18 Juni

In einem Leichenwagen ist noch niemand gestorben

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 201012 Kommentare

Bild eines alten LeichenwagensEin Lei­chen­wa­gen ist die adäquate Form der Fort­be­we­gung Auto­mo­bi­ler Gothics — fin­den jeden­falls viele US-Amerikanische Gruf­ties und grün­den bereits erste und dunkle Lei­chen­wa­gen­clubs. »By dri­ving the most gothic car in the world, you can expect the same remarks as you get from people who dont like or under­stand the gothic sub­cul­ture […] The fun­niest thing you can ever do is to tell them that you have a PhD = Pro­fes­sio­nal Hearse Dri­ver.»1 Die Ägyp­ter machte es zur Sitte, das ihre Ver­stor­be­nen eine gehei­ligte Stätte besuch­ten, bevor man sich in ihrer Hei­mat beer­digte. Man­che woll­ten gar in Aby­dos beige­setzt wer­den, wo man das Haupt des Osi­ris bestat­tet glaubte. Das erfor­derte eine aus­ge­klü­gelte Trans­port­lo­gis­tik und man erfand die Toten­barke, den Vor­läu­fer des Leichenwagens.

Im Mit­tel­al­ter ent­deckte man die Egge als Lei­chen­wa­gen. Das land­wirt­schaft­li­che Gerät, das wie eine über­di­men­sio­nale Harke funk­tio­niert, wurde umge­dreht und die Spit­zen der Har­ken dien­ten Ker­zen als Hal­te­rung und der Sarg wurde wäh­rend der schon damals übli­chen Todes­messe dar­auf gestellt. Spä­ter schmückte man dann die Egge mit Tüchern und Blu­men und nutzte die freien Spit­zen um dem Toten letzte Grüße mit auf den Weg zu geben.2 Das eng­li­sche Wort für Lei­chen­wa­gen »Hearse« hat auch hier sei­nen Ursprung, denn es ist vom fran­zö­si­sche Wort für die Egge herse abge­lei­tet., das E Spä­ter machte man dann Kut­schen dar­aus, die dann nach und nach durch moto­ri­sierte Exem­plare ersetzt wurden.

Erstaun­li­cher­weise ist der Lei­chen­wa­gen als sol­cher die ein­zige kon­stante in vie­len Kul­tu­ren die­ser Erde. Denn obwohl sich die Rituale zu Beer­di­gung teil­weise gra­vie­rend von ein­an­der unter­schei­den, nut­zen viele Völ­ker den Lei­chen­wa­gen um ihre Ver­stor­be­nen zu trans­por­tie­ren.  Was nun die Fas­zi­na­tion als Fort­be­we­gungs­mit­tel aus­macht, ist schnell geklärt. Es ist die per­fekte Mög­lich­keit indi­vi­du­ell von A nach B zu kom­men. Die Seite leichenwagen.de schreibt: »Ein Lei­chen­wa­gen ist etwas sehr beson­de­res, zum einen kul­tu­rell, zum ande­ren tech­nisch. Bestat­tungs­fahr­zeuge spie­geln, genauso wie Bestat­tungs­ri­tuale, die Kul­tur einer Gesell­schaft wider, wie sie mit dem Tod und den Ver­stor­be­nen umgeht. Auch die geschicht­li­che Ent­wick­lung des Umgangs einer Gesell­schatft [sic!] mit dem Tod fin­det sich in den Bestat­tungs­wa­gen. Tech­nisch sind sie sel­tene und beson­dere Fahr­zeuge, da sie im Regel­fall Ein­zel­stü­cke sind, die von klei­nen Fir­men in Hand­ar­beit her­ge­stellt wer­den.«

Das Men­schen, die Gothic zur Lebens­phi­lo­so­phie erklärt haben, ein­mal einen Lei­chen­wa­gen als Mög­lich­keit der Abgren­zung zum »Golf-Fahrer« sehen wür­den, war nur eine Frage der Zeit und sicher­lich auch eine unaus­weich­li­che Ent­wick­lung. Die Jugend­kul­tur der 80er macht nun mal irgend­wann mal den Füh­rer­schein. Für man­che ist das sicher­lich die Lächer­lich­keit der eige­nen Szene-Zugehörigkeit und pola­ri­siert durch­aus die Gemü­ter. Ich finde einen gewis­sen Hang zur Selbst­iro­nie immer erfri­schend, extreme Ernst­haf­tig­keit der eige­nen Szene gegen­über führt nicht sel­ten zu einem Tun­nel­blick, der die Fähig­keit des kul­tu­rel­len Weit­blicks unge­mein einschränkt.

Ich finde diese Auto­mo­bile Außer­ge­wöhn­lich­keit fas­zi­nie­rend obwohl ich mir selbst ein sol­ches Gefährt wohl nicht zule­gen werde. Ich lie­ben den sub­ti­len Charme den diese Fahr­zeuge ver­strö­men, denn sie brin­gen das mor­bide auch über die Fried­hofs­gren­zen hin­aus. Die in loser Folge chro­no­lo­gisch sor­tier­ten Bil­der sol­len euch einen klei­nen Ein­blick in die Geschichte des »moder­nen« Lei­chen­wa­gens geben:

Kutsche als Leichenwagen
Kut­sche als Lei­chen­wa­gen zwi­schen 1910 und 1915, The Library of Con­gress @ flickr.com

Ein russischer Leichenschlitten
Ein rus­si­scher Lei­chen­schlit­ten mit anwe­sen­der Trau­er­ge­sell­schaft, etwa 1920, Bal­lyhoo­li­gan @ flickr.com

Leichenbestatter 1925
Tommy Weir, Lei­chen­be­stat­ter in Prar­i­rie Creek, Indiana 1922, Curt DeBaun @ flickr.com

Leichenwagen 1934
Lei­chen­wa­gen von Say­ers & Sco­ville Model Olym­pia  1934, neon4all @ flickr.com

Leichenwagen aus Paraguay 1964
Lei­chen­wa­gen in Asun­ción, Para­guay 1964, jim_mcculloch @ flickr.com

Ford Granada
Eng­li­scher Ford Gra­nada Lei­chen­wa­gen, 1982 Charles01 @ Wikimedia.org

Japanischer Leichenwagen 2008
Japa­ni­scher Lei­chen­wa­gen 2009, Corpse Revi­ver @ Wikimedia.org

(Bild­quelle Tea­ser: Michael Peter­son @ flickr.com)
  1. Quelle: Gothic Por­tal — Gothic Hearse Cars []
  2. Ver­glei­che dazu den Arti­kel Lei­chen­wa­gen auf Wiki­pe­dia, lei­der ohne wei­tere Quel­len­an­gabe []

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Schwarze Szene
Schlagwort: , , ,

Verwandte Artikel

12 Kommentare

  1. Also ich bin zwar abso­lut kein Fan von Fried­hö­fen aber ein »gepimp­ter« Lei­chen­wa­gen hätte etwas mit Sitz­bank und Tisch und klei­nen Spie­le­reien wie Licht im hin­te­ren Teil, damit man irgendwo im Nir­gendwo gemüt­lich Kar­ten spie­len kann, wenn es drau­ßen regnet..

  2. »Erstaun­li­cher­weise ist der Lei­chen­wa­gen als sol­cher die ein­zige kon­stante in vie­len Kul­tu­ren die­ser Erde.»
    Ach ja? Wo denn? Die christ­li­che Begräb­nis­kul­tur sehe ich jetzt mal als eine Kultur.

  3. Inter­es­sant, inter­es­sant… ^^
    Heute abend bin ich auch wie­der in einer Kneipe deren Besit­ze­rin einen Lei­chen­wa­gen fährt (ich glaube ein zie­milch alter Mer­ce­des, mit H-Kennzeichen). Meine Freun­din konnte ich aber von der Idee nicht über­zeu­gen, dass wir unbe­dingt irgend­wann auf einen Lei­chen­wa­gen umstei­gen müs­sen… :)
    Naja, ich würde mich ja auch mit dem »Muns­ter Koach« zufrie­den geben:

    ;)

  4. da machste schon nen bei­trag über lei­chen­wa­gen, und bin­dest den geils­ten lei­chen­wa­gen aller zei­ten nicht als bild ein — also wirk­lich robert! ;)

    http://www.wittyw.de/mbuns.htm#jagcorpse

  5. @Moonica: In der Tat, eine sol­che Idee fände ich auch äußerst anspre­chend. Würde sich auch anbie­ten damit auf einen Camping-Urlaub zu fah­ren und im hin­te­ren Teil zu über­nach­ten, natür­lich ohne Sarg, man muss ja nicht gleich jedem Kli­schee gerecht werden :)

    @Karnstein: Wie ich sehe bevor­zugst auch du eine »gepimpte« Vari­ante, viel­leicht leiht Dir ja die Besit­ze­rin der Kneipe ihren Lei­chen­wa­gen für eine Ken­nen­lern­tour, gerade die alten Benze haben ja eine lange Tra­di­tion als Lei­chen­wa­gen. Kurios, je älter man wird desto grö­ßer das Inter­esse an Old­ti­mern. Muss wohl an der See­len­ver­wand­schaft liegen ;)

    @Vizioon: Die Bud­dhis­ten benut­zen bei­spiels­weise eben­falls einen Lei­chen­wa­gen. Der sieht zwar etwas anders aus, ist aber trotz­dem ein Lei­chen­wa­gen. Auch inner­halb der christ­li­chen Kir­che gibt es immer wie­der Unter­schiede in der Art der Bestat­tung und der Form des Toten­kul­tes. Daher halte ich den Lei­chen­wa­gen für eine Kon­stante, ich hatte eigent­lich gedacht man würde mehr Unter­schiede im Trans­port­ver­hal­ten seine Ver­stor­be­nen erkennen.

    @tobi: In der Tat, ein Ver­säum­nis. Ich bin untröst­lich und werde das bei Gele­gen­heit nach­ho­len. Gibt es eigent­lich einen Enthu­si­as­ten der dan Jaguar 1:1 nach­ge­baut hat? Danke für den Link :)

  6. Ja, der letzte Wagen ist immer ein Kombi…
    Tol­les Thema und guter Bericht mit Hin­ter­grund­in­fos, Robert. Das mit der Egge wusste ich z.B. nicht. Und der »Muns­ter Koach«, den von Karn­stein gepos­tet hat, ist ja sehr geil. Man sieht ja auch jedes Jahr aufm WGT sol­che Karos­sen, aber sooo schöne wie hier im Bei­trag lei­der nicht.

  7. Pas­send zum Thema ein net­tes Lied­chen mit extrem lus­ti­gen Video:

    http://www.youtube.com/watch?v=VB-D0_-6tog

    Das eigent­li­che Musik­vi­deo geht so ab 2:00 los.
    … Ich finde es ist ein ech­ter Ohr­wurm!
    ;-)

  8. @Robert: Echt? Es gibt eine ziem­li­che Band­breite im Bud­dhis­mus, aber eigent­lich sollte es nur um den Übergang zwi­schen den »Seins­for­men« gehen. Wes­we­gen der sterb­li­che Kör­per eigent­lich keine Rolle spie­len sollte.
    Und über­haupt: Ich tue mich mit jeder Art von Toten­kult eh schwer. Denn irgend­wie bleibt nach dem Tod nur eine Menge ver­gä­ren­der Bio­masse übrig. Und Erinnerung.

  9. @shan_dark: Stimmt, auf dem WGT habe ich auch einen gese­hen, jetzt wo du davon sprichst, fällt es mir wie­der ein. Viel­leicht liegt es auch an den Kul­tu­rel­len Unter­schie­den, das ein Auto hier anders betrach­tet wird oder ein­fach an den Sprit­prei­sen, die uns kleine und spar­same Autos fast aufdiktieren :)

    @Synapsenpogo: Wirk­lich ein gutes Video, obwohl die Musik ja nicht so wirk­lich in die Kli­schee­vor­stel­lung von »schwar­zer Musik« passt. Aber viel­leicht mal eine gelun­gene Berei­che­rung für die Gothic-Szene. »Country-Goth«, yeah!

    @Vizioon: Auch ich kann mich nicht wirk­lich mit eini­gen For­men des Toten­kul­tes anfreun­den, aber du sprichst das an, was für mich wirk­lich wich­tig ist. Erin­ne­rung. Das ist das was wirk­lich zurück­bleibt (außer den Kno­chen) und zurück­blei­ben sollte. An die guten und die schlech­ten Zei­ten. Man­che brau­chen Grä­ber und Gedenk­tage sich zu erin­nern, ich brau­che dazu nur das Foto mei­ner ver­stor­be­nen Mutter.

  10. @Robert:

    Naja, EJ Wells ver­folgt schein­bar auch in wei­te­ren Songs eine gruf­tige Thematik:

    »Some­thing in the graveyard«

    http://www.youtube.com/watch?v=GPNicNQIbA4

    Was den musi­ka­li­schen Bezug zur Schwar­zen Szene angeht, so könnte man mit gutem Wil­len damit argu­men­tie­ren, dass die Gen­res Rocka– und Psycho­billy mitt­ler­weile durch das Horrorpunk-Revival auch recht Szene-nah ste­hen.
    Die Ver­bin­dung ist da die The­ma­tik.
    Naja und wenn man sich Bands wie The Cramps anschaut, die sich ja immer in meh­re­ren Sze­nen gleich­zei­tig einer gewis­sen Bliebt­heit erfreuten …

  11. @Synapsenpogo: wow, das Video ist ja echt grau­en­haft, und das meine ich nicht im guten Sinn.
    @Robert: Was den Toten­kult angeht, ich glaube nicht, daß die Toten irgend­ei­nen Ein­fluss auf uns haben, was über den Tod hin­aus­geht. Aber schon, wenn an die Erin­nung geht. Ich träume z.B oft von mei­ner ver­stor­be­nen Groß­mut­ter. Und inter­es­san­ter­weise trauere ich nur in die­sen Träumen.

  12. @Synapsenpogo: Durch­aus, da muss ich Dir zustim­men. Die­ses Ver­qui­ckung der Genre Psychobilly-Horrorpunk-Gothic-Rock finde ich eben­falls sehr attrak­tiv und würde das als Gegen­satz bezeich­nen aber als Berei­che­rung anse­hen. Und mit The Cramps oder auch der Fluch hast sicher­lich die Brü­cken­schlä­ger zu die­sen Genre genannt.

    @Vizioon: In der Tat, die For­men der Trauer sind sehr ver­schie­den. Ich lasse mich da auch gerne keine Dik­tat unter­wer­fen. Den gerade in fami­liä­ren Krei­sen exis­tiert da oft eine Erwar­tungs­hal­tung die ich nicht erfül­len kann und erfül­len will.

Schreibe einen Kommentar

Hilfe bei der Kommentareingabe?

Trackbacks

  1. Kreuzberg Tweets schreibt:

    Google-Blogs: In einem Lei­chen­wa­gen ist noch nie­mand gestor­ben – Spon­tis Web­log — http://tinyurl.com/2b5z8rd