tert der ein oder andere ja sei­nen Hori­zont. Wie ich schon geschrie­ben habe, würde ich mich als Leser auch nicht einer Schub­lade zuge­hö­rig füh­len. Wenn ich aber einen Schritt zurück­tre­ten und mir das berühmte ganze Bild anschauen, so würde ich wohl am ehes­ten unter die Akti­vis­ten fallen.

    Gerade die von Dir ange­spro­che­nen ableh­nende Hal­tung (Indi­vi­dua­lis­mus) gegen­über einer Kate­go­ri­sie­rung zu einer Szene oder einer Musik­rich­tung macht es schwie­rig, wirk­lich zuzu­ord­nen, wer sich wo am bes­ten auf­ge­ho­ben fühlt.

Schreibe einen Kommentar

Hilfe bei der Kommentareingabe?