21 Februar

Gothic Friday Februar: Ich setze mir doch selbst keine Grenzen!

Verfasst von Diskussion: 2 Kommentare

Nadja vor dem Kraftklub-KonzertNadja hat bereits 2011 am Gothic Friday teilgenommen und beschrieben, wie sie in die Szene gekommen ist. Ich freue mich sehr, dass sie sich nun für das Februar-Thema des Gothic Friday 2016 hingesetzt hat, um zu erzählen, warum sie immer noch dabei ist und was sie alles verändert hat.

5 Jahre ist also schon der letzte Gothic Friday her und ich kann nicht behaupten, dass diese Jahre ereignislos und langweilig waren- den Ballsaal der Finsternis, in dem ich meine ersten DJ-Erfahrungen gesammelt habe, hat seit September 2012 seine Pforten geschlossen, Hannover ist schon lange nicht mehr meine Heimatstadt und ich wage zu behaupten, dass ich auch nicht mehr der klischeetriefende und pikesvernarrte Grufti von damals bin. Was ich aber nicht schlimm finde.
Erst letzten Freitag war ich mit meinem Freund auf einem Konzert von Prinz Pi und am Tag darauf bei einem Steampunktreffen in einem hübschen Café. Wer mich schon etwas kennt, der weiß dass früher weder das eine (also Rap) noch das andere (Steampunk) bei mir auf große Begeisterung gestoßen wäre, genauer gesagt habe ich beides früher verabscheut. War halt nicht gruftig und demnach für mich undenkbar sowas zu mögen. Und im Januar war ich mit einer Freundin bei Kraftklub und fands auch noch super? Bitte was ist denn da passiert? Was ist mit der Grabesmond geschehen?

Mag es an meinem Beruf liegen oder an dem schleichenden Prozess des Erwachsenwerdens, aber in den letzten zwei Jahren kam mehr und mehr eine Art „Szenefrust“ in mir hoch. Das ist zwar in den letzten 15 Jahren ein paar Mal aufgetreten, aber diesmal ging mir alles auf den Zeiger und ich hatte das Gefühl, dass mir die Schublade „Gothic“ mit all ihren ungeschriebenen Gesetzen und Klischees zu klein geworden ist. Ich hatte auch keine Lust mehr auf Diskussionen, ob das denn noch gruftig ist, wenn man historisch inspirierte Kleidung trägt und rein optisch nichts mit den Punk-wurzeln der 80ern gemein hat.

Klar, jeder hat mehr oder weniger seine eigene Definition von dem was Gothic ist beziehungsweise bedeutet und ich weiß auch, dass eine Abgrenzung von Subkulturen gegenüber anderen wichtig ist und das natürlich eine Szene von äußerlichen Merkmalen und Klischees usw. (ob man sie mag oder nicht) lebt, aber mir wurde und wird alles zu eng. Hinzu kam die Frage, ob ich denn noch eine Subkultur für die eigene Identifiaktion brauche, um zu zeigen „Hey, so bin ich und nicht anders„. Brauche ich also wirklich eine Szene, die mich vollständig repräsentieren kann? Ich persönlich möchte mich jedoch nicht auf eine Schublade beschränken. Am liebsten möchte ich in gar keiner sein.

Ok, wenn die Szenezugehörigkeit ein wenig wie „Wünsch dir was“ wäre dann würde es ein Hauch Gothrock, Neofolk, Shoegaze und Klassik eine Portion Metal sowie Indiepop, gemischt mit deutschsprachigem Rap vereinen. Und dennoch wäre damit am Ende viel zu wenig über mich ausgesagt.

Nadja auf dem WGT

Nadja auf dem WGT
(c) Stefan Wasmund

Mir schossen beim Schreiben von diesem Beitrag viele Dinge durch den Kopf. Dinge die ich mag die aber nicht bedingt gruftig sind, und für diesen Artikel hab ich mir nochmal meine alten Beiträge vom Gothic Friday 2011 angeschaut und die Meinungen, die ich damals vertrat; die kann ich heute nicht mehr so unterschreiben. Ich glaube, mein Faible für Altes und Antiquitäten, die Epoche der Romantik, das Geheimnisvolle und Unergründliche sowie dunkelromantische Ästhetik, ist geblieben und ich bezweifel dass diese Interessen jemals verblassen werden. Dafür faszinieren mich diese Dinge schon viel zu lange, lange bevor ich überhaupt wusste dass es sowas wie Gothic gibt.

Ich kann mir auch nicht vorstellen dass ich mal gar keine dunklen Farben im Kleiderschrank haben werde, aber ich lege aber auch im Gegensatz zu den letzten Jahren keinen Wert mehr darauf, dass man aufgrund von Symbolik, Kleidung Einrichtungsgegenständen sofort erkennt, wer ich bin.

Früher kam es für mich einem Todesurteil gleich, wenn ich einmal nicht mehr in Samt- und Spitzekleidung und schwarzem Make-Up im Alltag herumlaufen kann, aber heute finde ich sogar Gefallen an Farben, Formen, Mustern die ich früher nicht einmal eines Blickes gewürdigt hätte. Und in meiner Wohnung deutet auf den ersten Blick absolut nichts darauf hin, wenn man von den Kopfbedeckungen, die auf dem Wohnzimmerschrank liegen, absieht. Ich möchte es einfach nicht mehr jedem unter die Nase reiben, für was ich mich interessiere oder was ich schön finde.

Mit 14 war es total aufregend, zum ersten Mal durch die gängigen Magazine wie Orkus, Zillo oder Sonic Seducer zu blättern, Bilder vom WGT zu sehen und Gleichgesinnte zu treffen. Und in gewisser Weise ist jetzt für mich genauso aufregend, aus der Schublade heraus zuklettern und zu sehen und zu entdecken, was es noch alles in der Welt gibt- jenseits des Szenetellerrandes. Ähnlich wie mit 14 erging es mir noch einmal nach meiner Rückkehr aus dem Ausland im Jahr 2010. Alles was die Szene betraf, habe ich wieder erneut aufgesogen wie ein Schwamm.Ich konnte nicht genug von Partys und Klamotten bekommen, und stundenlang stöberte ich nach Musik im Internet. Nach fast einem Jahr auf dem walisischen Land ohne Busverbindung nach 18 Uhr und erst recht ohne überhaupt einem Ansatz von Szene, ist das durchaus verständlich.

Doch gegenwärtig habe ich das Gefühl, dass mir Gothic nichts mehr Neues und Aufregendes bieten kann und das ich alle Gefilde und Spielarten abgegrast habe und nun die Frage kommt: Was jetzt? Gothrock haut mich schon lange nicht mehr vom Hocker, abgesehen von den Fields of the Nephilim, die für mich immer einen besonderen Platz einnehmen werden. Mir kommt es so vor, das ich alles irgendwie und irgendwann schon mal gesehen habe und nur noch wenig für Begeisterungsstürme in mir sorgt.

Die ewigen Diskussionen ob dies oder das noch gruftig ist, das Gejammere das „früher doch alles besser war“ bin ich leid. Mein heißgeliebtes Pseudonym was für mich stets so geheimnisvoll und gruftig klang – ich war ehrlich gesagt froh als mich Facebook im Sommer 2014 dazu aufforderte, meinen echten Namen anzugeben. Denn es hing mir ehrlich gesagt zum Hals heraus, und ich wollte mich nicht mehr hinter einem Wort verstecken, was meiner Ansicht nach, nicht mehr zu mir passte und zum Ende hin für mich genauso einengend wirkte wie die Gothicschublade. Ich bin einfach Nadja, ohne viel Tamtam und Schnörkel (ok, vielleicht doch ein paar Schnörkel) und ich lebe ganz gut damit, mich nicht mehr auf eine Sache festzulegen, sondern das zu mögen, was ich für schön finde, ungeachtet von Widersprüchen.

Abschließend möchte ich noch auf eine Anekdote vor ca. 14 Jahren eingehen. Ich hatte damals eine Brieffreundin in Leipzig, Mirja hieß sie. Und sie hatte damals die Idee eine Art Heft zu einem bestimmten Thema herauszubringen. Jeder ihrer Brieffreunde sollte etwas zu der Frage/These „Gothic- Spiegel einer kranken Gesellschaft?“ aufschreiben und am Ende hat jeder Teilnehmer eine gebundene Ausgabe in Heftform, mit allen gesammelten Meinungen zugeschickt bekommen. Ich fand es damals furchtbar aufregend zu etwas befragt zu werden, denn es war ja noch alles neu für mich. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mir damals einige Beiträge komisch vorkamen, vor allem als ich las „Ich setzte mir doch selbst keine Grenzen„. Das habe ich damals nicht so recht verstanden, denn für mich gab es klare Grenzen, und die lauteten: alles was nicht schwarz oder gruftig ist, ist gleich langweilig und nicht beachtenswert. Aber heute verstehe ich diesen Satz besser. Denn ich möchte mir keine Grenzen mehr setzen.

2 Kommentare

  1. Bei der ganzen Diskussion darum was nun „szene“ ist und was nicht, ist das wohl der einzig richtige Schritt. Sich dass zusammenstellen, was einem selbst zusagt und sich von der Begrifflichkeit lösen. Danke für den Einblick :)

  2. Dein Schlusswort spricht mir aus der Seele, Nadja. Dem Selbst keine Grenzen setzen, sei es im Denken oder in der Selbstverwirklichung. Wie schade, dass scheinbar so wenig Menschen nicht aus ihrer Kleingeistigkeit hinauskommen… Vielen Dank für deinen Beitrag.

Schreibe einen Kommentar

Hilfe bei der Kommentareingabe?

Trackbacks

  1. […] werden sich vielleicht noch an meinen Beitrag von Februar 2016 („Ich setze mir doch selbst keine Grenzen“) erinnern, in dem ich geschildert habe, wie es dazu […]