20 Oktober

Gothic Friday Oktober - Interview mit einem Goth

Kategorie: Gothic Friday — Jahrgang: 20111 Kommentar

Gothic Friday 2011»Es spricht für die Qua­li­tät der Fra­gen, wenn man selbst keine Ant­wort dar­auf hat«, dachte ich mir und star­tete zusam­men mit Shan Dark, der die­ses kniff­lige Thema übri­gens beim Lau­fen in den Sinn kam, die Oktober-Ausgabe unter dem Motto »Inter­view mit einem Goth«.  Doch meine Tage blie­ben bunt, keine dunkle Gestalt in Sicht, die man hätte aus­quet­schen kön­nen. Für jeg­li­chen Kon­takt zum schwar­zen und ver­streu­ten Bekann­ten– und Freun­des­kreis fehlte die Zeit. Was lag da näher, als die Lesung der Sche­men­t­he­men, die ich zusam­men mit Sabrina besuchte, dazu zu nut­zen, sie mit den Fra­gen zum Gothic Fri­day zu konfrontieren?

Zuge­ge­ben, ich habe nicht unbe­dingt den Kreis erwei­tert, doch letzt­end­lich geis­terte mir die im Ursprungs­bei­trag beschrie­bene Situa­tion durch den Kopf, in der ich mich befand: »Man­che sin­nie­ren über den Sinn der eige­nen Exis­tenz und phi­lo­so­phie­ren, was war, was ist und was noch kom­men mag. Plötz­lich geis­tert eine Frage durch den Patchouli geschwän­ger­ten Raum: „Was ich Dich schon immer mal fra­gen wollte…”« Ein Augen­blick, der sämt­li­che Vor­sätze nach Erwei­te­rung über den Hau­fen warf. Ich griff zum Notiz­block und schrieb:

Warum trägst du schwarz?

Die Klei­dung muss zu mir und mei­nem Selbst­bild pas­sen. Schwarz ist die ein­zige Farbe, in der ich mich wohl­fühle und die mein Selbst­bild am bes­ten spie­gelt. Es gab Zei­ten, da habe ich für den Beruf ver­sucht bunte Klei­dung zu tra­gen, und mich im Spie­gel nicht mehr wie­der­er­kannt. Nur in Schwarz fin­det eine Iden­ti­fi­ka­tion mit mir selbst statt, in allen ande­ren Far­ben fühle ich mich ver­klei­det. Man ver­sucht eins mit sich selbst zu sein und aus sich selbst ein Kunst­werk zu machen, das dem eige­nen ästhe­ti­schen Emp­fin­den, dem was man selbst schön fin­det, am nächs­ten kommt.

Ich wende mich gegen den Main­stream der Äußer­lich­kei­ten und habe auch keine Lust zu gucken, was zusam­men­passt und was nicht. Mein Cha­rak­ter ist bunt und den­noch steht die schwarze Farbe mei­nes Äuße­ren sym­bo­lisch für den Wunsch nach Ruhe. Ich möchte aus dem Schat­ten der eige­nen Klei­dung her­aus beobachten.

Hast du viele Freunde, die auch »schwarz« sind oder bewegst du dich eher in einem »bun­ten« Umfeld?

Ich bewege mich aus­schließ­lich in einem bun­ten Umfeld, was mir aber egal ist, denn es zählt für mich nicht das Äußere, son­dern der Mensch selbst. In mei­nem pri­va­ten Umfeld ist es mir egal, wie man her­um­läuft. Ich umgebe mich mit Men­schen, die ich inter­es­sant finde. Die Farbe spielt dabei keine Rolle. Unter schwarz geklei­de­ten Men­schen finde ich jedoch häu­fig gemein­same Inter­es­sen. Ich fühle mich dabei inner­lich ent­spann­ter, weil man häu­fig die glei­che Wel­len­länge hat, die Leute ähnlich ticken und man sich nicht stän­dig erklä­ren muss.

Besucht du außer­halb von Fes­ti­vals oder Kon­zer­ten auch andere kul­tu­relle Ver­an­stal­tun­gen mit schwar­zem Cha­rak­ter (Lesun­gen, Aus­stel­lun­gen, Museen), oder steht für Dich nur die Musik im Vordergrund?

Ich sor­tiere Ver­an­stal­tun­gen nicht nach einem auf­ge­setz­ten schwar­zen Cha­rak­ter. Das geschieht ganz von alleine, wenn sie zu mei­nen Inter­es­sen pas­sen.  Wenn mir eine Ver­an­stal­tung inter­es­sant erscheint, eine Lesung tief­grün­dig oder ein Kon­zert inspi­rie­rend und beein­dru­ckend, ver­su­che ich hin­zu­ge­hen. Ich kann mit der soge­nann­ten »schwar­zen« Lite­ra­tur nicht viel anfan­gen, son­dern lese eher lus­tige und sehr humor­volle Fan­tasy­ge­schich­ten. Es gibt keine Schema, dass einer Ver­an­stal­tung einen schwar­zen Cha­rak­ter verleiht. 

Siehst du dich selbst als Goth(ic)?

Nein. Das, was man heute dar­un­ter ver­steht, basiert auf Äußer­lich­kei­ten. Rüschen, Reif­rö­cke, Netz­strümpfe und Kla­mot­ten aus Lack und Leder sind für mich die Wei­ter­ent­wick­lung des Sty­lings der Waver oder Dark-Waver. Der Begriff »Gothic« wurde mir erst viel spä­ter geläu­fig. Daher kann ich mich selbst auch damit nicht iden­ti­fi­zie­ren. »Schwarze Szene« ist mir dar­über hin­aus als Begriff­lich­keit auch lie­ber als Gothic, denn als ich meine Vor­lie­ben dort fand, sprach nie­mand davon, ein Goth zu sein. Ich ver­stehe aber durch­aus, dass sich gerade die jün­gere Gene­ra­tion so bezeich­net, denn die sind in die­sen Begriff hineingewachsen.

Was wür­dest du Dir in oder für die schwarze Szene wün­schen, damit sie (noch mehr) dei­nen Vor­stel­lun­gen ent­spricht? Was stört Dich, was fehlt?

Auf­split­tung. Ich wün­sche mir Ver­an­stal­ter, die sich auf eine Strö­mung kon­zen­trie­ren und nicht alles in einen Topf wer­fen. Ich mag diese musi­ka­li­schen Mischun­gen nicht. Ich wün­sche mir klei­nere Hal­len und klei­nere Ver­an­stal­tun­gen, auf denen man sei­nem spe­zi­el­len Geschmack nach­ge­hen kann. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass sich die zusam­men­ge­pferch­ten Split­ter­grup­pen auf heu­ti­gen Fes­ti­vals wirk­lich wohl­füh­len. Mir fehlt ein Rück­schritt in Sachen Out­fit, Ambi­ente und Musik. Weni­ger Plüsch, Rüschen und Kon­fetti auf der Bühne. Ich ver­misse den Under­ground, ein Gefühl von »Zuhause«. Ich finde, es sollte nichts hin­zu­kom­men, son­dern eher etwas weg­ge­nom­men werden.

Du wünscht Dir einen Rück­schritt zu »alten Wer­ten«, wel­cher aktu­elle Künst­ler ver­kör­pert die­sen Wunsch?

Chris Cor­ner. Eine bunt-schwarze Per­sön­lich­keit mit Tief­gang. Er expe­ri­men­tiert auf hohem Niveau und steckt viel Herz­blut in das, was er macht. Er drückt für mich das aus, was ich als wert­voll erachte. Er ist stil­voll und gla­mou­rös, ohne sich anzu­pas­sen. Ein sehr krea­ti­ver, indi­vi­du­el­ler Künst­ler, der sich nicht von Trends beein­flus­sen lässt.

In einem Arti­kel schreibst du über den »Great Tief­sinn Swindle«, was meinst du damit und was ist für Dich tiefgründig?

Die Künst­ler geben den Ton an. Ohne Künst­ler keine Szene und auch keine Anzie­hungs­kraft. Doch die meis­ten Künst­ler schwin­deln etwas vor, was sie nicht sind. Sie drü­cken sich den Stem­pel der Tief­grün­dig­keit auf, um diese »Vor­liebe« der Szene zu bedie­nen. Die meis­ten Künst­ler — bis auf wenige Aus­nah­men — wol­len jedoch nur Geld ver­die­nen. Das dür­fen sie ja auch. Ich glaube aber nicht an den über­mä­ßi­gen Tief­gang. Künst­ler kön­nen als Inspi­ra­tion die­nen, in der Pra­xis han­deln die meis­ten jedoch ver­mut­lich anders als sie pre­di­gen. Tief­grün­dig­keit ist für mich, sich seine eige­nen Gedan­ken zu den Din­gen zu machen und nicht ange­lern­ten Denk­mus­tern zu fol­gen. Man sollte nicht der Masse hin­ter­her­lau­fen, son­dern in sich selbst gehen und sei­nen ganz eige­nen Wahr­hei­ten fin­den und — ganz wich­tig — auch danach han­deln. Es geht um das Reflek­tie­ren der Dinge die in und um einen herum statt­fin­den. Nicht ein­fach hin­neh­men oder nach­brabblen, son­dern hin­ter­fra­gen und seine eige­nen Ant­wor­ten finden.

Siehst du das Netz als Chance die Szene zu etwas neuem, bes­se­rem zu machen oder ist die glo­bale Ver­brei­tung des Under­ground ihr Tod?

Die Marke »Gothic« lässt sich nicht mehr auf­hal­ten. Es gibt jedoch viele Blogs, Online-Magazine und Inter­net­sei­ten, die den wirk­li­chen Under­ground aus­gra­ben und ver­ste­hen, um ihn mit ande­ren, die suchen, zu tei­len. Ich finde nicht, dass sich Under­ground und Öffent­lich­keit wider­spre­chen, denn viele Men­schen sind in der Lage, sich wirk­lich zu inter­es­sie­ren und selbst zu ent­schei­den, wem sie ihre Auf­merk­sam­keit schen­ken. Es ist eine Chance, Gleich­ge­sinnte zu ver­bin­den, denn auch im Inter­net gibt es wirk­lich gute und inter­es­sante Sei­ten. Man muss sie nur suchen und ent­de­cken. Denn das Netz ist nur ein Spie­gel der Gesell­schaft mit posi­ti­ven und nega­ti­ven Seiten.

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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1 Kommentar

  1. Die Bil­der sind genial! Die Worte natür­lich auch ;-)

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  1. […] aus­macht, ohne jedoch ein all­ge­mein­gül­ti­ges Rezept zusam­men­zu­stel­len. Sabrina Kir­napci, die von Spon­tis inter­viewt wurde, meint dazu: »Nur in Schwarz fin­det eine Iden­ti­fi­ka­tion mit mir selbst statt, in allen […]