12 Februar

Selbstmord ist out - Das Leben ist cool

Kategorie: Dunkle Vergangenheit, Schwarze Szene — Jahrgang: 201016 Kommentare

Titel des 1996 erschienen Stern-ArtikelsDeutsch­land 1996, die Gothic-Szene befin­det sich im inne­ren Wan­del. Von der Ursprün­gen ist nicht mehr viel zu spü­ren immer mehr Stile drän­gen in die nun­mehr schwarze Szene, die Begriff­lich­keit Gothic ist nur noch ein Wort. Der Stern beleuch­tet die deut­schen Jugend­sze­nen, in der 7. Folge sind die Gruf­ties an der Reihe. Der Stern, der sich schon in der Ver­gan­gen­heit immer wie­der einen Namen mit kon­tro­ver­sen Ver­öf­fent­li­chun­gen gemacht hat  und einige Minus­punkte in Sache Ent­hül­lungs­jour­na­lis­mus für sich ver­bu­chen kann, wagt sich an die Jugend­sze­nen. In den 80er erst das umstrit­tene Bild vom toten Bar­schel, dann der unglaub­lich große Rein­fall mit den Hitler-Tagebüchern. Das kann ja hei­ter werden.

»Sie mögen Gra­bes­stim­mung und düs­tere Musik, sind eitel und selbst­ver­liebt. Gruf­ties sind Nacht­men­schen. Sado­maso ist schwer ange­sagt. Schwarz ist ihr Out­fit, aber nicht mehr ihre Stim­mung. Der größte Hor­ror für einen Gruf­tie ist es, wie ein Spie­ßer zu leben.« Mir fällt gleich beim Unter­ti­tel auf, das wir in Sachen Gruftie-Journalismus ein neues Sta­dium errei­chen, die pole­mi­sche Ober­flä­chen­re­cher­che. Schon in die­sem einen Satz wird die Aus­rich­tung des Arti­kels klar, die Ver­mi­schung von Fak­ten, Wahr­hei­ten und Ober­fläch­lich­kei­ten die durch die Prot­ago­nis­ten des Arti­kels immer wie­der spit­zen in die Tiefe schlägt. Ich mag tat­säch­lich die sakrale Stim­mung, eine gewisse Eitel­keit lässt sich auch nicht ver­leug­nen und Nacht­mensch bin ich sowieso. Sado­maso war mei­ner Mei­nung nach nie schwer ange­sagt son­dern nur ein wei­te­res Stil­ele­ment und wurde nur von außen in die Szene pro­ji­ziert. Schwarz sind auch meine Kla­mot­ten und meine Stim­mung auch mal bunt. Das kann ja eine lus­tige Polemik-Collage werden.

Manuela, von der als ers­tes berich­tet wird, zün­det ein wah­res Feu­er­werk der Worte, das die Ein­gangs­the­ma­tik des Unter­ti­tel fort­setzt und gleich eine klare Stoß­rich­tung vor­gibt. Irgend­wie weiß ich jetzt schon wie es wei­ter­geht. Der Arti­kel ist wie ein Sprung vom 5-Meter-Brett. Anfangs sieht man nur die glit­zernde Ober­flä­che die neu­gie­rig und ängst­lich macht, es liegt beim einem selbst ob man den Sprung wagt und wie tief man eintaucht.

Mit 14 Jahren war Manuela klar, daß sie nicht ganz normal ist. Beim ersten richtigen Sex knallte die Peitsche, und vom Taschengeld kaufte sie eine schwarze Lack-Korsage, Ruhe und Entspannung fand die Schülerin auf Friedhöfen. Da liegen auch schon ein paar Freunde von ihr. Zwei hatten sich totgefahren, zwei den goldenen Schuß gesetzt. Da kann man schon depressiv draufkommen, sagt Manuela.

Angebliches Bild aus der Discothek ZwischenfallDie Schlag­worte sind offen­sicht­lich gesetzt. Sex, Peit­sche und Fried­höfe. Tod und Depres­sion. Sowas zieht natür­lich den Leser magisch an, wer ist nicht gie­rig dar­auf zu erfah­ren wie es mit Manuela wei­ter­geht? Wie der Arti­kel wei­ter beschreibt ist Manuela jetzt 18 und mit­ten­drin in der schwar­zen Szene, sie jobbt in einer Kneipe in Wit­ten. Auf einem Bild sieht man sie mit ihrer Zofe Wer­ner, mit dem sie auf dem abend­li­chen Fried­hof die trau­ern­den erschre­cken wol­len. Jetzt wird es lächer­lich, ich ken­nen nie­man­den aus der mir ver­trau­ten Gruftie-Szene der so geklei­det über den Fried­hof schleicht und andere Leute erschreckt, viel­leicht fand man es pas­send, das Paar auf den Fried­hof zu zer­ren um es dort abzu­lich­ten. Nach die­sem Aus­flug in unsin­nige hält man es für sinn­voll, Wer­ner zu Wort kom­men zu las­sen: »Wer­ner ist seit 10 Jah­ren Gru­fie. Er kann die­sen Aus­druck zwar nicht lei­den, aber irgend­wie hat er sich an ihn gewöhnt […] Die ech­ten Gruf­ties seien schließ­lich ganz arme Schlu­cker gewe­sen, die schon im 19. Jahr­hun­dert in Gruf­ten Schutz vor der nächt­li­chen Kälte such­ten.«

Eine Legende? Bleibt frag­lich, die Wort­her­kunft Gruf­tie ist nicht ein­deu­tig geklärt und lässt sich nicht bele­gen, klingt aber zumin­des­tens ein biss­chen Span­nend und lädt gerade dazu ein, etwas über die Bedeu­tung zu erfah­ren. Wer­ner ist cool und wird von den jün­ge­ren als Guru ange­se­hen, weil er Sozi­al­hil­f­emp­fän­ger ist und von einer Party zu nächs­ten fährt, so steht es jeden­falls im Arti­kel. »Wer Guru ist, der kann nicht ein­fach arbei­ten, abprol­len und abspie­ßen«, ist da wei­ter im Arti­kel zu lesen. Nach­dem er klar­stellt, das für ein rich­ti­ges Gruftie-Outfit Lack, Leder, Gummi, Strapse und Sado­maso dazu­ge­hö­ren hört es bei mir ganz auf. Als eine gewisse Kers­tin ins Spiel kommt, wird es aber wie­der ganz schlimm.

Zur Begrüßung legt Manuela auch Kerstin eine Kette um den Hals. Gassi gehen zur Theke. Später darf Kerstin Manuela sogar die Stiefel ablecken. "Voll Geil", sagt sie. Kein Besucher in der Disco stört sich an den drei Freunden. "Das finde ich so gut an der schwarzen Szene", sagt Manuela. "Hier findest du auch Verständnis für diese Art von Sexualität. Hier werde ich deswegen nicht ausgegrenzt.

Das fatale daran ist, das es tat­säch­lich Mitte der 90er zu Strö­mun­gen aus der Fetisch Szene gekom­men ist, die eben diese Gründe anfüh­ren. Es muss jedoch fest­ge­hal­ten wer­den, das die Gothic-Szene oder auch die Gruf­ties nicht nur latente domi­nante oder devote Men­schen behei­ma­tet und beide Szene nicht viel mit­ein­an­der zu tun haben. Der Arti­kel ver­wischt diese Unter­schei­dung jedoch spie­lend und ver­mischt geschickt Fik­tion und Wirk­lich­keit. Die Block­schreib­weise des Arti­kels funk­tio­niert erschre­ckend gut. Nach sen­sa­ti­ons­träch­ti­gem Dar­stel­len einer Jugend, die sich gerne schlägt und ange­leint die Stie­fel sei­ner Her­rin leckt folgt eine kleine Geschichts­stunde bei dem Robert Smith von The Cure die unfrei­wil­lige Haupt­rolle spielt. Der Stern erzählt von den Ursprün­gen der Gruftie-Bewegung:

Punks waren ihnen zu schlampig, Popper zu brav, Mods zu aufgesetzt, Rock 'n' Roller zu bescheuert. Es war die Zeit der "orientierungslosen Jugend". Und es war die Zeit der Anti-Pershing-Demonstrationen, der Atom- und Umweltangst. Und es war die Zeit der großen Jugend-Depression. Die Zeit der Grufties, die den Leitsatz hatten: "Live fast, die young, look pretty! - Lebe schnell, stirb jung, sieh gut aus!".

Bild von Manuela und ihrer Zofe Werner auf dem FriedhofDie Punks, von denen auch übri­gens der Spruch »Live Fast, die young!« stammt sind in der Tat die Mut­ter aller Dinge, die Pop­per pas­sen zeit­lich durch­aus in die Ent­wick­lung, doch was die Mods oder Rock „n” Rol­ler damit zu tun haben ist mir schlei­er­haft. Ronald Rea­gan, Mag­ret That­cher und Hel­mut Kohl sind Per­so­nen, an die ich mich auch noch gut erin­nere und dem stän­di­gen Ab– und Auf­rüs­tungs­wahn, dem dro­hen­den Umwelt­kol­laps und den Demons­tra­tio­nen gegen Atom­kraft­werke. Als Tscher­no­byl dann Rea­li­tät wurde und die Super­märkte ihren Salat ent­sorg­ten war die Depres­sion auch bei mir ange­langt. Alles das lässt sich nicht abstrei­ten. Ich denke, das lässt sich aber nicht an einer Jugend­kul­tur fest­ma­chen son­dern durch­zuckte Deutsch­lands gesamte Jugend und sorgte für nach­hal­tige Ängste. 10 Jahre spä­ter sind die Ängste ver­flo­gen, eine neue Jugend erobert die Szene. »Nur wenige reden noch von Welt­schmerz. Man trifft sich auf Fes­ti­vals oder der Köl­ner Dom­platte […] Man trägt, wor­auf man Lust hat, nur schwarz muß es sein.« Resü­miert auch der Spiegel-Artikel.

Mike ist der ein­zige Licht­blick die­ses Arti­kels. Das er nach der Wende aus­ge­rech­net nach Mön­chen­glad­bach gezo­gen ist dürfte wohl eher Zufall sein, das der Stern seine Woh­nungs­ein­rich­tung die aus schwar­zen Ker­zen, Toten­köp­fen, Kreu­zen und Engels­büs­ten besteht als Gruftie-Kitsch bezeich­net gehört zur bewuss­ten Schreib­weise des Arti­kels und ver­sucht die Aus­sa­gen des Inter­views zu rela­ti­vie­ren. Trotz­dem ist unschwer zu erken­nen das hier viel Wahr­heit und eine unver­mu­tete Por­tion Objek­ti­vi­tät vor­han­den ist.

"In unserer Szene sammeln sich seit jeher die Kleinen, die Sensiblen, Schönen und Verzweifelten. Vor uns hat niemand Angst. Uns kann man getrost verkloppen". [...] Was Mike an der Szene immer schon gestört hat, ist die Coolness. Alle seien so in sich zurückgezogen, "so verdammt mit sich selbst beschäftigt". Das sei ihm aber erst in der BRD so richtig aufgefallen. Stundenlang würden sich die Jungs aus ihren Haaren "Schwalbennester" und "Teller" bauen und dabei dosenweise Haarspray verbrauchen. Auf innere Werte, klagt Mike, komme es überhaupt nicht mehr an. "Wer die geilsten Lack-Klamotten hat, ist in der Szene doch schon der König."

Die Beschrei­bung des Bochu­mer Zwi­schen­fall ist wie­der stüm­per­haft und platt und  ist wie­der der erwar­tete Block vol­ler Belang­lo­sig­kei­ten. Der Arti­kel plät­schert vor sich hin, erzählt vom typi­schen Toten­grä­ber­tanz oder auch vom »andeu­tungs­wei­sen heben der Füße«. Auch die kurze Geschichte von Iris ist zunächst unspek­ta­ku­lär, endet dann aber doch mit dem Finale, der Schlag­zei­len­fin­dung. Selbst­mord ist Out — Das Leben ist cool. War Selbst­mord schon jemals in? Gerne dich­tete man den Musi­ker der Gothic-Szene Selbst­mord­ge­dan­ken an durch die inten­sive musi­ka­li­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der The­ma­tik liegt das ja auch nahe. Selbst­ver­ständ­lich über­trug man die­ses Bild auch auf die Anhän­ger deren Fas­zi­na­tion für das mor­bide allzu gerne mit Todes­sehn­sucht ver­wech­selt wurde. »Frü­her habe ich oft an Selbst­mord gedacht […] Ich dachte, das hast du end­lich deine Ruhe.« meint Iris zu der gan­zen Sache und der Stern schreibt, das die Zeit als in ihrem Freun­des­kreis mit fri­schen Nar­ben an den Puls­adern als Tro­phäen der Hoff­nungs­lo­sig­keit Ein­druck schin­den wollte vor­bei sind. »Selbst­mord ist Out«, sagt Iris. »Das Leben ist cool.«

(Bild­quelle: Mar­kus Mat­zel aus dem Stern–Arti­kel Selbst­mord ist Out — Das Leben ist Cool, August 1996)

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Dunkle Vergangenheit, Schwarze Szene
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16 Kommentare

  1. Mein Gehirn tut weh…

  2. Also Selbst­mord ist (aus ver­schie­de­nen Grün­den) bei Lem­min­gen total angesagt ;)

    aber das passt mal wie­der zum stern und ist durch­aus mit­schuld daran, das es ein so versch*** schlech­tes ver­scho­be­nes bild der sub­kul­tur in der öffent­lich­keit gibt.

  3. Au con­traire: Bei Lem­min­gen ist der Selbst­mord eben­falls irgend­wie so total out…Mit ande­ren Wor­ten: Zum einen ist die Abwan­de­rung not­wen­dig, damit im Unter­schlupf keine Hun­gers­not aus­bricht und zum ande­ren ster­ben diese auf der Wan­de­rung »ledig­lich« auf­grund der fol­gen­den Stra­pa­zen und der blin­den Rase­rei. Aber defi­ni­tiv nicht auf­grund des Selbst­mord­ge­dan­kens ;) Aber wären Lem­minge keine Cho­le­ri­ker, so könn­ten viel­leicht durch­aus wel­che zurück­blei­ben, sich der Zukunfts­angst und Hoff­nungs­lo­sig­keit im Bau her­ge­ben und dann im schwar­zen Pelz dem Selbst­mord verfallen.

    Wie immer finde ich den Arti­kel nied­lich und warte noch auf den Tag, an dem nicht über Gothics, Goths, Gruf­ties oder weiß der Teu­fel berich­tet wird, son­dern über die »schwarze Szene« Aber diese würde wohl im Para­do­xem ihrer Bunt­heit das Welt­bild des geneig­ten Jour­na­lis­ten völ­lig zer­rüt­teln und diese in Sin­neskri­sen stür­zen. Somit wird die­ses wohl –zuguns­ten der jour­na­lis­ti­schen Über­sicht­lich­keit– nie der Fall sein.

    […]Sen­si­blen, Schö­nen und Ver­zwei­fel­ten. Vor uns hat nie­mand Angst. Uns kann man getrost ver­klop­pen[…]
    Das ist eben­falls ein Punkt, den ich nicht ver­stehe. Kann auch sein, dass ich mich zu dezen­ten Macho­ge­habe hin­rei­ßen lasse, aber ich kann nicht nach­voll­zie­hen, warum sich eine Grup­pie­rung frei­wil­lig ihrer Auto­ri­tät beraubt. Im Bezug auf das Gothic­tum liest man das durch­weg in der Presse. Kann mich da zum Bei­spiel auch an eine Schlag­zeile in der Bravo erin­nern –nein, ich besaß die­ses Blatt nie, als ich davon erfuhr war ich dafür zu alt– Auf dem Titel­bild posier­ten drei pos­sier­li­che Tee­nie­goths und ver­kün­de­ten in dem dazu­ge­hö­ri­gen Arti­kel ihre Kli­schee­zer­stö­rungs­the­sen. Haupt­ar­gu­men­ta­ti­ons­stütze war dabei der Satz: »Wir lesen die Bibel. Glau­ben an Gott und sind voll har­mo­nie­be­dürf­tig friedlich…oder so« Man kann ja erwäh­nen, dass man sich in die Augen bli­cken lässt, dass man stu­ben­rein ist und nach gutem Zure­den auch gestrei­chelt wer­den kann. Aber man muss sich doch nicht selbst in den Jagd­schein ein­tra­gen. Wenn ich bei­spiels­weise im Club gute Laune habe und ent­spre­chende Musik läuft, dann will ich nicht den Ein­druck eines fried­lie­ben­den Sen­si­blen erwe­cken. Dann will ich wüten und brau­che 4qm Platz. Und ich denke, diese Men­ta­li­tät spie­gelt sich auch ab und zu in Klei­dung, Mimik und Ges­tik wie­der. Natür­lich braucht man nicht den Kin­der­schreck mimen. Den­noch will ich auch nicht den Ein­druck ver­mit­teln, dass jede Intel­li­genz­bes­tie die meine Nase rich­ten will es auch ein­fach haben wird. Wurde in der Ver­gan­gen­heit ja auch so schon oft genug ver­sucht.
    Ich jeden­falls bin froh dar­über, dass sich man­cher Brau­ner erst in der Gruppe traute mich mit unschö­nen Wor­ten zu lang­wei­len, anstatt gleich so auf mich los­zu­ge­hen. Was wohl der Fall wäre, wenn ich ein: »Ich bin sen­si­bel, ver­zwei­felt, vor mir hat nie­mand Angst, mich kann man getrost ver­prü­geln« ver­kör­pern würde.

    Wäre mal inter­es­sant die Ent­ste­hung des Begrif­fes »Gruf­tie« zu recher­chie­ren. Denn ich kenne den nur als abwer­tende Ver­nied­li­chung. Aber all­mäh­lich gewöhne ich mich daran, dass die­ser gerne im neu­tra­len Kon­text ver­wen­det wird, auch wenn die­ser dabei nicht min­der däm­lich klingt.

    Zudem wäre es inter­es­sant zu wis­sen, wie der Stern mit den ande­ren Sub­kul­tu­ren umsprang. Ob deren Texte auch nur der Ver­brei­tung von Aber­glau­ben dien­ten oder ob sich dort mehr Mühe gege­ben wurde.

  4. Ich find Grufti als Bezeich­nung gar nicht schlimm… Ich find aber Schwuch­tel auch nicht schlimm wenns jemand zu mir sagt.

    Kommt immer drauf an wie man mit sich sel­ber umgeht, gelle ^^

  5. Das ist ein Argu­ment.
    Denn wie jeder Begriff fällt auch die­ser –glück­li­cher Weise– der Selbst­iro­nie zum Opfer. So titu­lierte ich mich bei­spiels­weise, wäh­rend mei­ner letz­ten Stu­di­en­zeit und noch danach, selbst mit den net­tes­ten Wör­tern für Schma­rot­zer­tum aus Poli­tik, Sozi­al­dar­wi­nis­mus oder Bio­ethik.
    Aller­dings werde ich den­noch nicht zu Ver­brei­tung des Gruf­tie bei­tra­gen und die­ses dadurch salon­fä­hig machen. Da ich die Frage »Bist wohl auch Gothic« schon als bitter-süßen Sei­ten­hieb verstehe. ;)

  6. @Karnstein: Ich emp­fehle kühle Umschläge.

    @ZeitUngeist: Belei­di­gun­gen kom­men sowieso nur an, wenn man sich belei­digt fühlt. Ich ver­fahre da nach einem Zugangs­er­schwe­rungs­prin­zip. Belei­di­gun­gen, Sprü­che und Kom­men­tare von Unbe­kannte per­len sowieso ab. Nur Men­schen die mir nahe ste­hen haben über­haupt die Macht mich zu belei­di­gen. Das Funk­tio­niert nicht immer rei­bungs­los, ist aber mein Weg.

    @Guldhan: Die ande­ren Arti­kel habe ich lei­der (noch) nicht. Inter­es­sant ist, das du den Aspekt des »ver­klop­pens« auf­greift. Wenn man so möchte ich die schwarze Szene da sehr viel­fäl­tig. Kör­per­lich ori­en­tierte EBM’ler in Tarn­ho­sen, schwe­ren Stie­fel, Flat­top und BW-Hemd ver­strö­men den äußer­li­chen Hauch laten­ter Gewalt­be­reit­schaft, was natür­lich gar nicht stimmt. Doch die Wir­kung des zer­brech­li­chen, der mit einer Tel­ler­mine auf dem Kopf seine Andro­gyne Figur betont und schwar­zen wei­ten Kla­mot­ten zur Röh­ren­ho­sen, geht eben ver­lo­ren. Zumal man sich wun­dern dürfte, das hin­ter sen­si­bel, ver­zwei­felt und Angst immer noch jemand ste­cken kann, der nicht die andere Wange auch hin­hält.
    Die Wort­her­kunft »Gruf­tie« werde ich klä­ren, daran werde ich mich festbeißen :)

  7. Im Grunde genom­men erst­mal schüt­teln. Dann lese ich das hier

    Was Mike an der Szene immer schon gestört hat, ist die Cool­ness. Alle seien so in sich zurück­ge­zo­gen, “so ver­dammt mit sich selbst beschäftigt”.

    Das stimmt mich nach­denk­lich. Bin ja nun doch noch rela­tiv jung. War die »Szene« frü­her toleranter?

  8. Ich bin ja nun auch nicht gerade ein Grufti des ers­ten Stunde (das Batcave und ich wur­den im glei­chen Jahr gebo­ren ^^), aber mei­ner beschei­de­nen Erfah­rung und vor allem auch dem nach, was ich von älte­ren Bekann­ten gehört und so nach und nach mit­be­kom­men habe war »Tole­ranz« noch nie ein nen­nens­wert gro­ßer Fak­tor. Es gab immer Poser und Wich­tig­tuer, die gruf­ti­ger als alle Ande­ren sein woll­ten und ihre Nase viel zu hoch­ge­tra­gen haben.

    Warum in der Szene stän­dig von Tole­ranz gefa­selt wird, ver­stehe ich ein­fach nicht. Natür­lich wäre das erstre­bens­wert, aber ich halte es ein­fach nicht für gege­ben. Die meis­ten (zumin­dest die Jün­ge­ren) ärgern sich dar­über, dass sie von »Nor­ma­los« nicht tole­riert wer­den, las­sen sich aber bei jeder sich bie­ten­den Gele­gen­heit über Hip-Hopser und Emos aus. Ist das tole­rant?
    Wie sollte jemand, mit einer sol­chen Geis­tes­hal­tung plötz­lich inner­halb der eige­nen Szene ein grö­ße­res Maß an Tole­ranz zeigen?

    Ich wär gern tole­ran­ter — bin ich aber nicht. In wie außer­halb der Szene gibt es Leute, Stile und Gesin­nun­gen, die ich ein­fach nicht lei­den kann. Und ich glaube, das ist bei quasi jedem so, nur sind die wenigs­ten so ehr­lich, und ste­hen dazu…

  9. Danke von Karn­stein für den Kommentar.

  10. Tole­ranz scheint sich über die Jahre hin­weg zum Mode­wort erho­ben zu haben. Oder bes­ser gesagt: wurde erho­ben. Es ist ein gutes Tot­schlag­ar­gu­ment, um sich bei Anfein­dun­gen in der Opfer­rolle gefal­len zu kön­nen. Denn wer tole­rant ist, kann schließ­lich auch auf die Tole­ranz der ande­ren beste­hen. Aller­dings sah ich noch keine wirk­li­che Deckungs­gleich­heit zwi­schen dem Wort Tole­ranz auf der Fahne und der Men­ta­li­tät des jewei­li­gen Fah­nen­schwin­gers.
    Ich per­sön­lich ver­spüre kei­nen gro­ßen Hang zur Tole­ranz. Brüste mich aber nicht mit dem Begriff. Warum auch. Tole­ranz von sei­nem Kern her begrün­det ent­we­der auf Gleich­gül­tig­keit oder Mei­nungsa­pa­thie.
    Wie es in der Szene Anfang 90 in Mit­tel­deutsch­land mit der Tole­ranz aus­sah, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Sub­jek­tiv gese­hen weiß ich nur, dass mir die Szene an sich älter, gelas­se­ner und freier vor­kam. Nicht so ver­mark­tet, tra­di­ti­ons­las­tig und jugend­kult­be­haf­tet wie heu­tet. Aber auch ich glaube, dass Tole­ranz schon damals keine große Rolle spielte. Zumin­dest die Tole­ranz nach »drau­ßen«
    Zudem will ich per­sön­lich auch nicht tole­riert wer­den. Ent­we­der man akzep­tiert mich wegen mei­nes Wesens oder hat eben Pech gehabt. Ein Den­ken, dass in der älte­ren Gene­ra­tion wahr­schein­lich ver­brei­te­ter ist als bei der Jugend. Wel­che es ja stel­len­weise schon recht emo­tio­nal stim­men kann, wenn sie kon­tro­verse Kri­tik bezüg­lich ihres Äuße­ren erhält.
    Into­le­rant zu sein heißt ja auch nicht, dass man stän­dig auf Con­tra aus ist. Es beinhal­tete allein die eigene Anfor­de­rung andere Mei­nun­gen oder Dinge nach Akzep­tanz oder Nicht­ak­zep­tanz ein­zu­glie­dern. Wie man oder ob man das dann zum Aus­druck bringt, ist jedem selbst überlassen.

  11. @Moonica: Tole­ran­ter war die Szene auch mei­ner Erfah­rung nie. Frü­her waren es eben nicht die Emo’s und Hip-Hopper son­dern die Pop­per und Rocker. Ich muss jedoch sagen, das die Szene inner­halb homo­ge­ner war, was daran lag das man damals Gruf­tie oder Waver war, mehr gab es ein­fach nicht. Die Kate­go­ri­sie­rung ist eine Erfin­dung der Neu­zeit, auch das andere musi­ka­li­sche Ein­flüsse unter das Häub­chen gepackt wur­den, ist erst seit den 90er so stark. Man war auch ein wenig kon­takt­freu­di­ger, obwohl nicht weni­ger introvertiert.

    @Karnstein: Wie schon bei Moo­nica kom­men­tiert, ist die Tole­ranz von frü­her Über­be­wer­tet. Doch inner­halb der Szene war alles irgend­wie run­der, was daran liegt das man sich musi­ka­lisch ziem­lich einig war. Klar, hoch­nä­sige Poser gab es immer schon, wird es auch immer geben. Eine Szene ist immer halb so eli­tär wie sie sich gibt. Tole­ranz wird mei­ner nach nur falsch gedeu­tet und mit Akzep­tanz ver­wech­selt. Ich kann die meis­ten Men­schen um mich herum akzep­tie­ren, tole­riere aber nicht jede Ver­hal­tens­weise, da bin ich wie jeder andere Mensch die­ses Pla­ne­ten. Die fal­sche Aus­le­gung des Begrif­fes Tole­ranz ist auch ein deut­sches Phä­no­men, denn nir­gendwo bekommt man das so ein­ge­bläut wie hier. Ein fal­sches Wort, schon wirst du eine ras­sis­ti­sche Schub­lade gesteckt, ein Fun­ken der Kri­tik, schon bist du into­le­rant. Alles quatsch mei­ner Mei­nung nach.

    @Guldhan: Stimmt, Tole­ranz ist ein Mode­wort oder sogar noch mehr, ein Dogma. Sehr wir die Tole­ranz tech­nisch wird es ein­fa­cher. Eine defi­nierte Abwei­chung von einer vor­ge­ge­be­nen Maß­ein­heit. Spre­chen wir von Tole­ranz inner­halb der Gothic-Szene so geht für den Gruf­tie auch Wavige oder Syn­th­pop­pige Musik in Ord­nung, Techno fällt aber her­aus.
    Der Begriff Akzep­tanz ist da schon brei­ter und deckt wesent­lich mehr ab. Akzep­tanz heißt für mich etwas hin­zu­neh­men und mich damit abzu­fin­den. Inters­sant finde ich den Gedan­ken der Tole­ranz einem selbst gegen­über. Wie du schon sagst: »Zudem will ich per­sön­lich auch nicht tole­riert wer­den.« Das möchte ich eben auch nicht und wei­che des­halb ab von der fest­ge­leg­ten gesell­schaft­li­chen Maß­ein­heit. Akzep­tanz ist doch ange­bracht und was ich selbst ver­lange, das muss ich auch ande­ren eingestehen.

  12. Hallo in die Runde,
    ich bezeichne mich als »Schwarze« – so gehe ich jedem Miss­ver­ständ­nis aus dem Weg, habe aber auch kein Pro­blem mit dem Grufti.
    Natür­lich ist der Umgang mit der eige­nen End­lich­keit (für mich) exis­ten­zi­el­ler Bestand­teil der schwar­zen Gemein­schaft. Gleich­wohl ist Selbst­mord nur in sehr engen Schran­ken ein »guter Weg«. Ich habe im mei­nem Buch »Das Selbst war ein Grufti« die Geschichte einer unheil­bar Krebs­kran­ken ver­ar­bei­tet, die ihr eige­nes Able­ben nur um maxi­mal Wochen vor­ge­zo­gen hat. So etwas gehört für mich auch zu mei­ner schwar­zen Gemeinschaft!

  13. Hallo Ste­fa­nie Neuberg,

    nicht nur für Dich ist der Umgang mit der eige­nen End­lich­keit ein wich­ti­ger Bestand­teil der Szene, son­dern auch für mich. Ich stimme Dir auch zu, das Selbst­mord kein guter Weg sein kann. Etwas ver­wirrt bin ich durch dei­nen letz­ten Satz, gehört das vor­zei­tige Able­ben einer unheil­ba­ren Krebs­kran­ken die ihr Lei­den been­det zur schwar­zen Gemeinschaft?

    Reden wir von akti­ver Ster­be­hilfe, so hat das nicht nur etwas mit der schwar­zen Szene zu tun. Ich habe Dein Buch nicht gele­sen, bezwei­fele aber, das Ster­be­hilfe, Selbst­mord oder auch vor­zei­ti­ges Able­ben unmit­tel­bar mit dem »Gothic« als sol­chen ver­bun­den bist. Ein Aus­ein­an­der­set­zung damit sehr wohl, nicht jedoch die Durchführung.

  14. @von Karn­stein: Das Gehirn hat kein Schmerz­emp­fin­den.
    @Stefanie Neu­berg: Der Umgang mit der End­lich­keit ist seit Men­schen­ge­den­ken ein Thema, und ein Haupt­thema aller Welt­re­li­gio­nen. Und Selbst­mord gibt es in allen Gesell­schafts­be­rei­chen. Ist also kein Exklu­siv­thema für »Gruftis«.

  15. @Robert: Du sollst mein Buch auch nicht lesen(war je keine Wer­bung). Ich meinte auch keine aktive Ster­be­hilfe, son­dern nur den rel. nüch­ter­nen Umgang mit der (eige­nen) End­lich­keit. Die­ser ist in der schwar­zen Gemein­schaft, zumin­dest in der mir bekann­ten, ganz selbst­ver­ständ­lich — ohne die­ses Ende mög­lichst schnell zu errei­chen … ganz im Gege­gen­teil! Mehr in dem Ver­ständ­nis, dass jeder Tag der letzte Tag sein könnte: Lebe bewusst. Mehr meinte ich nicht.

  16. @Stefanie: Da habe ich Dich miss­ver­stan­den. Ich würde sogar noch einen Schritt wei­ter­ge­hen, nicht nur die eigene End­lich­keit ist im schwar­zen Bewusst­sein, son­dern auch der The­ma­ti­sche Umgang damit. Die her­an­ge­hens­weise der schwar­zen Szene ist daher eher eine ästhe­ti­sche, aber das lässt sich vor­treff­lich aus­dis­ku­tie­ren.
    Ob wir dadurch bewuss­ter Leben, lasse ich mal dahin­ge­stellt — ich denke das ist rela­tiv indi­vi­du­ell. Wün­schens­wert wäre es allemal :)

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