12 Februar
Selbstmord ist out - Das Leben ist cool
Deutschland 1996, die Gothic-Szene befindet sich im inneren Wandel. Von der Ursprüngen ist nicht mehr viel zu spüren immer mehr Stile drängen in die nunmehr schwarze Szene, die Begrifflichkeit Gothic ist nur noch ein Wort. Der Stern beleuchtet die deutschen Jugendszenen, in der 7. Folge sind die Grufties an der Reihe. Der Stern, der sich schon in der Vergangenheit immer wieder einen Namen mit kontroversen Veröffentlichungen gemacht hat und einige Minuspunkte in Sache Enthüllungsjournalismus für sich verbuchen kann, wagt sich an die Jugendszenen. In den 80er erst das umstrittene Bild vom toten Barschel, dann der unglaublich große Reinfall mit den Hitler-Tagebüchern. Das kann ja heiter werden.
»Sie mögen Grabesstimmung und düstere Musik, sind eitel und selbstverliebt. Grufties sind Nachtmenschen. Sadomaso ist schwer angesagt. Schwarz ist ihr Outfit, aber nicht mehr ihre Stimmung. Der größte Horror für einen Gruftie ist es, wie ein Spießer zu leben.« Mir fällt gleich beim Untertitel auf, das wir in Sachen Gruftie-Journalismus ein neues Stadium erreichen, die polemische Oberflächenrecherche. Schon in diesem einen Satz wird die Ausrichtung des Artikels klar, die Vermischung von Fakten, Wahrheiten und Oberflächlichkeiten die durch die Protagonisten des Artikels immer wieder spitzen in die Tiefe schlägt. Ich mag tatsächlich die sakrale Stimmung, eine gewisse Eitelkeit lässt sich auch nicht verleugnen und Nachtmensch bin ich sowieso. Sadomaso war meiner Meinung nach nie schwer angesagt sondern nur ein weiteres Stilelement und wurde nur von außen in die Szene projiziert. Schwarz sind auch meine Klamotten und meine Stimmung auch mal bunt. Das kann ja eine lustige Polemik-Collage werden.
Manuela, von der als erstes berichtet wird, zündet ein wahres Feuerwerk der Worte, das die Eingangsthematik des Untertitel fortsetzt und gleich eine klare Stoßrichtung vorgibt. Irgendwie weiß ich jetzt schon wie es weitergeht. Der Artikel ist wie ein Sprung vom 5-Meter-Brett. Anfangs sieht man nur die glitzernde Oberfläche die neugierig und ängstlich macht, es liegt beim einem selbst ob man den Sprung wagt und wie tief man eintaucht.
Mit 14 Jahren war Manuela klar, daß sie nicht ganz normal ist. Beim ersten richtigen Sex knallte die Peitsche, und vom Taschengeld kaufte sie eine schwarze Lack-Korsage, Ruhe und Entspannung fand die Schülerin auf Friedhöfen. Da liegen auch schon ein paar Freunde von ihr. Zwei hatten sich totgefahren, zwei den goldenen Schuß gesetzt. Da kann man schon depressiv draufkommen, sagt Manuela.
Die Schlagworte sind offensichtlich gesetzt. Sex, Peitsche und Friedhöfe. Tod und Depression. Sowas zieht natürlich den Leser magisch an, wer ist nicht gierig darauf zu erfahren wie es mit Manuela weitergeht? Wie der Artikel weiter beschreibt ist Manuela jetzt 18 und mittendrin in der schwarzen Szene, sie jobbt in einer Kneipe in Witten. Auf einem Bild sieht man sie mit ihrer Zofe Werner, mit dem sie auf dem abendlichen Friedhof die trauernden erschrecken wollen. Jetzt wird es lächerlich, ich kennen niemanden aus der mir vertrauten Gruftie-Szene der so gekleidet über den Friedhof schleicht und andere Leute erschreckt, vielleicht fand man es passend, das Paar auf den Friedhof zu zerren um es dort abzulichten. Nach diesem Ausflug in unsinnige hält man es für sinnvoll, Werner zu Wort kommen zu lassen: »Werner ist seit 10 Jahren Grufie. Er kann diesen Ausdruck zwar nicht leiden, aber irgendwie hat er sich an ihn gewöhnt […] Die echten Grufties seien schließlich ganz arme Schlucker gewesen, die schon im 19. Jahrhundert in Gruften Schutz vor der nächtlichen Kälte suchten.«
Eine Legende? Bleibt fraglich, die Wortherkunft Gruftie ist nicht eindeutig geklärt und lässt sich nicht belegen, klingt aber zumindestens ein bisschen Spannend und lädt gerade dazu ein, etwas über die Bedeutung zu erfahren. Werner ist cool und wird von den jüngeren als Guru angesehen, weil er Sozialhilfempfänger ist und von einer Party zu nächsten fährt, so steht es jedenfalls im Artikel. »Wer Guru ist, der kann nicht einfach arbeiten, abprollen und abspießen«, ist da weiter im Artikel zu lesen. Nachdem er klarstellt, das für ein richtiges Gruftie-Outfit Lack, Leder, Gummi, Strapse und Sadomaso dazugehören hört es bei mir ganz auf. Als eine gewisse Kerstin ins Spiel kommt, wird es aber wieder ganz schlimm.
Zur Begrüßung legt Manuela auch Kerstin eine Kette um den Hals. Gassi gehen zur Theke. Später darf Kerstin Manuela sogar die Stiefel ablecken. "Voll Geil", sagt sie. Kein Besucher in der Disco stört sich an den drei Freunden. "Das finde ich so gut an der schwarzen Szene", sagt Manuela. "Hier findest du auch Verständnis für diese Art von Sexualität. Hier werde ich deswegen nicht ausgegrenzt.
Das fatale daran ist, das es tatsächlich Mitte der 90er zu Strömungen aus der Fetisch Szene gekommen ist, die eben diese Gründe anführen. Es muss jedoch festgehalten werden, das die Gothic-Szene oder auch die Grufties nicht nur latente dominante oder devote Menschen beheimatet und beide Szene nicht viel miteinander zu tun haben. Der Artikel verwischt diese Unterscheidung jedoch spielend und vermischt geschickt Fiktion und Wirklichkeit. Die Blockschreibweise des Artikels funktioniert erschreckend gut. Nach sensationsträchtigem Darstellen einer Jugend, die sich gerne schlägt und angeleint die Stiefel seiner Herrin leckt folgt eine kleine Geschichtsstunde bei dem Robert Smith von The Cure die unfreiwillige Hauptrolle spielt. Der Stern erzählt von den Ursprüngen der Gruftie-Bewegung:
Punks waren ihnen zu schlampig, Popper zu brav, Mods zu aufgesetzt, Rock 'n' Roller zu bescheuert. Es war die Zeit der "orientierungslosen Jugend". Und es war die Zeit der Anti-Pershing-Demonstrationen, der Atom- und Umweltangst. Und es war die Zeit der großen Jugend-Depression. Die Zeit der Grufties, die den Leitsatz hatten: "Live fast, die young, look pretty! - Lebe schnell, stirb jung, sieh gut aus!".
Die Punks, von denen auch übrigens der Spruch »Live Fast, die young!« stammt sind in der Tat die Mutter aller Dinge, die Popper passen zeitlich durchaus in die Entwicklung, doch was die Mods oder Rock „n” Roller damit zu tun haben ist mir schleierhaft. Ronald Reagan, Magret Thatcher und Helmut Kohl sind Personen, an die ich mich auch noch gut erinnere und dem ständigen Ab– und Aufrüstungswahn, dem drohenden Umweltkollaps und den Demonstrationen gegen Atomkraftwerke. Als Tschernobyl dann Realität wurde und die Supermärkte ihren Salat entsorgten war die Depression auch bei mir angelangt. Alles das lässt sich nicht abstreiten. Ich denke, das lässt sich aber nicht an einer Jugendkultur festmachen sondern durchzuckte Deutschlands gesamte Jugend und sorgte für nachhaltige Ängste. 10 Jahre später sind die Ängste verflogen, eine neue Jugend erobert die Szene. »Nur wenige reden noch von Weltschmerz. Man trifft sich auf Festivals oder der Kölner Domplatte […] Man trägt, worauf man Lust hat, nur schwarz muß es sein.« Resümiert auch der Spiegel-Artikel.
Mike ist der einzige Lichtblick dieses Artikels. Das er nach der Wende ausgerechnet nach Mönchengladbach gezogen ist dürfte wohl eher Zufall sein, das der Stern seine Wohnungseinrichtung die aus schwarzen Kerzen, Totenköpfen, Kreuzen und Engelsbüsten besteht als Gruftie-Kitsch bezeichnet gehört zur bewussten Schreibweise des Artikels und versucht die Aussagen des Interviews zu relativieren. Trotzdem ist unschwer zu erkennen das hier viel Wahrheit und eine unvermutete Portion Objektivität vorhanden ist.
"In unserer Szene sammeln sich seit jeher die Kleinen, die Sensiblen, Schönen und Verzweifelten. Vor uns hat niemand Angst. Uns kann man getrost verkloppen". [...] Was Mike an der Szene immer schon gestört hat, ist die Coolness. Alle seien so in sich zurückgezogen, "so verdammt mit sich selbst beschäftigt". Das sei ihm aber erst in der BRD so richtig aufgefallen. Stundenlang würden sich die Jungs aus ihren Haaren "Schwalbennester" und "Teller" bauen und dabei dosenweise Haarspray verbrauchen. Auf innere Werte, klagt Mike, komme es überhaupt nicht mehr an. "Wer die geilsten Lack-Klamotten hat, ist in der Szene doch schon der König."
Die Beschreibung des Bochumer Zwischenfall ist wieder stümperhaft und platt und ist wieder der erwartete Block voller Belanglosigkeiten. Der Artikel plätschert vor sich hin, erzählt vom typischen Totengräbertanz oder auch vom »andeutungsweisen heben der Füße«. Auch die kurze Geschichte von Iris ist zunächst unspektakulär, endet dann aber doch mit dem Finale, der Schlagzeilenfindung. Selbstmord ist Out — Das Leben ist cool. War Selbstmord schon jemals in? Gerne dichtete man den Musiker der Gothic-Szene Selbstmordgedanken an durch die intensive musikalische Auseinandersetzung mit der Thematik liegt das ja auch nahe. Selbstverständlich übertrug man dieses Bild auch auf die Anhänger deren Faszination für das morbide allzu gerne mit Todessehnsucht verwechselt wurde. »Früher habe ich oft an Selbstmord gedacht […] Ich dachte, das hast du endlich deine Ruhe.« meint Iris zu der ganzen Sache und der Stern schreibt, das die Zeit als in ihrem Freundeskreis mit frischen Narben an den Pulsadern als Trophäen der Hoffnungslosigkeit Eindruck schinden wollte vorbei sind. »Selbstmord ist Out«, sagt Iris. »Das Leben ist cool.«
(Bildquelle: Markus Matzel aus dem Stern–Artikel Selbstmord ist Out — Das Leben ist Cool, August 1996)
Veröffentlicht von Robert
Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch
auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.
Kategorie: Dunkle Vergangenheit, Schwarze Szene
Schlagwort: Gothic, Gruft, Jugendszenen, Stern


hat bereits 162 Kommentare abgegeben und schrieb am 13. Februar 2010 um 18:59:
Mein Gehirn tut weh…
hat bereits 25 Kommentare abgegeben und schrieb am 16. Februar 2010 um 11:09:
Also Selbstmord ist (aus verschiedenen Gründen) bei Lemmingen total angesagt ;)
aber das passt mal wieder zum stern und ist durchaus mitschuld daran, das es ein so versch*** schlechtes verschobenes bild der subkultur in der öffentlichkeit gibt.
hat bereits 306 Kommentare abgegeben und schrieb am 16. Februar 2010 um 18:54:
Au contraire: Bei Lemmingen ist der Selbstmord ebenfalls irgendwie so total out…Mit anderen Worten: Zum einen ist die Abwanderung notwendig, damit im Unterschlupf keine Hungersnot ausbricht und zum anderen sterben diese auf der Wanderung »lediglich« aufgrund der folgenden Strapazen und der blinden Raserei. Aber definitiv nicht aufgrund des Selbstmordgedankens ;) Aber wären Lemminge keine Choleriker, so könnten vielleicht durchaus welche zurückbleiben, sich der Zukunftsangst und Hoffnungslosigkeit im Bau hergeben und dann im schwarzen Pelz dem Selbstmord verfallen.
Wie immer finde ich den Artikel niedlich und warte noch auf den Tag, an dem nicht über Gothics, Goths, Grufties oder weiß der Teufel berichtet wird, sondern über die »schwarze Szene« Aber diese würde wohl im Paradoxem ihrer Buntheit das Weltbild des geneigten Journalisten völlig zerrütteln und diese in Sinneskrisen stürzen. Somit wird dieses wohl –zugunsten der journalistischen Übersichtlichkeit– nie der Fall sein.
[…]Sensiblen, Schönen und Verzweifelten. Vor uns hat niemand Angst. Uns kann man getrost verkloppen[…]
Das ist ebenfalls ein Punkt, den ich nicht verstehe. Kann auch sein, dass ich mich zu dezenten Machogehabe hinreißen lasse, aber ich kann nicht nachvollziehen, warum sich eine Gruppierung freiwillig ihrer Autorität beraubt. Im Bezug auf das Gothictum liest man das durchweg in der Presse. Kann mich da zum Beispiel auch an eine Schlagzeile in der Bravo erinnern –nein, ich besaß dieses Blatt nie, als ich davon erfuhr war ich dafür zu alt– Auf dem Titelbild posierten drei possierliche Teeniegoths und verkündeten in dem dazugehörigen Artikel ihre Klischeezerstörungsthesen. Hauptargumentationsstütze war dabei der Satz: »Wir lesen die Bibel. Glauben an Gott und sind voll harmoniebedürftig friedlich…oder so« Man kann ja erwähnen, dass man sich in die Augen blicken lässt, dass man stubenrein ist und nach gutem Zureden auch gestreichelt werden kann. Aber man muss sich doch nicht selbst in den Jagdschein eintragen. Wenn ich beispielsweise im Club gute Laune habe und entsprechende Musik läuft, dann will ich nicht den Eindruck eines friedliebenden Sensiblen erwecken. Dann will ich wüten und brauche 4qm Platz. Und ich denke, diese Mentalität spiegelt sich auch ab und zu in Kleidung, Mimik und Gestik wieder. Natürlich braucht man nicht den Kinderschreck mimen. Dennoch will ich auch nicht den Eindruck vermitteln, dass jede Intelligenzbestie die meine Nase richten will es auch einfach haben wird. Wurde in der Vergangenheit ja auch so schon oft genug versucht.
Ich jedenfalls bin froh darüber, dass sich mancher Brauner erst in der Gruppe traute mich mit unschönen Worten zu langweilen, anstatt gleich so auf mich loszugehen. Was wohl der Fall wäre, wenn ich ein: »Ich bin sensibel, verzweifelt, vor mir hat niemand Angst, mich kann man getrost verprügeln« verkörpern würde.
Wäre mal interessant die Entstehung des Begriffes »Gruftie« zu recherchieren. Denn ich kenne den nur als abwertende Verniedlichung. Aber allmählich gewöhne ich mich daran, dass dieser gerne im neutralen Kontext verwendet wird, auch wenn dieser dabei nicht minder dämlich klingt.
Zudem wäre es interessant zu wissen, wie der Stern mit den anderen Subkulturen umsprang. Ob deren Texte auch nur der Verbreitung von Aberglauben dienten oder ob sich dort mehr Mühe gegeben wurde.
hat bereits 25 Kommentare abgegeben und schrieb am 17. Februar 2010 um 12:21:
Ich find Grufti als Bezeichnung gar nicht schlimm… Ich find aber Schwuchtel auch nicht schlimm wenns jemand zu mir sagt.
Kommt immer drauf an wie man mit sich selber umgeht, gelle ^^
hat bereits 306 Kommentare abgegeben und schrieb am 17. Februar 2010 um 15:51:
Das ist ein Argument.
Denn wie jeder Begriff fällt auch dieser –glücklicher Weise– der Selbstironie zum Opfer. So titulierte ich mich beispielsweise, während meiner letzten Studienzeit und noch danach, selbst mit den nettesten Wörtern für Schmarotzertum aus Politik, Sozialdarwinismus oder Bioethik.
Allerdings werde ich dennoch nicht zu Verbreitung des Gruftie beitragen und dieses dadurch salonfähig machen. Da ich die Frage »Bist wohl auch Gothic« schon als bitter-süßen Seitenhieb verstehe. ;)
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 17. Februar 2010 um 19:38:
@Karnstein: Ich empfehle kühle Umschläge.
@ZeitUngeist: Beleidigungen kommen sowieso nur an, wenn man sich beleidigt fühlt. Ich verfahre da nach einem Zugangserschwerungsprinzip. Beleidigungen, Sprüche und Kommentare von Unbekannte perlen sowieso ab. Nur Menschen die mir nahe stehen haben überhaupt die Macht mich zu beleidigen. Das Funktioniert nicht immer reibungslos, ist aber mein Weg.
@Guldhan: Die anderen Artikel habe ich leider (noch) nicht. Interessant ist, das du den Aspekt des »verkloppens« aufgreift. Wenn man so möchte ich die schwarze Szene da sehr vielfältig. Körperlich orientierte EBM’ler in Tarnhosen, schweren Stiefel, Flattop und BW-Hemd verströmen den äußerlichen Hauch latenter Gewaltbereitschaft, was natürlich gar nicht stimmt. Doch die Wirkung des zerbrechlichen, der mit einer Tellermine auf dem Kopf seine Androgyne Figur betont und schwarzen weiten Klamotten zur Röhrenhosen, geht eben verloren. Zumal man sich wundern dürfte, das hinter sensibel, verzweifelt und Angst immer noch jemand stecken kann, der nicht die andere Wange auch hinhält.
Die Wortherkunft »Gruftie« werde ich klären, daran werde ich mich festbeißen :)
hat bereits 25 Kommentare abgegeben und schrieb am 19. Februar 2010 um 22:00:
Im Grunde genommen erstmal schütteln. Dann lese ich das hier
Was Mike an der Szene immer schon gestört hat, ist die Coolness. Alle seien so in sich zurückgezogen, “so verdammt mit sich selbst beschäftigt”.
Das stimmt mich nachdenklich. Bin ja nun doch noch relativ jung. War die »Szene« früher toleranter?
hat bereits 162 Kommentare abgegeben und schrieb am 20. Februar 2010 um 14:21:
Ich bin ja nun auch nicht gerade ein Grufti des ersten Stunde (das Batcave und ich wurden im gleichen Jahr geboren ^^), aber meiner bescheidenen Erfahrung und vor allem auch dem nach, was ich von älteren Bekannten gehört und so nach und nach mitbekommen habe war »Toleranz« noch nie ein nennenswert großer Faktor. Es gab immer Poser und Wichtigtuer, die gruftiger als alle Anderen sein wollten und ihre Nase viel zu hochgetragen haben.
Warum in der Szene ständig von Toleranz gefaselt wird, verstehe ich einfach nicht. Natürlich wäre das erstrebenswert, aber ich halte es einfach nicht für gegeben. Die meisten (zumindest die Jüngeren) ärgern sich darüber, dass sie von »Normalos« nicht toleriert werden, lassen sich aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit über Hip-Hopser und Emos aus. Ist das tolerant?
Wie sollte jemand, mit einer solchen Geisteshaltung plötzlich innerhalb der eigenen Szene ein größeres Maß an Toleranz zeigen?
Ich wär gern toleranter — bin ich aber nicht. In wie außerhalb der Szene gibt es Leute, Stile und Gesinnungen, die ich einfach nicht leiden kann. Und ich glaube, das ist bei quasi jedem so, nur sind die wenigsten so ehrlich, und stehen dazu…
hat bereits 25 Kommentare abgegeben und schrieb am 20. Februar 2010 um 16:12:
Danke von Karnstein für den Kommentar.
hat bereits 306 Kommentare abgegeben und schrieb am 20. Februar 2010 um 16:33:
Toleranz scheint sich über die Jahre hinweg zum Modewort erhoben zu haben. Oder besser gesagt: wurde erhoben. Es ist ein gutes Totschlagargument, um sich bei Anfeindungen in der Opferrolle gefallen zu können. Denn wer tolerant ist, kann schließlich auch auf die Toleranz der anderen bestehen. Allerdings sah ich noch keine wirkliche Deckungsgleichheit zwischen dem Wort Toleranz auf der Fahne und der Mentalität des jeweiligen Fahnenschwingers.
Ich persönlich verspüre keinen großen Hang zur Toleranz. Brüste mich aber nicht mit dem Begriff. Warum auch. Toleranz von seinem Kern her begründet entweder auf Gleichgültigkeit oder Meinungsapathie.
Wie es in der Szene Anfang 90 in Mitteldeutschland mit der Toleranz aussah, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Subjektiv gesehen weiß ich nur, dass mir die Szene an sich älter, gelassener und freier vorkam. Nicht so vermarktet, traditionslastig und jugendkultbehaftet wie heutet. Aber auch ich glaube, dass Toleranz schon damals keine große Rolle spielte. Zumindest die Toleranz nach »draußen«
Zudem will ich persönlich auch nicht toleriert werden. Entweder man akzeptiert mich wegen meines Wesens oder hat eben Pech gehabt. Ein Denken, dass in der älteren Generation wahrscheinlich verbreiteter ist als bei der Jugend. Welche es ja stellenweise schon recht emotional stimmen kann, wenn sie kontroverse Kritik bezüglich ihres Äußeren erhält.
Intolerant zu sein heißt ja auch nicht, dass man ständig auf Contra aus ist. Es beinhaltete allein die eigene Anforderung andere Meinungen oder Dinge nach Akzeptanz oder Nichtakzeptanz einzugliedern. Wie man oder ob man das dann zum Ausdruck bringt, ist jedem selbst überlassen.
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 20. Februar 2010 um 19:16:
@Moonica: Toleranter war die Szene auch meiner Erfahrung nie. Früher waren es eben nicht die Emo’s und Hip-Hopper sondern die Popper und Rocker. Ich muss jedoch sagen, das die Szene innerhalb homogener war, was daran lag das man damals Gruftie oder Waver war, mehr gab es einfach nicht. Die Kategorisierung ist eine Erfindung der Neuzeit, auch das andere musikalische Einflüsse unter das Häubchen gepackt wurden, ist erst seit den 90er so stark. Man war auch ein wenig kontaktfreudiger, obwohl nicht weniger introvertiert.
@Karnstein: Wie schon bei Moonica kommentiert, ist die Toleranz von früher Überbewertet. Doch innerhalb der Szene war alles irgendwie runder, was daran liegt das man sich musikalisch ziemlich einig war. Klar, hochnäsige Poser gab es immer schon, wird es auch immer geben. Eine Szene ist immer halb so elitär wie sie sich gibt. Toleranz wird meiner nach nur falsch gedeutet und mit Akzeptanz verwechselt. Ich kann die meisten Menschen um mich herum akzeptieren, toleriere aber nicht jede Verhaltensweise, da bin ich wie jeder andere Mensch dieses Planeten. Die falsche Auslegung des Begriffes Toleranz ist auch ein deutsches Phänomen, denn nirgendwo bekommt man das so eingebläut wie hier. Ein falsches Wort, schon wirst du eine rassistische Schublade gesteckt, ein Funken der Kritik, schon bist du intolerant. Alles quatsch meiner Meinung nach.
@Guldhan: Stimmt, Toleranz ist ein Modewort oder sogar noch mehr, ein Dogma. Sehr wir die Toleranz technisch wird es einfacher. Eine definierte Abweichung von einer vorgegebenen Maßeinheit. Sprechen wir von Toleranz innerhalb der Gothic-Szene so geht für den Gruftie auch Wavige oder Synthpoppige Musik in Ordnung, Techno fällt aber heraus.
Der Begriff Akzeptanz ist da schon breiter und deckt wesentlich mehr ab. Akzeptanz heißt für mich etwas hinzunehmen und mich damit abzufinden. Interssant finde ich den Gedanken der Toleranz einem selbst gegenüber. Wie du schon sagst: »Zudem will ich persönlich auch nicht toleriert werden.« Das möchte ich eben auch nicht und weiche deshalb ab von der festgelegten gesellschaftlichen Maßeinheit. Akzeptanz ist doch angebracht und was ich selbst verlange, das muss ich auch anderen eingestehen.
hat bereits 2 Kommentare abgegeben und schrieb am 15. August 2010 um 22:04:
Hallo in die Runde,
ich bezeichne mich als »Schwarze« – so gehe ich jedem Missverständnis aus dem Weg, habe aber auch kein Problem mit dem Grufti.
Natürlich ist der Umgang mit der eigenen Endlichkeit (für mich) existenzieller Bestandteil der schwarzen Gemeinschaft. Gleichwohl ist Selbstmord nur in sehr engen Schranken ein »guter Weg«. Ich habe im meinem Buch »Das Selbst war ein Grufti« die Geschichte einer unheilbar Krebskranken verarbeitet, die ihr eigenes Ableben nur um maximal Wochen vorgezogen hat. So etwas gehört für mich auch zu meiner schwarzen Gemeinschaft!
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 27. August 2010 um 03:22:
Hallo Stefanie Neuberg,
nicht nur für Dich ist der Umgang mit der eigenen Endlichkeit ein wichtiger Bestandteil der Szene, sondern auch für mich. Ich stimme Dir auch zu, das Selbstmord kein guter Weg sein kann. Etwas verwirrt bin ich durch deinen letzten Satz, gehört das vorzeitige Ableben einer unheilbaren Krebskranken die ihr Leiden beendet zur schwarzen Gemeinschaft?
Reden wir von aktiver Sterbehilfe, so hat das nicht nur etwas mit der schwarzen Szene zu tun. Ich habe Dein Buch nicht gelesen, bezweifele aber, das Sterbehilfe, Selbstmord oder auch vorzeitiges Ableben unmittelbar mit dem »Gothic« als solchen verbunden bist. Ein Auseinandersetzung damit sehr wohl, nicht jedoch die Durchführung.
hat bereits 259 Kommentare abgegeben und schrieb am 27. August 2010 um 22:13:
@von Karnstein: Das Gehirn hat kein Schmerzempfinden.
@Stefanie Neuberg: Der Umgang mit der Endlichkeit ist seit Menschengedenken ein Thema, und ein Hauptthema aller Weltreligionen. Und Selbstmord gibt es in allen Gesellschaftsbereichen. Ist also kein Exklusivthema für »Gruftis«.
hat bereits 2 Kommentare abgegeben und schrieb am 29. August 2010 um 10:27:
@Robert: Du sollst mein Buch auch nicht lesen(war je keine Werbung). Ich meinte auch keine aktive Sterbehilfe, sondern nur den rel. nüchternen Umgang mit der (eigenen) Endlichkeit. Dieser ist in der schwarzen Gemeinschaft, zumindest in der mir bekannten, ganz selbstverständlich — ohne dieses Ende möglichst schnell zu erreichen … ganz im Gegegenteil! Mehr in dem Verständnis, dass jeder Tag der letzte Tag sein könnte: Lebe bewusst. Mehr meinte ich nicht.
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 31. August 2010 um 12:19:
@Stefanie: Da habe ich Dich missverstanden. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen, nicht nur die eigene Endlichkeit ist im schwarzen Bewusstsein, sondern auch der Thematische Umgang damit. Die herangehensweise der schwarzen Szene ist daher eher eine ästhetische, aber das lässt sich vortrefflich ausdiskutieren.
Ob wir dadurch bewusster Leben, lasse ich mal dahingestellt — ich denke das ist relativ individuell. Wünschenswert wäre es allemal :)