26 September

Gothic Friday: Ist Gothic ein Lebensstil? (Katharina)

Kategorie: Gothic Friday — Jahrgang: 20114 Kommentare

Auf den letz­ten Drü­cker hat Katha­rina am Frei­tag ihren Bei­trag zum Gothic Fri­day ein­ge­reicht. Da ich am Wochen­ende ver­reist war, komme ich lei­der erst jetzt dazu, ihn zu ver­ar­bei­ten und nach­zu­pfle­gen, wir wer­den ihn daher zur Ver­lo­sung zulas­sen. Im Übri­gen freuen wir uns auch immer wie­der über Bei­träge außer­halb der zeit­li­chen Rah­mens. Kei­ner wird über­le­sen und jeder wird ent­spre­chend in der Über­sicht ein­ge­pflegt. Ihr könnt auch auf The­men ant­wor­ten, die bereits ein Weile zurück lie­gen, wir wür­den uns sehr freuen, wenn der Gothic Fri­day auch über den zeit­li­chen Rah­men hin­aus ein leben­di­ges Kon­strukt bleibt, dass aus den unter­schied­li­chen Arti­keln sei­ner Teil­neh­mer besteht.

Für das kniff­lige September-Thema, für den viele Teil­neh­mer in sich gegan­gen sind, fragt sich Katha­rina »Schwarze Szene und Gleich­ge­sinnte?« Ich freue mich sehr über ihre Teil­nahme, die sie trotz knap­per Zeit noch rea­li­sie­ren konnte.

Ist Gothic ein Lebensstil?

Nicht wirk­lich. Nach mei­ner Gothic-Definition ist der Kern Musik und Klei­dung. Der Rest ist außer­halb ent­stan­den, selbst die Gothic-Literatur und –Filme gab es ja schon vor unse­rer Sub­kul­tur. Aber das sind schöne Ergän­zun­gen, ebenso wie andere Inter­es­sen z.B. geschicht­li­che, eso­te­ri­sche oder phi­lo­so­phi­sche und aus die­sen Grund­la­gen kann man einen Lebens­stil inspi­riert vom Gothic entwickeln.

Von mir selbst  könnte ich nicht behaup­ten einen beson­de­ren Lebens­stil zu haben: essen, trin­ken, schla­fen, Aus­bil­dung, Fami­lie u.s.w. So sieht es auch bei “Bun­ten” aus. Aber es gibt auch Gothic-kompatible Eigen­hei­ten in mei­nen Leben, wie eine fast allen Kli­schees erfül­lende Wohn­raum­ge­stal­tung: Dunkle Möbel, Hal­lo­ween­deko und   Bil­der von Cas­par David Fried­rich und einen alten Fried­hof vor mei­nen Fens­ter; mein igno­ran­tes Ver­hält­nis zu Trends. Zwar inter­es­siere mich zwar dafür, was gerade in ist, aber ori­en­tiere mich nicht daran oder es ist mir egal, ob es meine aktu­el­len Inter­es­sen oder Neu­an­schaf­fun­gen vor 2, 20 oder 200 Jah­ren waren. Vie­les z.B. Dvds oder Bücher muss ich bestel­len, aber wenn gerade etwas in Mode ist, was mir gefällt, nutze ich gerne die Gele­gen­heit. Oder meine Art, mich ohne den Zwang zu Gezap­pel oder Dro­gen amü­sie­ren zu wol­len, ist in der Szene auch noch möglich.

Ist Gothic (m)eine Lebenseinstellung?

Meine Ein­stel­lung ist eine Mischung aus ver­schie­den Inter­es­sen  und Phi­lo­so­phien, die ich auch  außer­halb mei­nes Goth-Ticks gefun­den hab. Wes­halb ich kei­nen Grund sehe, meine “Lebens­ein­stel­lung” danach zu bezeich­nen. Jedoch emp­finde ich sie als pas­send dazu.

Aber es gibt auch sub­kul­tu­relle  Eigen­hei­ten, wie er spie­le­ri­sche Umgang mit dem Kon­zept von “Gut und Böse” oder wie es heut­zu­tage heißt: ”posi­tive und nega­tive Ener­gien“. Ein lei­der weit­ver­brei­te­tes Denk­mus­ter, das viele zu frag­wür­di­gen Ver­hal­ten hin­reißt, wie das ver­teu­feln von Frem­den oder das Leug­nen von unan­ge­neh­men Emo­tio­nen. Des­halb bin ich froh eine Kul­tur zu haben, wo diese Denk– und Ver­hal­tens­mus­ter manch­mal auf­ge­löst, ver­kehrt oder ver­än­dert wer­den. Wo die Dun­kel­heit keine Bedro­hung son­dern eine Beglei­te­rin sein kann oder  man auch Unzu­frie­den­hei­ten (auf  eine fried­volle Weise) aus­drü­cken kann. Wenn ich z.B. trau­rig bin, beru­hige mich es in der Musik oder Kunst die­sen Aus­druck wie­der zu fin­den, anstatt zusätz­lich noch Frust durch Hin­ein­fres­sen zu pro­du­zie­ren. Die­ses Ver­ständ­nis dafür, dass die Welt nicht Friede-Freude-Eierkuchen ist und man es bedau­ern darf, hat mich beson­ders in mei­ner Teen­ager­zeit ange­zo­gen. Mitt­ler­weile ist es das Nicht­an­ge­hö­ren der “Spaß­ge­sell­schaft” und eine Ableh­nung des angeb­lich schö­nen Scheins, was ich hier aus­drü­cken kann. Aber am liebs­ten ist mir aber immer noch das Beja­hen klas­si­scher Gruf­tiäs­the­tik. Dane­ben gibt es auch ande­res unan­ge­pass­tes, was ich und andere hier aus­le­ben kön­nen, auch wenn da nicht gleich “Gothic” raus­kom­men muss.

Schwarze Szene und Gleichgesinnte?

In der schwar­zen Szene, in der oft die Unter­ka­te­go­rie “Gothic” als Gesamt­be­zeich­nung gebraucht wird, hat das Durch­ein­an­der und Unde­fi­nierte mal aus­nahms­weise den Vor­teil, dass nicht nötig ist, eine bestimmte Mei­nung und Ver­hal­tens­wei­sen (bis auf etwas Klei­dung und Musik) anzu­neh­men, um nicht doch noch seine schwar­zen Leute und Hob­bies zu fin­den. Dem­ent­spre­chend ver­schie­dene Leute fin­det man vor und auf­grund die­ser Viel­fäl­tig­keit erwarte ich nicht die­sel­ben Mei­nun­gen, Hob­bies oder Geschmack  von ande­ren Schwar­zen, nur bei Goths ist es ein bestimm­ter Geschmack: Goth­rock und /oder Dark­wave und meist auch ein dem ent­spre­chen­des Äuße­res. Bloß kein “Kos­tüm”, denn ich wet­tere ja gerne gegen Eti­ket­ten­schwin­del oder Karnevalisten.)

Auch wenn ich einige Aus­wüchse nicht gut finde oder ein­fach nur nicht die Fas­zi­na­tion teile, habe ich hier meine Inspi­ra­tio­nen  und sub­kul­tu­relle Hei­mat  gefun­den, in der ich die Frei­heit besitze, ich selbst sein zu kön­nen. Auch wenn womög­lich die Legende des “Lebens­stils” oder der “Lebens­ein­stel­lung” Schuld.

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Gothic Friday
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4 Kommentare

  1. hm… mir liegt da was auf der Zunge:
    Zitate aus dem Text:
    »Nach mei­ner Gothic-Definition ist der Kern Musik und Kleidung.«

    »Bloß kein “Kos­tüm”, denn ich wet­tere ja gerne gegen Eti­ket­ten­schwin­del oder Karnevalisten.«

    ich ver­folge ja immer Dis­kus­sio­nen um den Begriff. ich weiß auch dass es bei die­sem Gothic­Fri­day um per­sön­li­che Defi­ni­tio­nen geht. Und häu­fig kri­ti­siert, dass viele Gothic als Moden­schau sehen (was ver­mut­lich mit dem zwei­ten Zitat gemeint ist).

    Auf der ande­ren Seite: wenn der Kern für die Auto­rin Klei­dung und Musik ist, ist es dann für sie ein Eti­ket­ten­schwin­del wenn Men­schen die Musik mögen und quasi »Schau-laufen«?

    Oder sind damit eher Leute gemeint die sich »ver­klei­den« ohne über­haupt irgend­was mit der Musik anfan­gen zu können?

    Muss zuge­ben, auf die­sen gro­ßen »Sze­ne­treffs« (WGT usw) war ich noch nie, aber es wird ja meist kri­ti­siert dass sol­che Treffs zu schwar­zen Moden­schauen mutie­ren.
    Viel­leicht ist mit die­ser Kri­tik etwas ande­res gemeint als ich es ver­stan­den hab.
    Viel­leicht kommt die Kri­tik aber von Leu­ten für die Gothic nicht haupt­säch­lich Musik und Klei­dung ist.

    (Das Ganze was ich geschrie­ben hab ist nicht als Kri­tik son­dern als Frage gemeint. Kann sein dass ich die Zitate zu sehr bewerte, im Text wird ja durch­aus noch etwas mehr differenziert)

  2. @ Unkraut: Ja, im Text habe ich mich (zu) kurz gefasst. Es war auch schwer für mich, ich habe Gothic weder erfun­den, noch weiß ich wie es zu Begin war, auch wenn ich so gerne die Schil­de­run­gen ver­folge. Ich habe auch über­legt, ob ich statt Klei­dung »eine dunkle Äste­tik« schreibe, viel­leicht hätte ich es ganz raus­las­sen kön­nen, aber in den 80ern hat sich eben doch ein zur Musik und Kul­tur zuge­hö­ri­ger Stil ent­wi­ckelt. Wenn ich an die Gothic-Kleidung denke, fal­len mir ver­schie­dene Bei­spiele an Stile ein: die Waver in den 80ern, Die End­zeit­ro­man­ti­ker in den 90ern, schlich­tes Schwarz ohne Schnick­schnack oder ganz anders einen einen eige­nen beson­de­ren Stil oder his­to­ri­sche Vorlieben.Da gibt es ja viele Mög­lich­kei­ten, modi­sche Expe­ri­mente und Auf­fäl­lig­kei­ten, hin­ter wel­chen die Trä­ger ste­hen oder aus­drü­cken kön­nen und sich wohl­füh­len. Und dann emp­finde ich das nicht als Kostüm.

    Beim »Ver­klei­den« und/oder auf Foto­gra­fen war­ten, wie die Jugend­li­chen im vor einen Monat dis­ku­tier­ten Video, finde ich etwas… befremd­lich. Letz­tes WGT traf ich auch so eine in der S-Bahn, sie war ja ein sehr net­tes Mäd­chen, aber »in die Stadt gehen und foto­gra­fiert wer­den« ist ein für mich ein nicht nach­voll­zieh­ba­res Tages­ziel. Oder eine (sehr bie­der wirkende)Aushilfe(?) die mir mal erklärte, sie »ver­kleide« sich beim Mera Luna. Das ist doch kein Cosplay! Die Grenze zwi­schen auf­fäl­lig und Ver­klei­det ist bei mir also sehr sub­jek­tiv, aber da ich da nie­man­den rein­re­den will, sehe ich da kein Pro­blem drin.

    Für mich sind es dabei, wie von dir ver­mu­tet, die musi­ka­li­schen Hin­ter­gründe, wel­che ich da oft bemän­gel, denn für mich ist die Haupt­sa­che Musik. Viel­leicht sollte ich mal mei­nen Bei­trag für Februar »nach­rei­chen«, wie Robert es am Anfang des Arti­kels vor­schlägt. Das würde ich gern dem­nächst tun.

    Neben­bei: Seit 2005 gehe ich jähr­lich zum WGT, meist in lege­rer Klei­dung. Und wird wirk­lich von vie­len als »Schau­lau­fen« auf­ge­fasst, die meis­ten köm­men aber nicht des­halb und machen es auch nicht mit. Jedoch wird es auch sei­nen Namen gerecht , wie bei dem Tref­fen unse­rer Internet»familie«. Gothic und Wave gibt es auch genug. Also werde ich dort glück­lich. Mit ande­ren Fes­ti­vals kann ich es kaum ver­glei­chen, sonst war ich nur mal bei Zita­rock (zuviel Gedrän­gel vor einer Bühne) und beim ers­ten Noc­turnal Cul­ture Night (da war es noch auf Elec­tro­pop beschränkt und hatte wenige Besu­cher, des­halb war es schön entspannt.)

    Der auch erwähnt Eti­ket­ten­schwin­del, bezieht sich nicht aufs Schau­lau­fen, son­dern ich habe frag­wür­dige musi­ka­li­sche Zuord­nun­gen oder etwas/jemand schwarz anma­len und dar­auf­hin als Goth bezeich­nen damit gemeint. Das von dir erwähnte Bei­spiel (Musik und Schau­lau­fen) würe ich nicht als Eti­ket­ten­schwin­del emp­fin­den, auch wenn ich die Suche nach Auf­merk­sam­keit, eben­so­we­nig nach­voll­zie­hen könnte.

    Ich hoffe damit deine Fra­gen beant­wor­tet zu haben.

  3. doch, jetzt kann ichs nachvollziehen ^^

    naja, ver­mut­lich red ich mit zu wenig Leu­ten und leb zu sehr in mei­nem eige­nen Kopf, als dass mir man­ches auf­fal­len würde… (

    aber das mit dem Eti­ket­ten­schwin­del wie du es defi­nierst ist mir auch schon auf­ge­fal­len:
    Wenn mir ne Bekannte sagt, sie höre Gothic; und auf die Frage, wel­che Bands sie höre, nennt sie Korn und Slip­knot O.o …

    Bei dem »Cosplay« stimm ich dir zu, ver­mut­lich ist das dank Visual Key und Gothic Loli­tas rüber­ge­schwappt. Quasi die Bin­de­glie­der zwi­schen Manga&Animefans und anschei­nend Gothic (selbst wenn sie sich in Japan nicht dazu rech­nen würden).

  4. @Krähe: Genau darum geht es doch, um Deine Sicht­weise. Ich möchte nicht unbe­dingt immer nur wis­sen, wie die älte­ren einen Weh­mü­ti­gen Blick in die Ver­gan­gen­heit wagen, son­dern auch, wie man Gothic heute sieht, was es Dir bedeu­tet. Letzt­end­lich hat doch jeder eine sehr dif­fe­ren­zierte Mei­nung um jedoch erstaun­li­cher­weise viele Par­al­le­len zuein­an­der an den Tag zu legen. Sehr guter Beitrag!

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