29 Mai

Rohre so groß wie Geschützbatterien: Mein kleines WGT Tagebuch (1)

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 20105 Kommentare

Rohre so groß wie die von Geschütz­bat­te­rien alles ver­nich­ten­der Kriegs­schiffe zie­len auf schwarz geklei­dete Men­schen und ent­schei­den mit einem Knopf­druck über Hot or Not. Man könnte nei­disch wer­den bei so pro­fes­sio­nel­lem Kamera-Equipment und wil­li­gen Prot­ago­nis­ten die sich ganz und gar der Kamera hin­ge­ben. Alle nam­haf­ten Musik­me­dien ent­sen­den ihre geneig­ten Redak­teure um mit spit­zer Feder über die Bands zu schrei­ben die die­ses Jahr so zahl­reich ein­ge­la­den wur­den. Aber wäh­rend sich die Schrei­ber in arg­wöh­ni­scher Selbst­herr­lich­keit das Unver­ständ­nis über die Dar­bie­tun­gen von der Seele schrei­ben um dann mög­lichst objek­tiv über das sub­jek­tivste der Welt schrei­ben — das Emp­fin­den für Musik — über­lege ich, wie man die Ein­drü­cke mög­lichst elo­quent ver­ar­bei­ten könnte.

Die Ant­wort? Gar nicht. Ich ver­su­che es über­haupt erst nicht. Ich habe schlechte Bil­der gemacht und nie­mand ist für meine Kom­pakt­ka­mera ste­hen geblie­ben. Ver­su­che, etwas objek­tiv zu erfas­sen sind an sub­jek­ti­ven Emo­tio­nen klag­los geschei­tert. Aber viel­leicht soll es auch gar nicht anders sein. Trotz­dem habe ich das Ver­lan­gen etwas von dem zu erzäh­len was ich erlebt habe und möchte bewusst von knall­har­ten Fak­ten abwei­chen um das zu erfas­sen was das WGT viel­leicht zu dem macht, was es ist.

Frei­tag, 21. Mai 2010 — AGRA Halle

Frei­tag, 21. Mai 2010: Wäre ich doch Don­ners­tags gefah­ren, ver­dammt noch mal! Die Reise war eine 6,5 stün­dige psy­cho­lo­gi­sche Hor­ror­fahrt zwi­schen Stau-Lethargie und Nahtod­er­fah­run­gen durch unacht­same Ver­kehrs­teil­neh­mer und auf­ge­bla­sene Row­dies. Das Hotel jeden­falls ern­tet schon mal Plus­punkte und der Fuß­marsch zum Haupt­bahn­hof um das hüb­sche Treffen-Bändchen zu holen gleicht den Bewe­gungs­man­gel aus. Ver­trauen nicht dei­nem Gefühl für Ent­fer­nun­gen, habe ich mir gesagt und schon eben doch nicht drauf gehört. Die ers­ten Fahr­ten mit der Tram, wie die Stra­ßen­bahn in Leip­zig genannt wird, ver­lau­fen schlep­pend aber pünkt­lich. Die Fahrt zum AGRA-Gelände macht deut­lich, nicht nur ein Kor­sett ist schwarz und eng, son­dern auch ein deut­lich über­füll­ter Wagen der Linie 11. Immer­hin haben wir noch genug Zeit vor dem bevor­ste­hen­den Kir­lian Camera Kon­zert eine Klei­nig­keit zu essen, ich ent­scheide mich für Indisch von einem freund­li­chen ober­lip­pen­bär­ti­gen Sach­sen und stelle fest, Wave-Gotik-Indisch ist keine har­mo­ni­sche Mischung. Immer­hin sind die Preise fair so dass der Frust dem Gefühl weicht, etwas beige­tra­gen zu haben.

Die rie­sige Halle auf der AGRA füllt sich, das schale Licht alter Indus­trie­schein­wer­fer wirft ein­zelne Licht­punkte in die Masse der schwar­zen Men­schen und wer­den Zeu­gen bizar­rer Rand­er­schei­nun­gen. Die Dun­kel­heit wird zer­ris­sen durch den Jubel um den Auf­tritt von Kir­lian Camera, die mit ver­mumm­ten Gesich­tern zu einer Ein­blen­dung von Text die Faust auf’s Herz legen.  Im Hin­ter­grund das Kreuz pran­gert man hier die Ver­bre­chen gegen die Chris­ten an, die tag­täg­lich in vie­len Län­dern der Welt statt­fin­den und statt­ge­fun­den haben. Was das jetzt schon wie­der soll?

Wir war­ten auf die Tram. Die Nacht wirkt durch die zahl­rei­chen schwar­zen Gestal­ten noch schwär­zer, nur die angren­zende Tank­stelle leuch­tet glück­lich in die Nacht. In den 4 Tagen der schwar­zen Inva­sion macht die­ses ein­zelne Unter­neh­men sicher­lich soviel Umsatz wie sonst im gan­zen Jahr. Erstaun­lich. Kein Poli­zei­auf­ge­bot, keine klir­ren­den Glä­ser und auch keine Sire­nen die durch die Stadt jagen, nie­mand strei­tet laut­stark um das letzte Bier oder das letzte Taxi.

Ich habe im Laufe des Tages schon mit Rosa Nach­rich­ten getauscht, die für den Abend in den Spie­gel­pa­last gela­den hat. Wir fah­ren zurück in das Hotel um uns umzu­zie­hen und das Auto mit­zu­neh­men. Ich bin neu­gie­rig auf die Frau die ich sonst nur von ihren Wor­ten her kenne und den berühm­ten Boden­we­del­par­tys, die hier zu Lande außer­halb mei­nes Dunst­krei­ses statt­fin­den. Ver­feh­len kann man den Spie­gel­pa­last frei­lich nicht, der Inten­sive Geruch von Tier bohrt sich uner­müd­lich in die Nasen­schleim­häute und ver­kün­det, ganz in der Nähe des Leip­zi­ger Zoo’s zu sein. Immer­hin ent­schä­digt der Palast durch eine der schöns­ten Plätze die ich in Leip­zig sehen sollte. Der von Spie­geln ein­ge­fasste runde Saal im Art Déco der frü­hen 20er Jahre der von schwarz­ro­man­ti­scher Musik in eine Atmo­sphäre getaucht wird, die nur noch durch die Tan­zen­den selbst, die in pom­pö­sen Klei­dern und edlen Gewän­dern über den run­den Boden huschen, gekrönt wird. Ich will gar nicht mehr weg, doch Müdig­keit und ein lan­ger Tag zwin­gen uns gegen 2:30 zu wohl­ver­dien­ten Schlaf.

Die Schwere des Schla­fes zerrt an mei­nen schlap­pen Kno­chen, doch das Ein­schla­fen fällt mir schwer. Es ist eine ganz neue Erfah­rung wenn rund 20.000 schwarz geklei­dete Men­schen eine ganze Stadt bevöl­kern und die eigene Indi­vi­dua­li­tät zum gemein­sa­men Ereig­nis erhe­ben. Das Gefühl sich in der Masse derer zu ver­lie­ren die so den­ken und füh­len wie man selbst hat fast etwas erdrü­cken­des und ver­mit­telt den­noch das inten­sive Pri­ckeln, Teil von etwas Gro­ßem zu sein.

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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5 Kommentare

  1. Schön geschrie­ben — mein Erfah­rungs­be­richt kommt die nächs­ten Tage noch, letz­te­nen­des gab auch mir das WGT genug Stoff für neue Arti­kel.
    Bin gespannt auf die rest­li­chen Ein­träge von dir, ist span­nend wie andere so eine Ver­an­stal­tung erleben.

    Ansons­ten hat es mich sehr gefreut, daß wir uns getrof­fen haben, und doch ganz ange­regte Unter­hal­tun­gen hatten :)

  2. Jautsch, hat zwar nicht direkt etwas mit dem Arti­kel zu tun, aber alles, was ich bis­her an Bil­dern vom WGT (hab ver­ges­sen, wo) gese­hen habe, erin­nerte mich eher an eine Zir­kus­ver­an­stal­tung. Ich wün­sche kor­ri­giert zu werden ;)

  3. @Rosa: Die nächs­ten Arti­kel ver­zö­gern sich noch ein wenig, da ich mich momen­tan mit mei­ner Kamera streite, die die Bil­der nicht her­ge­ben will und die sind — obwohl sie schlecht sind — für mich sehr wich­tig und gehö­ren dazu. Ich hoffe natür­lich das wir die ange­regte Unter­hal­tung noch wei­ter aus­bauen kön­nen, ich bin mir sicher das sich dazu die ein oder andere Gele­gen­heit bie­ten wird.

    @Vizioon: Auch wenn ich Dich gerne kor­ri­gie­ren würde, so kann man »Zir­kus­ver­an­stal­tung« nicht ganz von der Hand wei­sen. Die­sen Ein­druck ver­mit­teln aber eigent­lich nur die Bil­der, denn es wird nur foto­gra­fiert, was der Foto­graf als »gut genug« emp­fin­det und hier zählte die­ses Jahr: »Je oller, je dol­ler.« Unter der bun­ten Fas­sade der Zir­kus­ver­an­stal­tung schlum­mert aber wei­ter­hin ein (für mich) viel schö­ne­rer Kern. Lei­der wird der natür­lich nicht ent­spre­chend fotografiert.

  4. @Robert: Damit hast Du mich ja schon etwas kor­ri­giert ;). Schon klar, das nicht der Main­stream foto­gra­fiert wird, aber es wird doch immer kras­ser, was man an Bil­dern sieht.

  5. Was ich per­sön­lich sehr schade finde. Gerne hätte ich »andere« Bil­der gese­hen, doch foto­gra­fiert wur­den nur die übli­chen Ver­däch­ti­gen. Wie wäre es zum Bei­spiel mit einer Ein­drucks­vol­len Serie »Vogel­nes­ter« als Hom­mage an die 80er, oder ein­fach nur inter­es­sante Gesich­ter. Es gibt so viele Ideen und so wenig gute Beispiele :(

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