Die Begrifflichkeiten verschwimmen, eine saubere Trennung ist nicht mehr möglich, der Schein trügt. Ob es an der aktuellen Rezension liegt oder einfach nur ein gesellschaftliches Phänomen, die schwarze Szene ist angesagt. In dieser depressiven Zeit der drohenden Arbeitslosigkeit durchsucht man die Klischees nach der offenbar depressivsten aller Szenen, die auch noch durch die Farbe Schwarz ihre innerliche Trauer deutlich machen. Musikalische Ausschlachtung der Genre und die Wandlung zum massenkompatiblen Medium einer möglichst breiten Masse, die ihr Szenetypisches Outfits nicht mehr in dunkle und abgelegenen Shops suchen müssen, sondern auf dem Kleiderständer bei H&M, Pimkie und New Yorker. Wenn schon depressiv, dann bitte mit Programm.
Internetseiten versuchen durch die Einbeziehung möglichst vieler Szenen die Aufmerksamkeit zu erhaschen, die sie sich erträumen. Da werden rücksichtlos Musikstile schwarz angemalt ohne darauf zu achten, ob es ihnen überhaupt steht. Die Schwarze Szene ist größer und vor allem bunter als jemals zuvor, der Toleranzbegriff wird immer weiter gedehnt und ist kurz vor der Explosion. Prinzipiell lassen sich hier zwei Wolken ausmachen, die jede für sich nicht explosiv sind, erst die Mischung beider macht sie zu einem äußerst explosiven Gemisch.
Ist Gothic inzwischen wirklich NUR noch aggressives Gestampfe mit inhaltsleeren plakativen Texten? Ist die Toleranz innerhalb dieser Szene gegenüber anderen musikalischen Strömungen inzwischen wirklich so niedrig, dass man sich als DJ mittlerweile rechtfertigen muss, was man spielt? Mir scheint, es herrscht inzwischen schon fast ein musik-politischer Fraktionszwang, die einen hören NUR "Gestampfe" und ALLES ANDERE ist unhörbar, da "melodieverseucht", oder es wird nur DIE EINE ART gehört, da das ANDERE deren Konsumentenfraktion missfällt. Oswald Henke (Goethes Erben)1
Schon Ende der 80er sank das Interesse an der 10 Jahre zuvor entstandenen Subkultur. Musikrichtungen wie Techno und Grunge wurden modern und zogen viele ehemalige Mitglieder in ihren Bann. Aus Jugendlichen wurden Erwachsene, die sich nicht selten neu orientierten oder ihre jugendlichen Leidenschaften an den Nagel hängte um sich Beruf, Karriere oder Familie zu widmen. Alles ganz natürlich. Es kam wie es kommen musste, die Szenetypischen Läden beklagten mangelndes Publikum, viele standen Mitte der 90er vor dem Aus. Die verbliebenen orientierten sich neu, und öffneten sich Musikrichtung, die dann kurzerhand eine schwarze Farbe bekamen, denn nur so konnte sie ihr Überleben sichern.
Das Konzept fruchtete, immer mehr sprangen auf den losrollenden Zug auf, änderten Outfits und musikalische Ausrichtungen und begeistern seit dem ein breites Publikum. In den letzten Jahren ist die offenbar allumfassende und supertolerante Gothic Szene zu einer Gruppe von Wanderern geworden. Auf einschlägigen Festivals scheint es, das nach jeder Band das komplette Publikum wechseln würde. Während die Gothics zu ASP rocken, essen sich die EBM’ler erstmal ne” Wurst und warten auf ihren Einsatz, Dauerabhängen auf der Wiese vor der Bühne gibt’s nicht mehr.
Kritiker behaupten deshalb, die Gothic-Szene stünde vor dem Kollaps und irgendwie teile ich diese Anischt. Die Masse der unterschiedlichen und schon rein musikalisch anders orientieren Subkulturen lassen sich einfach nicht mehr unter einen Hut bringen, auch wenn das viele Magazine, Clubs und Festivals immer wieder versuchen. Die Szene wird aufbrechen und die einzelnen Untergruppen treffen sich an Szenetypischeren Orten und arbeiten wieder an ihren Gemeinsamkeiten, anstatt durch schwachsinnige Aktionen wie »Haltet eure Szene sauber« ein plaktativ orientiertes Publikum auf den Plan zu rufen. Gothic ist von einer Art sein Leben zu gestalten zu einer Modeerscheinung verkommen, das ist schade, aber unausweichlich und der Lauf des Lebens. Ein provokantes Image mit zusammenhanglosen Samples vergangener dunkler Zeiten ist nicht besonders kreativ sondern nur der Ausdruck von Ideenlosigkeit und einem ausgeprägten Aufmerksamkeitsdefizit.
Was ist mit engagierten DJ’s mit Entdeckerpotential, die mit einem guten Programm aus neuen Platten, aktuellen und alten Hits ein wahrhaftes Programm darbieten anstatt Genreblöcke zu spielen, die jeder kennt und damit suggerieren einen guten Abend gehabt zu haben. Ihr, das Publikum, solltet anspruchsvoller sein und euch nicht nur mit der selben alten Leier abspeisen lassen. Penetriert den Plattenaufleger mit sinnvollen Wünschen, Geheimtipps oder ungehörtem, anstatt bei guten Liedern zu tanzen um dann wieder bei schlechten den Dancefloor zu wechseln. Ich habe keinen Bock mehr auf die ständig selben und scheinbaren Evergreens und darauf ständig durch die Clubs zu wandern und mir bei Klängen von Agonoize eine Festival-Wurst zu essen. Endlich mal wieder tanzen bis zum umfallen, Inspiration statt Resignation!
Aber gerade diese Form des Kollaps ist die kreative Energie, die immer wieder für neue und interessanten Underground-Strömungen sorgen. Der Waldbrand reinigt den Boden und gibt Raum für eine ganze Reihe neuer und noch schönerer Pflanzen, schwache und falsche Pflanzen erliegen der natürlichen Auslese. Die Gothic Szene ist ein Teil der schwarzen Szene und nicht Synonym für selbige. Wo Gothic draufsteht sollte auch nur Gothic drin sein. Ich bleibe gespannt.
- Aus einem sehr lesenswerten Artikel vom 5.11.2008 auf seiner Internetseite unter der Rubrik Henke Digital [via Die Bloggerin] [↩]



hat bereits 257 Kommentare abgegeben und schrieb am 14. März 2009 um 18:54:
Hängt ja immer davon ab, wie man die Gothic-Szene definiert…ich habe als Bat-Cave angefangen (äußerlich und musikalisch), aber ich wollte mir nie den musikalischen Zwang auferlegen wollen. Äußerlich bin ich wohl ein Tradgoth, aber warum sollte ich nicht EBM, und Joy Division und Wendy&Lisa hören dürfen? Wenn man nur nach der Musik-Richtung geht, dann finde ich das ziemlich… eingeschränkt.
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 17. März 2009 um 16:03:
Nein, einen musikalischen Zwang soll es sicherlich nicht geben. Aber Musik ist meiner Meinung nach einer der zentralen Identifikationmerkmale der Gothic Szene. Ich finde es nur schwierig rein musikalisch ultratolerant zu sein. Die modernen Spielarten des sogenannten Industrial (der ja eigentlich keiner ist) passen für mich nicht unter meinen Hut. Und gerade dieses Phänomen scheint sich auf andere fortzupflanzen, wie sonst erklärt man sich die regelmäßigen Volkswanderungen? Mein Musikgeschmack ist ebenfalls breit gefächert, aber nicht alles ist Gothic. Und wo Gothic draufsteht, sollte auch Gothic drin sein.
Deswegen denke ich, das sich die immer noch wachsende Szene in nächster Zeit wieder eindeutig splitten wird, in London beispielsweise, ist man über diesen Schritt schon hinaus. »Gemischte« Locations sind eher selten, Mottopartys in ein und dem selben Laden setzen sich durch.
hat bereits 257 Kommentare abgegeben und schrieb am 18. März 2009 um 19:20:
Ja, genau, sie wird sich splitten, wie sie sich immer gesplittet hat. Ableitung: Wo fängt Gothic an und wo hört es auf? Wie Du selbst (in hervorragender Weise) die Subkulturen auf-splittest, so werden sich diese Subkulturen in weitere aufteilen und vermischen. Nicht, das mir das gefällt… Wie ich live miterlebe, man kleidet sich halbwegs Goth, treibt sich auch in den entsprechenden Clubs herum, und denkt, Die Ärzte wären Goth. Und dann heißt es noch »Ich mag Goth eigentlich nicht«. Langer Rede kurzer Sinn, die Szene ist »leider?« nicht mehr so eindeutig/greifbar wie sie mal war, was mich szenisch nervt, aber musikalisch durchaus attraktiv sein kann.
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 19. März 2009 um 17:22:
Interessant. Denn ich behaupte mal ganz frech, das das eine ohne das andere nicht auskommt, vielen Musikrichtung sind eigene Szenen zuzuordnen und daher in einer gemeinsamen Aufbereitung untrennbar verbunden.
Ich geben Dir aber recht, »früher« waren die Strukturen deutlicher, wenn ich von »schwarzen Treffen« sprach, dann waren da hauptsächlich Tradgoths zugegen. Außerdem fühlte man sich spezieller und einzigartiger, denn von Kommerzialisierung war zu meiner Zeit noch nichts zu spüren. Erst als Gothic zu einer Modelinie großer Labels verkommen ist, ging es meiner Meinung nach Qualitativ nach unten, denn zum Goth sein gehört eben ein bisschen mehr als düstere Musik und schwarze Klamotten.
Unter uns: Meine Hoffnung ist, das sich die Szene soweit aufsplitter oder verwässert, bis sich auf dem Boden wieder die Essenz der ursprünglichen herausgebildet hat, die X. Generation der Grufties sozusagen, mit musikalischer Weitsicht selbstverständlich ;)
Wie siehst du die Aufteilung der Szene in Zonen?
hat bereits 257 Kommentare abgegeben und schrieb am 19. März 2009 um 18:14:
Ich glaube, Deine Hoffnung könnte Wirklichkeit werden, denn viel was heute an »Goth« herum läuft, schätze ich mehr als Szene und nicht als Kultur ein… was mir Sorgen macht, ist der Nachwuchs. Ich empfinde es als schwer bis unmöglich der heutigen Jugend zu vermitteln, was z.B. Joy Division oder Sisters oder was/wer auch immer mir/uns als Lebensgefühl vermittelt hat.
Ähnlich befürchte ich das auch bei der Aufteilung in Hard/Akt/Main… es werden wohl mehr Mainstreamer werden, die sich einfach das heraussuchen, was irgendwie angenehm ist. Emo geht ja in die Richtung. Wobei »angenehm« durchaus gegen die Eltern-Generation gehen kann, äußerlich »bäh«, aber kuschelige Tokio-Hotel Musik (»ich kauf im Konsum«).
Vielleicht sollte ich anmerken, daß ich auch schon zarte 38 Jahre alt bin.
Hardliner entwickeln eine Szene nicht, und Stillstand bedeutet Rückschritt. Was für mich heißt: Ich habe auch keine Lust, immer das gleiche Lied zu hören, aber wenn es nah am Original ist…gerne!
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 21. März 2009 um 13:00:
Dein zartes Alter entspricht meinen Erwartungen, wenngleich du dich dadurch bitte nicht kategorisierst fühlen sollst, schließlich habe ich auch schon 35 davon in den Knochen. Ich meine vielmehr, das wir die selben Erwartungen und Wünsche an die Szene haben, wobei ich mir unsicher bin, ob das nicht nostalgisch rüberkommt. Jemandem das schwarze Lebensgefühl über die Musik hinaus zu vermitteln ist mehr als schwierig, auch das Musik nicht nur Konsumprodukt ist, sondern auch durchaus Inhalte und Ziele vermitteln kann (Tokio Hotel vs. Joy Division). Für jeden Geschmack und jede Stimmung die richtige Musik, die das Lebensgefühl unterstreicht.
Deinen letzten Satz finde ich spannend, ich bin immer davon ausgegangen, das die Hardliner einer Szene immer die Impulse setzen, die dann wie ein Stein im Wasser in die Randbereich schwappen. Ich finde, die Hardliner (gerade in der Gothic Szene) nehmen zu wenig Gegenwellen wahr, die vom Ufer zurückkommen und verhalten sich oft sehr elitär und verlieren den Blick für das Wesentliche. Vielleicht bewegt sich der eigentliche Kern der Szene, der Lebensgefühl und Ideologie vermittelt, vielmehr in einem anderen Bereich, der durchaus andere Meinung zulässt und den Blick über den Tellerrand der eigenen Weltanschauung erst ermöglicht.
hat bereits 1 Kommentar abgegeben und schrieb am 12. Juli 2011 um 16:02:
Die Schwarze Szene war eine mischung aus Gothic und Metal nur das dumme mode püppchen und Tockio Hotel fan alles nach und nach kapput gemacht haben. Vorjahr konnte man noch in ruhe in die entsprechenden Clubs gehen ohne irgenwelche clowns die Hard Rocker (Metaler) oder Goth sein wollten und momentan wirds schlimmer weil die meisten denken nur wil sie Unheilig hören währen sie Goth da durch ist der zuwachs noch mal an gestiegen.
Heute treffen wir alten uns nur noch wenn wir lust und wegen der alten tage den party machen ohne das die dummen (Nichts wissenden) auf tauchen und nur dumm saufen und die Party kapput machengeht ja kaum noch die alteren die das lessen wissen was ich meine und die nichts wissenden sollten noch mal gut überlegen was sie sind und darstellen wollen.