14 März

Gothic Szene vor dem Kollaps?

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 20097 Kommentare

Die Begriff­lich­kei­ten ver­schwim­men, eine sau­bere Tren­nung ist nicht mehr mög­lich, der Schein trügt. Ob es an der aktu­el­len Rezen­sion liegt oder ein­fach nur ein gesell­schaft­li­ches Phä­no­men, die schwarze Szene ist ange­sagt. In die­ser depres­si­ven Zeit der dro­hen­den Arbeits­lo­sig­keit durch­sucht man die Kli­schees nach der offen­bar depres­sivs­ten aller Sze­nen, die auch noch durch die Farbe Schwarz ihre inner­li­che Trauer deut­lich machen. Musi­ka­li­sche Aus­schlach­tung der Genre und die Wand­lung zum mas­sen­kom­pa­ti­blen Medium einer mög­lichst brei­ten Masse, die ihr Sze­ne­ty­pi­sches Out­fits nicht mehr in dunkle und abge­le­ge­nen Shops suchen müs­sen, son­dern auf dem Klei­der­stän­der bei H&M, Pim­kie und New Yor­ker. Wenn schon depres­siv, dann bitte mit Programm.

Inter­net­sei­ten ver­su­chen durch die Ein­be­zie­hung mög­lichst vie­ler Sze­nen die Auf­merk­sam­keit zu erha­schen, die sie sich erträu­men. Da wer­den rück­sicht­los Musik­stile schwarz ange­malt ohne dar­auf zu ach­ten, ob es ihnen über­haupt steht. Die Schwarze Szene ist grö­ßer und vor allem bun­ter als jemals zuvor, der Tole­ranz­be­griff wird immer wei­ter gedehnt und ist kurz vor der Explo­sion. Prin­zi­pi­ell las­sen sich hier zwei Wol­ken aus­ma­chen, die jede für sich nicht explo­siv sind, erst die Mischung bei­der macht sie zu einem äußerst explo­si­ven Gemisch.

Ist Gothic inzwischen wirklich NUR noch aggressives Gestampfe mit inhaltsleeren plakativen Texten? Ist die Toleranz innerhalb dieser Szene gegenüber anderen musikalischen Strömungen inzwischen wirklich so niedrig, dass man sich als DJ mittlerweile rechtfertigen muss, was man spielt? Mir scheint, es herrscht inzwischen schon fast ein musik-politischer Fraktionszwang, die einen hören NUR "Gestampfe" und ALLES ANDERE ist unhörbar, da "melodieverseucht", oder es wird nur DIE EINE ART gehört, da das ANDERE deren Konsumentenfraktion missfällt. Oswald Henke (Goethes Erben)1

Schon Ende der 80er sank das Inter­esse an der 10 Jahre zuvor ent­stan­de­nen Sub­kul­tur. Musik­rich­tun­gen wie Techno und Grunge wur­den modern und zogen viele ehe­ma­lige Mit­glie­der in ihren Bann. Aus Jugend­li­chen wur­den Erwach­sene, die sich nicht sel­ten neu ori­en­tier­ten oder ihre jugend­li­chen Lei­den­schaf­ten an den Nagel hängte um sich Beruf, Kar­riere oder Fami­lie zu wid­men. Alles ganz natür­lich. Es kam wie es kom­men musste, die Sze­ne­ty­pi­schen Läden beklag­ten man­geln­des Publi­kum, viele stan­den Mitte der 90er vor dem Aus. Die ver­blie­be­nen ori­en­tier­ten sich neu, und öffne­ten sich Musik­rich­tung, die dann kur­zer­hand eine schwarze Farbe beka­men, denn nur so konnte sie ihr Über­le­ben sichern.

Das Kon­zept fruch­tete, immer mehr spran­gen auf den los­rol­len­den Zug auf, änder­ten Out­fits und musi­ka­li­sche Aus­rich­tun­gen und begeis­tern seit dem ein brei­tes Publi­kum.  In den letz­ten Jah­ren ist die offen­bar all­um­fas­sende und super­to­le­rante Gothic Szene zu einer Gruppe von Wan­de­rern gewor­den. Auf ein­schlä­gi­gen Fes­ti­vals scheint es, das nach jeder Band das kom­plette Publi­kum wech­seln würde. Wäh­rend die Gothics zu ASP rocken, essen sich die EBM’ler erst­mal ne” Wurst und war­ten auf ihren Ein­satz, Dau­er­ab­hän­gen auf der Wiese vor der Bühne gibt’s nicht mehr.

Kri­ti­ker behaup­ten des­halb, die Gothic-Szene stünde vor dem Kol­laps und irgend­wie teile ich diese Anischt. Die Masse der unter­schied­li­chen und schon rein musi­ka­lisch anders ori­en­tie­ren Sub­kul­tu­ren las­sen sich ein­fach nicht mehr unter einen Hut brin­gen, auch wenn das viele Maga­zine, Clubs und Fes­ti­vals immer wie­der ver­su­chen. Die Szene wird auf­bre­chen und die ein­zel­nen Unter­grup­pen tref­fen sich an Sze­ne­ty­pi­sche­ren Orten und arbei­ten wie­der an ihren Gemein­sam­kei­ten, anstatt durch schwach­sin­nige Aktio­nen wie »Hal­tet eure Szene sau­ber« ein plak­ta­tiv ori­en­tier­tes Publi­kum auf den Plan zu rufen. Gothic ist von einer Art sein Leben zu gestal­ten zu einer Mode­er­schei­nung ver­kom­men, das ist schade, aber unaus­weich­lich und der Lauf des Lebens. Ein pro­vo­kan­tes Image mit zusam­men­hang­lo­sen Sam­ples ver­gan­ge­ner dunk­ler Zei­ten ist nicht beson­ders krea­tiv son­dern nur der Aus­druck von Ide­en­lo­sig­keit und einem aus­ge­präg­ten Aufmerksamkeitsdefizit.

Was ist mit enga­gier­ten DJ’s mit Ent­de­cker­po­ten­tial, die mit einem guten Pro­gramm aus neuen Plat­ten, aktu­el­len und alten Hits ein wahr­haf­tes Pro­gramm dar­bie­ten anstatt Gen­reb­lö­cke zu spie­len, die jeder kennt und damit sug­ge­rie­ren einen guten Abend gehabt zu haben. Ihr, das Publi­kum, soll­tet anspruchs­vol­ler sein und euch nicht nur mit der sel­ben alten Leier abspei­sen las­sen. Pene­triert den Plat­ten­auf­le­ger mit sinn­vol­len Wün­schen, Geheim­tipps oder unge­hör­tem, anstatt bei guten Lie­dern zu tan­zen um dann wie­der bei schlech­ten den Dance­floor zu wech­seln. Ich habe kei­nen Bock mehr auf die stän­dig sel­ben und schein­ba­ren Ever­greens und dar­auf stän­dig durch die Clubs zu wan­dern und mir bei Klän­gen von Ago­no­ize eine Festival-Wurst zu essen. End­lich mal wie­der tan­zen bis zum umfal­len, Inspi­ra­tion statt Resignation!

Aber gerade diese Form des Kol­laps ist die krea­tive Ener­gie, die immer wie­der für neue und inter­es­san­ten Underground-Strömungen sor­gen. Der Wald­brand rei­nigt den Boden und gibt Raum für eine ganze Reihe neuer und noch schö­ne­rer Pflan­zen, schwa­che und fal­sche Pflan­zen erlie­gen der natür­li­chen Aus­lese. Die Gothic Szene ist ein Teil der schwar­zen Szene und nicht Syn­onym für sel­bige. Wo Gothic drauf­steht sollte auch nur Gothic drin sein. Ich bleibe gespannt.

  1. Aus einem sehr lesens­wer­ten Arti­kel vom 5.11.2008 auf sei­ner Inter­net­seite unter der Rubrik Henke Digi­tal [via Die Blog­ge­rin] []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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7 Kommentare

  1. Hängt ja immer davon ab, wie man die Gothic-Szene definiert…ich habe als Bat-Cave ange­fan­gen (äußer­lich und musi­ka­lisch), aber ich wollte mir nie den musi­ka­li­schen Zwang auf­er­le­gen wol­len. Äußer­lich bin ich wohl ein Trad­goth, aber warum sollte ich nicht EBM, und Joy Divi­sion und Wendy&Lisa hören dür­fen? Wenn man nur nach der Musik-Richtung geht, dann finde ich das ziem­lich… eingeschränkt.

  2. Nein, einen musi­ka­li­schen Zwang soll es sicher­lich nicht geben. Aber Musik ist mei­ner Mei­nung nach einer der zen­tra­len Iden­ti­fi­ka­ti­onmerk­male der Gothic Szene. Ich finde es nur schwie­rig rein musi­ka­lisch ultra­to­le­rant zu sein. Die moder­nen Spiel­ar­ten des soge­nann­ten Indus­trial (der ja eigent­lich kei­ner ist) pas­sen für mich nicht unter mei­nen Hut. Und gerade die­ses Phä­no­men scheint sich auf andere fort­zu­pflan­zen, wie sonst erklärt man sich die regel­mä­ßi­gen Volks­wan­de­run­gen? Mein Musik­ge­schmack ist eben­falls breit gefä­chert, aber nicht alles ist Gothic. Und wo Gothic drauf­steht, sollte auch Gothic drin sein.
    Des­we­gen denke ich, das sich die immer noch wach­sende Szene in nächs­ter Zeit wie­der ein­deu­tig split­ten wird, in Lon­don bei­spiels­weise, ist man über die­sen Schritt schon hin­aus. »Gemischte« Loca­ti­ons sind eher sel­ten, Mot­to­par­tys in ein und dem sel­ben Laden set­zen sich durch.

  3. Ja, genau, sie wird sich split­ten, wie sie sich immer gesplit­tet hat. Ablei­tung: Wo fängt Gothic an und wo hört es auf? Wie Du selbst (in her­vor­ra­gen­der Weise) die Sub­kul­tu­ren auf-splittest, so wer­den sich diese Sub­kul­tu­ren in wei­tere auf­tei­len und ver­mi­schen. Nicht, das mir das gefällt… Wie ich live mit­er­lebe, man klei­det sich halb­wegs Goth, treibt sich auch in den ent­spre­chen­den Clubs herum, und denkt, Die Ärzte wären Goth. Und dann heißt es noch »Ich mag Goth eigent­lich nicht«. Lan­ger Rede kur­zer Sinn, die Szene ist »lei­der?« nicht mehr so eindeutig/greifbar wie sie mal war, was mich sze­nisch nervt, aber musi­ka­lisch durch­aus attrak­tiv sein kann.

  4. Inter­es­sant. Denn ich behaupte mal ganz frech, das das eine ohne das andere nicht aus­kommt, vie­len Musik­rich­tung sind eigene Sze­nen zuzu­ord­nen und daher in einer gemein­sa­men Auf­be­rei­tung untrenn­bar ver­bun­den.
    Ich geben Dir aber recht, »frü­her« waren die Struk­tu­ren deut­li­cher, wenn ich von »schwar­zen Tref­fen« sprach, dann waren da haupt­säch­lich Trad­goths zuge­gen. Außer­dem fühlte man sich spe­zi­el­ler und ein­zig­ar­ti­ger, denn von Kom­mer­zia­li­sie­rung war zu mei­ner Zeit noch nichts zu spü­ren. Erst als Gothic zu einer Mode­li­nie gro­ßer Labels ver­kom­men ist, ging es mei­ner Mei­nung nach Qua­li­ta­tiv nach unten, denn zum Goth sein gehört eben ein biss­chen mehr als düs­tere Musik und schwarze Kla­mot­ten.
    Unter uns: Meine Hoff­nung ist, das sich die Szene soweit auf­split­ter oder ver­wäs­sert, bis sich auf dem Boden wie­der die Essenz der ursprüng­li­chen her­aus­ge­bil­det hat, die X. Gene­ra­tion der Gruf­ties sozu­sa­gen, mit musi­ka­li­scher Weit­sicht selbstverständlich ;)

    Wie siehst du die Auf­tei­lung der Szene in Zonen?

  5. Ich glaube, Deine Hoff­nung könnte Wirk­lich­keit wer­den, denn viel was heute an »Goth« herum läuft, schätze ich mehr als Szene und nicht als Kul­tur ein… was mir Sor­gen macht, ist der Nach­wuchs. Ich emp­finde es als schwer bis unmög­lich der heu­ti­gen Jugend zu ver­mit­teln, was z.B. Joy Divi­sion oder Sis­ters oder was/wer auch immer mir/uns als Lebens­ge­fühl ver­mit­telt hat.
    Ähnlich befürchte ich das auch bei der Auf­tei­lung in Hard/Akt/Main… es wer­den wohl mehr Main­strea­mer wer­den, die sich ein­fach das her­aus­su­chen, was irgend­wie ange­nehm ist. Emo geht ja in die Rich­tung. Wobei »ange­nehm« durch­aus gegen die Eltern-Generation gehen kann, äußer­lich »bäh«, aber kusche­lige Tokio-Hotel Musik (»ich kauf im Kon­sum«).
    Viel­leicht sollte ich anmer­ken, daß ich auch schon zarte 38 Jahre alt bin.
    Hard­li­ner ent­wi­ckeln eine Szene nicht, und Still­stand bedeu­tet Rück­schritt. Was für mich heißt: Ich habe auch keine Lust, immer das glei­che Lied zu hören, aber wenn es nah am Ori­gi­nal ist…gerne!

  6. Dein zar­tes Alter ent­spricht mei­nen Erwar­tun­gen, wenn­gleich du dich dadurch bitte nicht kate­go­ri­sierst füh­len sollst, schließ­lich habe ich auch schon 35 davon in den Kno­chen. Ich meine viel­mehr, das wir die sel­ben Erwar­tun­gen und Wün­sche an die Szene haben, wobei ich mir unsi­cher bin, ob das nicht nost­al­gisch rüber­kommt. Jeman­dem das schwarze Lebens­ge­fühl über die Musik hin­aus zu ver­mit­teln ist mehr als schwie­rig, auch das Musik nicht nur Kon­sum­pro­dukt ist, son­dern auch durch­aus Inhalte und Ziele ver­mit­teln kann (Tokio Hotel vs. Joy Divi­sion). Für jeden Geschmack und jede Stim­mung die rich­tige Musik, die das Lebens­ge­fühl unterstreicht.

    Dei­nen letz­ten Satz finde ich span­nend, ich bin immer davon aus­ge­gan­gen, das die Hard­li­ner einer Szene immer die Impulse set­zen, die dann wie ein Stein im Was­ser in die Rand­be­reich schwap­pen. Ich finde, die Hard­li­ner (gerade in der Gothic Szene) neh­men zu wenig Gegen­wel­len wahr, die vom Ufer zurück­kom­men und ver­hal­ten sich oft sehr eli­tär und ver­lie­ren den Blick für das Wesent­li­che. Viel­leicht bewegt sich der eigent­li­che Kern der Szene, der Lebens­ge­fühl und Ideo­lo­gie ver­mit­telt, viel­mehr in einem ande­ren Bereich, der durch­aus andere Mei­nung zulässt und den Blick über den Tel­ler­rand der eige­nen Welt­an­schau­ung erst ermöglicht.

  7. Die Schwarze Szene war eine mischung aus Gothic und Metal nur das dumme mode püpp­chen und Tockio Hotel fan alles nach und nach kap­put gemacht haben. Vor­jahr konnte man noch in ruhe in die ent­spre­chen­den Clubs gehen ohne irgen­wel­che clowns die Hard Rocker (Meta­ler) oder Goth sein woll­ten und momen­tan wirds schlim­mer weil die meis­ten den­ken nur wil sie Unhei­lig hören wäh­ren sie Goth da durch ist der zuwachs noch mal an gestie­gen.
    Heute tref­fen wir alten uns nur noch wenn wir lust und wegen der alten tage den party machen ohne das die dum­men (Nichts wis­sen­den) auf tau­chen und nur dumm sau­fen und die Party kap­put machen­geht ja kaum noch die alte­ren die das les­sen wis­sen was ich meine und die nichts wis­sen­den soll­ten noch mal gut über­le­gen was sie sind und dar­stel­len wollen.

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