24 Juli

Grufties aus Solingen in der Sendung "Menschen 1993"

Kategorie: Dunkle Vergangenheit, Schwarze Szene — Jahrgang: 201013 Kommentare

Vor­ur­teile sind da, um aus­ge­räumt zu wer­den. Als ich das Video »Men­schen 93″ aus der Sen­dung Schau­fens­ter ent­deckte, bin ich grund­sätz­lich vom schlech­ten aus­ge­gan­gen, denn die Medien die­ser Zeit nicht nicht gerade berühmt für eine dif­fe­ren­zierte und objek­tive Bericht­er­stat­tung.  Eine nega­tive Her­an­ge­hens­weise zeugt zwar nicht von grund­sätz­li­chem Opti­mis­mus, schützt aber davor ent­täuscht zu wer­den und lässt die Freude beim Gegen­teil wach­sen. In der Anmo­de­ra­tion heißt es: »[…] Wir blei­ben unter Men­schen. Men­schen 93. Ges­tern waren wir noch zu Gast beim Gra­fen und sahen die Buchen­scheite im Kamin bren­nen, heute tau­chen wir in eine ganz andere Sze­ne­rie. Junge Leute die nicht so aus­se­hen, als hät­ten sie den Tag zum Freund: Gruf­ties, dunkle Gestal­ten. Alles Quatsch, ganz nor­male Jugend­li­che die sagen was ihnen wich­tig ist im Leben und was nicht.«

Los geht es mit einer kur­zen Vor­stel­lung der Szene-Discothek Exit in Solin­gen, in der Men­schen mit »wil­den Fri­su­ren und schwar­zer Klei­dung« ihrer Musik lau­schen. Es geht aber nicht darum, was Gruf­ties sind oder was ihnen die Szene oder ihr Aus­se­hen bedeu­tet, son­dern eigent­lich und ange­neh­mer Weise um den Men­schen hin­ter der für viele immer noch abschre­cken­den schwar­zen Fas­sade. Ganz nor­male Jugend­li­che, die sich den Fra­gen des Redak­teurs über Aus­län­der­feind­lich­keit (vor dem Hin­ter­grund des Mord­an­schlags in Solin­gen), Wah­len, Zun­kunfts­vi­sio­nen, Kon­sum und Kapi­ta­lis­mus stel­len. Ganz inter­es­sant, was Sascha, Chris­tian und Tas­silo dazu zu sagen haben — Welt­schmerz? Depres­sion? Eng­stir­nig­keit? Mei­nungs­los? Mit­nich­ten. Eigent­lich nur Jugend­li­che die anders aus­se­hen. In der Abmo­de­ra­tion flachst der Mode­ra­tor: »Ich wette, die bie­ten alten Frauen in der Stra­ßen­bahn sogar ihren Sitz­platz an und viel­leicht set­zen sie sich dem­nächst mal neben so einen jun­gen Mann.« Ja, das taten wir, tun wir und wer­den wir tun, gro­ßes Gruftie-Ehrenwort. Karn­stein traf neu­lich ein Dame, die sich das wohl zu Her­zen genom­men hat. Schaut euch selbst an, was die 3 zu sagen haben und erin­nert euch viel­leicht an eure Ein­stel­lung in die­sem Alter. 1993 war ich 19 Jahre alt, gerade mit der Lehre fer­tig und muss zu mei­ner Schande geste­hen, das ich ein Jahr spä­ter nicht zur Wahl gegan­gen bin.

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Dunkle Vergangenheit, Schwarze Szene
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13 Kommentare

  1. Wirk­lich ein tol­ler Bei­trag — den kannte ich noch nicht.
    Ich denke, sol­che Repor­ta­gen funk­tio­nie­ren nur dann halb­wegs wenn man sich nicht auf die Szene ver­steift son­dern auf die Men­schen. Szene ist so ne Sache — da gibt es zu viele indi­vi­du­elle Beweg­gründe sich »dazu« zu zäh­len, auch wenn die (ernst­haf­ten) Gruf­ties immer eine gewisse gemein­same Basis haben mögen.
    Man denke auch an den tol­len Bei­trag vom WDR »Men­schen Haut­nah« (zwei der Prot­ago­nis­ten sind Bekannte von mir — rate wel­che bei­den ;) ) — für mich eben­falls einer der weni­gen Dokus die recht gelun­gen sind, gerade weil sie sich auf die Men­schen kon­zen­trie­ren und nicht auf eine Szene die heut­zu­tage so viele Facet­ten hat daß man sie nicht sub­jek­tiv dar­stel­len kann in einem kur­zen Beitrag.

    Witz am Rande, bzw Nähtanten-Krankheit das zu bemer­ken: alle drei Jungs tra­gen das glei­che Hosen­mo­dell *g*

    Und zum Schluss noch nen Pro­gramm­tip: mor­gen (Sonn­tag) ist auf 3Sat 80er The­men­tag. Nichts spe­zi­ell sze­ne­be­zo­ge­nes aber sicher ganz inter­es­sant. Ich werd den Sonn­tag jeden­falls mal aufm Sofa ver­brin­gen und neben­her bissl Sticken.

  2. @Rosa: Also gibt es keine Szene? Son­dern nur eine Gruppe von Indi­vi­duen, die sich um Gemein­sam­kei­ten bemü­hen? Und was sind dann ernst­hafte Gruf­ties? Die, die sich beson­ders beson­ders bemü­hen? Ich ver­stehe es gerade nicht.

  3. Ich werfe mal eben kurz ein, weil ich schon eine Weile mit­lese:
    Natür­lich GIBT es eine Szene. Aber keine, die man in irgend­wel­chen Doku­men­ta­tio­nen oder auch in ande­ren Medien wirk­lich fas­sen kann. Die Ver­su­che, sie zu erklä­ren, enden meist mit einem Schuss in den Ofen.
    Die erwähnte Doku aus der Reihe »Men­schen haut­nah« macht da eine recht ange­nehme Ausnahme.

  4. @Rosa: Stimmt, letzt­end­lich halte ich Szene und Mensch für zwei unter­schied­li­che Dinge, die gerade in dem von dir erwähn­ten Bei­trag ein­deu­tige Bedeu­tung fin­den. Ich finde das Men­schen 93 noch etwas mehr auf den Mensch selbst ein­geht, wäh­rend »Men­schen Haut­nah« zumin­des­tens am Rande mit der Szene als sol­ches zu tun hat. Vie­len Dank für dei­nen Pro­gramm­tip, den ich mir trotz mei­nes spä­ten Kom­men­tars voll zu Her­zen genom­men habe und mehr oder weni­ger den gan­zen Tag zur Auf­nahme pro­gram­miert habe. Zur Zeit arbeite ich alle Auf­nah­men ab. Herrlich!

    @Luc: Will­kom­men im Blog. Ich denke auch das Berichte über die Szene, also die Bewe­gung als sol­ches im Grunde zum schei­tern ver­ur­teilt sind. Im Prin­zip muss ja auch nichts erklärt wer­den, son­dern eine Mischung wie aus Men­schen Haut­nah kann von allen Zuschau­ern auf die eigene Weise inter­pre­tiert werden.

  5. Das nenn ich mal nen tol­len Report schön sach­lich und an der Mei­nung der Befrag­ten orientiert :)

    Der Erzäh­ler erin­nert mich lus­ti­ger­weise von der Stimme her an den Erzäh­ler auf einer alten Dra­cula Kas­sette :D

  6. @Schatten: Du hast Dracula-Kassetten gehört? Jetzt erklärt sich eini­ges :) Viel­leicht meinst du diese hier.

  7. @Luc und Robert: Warum sol­len Medien die Szene nicht erfas­sen kön­nen? Und wer kann es erfas­sen? Wie will man den eine Szene defi­nie­ren, wenn es keine Gren­zen gibt? Dar­aus folgt: Die Szene macht »ihre« Gren­zen. Und diese Gren­zen sind auch für Medien erkenn­bar. Oder gibt es da etwas übernatürliches?

  8. In dem Augen­blick, in dem du eine »Bewe­gung« beschreibst, steht sie still. Ein Sze­ne­bild der Medien kann also immer nur eine Moment­auf­nahme sein und wird die Szene selbst nie ganz erfas­sen kön­nen. Defi­ni­tion hat nichts mit Gren­zen zu tun, die hel­fen ledig­lich das ganze als Kon­strukt mit Rän­dern dar­zu­stel­len — sagen wir als geo­me­tri­sche Form. Die Gren­zen einer Szene sind aber flie­ßend und ändern sich stän­dig. Erkenn­bar wären die Gren­zen des Moments, doch kaum jemand in den Medien macht sich die Mühe danach zu suchen.

  9. Und da glaube ich, daß Du total falsch liegst. Die Defi­ni­tion und die Gren­zen machen die Szene aus. Denn sonst wäre die gesamte Gesell­schaft aller Men­schen »eins«, da es über­all flie­ßende Über­gänge gibt.

  10. Da läuft The Kli­nik mit »Sick in Your Mind« im Hin­ter­grund. So so, Black Wave ist das also. Man lernt nie aus. :D

  11. @Vizioon: Du nimmst es zu wört­lich. Sicher gibt es Gren­zen, doch die sind aus­ge­franst und über­lap­pen sich immer mit dem Nach­bar­genre wie ich meine. Musi­ka­lisch und vom Style her. Dar­über hin­aus gibt es auch gesell­schaft­li­che Gren­zen, wie du schon rich­tig anmerkst, doch dich hatte ich nicht gemeint.

    @Death Disco: Vie­len Dank für die musi­ka­li­sche Auf­klä­rung, den Titel habe ich in der Tat gesucht! :)

  12. @Robert: sry, dann nehme ich o.g. zurück. Mir fällt es schwer, »es« nicht wört­lich zu neh­men, des­we­gen ver­stehe ich auch Gedichte nicht. Zwi­schen­töne erschlies­sen sich mir nur schwer.

  13. @Vizioon: Und des­we­gen kom­men­tie­ren wir, damit wir Miss­ver­ständ­nisse aus dem Weg räu­men kön­nen. Ich bin auch nicht mit einem Schreib­stil geseg­net der uni­ver­sal und unmiss­ver­ständ­lich ist.

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