5 September

Musikalischer Brechreiz

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 200913 Kommentare

Ich habe ja immer noch Urlaub und genieße davon jede Sekunde, auch wenn ich nur zu Hause bin. So habe ich mir am Don­ners­tag Abend wie­der einen Zap­pel­aus­klang im Duis­bur­ger Pulp gegönnt. Ich hatte mir auch fest vor­ge­nom­men mich nicht über zu wenig Klei­dung auf nack­ter Haut auf­zu­re­gen, denn in Lon­don läuft man genauso rum, lang­sam muss ich mich damit wohl abfin­den. War frü­her schwarz als Ableh­nung gegen die bunte Welt der 80er gemeint ist es heute eben Fashion. Der Blick über den Tel­ler­rand erwei­tert eben doch den Hori­zont oder macht zumin­des­tens zwangs­weise tolerant.

Im Pulp gibt es wie bereits erwähnt, zwei beschallte Tanz­flä­chen, zwi­schen denen ich immer wechsle um den Klänge die dort auf mich tref­fen, zu lau­schen. Im Sli­me­light, einer der ältes­ten Lon­do­ner Gruf­ti­e­the­ken, war ich von der guten Musik­aus­wahl beein­druckt, die eine anstän­dige Mischung aus alten Goth-Klassikern und Wave-Hits in Ver­bin­dung mit aktu­el­len Sachen lie­fert, bei der man auch vor Deut­schen Bands (Deine Lakeien, Das Ich, ASP oder auch Ramm­stein) nicht fies ist. Hat mir sehr gut gefal­len auch mal was neues unbe­kann­tes einzustreuen.

Auf den obe­ren Eta­gen lief aber der selbe und extrem Tech­no­las­tige Mist, den ich auch schon von der Pul­per Tanz­flä­che gewohnt bin. Nur sogar noch etwas här­ter und schnel­ler und ganz ohne Text. Viel­leicht ist das auch ganz gut so, denn wenn schon so ein Song mit Text daher­kommt, ist das meist ein hirn­lo­ser, ober­fläch­li­cher Brei um auch den letz­ten Anspruch der Musik als Trans­port­me­dium für Mei­nun­gen zur zer­stö­ren. Neu­es­ter Streich im Pulp ist das Stück Raven gegen Deutsch­land von Ego­tro­nic.

Wer wird denn rumstehen, wir woll'n euch tanzen sehen, die Arme in die Höhe und die Hüfte kreisen [...] Wir haben euch was mitgebracht Bass, Bass, Bass! [...] Raven gegen Deutschland!

Leute (und hier­mit sind auch die Plat­ten­auf­le­ger gemeint), ihr könnt dem tan­zen­den Jung­volk doch nicht so eine Bull­s­hit in die Ohren bla­sen, das könnt ihr wegen mir auf einer Flat­rate Party spie­len, wo die meis­ten anwe­sen­den sowieso nichts mehr mit­be­kom­men. Und dann wun­dern sich wie­der alle wegen den Kon­tro­ver­sen und ver­su­chen eine Aus­sage zu fin­den, wo offen­bar keine ist. Musik auf Holt-mich-hier-raus-ich-bin-ein-Star Niveau. Und jetzt kommt mir keine an mit »Du ver­stehst denn Sinn nicht…«, oder »Das hast du falsch ver­stan­den…«. Sowas kann man gerne auf Rave Par­ties und in Nor­malo­bun­kern spie­len, denn sowas, liebe Lese­rin­nen und Leser, sowas zer­setzt die schwarze Szene wirk­lich, jeden­falls für mich.

So, jetzt geht’s mir bes­ser. Wesent­lich bes­ser. Schrei­ben als Form des inne­ren Gleich­ge­wichts, tolle Sache. Sollte ich viel­leicht öfter machen, mich auch mal auf­re­gen und etwas deut­li­cher schreiben.

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Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Schwarze Szene
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13 Kommentare

  1. Grau­sam, Grau­sa­mer, am Grausamsten!

  2. Ich rate ja noch immer dazu diverse Sze­nen als »kaputt« abzu­ha­ken und sich zu sagen: Ich mach was ich will, sag was ich denke und wenns n biss­chen »gothic« ist, dann kann ich immer­noch leug­nen oder behaup­ten ein Emo zu sein…

  3. Bal­ler­mann yeah, ich hol schon mal den Sangria…oder bes­ser mein ima­gi­nä­res Gewehr. Mann, das ist wirk­lich Deich­kind für Arme…

  4. Vie­len Dank für eure zustim­men­den Worte, ich fürch­tete erst, ich bin zu hart ins Gericht gegan­gen, aber offen­bar teilt ihr ja meine Ansicht.

    @Tears: Ja viel­leicht kann man das kaputt nen­nen, aus nost­al­gi­schen Gesichts­punk­ten finde ich aber Kol­laps bes­ser mit der Hoff­nung das sich was neues entwickelt.

  5. Ich dachte der Phö­nix wäre nur eine mytho­lo­gi­sche Gestalt :P
    Komm, grün­den wir eine eigene Subkultur ;)

  6. Ja bitte! Die Mytho­lo­gie liegt uns ja vom Wesen sowieso näher, den Wahr­heits­ge­halt der Bild! ist so etwas aus dem Reich der Mytho­lo­gie. Das müs­sen wir aber geheim hal­ten, sonst fin­det man dann unse­ren ganz spe­zi­el­len Style in 2 Mona­ten bei Pim­kie oder H&M.:D

  7. Ich hab schon ein paar Jahre die Vor­stel­lung einen Trend in die Welt zu set­zen, den ich selbst ein­fach nur als häss­lich, lächer­lich und dumm bezeich­nen würde. Dann abwar­ten, wer da alles ein­steigt und mich am Ende schlappla­chen. Naja, doch dann kamen Emo, Cyber Gothic und Visual Kei und meine Idee war aus­ge­lutscht. >:)

  8. Hyper! Hyper!

    Da fällt einem ja alles aus dem Gesicht…
    Die mir so abgrund­tief ver­hasste »Fick mich«-Front aus Ago­no­ize, Stein­kind und ähnli­chen akkus­ti­schen Ver­ge­wal­ti­gun­gen ver­sucht ja wenigs­tens noch irgendwo eine eigen­ar­tige Form von Düs­ter­nis in ihre »Werke« zu packen (die natür­lich nicht von Intro­spek­tion, Emo­tion, mensch­li­chen Abgrün­den etc. lebt, son­dern rein von Aggres­sion und Fäkal­spra­che).
    Aber die­ses Mach­werk ist ein­fach nur bei den Mal­lorca– oder Après-Ski-Hits einzusortieren.

    Dinge wie »Koprola­lie« muss man heute ja lei­der irgend­wie in der SCHWARZEN SZENE akzep­tie­ren (da sie eben schon lange nicht mehr nur aus GOTHIC-Spielarten besteht), aber bei »Raven gegen Deutsch­land« ist nun wirk­lich auch noch die aller­letzte Grenze überschritten.

    Mein Wort zu Sonn­tag.
    Ich gehe brechen.

  9. @Tears: Du hast eben zu lange gezö­gert :) Wird Zeit einen neuen Trend zu set­zen. Dazu musst du nur allem und jedem noch eine Geschmack­lo­sere Krone auf­set­zen und fer­tig ist der neu­este Trend.

    @von Karn­stein: Ja so ist es, trau­rig aber war. Die neue Inhalts­lo­sig­keit in der Musik finde ich immer wie­der erschre­ckend. Gegen eine Viel­falt der Sze­nen habe ich nichts, solange man nicht immer gegen Pau­scha­li­sie­run­gen ankämp­fen muss, das ist mitt­ler­weile sehr läs­tig. Lei­der wer­den auch die musi­ka­li­schen Räume, die ich gerne zur Ent­span­nung auf­su­che immer ver­seuch­ter :) Ich glaube wenn ich ent­spre­chende Mög­lich­kei­ten hätte, würde ich als Ver­an­stal­ter in Erschei­nung treten.

  10. Bin hier jetzt grad eher zufäl­lig hier gelan­det, aber ich bin froh, dass es in Duis­burg anschei­nend doch noch noch ein paar Indi­vi­duen der intel­li­gen­te­ren Art zu geben scheint. Bei dem Mist, den die in letz­ter Zeit im Pulp so ver­zap­fen, habe ich schon lange keine Lust mehr, mich dort­hin zu bewe­gen. Ich war aller­dings kurz davor — und es ist schon ca ein Jahr her — mir das Trei­ben mal wie­der anzu­schauen, aber der »Rave« treibt mich dann jetzt doch wohl eher zum Klo…

    würg!!

    Anstatt wie­der auf zah­lungs­kräf­ti­ge­res Nacht-Publikum zu set­zen, scheint das Pulp wohl dann doch eher an hirn­lo­sen Harz4-Ravern inter­es­siert zu sein… Der Song jeden­falls klingt nach solch einem Lockruf!*kopfschüttel*

    Und ich war echt mal Pulp-Fan. Was ist bloss aus die­sem Laden geworden?

  11. @PulpComment: Ich weiß gar nicht genau an wem es liegt, aber die DJ’s sind auch nicht mehr das was sie mal waren. Ich gehe eigent­lich regel­mä­ßig ins Pulp (vor allem in die Mitte) und stelle lei­der öfter fest, das immer die glei­chen Songs gespielt wer­den. Ich meine gerade in der Gothic– oder Wave Musik gibt es soviele tanz­bare Songs. Vor ein paar Jah­ren bin ich noch zum DJ gelau­fen und habe gefragt wie der aktu­elle Song heißt, das ist mir schon lange nicht mehr pas­siert. Lei­der ist das Pulp kein Ein­zel­fall, vom Hören-Sagen ist das auch von vie­len ande­ren Loka­li­tä­ten im Ruhr­ge­biet berich­tet worden.

  12. …Raven gegen Deutsch­land. Anders­herum wäre es mir lie­ber.
    Ich glaube, wenn ich der­ar­ti­ges in einem Club hören würde, würde ich ohne wei­tere Gefühls­re­gun­gen und anstands­los zum Auto gehen. Das ist es nicht ein­mal wert, auf dem Weg nach drau­ßen wütend kom­men­tiert zu wer­den. Bei so etwas wäre ich dafür, in Clubs eine Geld­zu­rück­ga­ran­tie ein­zu­füh­ren.
    Aber den­noch bleibe ich bei mei­ner Mei­nung: Würde es dem Pulk im Club nicht kol­lek­tiv gefal­len, son­dern bit­ter auf­sto­ßen, so würde es nicht gespielt wer­den. Somit sollte man nicht nur den Betrei­ben fra­gen, ob er nicht viel­leicht irgend­was in Sachen Musik falsch ver­stan­den hat.

  13. Ich stimme Dir zu, blöd nur, das die Kol­lek­tive Masse ihrem Pro­test nicht Luft macht und die Tanz­flä­che mit Leere bestraft. Es gibt immer wie­der viel zu viele Tanzwil­lige. Meine Wün­sche nach mehr Tiefe blei­ben unge­spielt oder wer­den nicht beach­tet. Gklück­li­cher­weise bie­ten sich in Mehr­flä­chen­dis­co­the­ken mul­ti­ple Mög­lich­kei­ten zu tanzen.

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