18 Januar

Kultur bei Aspekte: Der Satansmord von Witten

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 201212 Kommentare

Es gibt wohl kei­nen Kri­mi­nal­fall in der deut­schen Geschichte, der nach­hal­ti­ger für den schlech­ten Ruf der Gothic-Szene sorgte, als der Satans­mord von Wit­ten. 2001 ermor­de­ten Daniel und Manuela Ruda den damals 33-jährigen Frank mit 66 Mes­ser­sti­chen, Ham­mer­schlä­gen und zer­stü­ckel­ten die Lei­che mit einer Machete. Die meis­ten Gruf­ties sahen sich sei­ner­zeit mit der The­ma­tik kon­fron­tiert, das mediale Inter­esse war rie­sig, die Wel­len, die der Fall schlug, waren meter­hoch. Der Kon­sens war ein­deu­tig: Gruf­ties sind Sata­nis­ten, die Gefahr durch die Szene ist all­ge­gen­wär­tig. Wie immer suchte man nach Grün­den, Ursa­chen und Aus­lö­sern, die die dank­ba­ren Redak­teure mas­sen­haft in der Szene vor­fan­den. Die Tat des durch­ge­knall­ten Ehe­paars wurde zum Stem­pel einer Subkultur.

Das ZDF-Magazin »Aspekte« besuchte Manuela Ruda Jahre nach dem Mord, um mit ihr zu spre­chen. Die geläu­terte Mör­de­rin und eine immer noch aktive Szene reich­ten augen­schein­lich aus, den Fall noch­mals auf­zu­grei­fen. Natür­lich nur, um auf­zu­klä­ren und zu war­nen. Irgendwie.

»Ange­fan­gen hat alles in der Gruftie-Bewegung, ca. 100.00 Anhän­ger lie­ben den Charme der soge­nann­ten schwar­zen Szene. Manuela Ruda war eine davon. Gruf­tie sein, das heißt Melan­cho­lie und Tris­tesse, Mit­tel­alt­er­flair und Extra­va­ganz, Hoff­nungs­lo­sig­keit und Todes­sehn­sucht. Und nicht wenige sym­pa­thi­sie­ren mit okkul­ten und sata­nis­ti­schen Ideen. Ein schwar­zes Par­al­lel­uni­ver­sum, eine Mas­ke­rade und Ersatz­rolle zum All­tag. Doch was für Manuela Ruda als Life­style begann, wurde zur Psy­chofalle.«

Wem läuft es bei die­ser Beschrei­bung nicht kalt den Rücken her­un­ter? Absur­der geht es nicht. Hoff­nungs­lo­sig­keit und Todes­sehn­sucht. Ich könnte schreien, mich auf­re­gen und flu­chen. Ich denke dar­über nach, ob es rich­tig ist, die­sem Schwach­sinn erneut eine Platt­form zu bie­ten, in alten Wun­den zu wüh­len und Nar­ben wie­der auf­zu­rei­ßen. Aber nur kurz. Ich halte es für unaus­weich­lich, diese 5:46 aus­führ­lich zu kom­men­tie­ren. Viel­leicht Selbst­schutz oder ein Drang danach, seine Gedan­ken aufzuschreiben.

»Die Gut­ach­ter beschei­ni­gen ihr eine nar­ziss­ti­schen Per­sön­lich­keits­stö­rung. Die Tat, ein Mix aus Sehn­sucht nach Aner­ken­nung, Selbst­in­sze­nie­rung und einer labi­len Per­sön­lich­keit, die in den Sog ihres sata­nis­ti­schen Umfel­des geriet. Und nach der Tat wird der Pro­zess zur neuen Bühne.« Und plötz­lich wird aus der Gruftie-Szene ein sata­nis­ti­sches Umfeld. Ein­fach so. Der Bei­trag unter­mau­ert diese Ver­mu­tung mit der Ermor­dung des 20-jährigen Gruf­tie Kim Becker, dem das ZDF bei der Sen­dung Mona Lisa einen ähnli­chen Bei­trag wid­mete. In dem heißt es aus­zugs­weise: »Gruftie-Sein ist zur Schau getra­gene Tris­tesse, Hoff­nungs­lo­sig­keit und Resi­gna­tion (…)« Habe ich das nicht schon ein­mal gehört? Egal, wir blei­ben bei dem Bericht der Sen­dung »Aspekte«:

»Im Jahr 2002 wird der 20-jährigen Gruf­tie Kim Becker in Meschen­see bei Ham­burg von Bekann­ten aus der schwar­zen Szene ermor­det. Eine Nach­ah­mungs­tat und oft kom­men nicht nur die Täter, son­dern auch die Opfer aus der schwar­zen Sub­kul­tur. Kims Mör­der sah im Ruda-Mord sein Vor­bild (…)«

Aus­stiegs­be­ra­te­rin Sil­via Eil­hardt vom Wit­te­ner Jugend­amt hilft jun­gen und ver­blen­de­ten Sata­nis­ten bei ihrer Bewäl­ti­gung und hat über das Phä­no­men eine klare Mei­nung: »Ich habe dar­auf gewar­tet, für mich war das wich­tig, dass aus dem Kult­sta­tus her­aus­zu­tre­ten und sich auch zu der Tat zu beken­nen ich denke mir das ist ein sehr wich­ti­ger Schritt, auch für mich in der Bera­tung klar zu demons­trie­ren, Sata­nis­mus ist kein Witz  Sata­nis­mus ist keine Insze­nie­rung, Sata­nis­mus führt zu Mord.«

Sata­nis­mus führt zu Mord, die Sache scheint für die The­ra­peu­tin klar. Es wäre inter­es­sant, auf wel­che Grund­lage sie diese Erkennt­nis stützt. Offen­bar rei­chen Ein­zel­fälle kran­ker Psy­cho­pa­then aus, ein pau­scha­les Urteil zu fäl­len. Das Maga­zin »Aspekte« mischt dar­aus den wohl­be­kann­ten Cock­tail aus Szene, Sub­kul­tur und Sata­nis­mus um die­sen, ohne die Hin­ter­gründe zu recher­chie­ren, dem Zuschauer zu servieren.

Gothic hat nichts, aber auch rein gar nichts mit Sata­nis­mus zu tun.  Hier wird dem Zuschauer sug­ge­riert, dass die bei­den Dinge zusam­men­ge­hö­ren, gelebt wer­den und inner­halb der Szene weit ver­brei­tet sind. Die Aus­sage des Berichts könnte lau­ten: Die Gothic-Szene ist durch­lö­chert von Sata­nis­ten, die Schritt für Schritt dazu getrie­ben wer­den, selbst einen Mord zu bege­hen. »Die Sata­nis­ten­szene ist um ein Vor­bild ärmer. Manuela Ruda hat ihre Wahn­welt ver­las­sen, ist in der Rea­li­tät ange­kom­men. (…) An ihre frü­here Szene rich­tet sie deut­li­che Worte: »Steigt aus. (…) Ich bin Straf­tä­ter.« Hier endet der Bericht.

»Aspekte, das Kul­tur­ma­ga­zin, das ist die bunte, schräge, kon­tro­verse und natür­lich schöne Welt der Kul­tur.« Da drängt sich mir die Frage auf: Was hat das mit Kul­tur zu tun? Ist ein bes­tia­li­scher Mord ein kul­tu­rel­les Ereig­nis? Und was haben die Gruf­ties damit zu tun? Ist die völ­lig an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gene Ver­knüp­fung einer Sub­kul­tur mit Sata­nis­mus kon­tro­vers, schräg, bunt oder schön? Die Szene bie­tet mei­ner Ansicht nach eine ganze Menge Kul­tur, offen­bar aber nichts von der Form von Kul­tur, die sich die ZDF-Sendung auf die Fah­nen geschrie­ben hat.

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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12 Kommentare

  1. Es ist immer wie­der erschre­ckend, wie selbst gestan­dene Jour­na­lis­ten eines durch­aus ernst­zu­neh­men­den Maga­zins es schaf­fen, sämt­li­che Grund­sätze ihres Berufs zu miss­ach­ten. Über­trägt man den Inhalt, das Niveau und die fal­schen Ver­knüp­fun­gen und Schluss­fol­ge­run­gen auf eine andere Szene, könnte man sagen:

    Die Wes­tern– und Country-Szene ist geprägt von roher Gewalt, Frau­en­feind­lich­keit und Hass auf die Urein­woh­ner Ame­ri­kas. Ihre Anhän­ger ver­herr­li­chen krie­ge­ri­sche Angriffe auf indi­gene Völ­ker, tref­fen sich zu frag­wür­di­gen Ritua­len am Lager­feuer und frö­nen dem Glücks­spiel in ver­rauch­ten Pok­er­höl­len. Nicht wenige jagen in ihrer Frei­zeit India­ner und schlach­ten sie bru­tal ab. So wie Johnny N., dem sein ima­gi­nä­res Pferd ein­flüs­terte, dass er Ken­tu­cky von den Rot­häu­ten befreien soll, um in den gro­ßen Saloon des mäch­ti­gen Honky Tonk ein­zu­keh­ren. Mit 60 blauen Boh­nen schoss er in Köln um sich, weil Ken­tu­cky zu weit weg war und Köln auch mit „K“ anfängt. Seine Bot­schaft an die Country-Szene: „Steigt ab — vom Pferd — und dann aus! Hal­tet euch von Coun­try­mu­sik und Pfer­den fern, sonst begeht ihr auch einen Mord!“

    Der Fall „Ruda“ ist ent­setz­lich und mein ehr­li­ches Mit­leid gehört nach wie vor den Ange­hö­ri­gen des Opfers und ganz bestimmt nicht Frau Ruda, die offen­sicht­lich inzwi­schen in Behand­lung war. Aber, liebe Möchtegern-Journalisten (!), setzt ein­zelne Psy­cho­pa­then, die Stim­men hören, defi­ni­tiv krank sind und grau­en­volle Morde bege­hen, nicht mit einer gan­zen Szene gleich! Das eine hat mit dem ande­ren abso­lut nichts zu tun! Der Bei­trag ist ein Para­de­bei­spiel für schlech­ten Journalismus.

  2. O mein Goth! Das ist die­ser »Bericht« Der mich damals so auf­regte. Ich sah ihn damals nicht bei Aspekte son­dern Kul­tur­zeit und war rich­tig ent­täuscht über das Maga­zin. Und bin es immer wie­der, wenn ich mir das anschaue. Es war das ein­zige Mal, dass ich einen Brief an eine Redak­tion geschrie­ben habe, um mich zu beschweren.

    Moment mal… haha! … Da sind ja Blu­ten­gel. Ja die sind BÖSE!

  3. Hoff­nungs­lo­sig­keit + Todes­sehn­sucht = ?
    Liebe Jour­na­lis­ten, das Wort, dass Ihr sucht heisst »Depres­sion« und nicht »Gruftie-Bewegung«. Ich kenne bei­des aus ers­ter Hand, ebenso die Unter­schiede dazwi­schen und kann mich als Betrof­fe­ner bzw. Ange­hö­ri­ger von bei­dem auch gerecht­fer­tigt und maß­los über solch häne­bü­chen­den Unsinn in der Bericht­er­stat­tung aufregen!

  4. Hach, der gute alte Bericht.
    Wurde der wohl wie­der­holt? Der geis­tert doch schon ewig auf Youtube rum. Ach. Egal.

    Ich bin kein Experte, was psy­chi­sche Stö­run­gen betrifft, aber wenn dann war sie eher vor­her schon irgend­wie ange­knackst und hat sich dann in etwas ver­rannt. Aber nicht in die Szene, son­dern in ihren Wahn. Sie war ledig­lich gruf­tig dabei angezogen.

    Ich finde es im übri­gen immer wie­der erstaun­lich, mit wel­cher Ambi­va­lenz die Szene dar­ge­stellt wird. Ent­we­der sind wir harm­lose Spin­ner in düs­te­ren Kla­mot­ten, die nur Schau­lau­fen betrei­ben oder wir sind die bösen Sata­nis­ten, die Men­schen umbringen.

    Wenn das nicht mal ehr­li­cher Jour­na­lis­mus ist ;)

  5. Es ist ein Jam­mer. Nein, es ist viel­mehr eine Schande, dass ein Qua­li­täts­sen­der (dazu noch ein öffent­li­cher Rund­funk) den jour­na­lis­ti­schen Ehren­ko­dex so miss­ach­tet. Ich bin wirk­lich ent­täuscht und ziem­lich ver­är­gert, dass das ewige Satanisten-Klische gerade durch den ZDF so for­ciert wird und somit die Unkennt­nis über die Gothic-Szene auf­recht erhal­ten bleibt.
    Ich selbst bin Stu­den­tin der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft, mit Schwer­punkt Jour­na­lis­tik und PR. Gleich zu Beginn des Stu­di­ums wurde uns gelehrt, wie wich­tig eine gründ­li­che und gewis­sen­hafte Recher­che ist. Die­ser Bei­trag erfüllt in keins­ter Weise die ehti­schen Kri­te­rien des Jour­na­lis­mus und ist zudem in einem Kul­tur­ma­ga­zin äußerst fehl am Platz.

  6. Ja der Bericht geis­tert wirk­lich schon ewig auf Youtube umher. Aber »Qua­li­täts­sen­der« halte ich schon für ne sehr rea­li­täts­ferne Beschrei­bung;) Ich weiß immer­noch was ich schlim­mer finde: »Die sind alle ganz nor­mal hören nur Techno und tra­gen schwarz« oder »natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Sata­nis­ten«, bei­des ist ein­fach furcht­bar, hohl und der­ma­ßen primitiv…

    Ich fände es ja mal schön, wenn es eine wirk­lich gute Doku über die gesamte schwarze Szene geben würde, mit allen Berei­chen, Beschäf­ti­gung mit allen Kri­tik­punk­ten und Befra­gung von Men­schen die wirk­lich shcon lange dabei sind und nicht seit 2 Mona­ten mit nem Blutengel-Shirt und nem Cyber-Dance auf Ago­no­ize und Co tan­zen. Dann könnte man auch immer dar­auf ver­wei­sen, aber da hat sich immer­noch kei­ner ran­ge­traut, leider…

    PS Noch­mal zum Thema »Qua­li­täts­sen­der«, wenn man sich über viele Dinge über die berich­tet wird ernst­haft infor­miert, merkt man das die ihre »Grund­werte« tag­täg­lich mit Füßen treten.

  7. Eine erfri­schende Abwechs­lung wäre es doch mal, all die­je­ni­gen Psy­cho­pa­then die Morde began­gen haben und als völ­lig nor­mal, ange­passt und unauf­fäl­lig emp­fun­den wur­den von deren Umge­bung, als Bei­spiel dafür her­zu­neh­men wie gefähr­lich »nor­mal und ange­passt« eigent­lich ist — mit dem Schluß-Satz »nor­mal und ange­passt führt zu Mord!« *hust*

    Die Zahl an so beschrie­be­nen Mör­dern ist doch höher als die die (angeb­lich) aus der schwar­zen Szene stam­men. Aber kaum kommt mal ein psy­chisch ange­schla­ge­ner Schwarz­trä­ger daher, deu­tet die halbe Welt drauf und fühlt sich in ihren Vor­ur­tei­len bestä­tigt. Daß das ZDF auf diese Schiene auf­springt finde ich eben­falls ziem­lich niveau­los. Man hätte auch sach­li­cher dar­über berich­ten kön­nen ohne gleich alles was schwarz ange­zo­gen ist in einem Atem­zug mit Sata­nis­ten und Psy­cho­pa­then zu nen­nen.
    Nied­lich ist auch immer wie­der daß »Okkul­tis­mus« nahezu immer im Kon­text mit Sata­nis­mus genannt wird, was so gese­hen auch reich­lich dane­ben ist.

    Zum Thema »gute Doku über die Szene«: ich bin wei­ter­hin sicher daß sowas kaum mach­bar ist. Man kann sich auf musi­ka­li­sche Ent­wick­lung stür­zen und dar­über berich­ten — was Arte vor 2 (glaub ich) Jah­ren ganz gut hin­be­kom­men hat, aber sobald Ein­zel­per­so­nen, auch wenn die vom ganz alten Eisen sind, zu Wort kom­men, so bleibt jede Geschichte und jede Ein­schät­zung halt doch nur die Mei­nung eines Indi­vi­du­ums — und das zieht nach sich daß andere Gruf­ties die Teile sol­cher etwai­gen Aus­sa­gen viel­leicht anders sehen dann wie­der Ein­spruch erhe­ben und eine sol­che Doku, schlimms­tens­falls die betei­lig­ten Per­so­nen in irgend einer Form run­ter machen.
    Sicher gibt es bei Schwarz­trä­gern immer gewisse Überein­stim­mun­gen — muss es ja irgend­wie, sonst würde man die Szene nicht in gewis­ser Weise als »Zuhause« emp­fin­den. Aber die gan­zen Dis­kus­sio­nen zu dem Thema was denn nun Gothic ist und was nicht zeigt an sich ja auch daß es eine recht per­sön­li­che Sicht­weise ist die man schwer all­ge­mein­gül­tig in einer Doku ver­bra­ten kann. Will man es auf ein paar Schlag­worte run­ter­ko­chen, dann kommt meist das unver­meid­li­che »Melan­cho­lie, Trau­rig­keit und Tod« — und dann regen sich wie­der alle auf … frei­lich zu Recht weil ein paar ein­ge­wor­fene Schlag­wör­ter Raum für aller­hand Inter­pre­ta­tion las­sen, aber je mehr man ins Detail geht umso mehr muss man an die Sicht­wei­sen ein­zel­ner Per­so­nen gehen, und die Rea­li­tät ist eben so daß Grufti-sein eben *keine* Schub­lade ist, und eine andere Per­son die Dinge wie­der aus einem ganz ande­ren Blick­win­kel sieht.

  8. Zum Thema „Manuela Ruda“ kann ich mich den Stand­punk­ten nur anschlie­ßen: Der ZDF-Beitrag ist ein­fach ganz schlech­ter Jour­na­lis­mus.
    Zum Thema „Sze­ne­do­ku­men­ta­tion“ stellt sich mir öfter die fol­gende Frage: Warum möchte sich eine Szene, die zu einem Groß­teil gegen die Spaß­ge­sell­schaft pro­tes­tiert und sich abgren­zen möchte, unbe­dingt erklä­ren? Sicher­lich hätte ich gro­ßen Spaß daran, eine anstän­dige Doku­men­ta­tion über die Ent­wick­lung, die ver­schie­de­nen Strö­mun­gen und Vor­lie­ben in die­ser Szene zu sehen. Dies aber nur aus eige­nem Ver­gnü­gen und nicht um ande­ren zu zei­gen, wie die Szene so ist.
    Ich teile durch­aus Rosas Mei­nung, dass Ein­zel­per­so­nen immer etwas Per­sön­li­ches zei­gen, das sich nicht unein­ge­schränkt auf andere pro­ji­zie­ren lässt. Ich finde dies aller­dings nicht so schlimm. Solange Mei­nun­gen und Ansich­ten nicht als all­ge­mein­gül­tig „ver­kauft“ wer­den. Und – wie bei den bekann­ten Doku­men­ta­tio­nen – sich nicht alles auf Ober­fläch­lich­kei­ten redu­ziert. Letzt­end­lich schei­tern die meis­ten Pro­duk­tio­nen schon im Vor­feld bei der Aus­wahl der Prot­ago­nis­ten. Wobei ich mit die­sem Urteil sicher­lich auch vor­sich­tig sein muss, da ein Medium wie der Film die unge­heure Macht hat, fast jeden schlecht und däm­lich aus­se­hen zu lassen.

  9. Was soll man dazu noch groß­ar­tig sagen. Ich hatte das damals zwar auch ver­folgt, fühlte mich durch diese gan­zen Morde aber nicht son­der­lich ange­spro­chen. Weder die Rudas (die ihre Bude mit Cradle-of-Filth-Postern schmück­ten) noch Herr Becker (hier Opfer) waren für mich Goths.

    Im Ami­land pas­sier­ten zeit­gleich übri­gens ähnli­che Fälle. Irgend­wel­che Tee­nies, die schwarz ange­pin­selte Metal-Combos kon­su­mier­ten, begin­gen Ver­bre­chen und wur­den von der Presse mit der Gothic-Szene asso­zi­iert. Scott Dyle­ski, Kim­veer Gill, Eric Har­ris, Dylan Kle­bold — nicht einer von denen war Goth.

    Miese Beri­cher­stat­tung sei­tens der Medien ist eben kein aus­schließ­lich deut­sches Phänomen.

  10. Viel­leicht ist es nur eine fal­sche Vor­stel­lung, aber von den öffentlich-rechtlichen erwarte ich ein­fach mehr. Mag sein, dass es eine naive Erwar­tungs­hal­tung ist, wenn ich hoffe, dass ARD, ZDF oder WDR ihrem Bil­dungs­auf­trag nach­kom­men. Wäre oben links nicht das Logo des zwei­ten deut­schen Fern­se­hens ein­ge­blen­det, hätte ich ver­mu­tet der Bericht stammt von RTL, Sat.1 oder Pro­Sie­ben und würde sich naht­los als Pro­gramm­punkt nach »Mit­ten im Leben« oder »Rich­te­rin Bar­bara Salesch« ein­fü­gen. Viel­leicht ist es aber auch eine Not­wen­dig­keit sich der Bericht­er­stat­tung pri­va­ten Sen­der anzu­schlie­ßen, um Ein­schalt­quo­ten zu gene­rie­ren und in Kon­kur­renz mit den »ande­ren« Sen­dern zu treten.

    Ich hätte mir gewünscht, der Bericht würde genau die andere Seite beleuch­ten. Wie und warum sich die Tat zweier Psy­cho­pa­then auf eine Sub­kul­tur aus­wirkt. Wieso man immer nach Recht­fer­ti­gun­gen für ein Ver­bre­chen sucht und anschei­nen nicht akzep­tie­ren kann, dass es ein­fach nur zwei kranke Indi­vi­duen sind. Es spielt doch keine Rolle wel­che Szene man betrach­tet. Gehört ein 15facher Mas­sen­mör­der dem Schüt­zen­ver­ein an, wird womög­lich dort nach Grün­den für seine Tat gesucht. Kil­ler­spiele, Gangs­t­er­rap, Gothic­szene, Neo­folk oder Hip-Hop — irgend­wann kriegt offen­bar jede Szene ihr Fett ab.

  11. Auf Anhieb fällt mir kein Sen­der ein, der mich noch nicht ent­täuscht hat. Hat­ten ZDF oder ARD nicht schon frü­her über die Schwarze Szene berich­tet und kräf­tig Aus­sa­gen manipuliert/Teile her­aus­ge­schnit­ten und durch ihre POVi­gen Kom­men­tare ergänzt? Bevor die Rudas kamen, war das zuletzt ca. 1997/98, wenn ich mich recht entsinne.

    Mag man den Quel­len Glau­ben schen­ken, war Daniel Ruda zu die­ser Zeit übri­gens Vor­sit­zen­der des NPD-Kreisverbandes in Reck­ling­hau­sen. Eher unvor­stell­bar, dass er damals schon Kon­takt zur Schwar­zen Szene pflegte oder zumin­dest dass er Teil davon war.

  12. Ich habe auch mal an das Vor­ur­teil geglaubt, Goths seien alles Sata­nis­ten und alle Sata­nis­ten kri­mi­nell. Die­ser Ein­druck wurde schließ­lich oft genug im Fern­se­hen erzeugt.

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