5 Mai

Goth-Typographie und Grufti-Logos analysiert

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Goth-Typographie und Grufti-LogosAus der Serie „Alt aber nicht veraltet“, präsentiert Karnstein von den Otranto-Archiven eine weitere Perle seines Blogs, der ja bekanntlich bei Spontis ein neues zu Hause gefunden hat. Diesmal geht es um das Design von Band-Logos einschlägiger Bands, das sich einige Fans sogar in die Haut tätowieren lassen, um eine dauerhafte Identifizierung mit ihrer Lieblings-Band einzugehen.

Eigentlich ist es ja ein klassisches Refugium von Hardrock- und Metal-Bands: Das Verwenden eines durchgestalteten Logos, das in der Regel in erster Linie den Bandnamen in einer mal mehr, mal weniger originellen graphischen Darstellung enthält – manchmal noch erweitert um einzelne Symbole, die ebenso bekannt und repräsentativ werden können.

So wird vermutlich fast jeder von uns die Logos von zum Beispiel AC/DC oder Metallica schneller erkennen als es ihm möglich wäre den Schriftzug bewusst zu lesen – auch wenn man mit dieser Art Musik gar nichts zu tun hat. Weniger einprägsam, weil mehr oder weniger fest definierten Konventionen folgend, verhält es sich da in der Black-Metal-Szene, wo Bandlogos offenbar als absichtlich unkenntlich und nur für den Eingeweihten entzifferbar entworfen werden; und mit dem Metal-Umlaut (auch: Röck Döts) hat sich sogar in kleinem Maße so etwas wie ein eigener orthographischer Faktor entwickelt.

Gefeit ist aber auch die Schwarze Szene keineswegs vor solchen Mechanismen, denn natürlich hat ein Logo mit Wiedererkennungswert einige Vorteile und kann auch ganz hervorragend verwendet werden um bestimmte Aussagen zu treffen oder Images und Stimmungen zu unterstreichen, die die jeweilige Band vermitteln möchte. Werfen wir also doch mal einen näheren Blick auf eine (rein subjektive und in keiner Weise geordnete) Auswahl an Bandlogos aus schwarzen Gefilden:

Bauhaus

Bauhaus Bandlogo
Bauhaus haben es sich relativ einfach gemacht. Bereits auf ihrer ersten Veröffentlichung, der 1979er Single „Bela Lugosi’s dead“ prangt 1:1 das Originallogo der deutschen Kunstschule deren Namen die Band letztlich auch unverändert übernommen hat. Darin findet sich der Schriftzug in der 1925 von Herbert Bayer (Leiter der Reklamewerkstatt des staatlichen Bauhauses) entwickelten „Universal“-Schriftart. Ganz im Sinne des Minimalismus verwendet diese keine Großbuchstaben und jeder Buchstabe stellt gestalterisch quasi das Minimum dessen dar was nötig ist, um noch kenntlich zu sein.

Außerordentlich passend also für eine mit minimalistischem Sound und kalten Atmosphären arbeitende Artrock-Band! Und so verwendete man das bereits 1922 von Oskar Schlemmer entwickelte Logo mit dem stilisierten, nur aus Vertikalen und Horizontalen bestehenden Menschenkopf gleich mit.

Ironisch nur, dass von 16 veröffentlichten Studioalben, EPs und Singles nur vier den Schriftzug und drei das Logo tragen – das Ikonische der beiden Elemente dürfte also in allererster Linie vom Bauhaus-Merchandise kommen, der sich weitestgehend natürlich ohnehin auf „Bela Lugosi’s dead“ bezieht.

Joy Division

Joy Division Bandlogo

Die drei Joy Division Alben, die Singles „Transmission“ und „Love Will Tear Us Apart“, sowie eine Joy Division Single-Compilation wurden von Peter Saville gestaltet, dem Haus-und-Hof-Designer des Labels Factory Records. Dieser gibt an sich an die kalte, disziplinierte „New Typography“ von Jan Tschichold angelehnt zu haben:

Ihre Subtilität gefiel mir. Ich entdeckte darin eine Parallele zu der New Wave, die sich aus dem Punk heraus entwickelte.

Kalt und diszipliniert wirkt der schlichte Großbuchstaben-Schriftzug mit den dezenten Serifen (die kleinen Häkchen, die etwa „Times New Roman“ hat, „Arial“ aber nicht) auf jedenfalls, aber erstaunlicherweise befindet er sich auf keinem einzigen der Tonträger – überhaupt finden wir nur auf dem Cover der Compilation überhaupt einen JD-Schriftzug, und der ist nicht identisch.
Ich vermute dass der Schriftzug erst nachträglich in Anlehnung an Savilles Titel-Typographien von „Love Will Tear Us Apart“ und „Closer“ entstanden ist, die beide genau eine solche Schrift verwenden sowie links und rechts von je einem Punkt eingefasst sind. Auch hier dürfte also die Merchandise-Maschinerie verantwortlich zeichnen, die auch noch 30 Jahre später (besonders nach Anton Corbijns Control) enorm floriert.

Clan of Xymox

Bandlogo Clan of Xymox

Das Logo der holländischen Darkwaver Clan of Xymox ist für mich eines der besten Logos. Wie auch bei Bauhaus und Joy Division gibt es auch bei CoX keine 100%ig klare Linie: Der Schriftzug selbst ist auf jedem Plattencover anders, aber seit 1989 findet sich immer wieder das rechts gezeigte kreisförmige Symbol, das auch auf diversen Merch-Produkten auftaucht und von der Band als Bühnendeko verwendet wird:

Darin findet sich je ein gleich großer Abschnitt für die Buchstaben x, y, m und o, wobei das zweite x durch einen Strich über dem ersten angedeutet wird, sodass sich das vermutlich bedeutungsfreie Wort „xymox“ ad infinitum immer wieder im Kreis lesen lässt. Genial einfach, und einfach genial.

Sisters of Mercy

Das vielleicht bekannteste Logo im Gothrock ist sicherlich das der Sisters of Mercy, und in meinen Augen ist es auch eines der interessantesten. Bereits bei der ersten Veröffentlichung, der Single „The Damage Done“, prangte in der Mitte der Vinylscheibe ein Aufkleber mit einem fünfzackigen Stern vor dem ein eigentümlich gedrehter kahler menschlicher Kopf zu sehen ist, auf dem verschiedene Linien eingezeichnet sind. Kennt jeder, aber was hat es damit auf sich?

Nun, als Andrew Eldritch diese Abbildung 1980 wählte und stilisierte war sie bereits über 120 Jahre alt, denn sie stammt aus dem 1858 von Henry Gray veröffentlichten Anatomiebuch mit dem schlichten Namen „Gray’s Anatomy“. Auf der Originalabbildung lässt sich nun auch unschwer erkennen was die Linien und Pfeile darstellen: die bestmöglichen Schnittstellen und die jeweils beste Zugrichtung zum Abziehen der Haut von einem menschlichen Kopf. Na, wenn das mal nicht Gothic ist…

Sopor Aeternus & The Ensemble of Shadows

Symbol of Jusa

Recht bekannt ist auch ein sehr mysteriös anmutendes Symbol, das man häufiger an Vertretern der Rüschen-und-Samt-Fraktion sieht. Nämlich das Logo von Sopor Aeternus & The Ensemble of Shadows, welches von Anna-Varney Cantodea als „Jusa“ bezeichnet wird. Das Kunstwort scheint eine Kontraktion aus „Jupiter“ und „Saturn“ zu sein, und als genau das stellt sich bei näherem Betrachten auch das Zeichen selbst heraus – als eine Kombination der astronomischen Symbole für eben diese Planeten.

Meines Wissens ist keine offizielle Deutung bekannt, doch ich vermute, dass mit der Kombination der Symbole auch eine Kombination der im Mittelalter und der frühen Neuzeit mit Jupiter und Saturn asoziierten Eigenschaften einhergehen soll. Und tatsächlich werden in der im Hochmittelalter um astrologische Elemente erweiterten antiken Vier-Säfte-Lehre Jupiter und Saturn einander bedingt gegenüber gestellt, in dem sie etwa mit Luft beziehungsweise Erde assoziiert werden. Konkreter verbindet man mit Jupiter wohl Leben, Wachsen, Glück und Freiheit, während Saturn für Disziplin, Autorität, Ordnung und derlei mehr steht.

Keine konkreten Gegensätze also, wir haben es also nun nicht gerade mit einem abendländischen Yin&Yang zu tun. Aber vielleicht doch ein gegenseitiges Bedingen dieser Eigenschaften, oder die Erkenntnis der Notwendigkeit der saturnischen Eigenschaften um die des Jupiter zu erlangen? Das bleibt vermutlich Spekulation, aber allein schon die Tatsache dass der eine oder andere sich zu Recherche und Spekulation hinreißen lässt ist doch auch schon etwas, oder?

Einstürzende Neubauten

Einstürzende Neubauten
Noch simpler und mindestens ebenso einprägsam ist das Symbol der Einstürzenden Neubauten. Seit 1981 (und der ersten durchgestalteten Veröffentlichung „Kollaps“) prangte auf dem überwiegenden Teil der Veröffentlichung der Neubauten das stilisierte Männchen mit dem kugelrunden Kopf und den ungleichen Beinen. Laut Blixa Bargeld handelt es sich um eine archaische Höhlenmalerei amerikanischen Ursprungs (nach unterschiedlichen Quellen entweder toltektisch oder olmekisch), doch der Bezug zur Band ist so zwingend geworden, dass das meiste Merchandising und viele Fan-Tattoos ohne jede Art von Schriftzug auskommen. Interpretationen hat es sicherlich viele gegeben, doch Herr Bargeld gibt an, man habe es absichtlich ohne feste Bedeutung als Bandlogo übernommen, um es später mit Inhalten füllen zu können.

Farblos

Farblos

Zu guter Letzt möchte ich über einen Schriftzug referieren, dessen Gestaltung mich erst auf den Gedanken gebracht hat, diesen Artikel zu schreiben. Schonungslos ehrlich darauf angesprochen dass mein eigenes Farblos-Logo zu schlicht und ideenlos und vermutlich lieblos mit einer Standard-Schriftart dahingeklatscht worden sei fasste ich den Entschluss meine Intention dem geneigten Leser zu erläutern. Denn auch wenn es nach wenig aussieht: Es ist nicht zufällig entstanden.

„Gotik in der Moderne“ – das war quasi „in a nutshell“ das Konzept. Die schmalen, hohen, aufstrebenden Formen der gotischen Architektur, die einen davor stehenden und nach oben schauenden Menschen sich so klein und unscheinbar fühlen lassen, nachgebildet in einer gleichförmigen und kalt-minimalistischen Schriftform, wie sie dem späten Jugendstil oder dem deutschen Expressionismus der 1920er entstammen könnte.

Das aufstrebende habe ich versucht zu unterstützen durch das Nach-unten-verlagern der Schnittpunkte (wie dem Querbalken im A), doch in den meisten Darstellungen liegt ein gezielter Widerspruch dazu in der nicht nach oben sondern nach unten verjüngten Form, so als stünde man nicht ehrfürchtig vor einer Kathedrale deren Formen zu einem grimmig über einem schwebenden Gott zu zeigen scheinen, sondern als schaue man von seiner eigenen erhöhten Position hinunter zu seinen irdischen (inneren) Fundamenten – eine Vorstellung die mir persönlich mehr Halt und Trost spendet. Mir ist klar, dass all dies intuitiv wohl kaum zu erfassen ist, aber es scheint sich bei Farblos-Hörern bereits als relativ einprägsam durchgesetzt zu haben – und was kann man mehr verlangen?

Hier besonders würde ich mich über reichhaltige Reaktionen freuen: Welche Logos findet ihr interessant? Über welche könnte ich versuchen mehr herauszufinden, oder soll ich einmal typographisch auseinander nehmen, für einen potenziellen zweiten Teil?

1 Kommentar

  1. Wer mir fehlt ist Alien Sex Fiend, deren Schriftzug sich zwar auf Tonträgern häufig änderte, die aber dennoch, ähnlich wie Bauhaus über die Nutzung als Merch-Schriftzug, mit einen bestimmten Schriftzug in Verbindung gebracht werden.
    Dieser, vermutlich der Ästhetik des Punk entlehnte, zerlaufende, wie mit weißer Farbe schnell auf eine schwarze Wand geschriebene Text in Großbuchstaben trägt gleich mehrere Assoziationen in sich und ist für mich zumindest schon ein Ikonenhaftes Shirt-Symbol eines Szeneteils, an welches vielleicht noch das NIN-Logo heranreicht. Dieser Schriftzug ist unsauber, anarchisch, schnell, laut, roh und wild. Das ist der Sound der frühen Alien Sex Fiend eingefangen in ein paar Buchstaben.

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