5 April

Leute die lebten, als seien sie schon Tot

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 200918 Kommentare

Eigent­lich ist es doch egal, wel­che Lei­den­schaft man hat, passt diese nicht zum aktu­el­len Zeit­geist der Gesell­schaft erfährt man eine Aus­gren­zung, gerade wenn man seine Mit­men­schen damit gewollt oder unge­wollt kon­fron­tiert. »Meis­tens schauen wir nicht erst und defi­nie­ren dann, wir defi­nie­ren erst und schauen dann.« 1 Von Kli­schees kann sich nie­mand frei­spre­chen, ich behaupte, das jeder irgend­ein Vor­ur­teil mit sich her­um­schleppt, sei es aus per­sön­li­chen Erfah­run­gen oder nega­ti­ven Erleb­nis­sen. Der Schritt vom Kli­schee zur eige­nen Mei­nung machen sich viele zu leicht. Anstatt sich zu infor­mie­ren über­neh­men sie das Kli­schee, oder sind zu ver­bohrt die per­sön­li­chen Ein­drü­cke zu hinterfragen.

Von den größ­ten Irr­tü­mer über Gothics habe ich ja bereits berich­tet, aber woher stam­men die eigent­lich? Deutsch­land Februar 1989, als die eigent­li­che Gothic-Szene schon ein sin­ken­des Schiff war, wollte die Medien mit Berich­ten über eben diese für Zuschauer sor­gen.  Trau­rig, das Ste­fan Aust, ehe­ma­li­ger Spiegel-Chefredakteur, der für seine groß­ar­tige Recher­che zum Baa­der Mein­hof Kom­plex einige Preise ein­kas­siert hat, sich her­gibt einen sol­chen Schund­be­richt anzu­sa­gen. Dabei läuft die Recher­che für einen sol­chen Bei­trag immer nach den sel­ben Mus­tern ab. Bewaff­net mit allen Kli­schees macht sich der gelang­weilte und chro­nisch faule Redak­teur auf den Weg, schwarze Treff­punkte auf­zu­su­chen und solange zu sto­chern, bis man Prot­ago­nis­ten für eben diese Kli­schees findet.

Die Ein­lei­tung zu die­sem Bericht packt sich als gleich erst­mal den Sata­nis­mus her­aus, fin­den ein paar Mit­läu­fer­gruf­ties, die es wohl toll fin­den in eben diese Bre­sche zu sprin­gen. »Ich weiß nicht, helle Far­ben ver­trag ich auch irgend­wie nicht mehr…« (1:42) Ist ja auch klar, die Kon­di­tio­nie­rung mit der Farbe schwarz bleibt nicht ohne Spu­ren. Am Bochu­mer Haupt­bahn­hof trifft man dann auf eine Gruppe Gruf­ties, die sehr hübsch anzu­se­hen sind, wie ich finde. Als man sie dann beim klas­si­schen Toten­grä­ber­tanz in der Disco filmt: »Black Metal, die bru­talste Seite der Rock­mu­sik ist ihr Ryth­mus...« (3:10). Sechs, set­zen. Die Musik­rich­tung steht nicht stell­ver­tre­tend für die Gruf­ties und läuft schon gar nicht als musi­ka­li­sche Unter­ma­lung die­ser gespro­che­nen Zei­len.  Und was machen Gruf­ties nach der Disco? Natür­lich ver­gnü­gen wir uns auf dem Fried­hof. Um diese Aus­sage zu unter­mau­ern sucht man erst­mal eine Weile nach ent­spre­chend hoh­len Vogel­nes­tern, die man auch prompt fin­det (3:28). Gleich im Anschluss wie­gelt ein »erfah­re­ner« Gruf­tie ab, Kreuze klauen ist für Anfän­ger. Außer­dem erfahre ich, das sich die alt ein­ge­ses­se­nen Groo­nix nen­nen. Kannte ich noch nicht, klingt aber witzig.

Zum einen mag ich sol­che alten Berichte, sie zei­gen schöne und sel­tene Auf­nah­men aus einer Zeit, als die Fri­sur die Anschaf­fung eines Son­nen­da­ches im Auto unab­ding­bar mach­ten. Sie sind Höhe­punkt einer in den 90er aus­ster­ben­den Bewe­gung, die jetzt in völ­lig neuer, den Wur­zeln ent­sa­gen­der Weise neu aufflammt.

  1. Wal­ter Lipp­mann, Public Opi­nion (1922), dt.: Die öffent­li­che Mei­nung,  (auch als online-text). Zitat: »For the most part we do not first see, and then define, we define first and then see. In the great bloo­m­ing, buz­zing con­fu­sion of the outer world we pick out what our cul­ture has alre­ady defined for us, and we tend to per­ceive that which we have picked out in the form ste­reo­ty­ped for us by our cul­ture.« []

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Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Schwarze Szene
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18 Kommentare

  1. Video not lon­ger available :(

  2. Ein wit­zi­ges Video,hab einen Freund dar­über ken­nen gelernt.Der kennt übri­gens einige der Gestal­ten aus dem Video, ist zu der Zeit auch in der Szene unter­wegs gewe­sen und hat mir schon so einige Scho­ten erzählt.;)
    (Ich kann ihn ja mal nach einem Inter­view fra­gen, wäre doch mal ein schö­nes Gegen­stück zu der Berichterstattung.)

  3. @Ricarda: Also bei mir funk­tio­niert das Video, sowohl ein­ge­bet­tet, als auch direkt bei Youtube. Ver­such es doch mal, viel­leicht war es nur eine tem­po­räre Erscheinung.

    @Pixella Panik: Das ist eine tolle Idee, würde mich freuen wenn du den Kon­takt zustande bringst und selbst ein Inter­view führst, wenn du das nicht machen willst, über­nehme ich das gerne für Dich. Any­way, Super Vorschlag!

  4. Ich kenne das Video schon, und ich kann mir immer noch nicht erklä­ren wie unmu­si­ka­lisch man sein muss, wenn man denkt diese Musik sei bru­tal…
    Aber immer wie­der schön anzu­se­hen, beson­ders die Frisuren^^

  5. Muha­haha, das ist ja ein lus­ti­ges, wenn auch grau­en­haft recher­chier­tes Video.
    Ich hab ja auf Black-Metal gewar­tet, aber irgend­wie kam ja nichts. Optisch war es ziem­lich Bat-Cave, woge­gen ja nichts zu sagen ist. Aber schön war es, mal wie­der den Toten­grä­ber in Gruppe zu sehen, allein des­halb, weil ich immer noch nicht bes­ser tan­zen kann *g*

  6. @Atanua: Ja, die Hin­gabe zum sty­len der Haare bewun­dere ich. Sel­ten habe ich bes­sere Vogel­nes­ter gese­hen, ver­mut­lich sehr zu Freude der Haarsprayindustrie.

    @Vizioon: Ist ja auch nichts schlech­tes an die­sem Tanz, ich gebe mich den schrei­ten­den Bewe­gun­gen zur pas­sen­den musi­ka­li­schen Unter­ma­lung auch sehr gerne hin, gele­gent­lich beob­achte ich auch noch andere dabei. Die breite Masse jedoch scheint dafür nichts übrig zu haben, offen­bar ist Extre­mi­tä­ten­schwin­gen angesagter.

  7. Das Schöne ist ja das »meditativ-hypnotisch« Schrei­tende. Gerade für Leute wie mich, die mit über­trie­be­ner Akti­vi­tät, zumin­dest was Tan­zen angeht, nur äußerst sel­ten etwas zu tun haben. Abge­se­hen davon, daß jeder in etwa weiß, wie­viel Platz jeder andere für seine drei Schritte ein­nimmt. Irgend­wie fried­voll, und ange­nehm unstres­sig.
    Dein »gele­gent­lich« kann ich aus mei­ner Sicht auf ein »sehr gele­gent­lich« redu­zie­ren, leider.

  8. Meditativ-Hypnotisch, sehr schön :) viel­leicht ergän­zen wir noch chro­nisch takt­los dazu. Schade eigent­lich, ich ver­misse die­ses Grup­pen­ge­fühl doch manch­mal, gerade wenn Hym­nenglei­che Titel gespielt wer­den oder Gruf­tige Musik die eben dazu passt. Folge ist, das ich mir trotz eines noch sehr brei­ten Ange­bo­tes die Nacht zu ver­brin­gen, die Rosi­nen (nach meine Maß­stä­ben) her­aus­pi­cke und schon gerne mal 50, oder 80km Fahrt in Kauf nehme. Ich weiß jetzt nicht aus wel­cher Gegend du stammst, für jeden Hin­weis wäre ich aber dank­bar :)
    Da fällt mir gerade noch ein, dass ich die­ses Tanz­flä­chen hal­bie­ren aus frü­he­ren Zei­ten noch gut in Erin­ne­rung habe. Dabei gin­gen die Gruf­ties mit gesenk­tem Kopf drei Schritte auf­ein­an­der zu um sich dann wie­der syn­chron zu ent­fer­nen. So hat man sich auch von Zeit zu Zeit einem Gruf­tie­mäd­chen angenähert ;)

  9. Ich kann Dir lei­der kei­nen Hin­weis geben, ich komme zwar aus der Gegend von Koblenz, komme aber aus aku­tem Geld­man­gel lei­der nicht mehr in den Genuss, die Szene beur­tei­len zu kön­nen. Es gab mal das »Zwi­schen­wel­ten« auf der Fes­tung Ehren­breit­stein, was aus mei­ner Sicht durch­aus das Poti­en­tial für Grö­ße­res gehabt hätte (allein wegen der Loca­tion), aber was seit 2007 nicht mehr statt­fin­det. Ansons­ten gibt es hier noch die »Druck­kam­mer« oder auch »Druck­luft­kam­mer«, aber da bin ich nun auch schon seit lan­gem nicht mehr gewe­sen, also k.A. was da inzwi­schen abgeht.

  10. jo vizioon, du kommst aus koblenz, welch zufall,ich gehöre zu den neu­wie­der assis, wir ham aber auch viel mit den koblen­zer punks zu tun. auch ein hau­fen der gothic­szene (gus <–die eig­ne­bil­de­ten wich­ser^^) kenn ich.

    @robert in trier gibts das soge­nannte exhaus. treff­punkt aller alter­na­ti­ven sze­nen. da gibts auf jeden ne goth­kneipe, und da sind auch öfters kon­zerte. is auf jeden einen besuch wert

  11. aja und zum video, klar ober­fläch­lich und schlecht.
    black metal is das ja wohl mal gar nicht^^, und außer­dem rei­chen 5minuten eh nich um eine szene zu beleuchten.

  12. @Vizioon: Druck­luft­kam­mer klingt schon mal nicht ver­kehrt, jeden­falls auf der Inter­net­seite prä­sen­tiert liest sich »The Lights shine clear…« sehr anspre­chend, wenn ich das mal so sagen darf. Muss ich mir in mei­nen Besuchs­ka­len­der schreiben.

    @Socke: Schön mal einen Neu­wie­der Assi ken­nen­zu­ler­nen ;) Das Exhaus in Trier kommt ebenso in mei­nen Besuchs­ka­len­der, nach Trier wollte ich eh schon mal.

  13. Wie gesagt, ich war schon län­ger nicht mehr da. Also in der »Druck­luft­kam­mer« ;) Aber es ist wohl noch der ange­sag­teste Treff­punkt, was die schwarze Szene angeht (in Koblenz).
    @Socke: Mit Punk habe ich, außer musi­ka­lisch, nicht viel am Hut. Denn grund­sätz­lich kann ich der »Mir-ist-alles-egal«-Mentalität nicht viel abge­win­nen. Vom Sty­ling will ich ja gar nicht anfan­gen *g*.

  14. Ich muss zuge­ben ich bin skep­tisch, ob die Null-Bock-Mentalität wirk­lich zum Punk als sol­che gehört, auch wenn mir nicht ent­geht, das genau das gelebt wird. Spricht man mit sog. Ur-Punks ist von Mir-ist-alles-egal nicht viel zu hören. Den meis­ten war Rebel­lion das vor­herr­schende Bedürf­nis und das Sys­tem als sol­ches, was aber mei­ner Mei­nung nach nicht gleich­be­deu­tend mit Null-Bock ist.

    Rein Kla­mot­ten­tech­nisch schließe ich mich dei­ner Mei­nung an, der Dilet­tan­tis­mus der Musik fin­det seine Fort­set­zung im Styling :)

  15. Naja, meine Sicht ist natür­lich sub­jek­tiv. Was mir per­sön­lich beim Punk fehlt, ist die Alter­na­tive. Ich bin auch nicht mit allem zufrie­den, aber wenn ich rebel­liere gegen was-auch-immer, dann erwarte ICH (wie gesagt, meine Sicht), eine Alter­na­tive. Und natür­lich eine, die mir auch »schmeckt« ;)

  16. Na, das war doch mal ein Back­flash aus den 80ern.
    Und an den dama­li­gen Zwi­schen­fall (Disco) erin­ner ich mich auch gerne zurück. War schon „ne coole Zeit mit den Tellerfrisuren…Heute ist im ZiFa wie fast über­all eine ste­tige Fetis­hi­sie­rung zu erken­nen und lei­der ist das viel erwähnte Grup­pen­ge­fühl total ver­lo­ren gegan­gen. Alles kleine Fetish-Einzelkämpfer. Nichts­des­to­trotz gehe ich mir beim (ab und an) anwe­sen­den DJ aus den 80ern (Hallo Herr Zöl­ler) die Klas­si­ker von damals wünschen…Da bin ich ja *huch* doch eher kon­ser­va­tiv. Trau­rig zuzu­ge­ben, aber frü­her war doch schö­ner.
    In die­sem Sinne.
    Eine treue schwarze Seele…

  17. Ach schau mal einer an, du hast ja auch einen Bei­trag zu mei­nem Lieblings-Fernsehbericht zur Szene ^^
    Beson­ders der »Black Metal« in der Mitte bringt mich immer wie­der zum Lachen, und LANGJÄHRIGE Gruf­tis wie der SIEB­ZEHN­jäh­ringe Patrick sind natür­lich eine Ein­la­dung zum Schmunzeln :)

    Die Serio­si­tät des Berichts fängt ja aber bereits in den ers­ten Sekun­den an…
    »Fahr zu Hölle, Jesus!«? Was ich da im Hin­ter­grund höre ist »Jesus decen­ded into hell«. Keine läs­ter­li­che Auf­for­de­rung son­dern kom­men­tie­rende Ver­gan­gen­heits­form. Aber sei’s drum.

    Letzt­lich sind für mich Kla­mot­ten, Haare, Sty­ling und Tanz­stil das Inter­es­san­teste an die­sem Machwerk.

    @Vizioon: In der Druck­luft­kam­mer war ich zwar nur ein­mal (komme aus Lim­burg), aber größ­ten­teils lief da auch nur Gruft­techno und mir wurde von regel­mä­ßi­gen Gäs­ten gesagt, das sei nor­mal…
    Silke Bisch­off haben sie zwar für mich gespielt und Cure und Lon­don After Mid­night kamen auch mal, aber das war’s auch schon mehr oder weni­ger — mein Bauhaus-Wunsch wurde gar belä­chelt. „Ne Bekannte von mir legt da aller­dings hin und wie­der auf, und wollte mal einen »Batcave«-Abend machen, wenn ich mich recht entsinne…

  18. @Vizioon: Ist man als rebel­lie­ren­der nicht ein Stück weit selbst für die Alter­na­ti­ven ver­ant­wort­lich? Aber ich denke, du meinst das man nicht gegen etwas rebel­lie­ren sollte nur um über­haupt zu rebel­lie­ren. Und ja, das kann ich eben­falls unterschreiben :)

    @alienpsycho: Gegen das Mehr-Lack, Mehr-Haut Prin­zip rebel­liere ich in die­sem Zusam­men­hang auch, nicht weil ich es nicht tra­gen könnte, son­dern weil ich das trau­rig finde :) Solange die Musik­rich­tung eine Gruf­tige ist (gerne auch mit Aus­flü­gen ins alt bewährte oder auch neue unbe­kannte) habe ich nichts dage­gen. Ich halte mich solange an mei­nen Zwischenfall-Samplern fest :)

    @von Karn­stein: An die­sem Fern­seh­be­richt kommt man ja auch nicht vor­bei :) Gerade aus den von Dir genann­ten Gründe (Sty­ling) ist er uner­läss­lich. Party’s im »Strictly NO-TECHNO« wün­sche ich mir auch mal wie­der, lei­der wird man bei uns in der Gegend zumin­des­tens sehr oft ent­täuscht. Klar das du bei Bau­haus belä­chelt wur­dest, der DJ fragte sich sicher­lich, was du jetzt mit einem Bau­markt willst :)

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