10 Januar

Gothic Friday Dezember: Stagnation, Freaks und Selbstdarstellung (Nadja)

Verfasst von Diskussion: 12 Kommentare

Nadja - Black and AnnoyingObwohl Nadja davon ausgeht, zu spät zu sein, muss ich sie enttäuschen, denn der Gothic Friday 2016 endet erst, wenn er vorbei ist. Deshalb bin ich sehr froh, dass sie uns davon schreiben möchte, was sie an der schwarzen Szene auszusetzen hat. „Von Stagnation, Freaks und Selbstdarstellung – liebe schwarze Szene, du gehst mir auf die Nerven!“ nennt sie ihren Beitrag zum Dezember-Thema. Und obwohl Sie sich selbst nicht mehr zu Szene zählt, ist Sie für mich immer ein Teil davon. Ob Sie will oder nicht.

Bevor ich angefangen habe, niederzuschreiben, was mich an der Szene alles stört, stand für mich die Frage im Raum, ob das überhaupt angemessen ist, da ich mich selbst nicht mehr als aktiven Teil der Szene betrachte und sie mir ehrlich gesagt gewaltig auf die Nerven geht.

Einige werden sich vielleicht noch an meinen Beitrag von Februar 2016 („Ich setze mir doch selbst keine Grenzen“) erinnern, in dem ich geschildert habe, wie es dazu gekommen ist, dass ich keine Lust mehr auf diese Schublade habe.

Selbst Mama meinte mal „Du bist doch gar nicht so spießig und engstirnig, dass du dich einer Schublade so anpasst“. Ich finde, Mama hat Recht. Und ich bin froh, dass Robert mir hier eine Plattform geboten hat, in der ich all das loswerden kann, was mich in 13 Jahren Szenezugehörigkeit so richtig aufgeregt hat. Der Text ist im Übrigen bewusst provozierend geschrieben und für anschließende Diskussionen stehe ich gerne zur Verfügung.

Stagnation im Musikbereich soweit das Auge reicht

Machen wir uns nichts vor, wir drehen uns im Kreis. Die Mehrheit der hiesigen Szenefestivals ist vom Line-Up her absolut austauschbar, es gibt keine Überraschungen, wenig Platz für Newcomer, man labt sich lieber an alten Kamellen, anstatt sich auf Neues einzulassen. Man jammert einerseits über den Einheitsbrei, ist aber nicht mutig genug, Unbekanntes zu entdecken. Man beschwert sich im Vorfeld über die immer gleichen Festivals und dennoch fährt die Mehrheit in Scharen dorthin.

Andererseits müssen zum Beispiel einige Clubs schließen, da Besucher ausbleiben, weil man auch da nicht mutig genug ist, sich auf ein nicht-ausgelutschtes Musikprogramm einzulassen.Besonders bewusst ist mir das geworden, als ich im Hannoveraner Ballsaal der Finsternis (jetzt umgebaut zu einem Laden der Lux heißt) auflegen durfte.

Denn es ist als Besucher natürlich sehr leicht über den DJ zu meckern, bzw. ihm „subtile“ Botschaften auf den Wunschzettel zu schreiben wie „Hang him higher“ von :Wumpscut: oder „Panic“ von The Smiths (ihr wisst schon, mit der schönen Zeile „Hang the DJ“), wenn man mit der Musikauswahl unzufrieden ist. Und ich hatte mich in der Vergangenheit auf Partys oft über DJs beschwert. Aber ich wollte nicht mehr zur meckernden Mehrheit gehören, sondern selbst aktiv werden und etwas ändern, das hatte ich mir zumindest vorgenommen.

DJ zu sein, ist ein verdammt undankbarer Job. Zwischen Protesten à la „Ey, warum spielst du Neofolk, das ist ekelhafte Nazimusik“, sonderbaren Konversationen wie „Kannst du Industrial auflegen? –Klar, ich habe was von Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire und Whitehouse dabei, was willst du hören? – Nee, ich dachte eher an sowas wie Agonoize“ und Leuten, die das DJ-Pult als ihre persönliche Garderobe verwechseln, soll man es auch noch allen Recht machen, was aber nie so richtig funktioniert. Zumal die Ideen davon was man selbst für tanzbar und was das Publikum für tanzbar hält, oft sehr weit auseinander gehen und es dich selbst bei einem absoluten Hit mit einer leeren Tanzfläche straft. Das waren Momente, in denen ich am liebsten ins Pult gebissen hätte.

Als ich mich fürs Auflegen beworben habe, hatte ich dem damaligen Chef vom Ballsaal eine Art Musterplaylist geschickt, von der nicht nur er schier begeistert war. „Wow, das Leute in deinem Alter solche Musik kennen ist ja irre“, „Ja, endlich mal ein paar nicht ausgelutschte Songs auf der Playlist, klasse!“ hieß es dann. Dementsprechend optimistisch war ich auch.
Dumm nur, dass es gar nicht darauf ansprang und scheinbar von meinen Songs schier überfordert war. Das gemeine Tanzpublikum will am liebsten den ganzen Abend einen Musikstil hören, bloß nichts ändern, nichts wagen. Alles soll so bleiben wie es ist. Ihr könnt euch vorstellen, dass dann natürlich erst recht die Beschwerden kommen. Aber änderte ich etwas, wurde es mit Nichtachtung bestraft. Ein ziemlicher Teufelskreis also. Man hat das Gehörte satt, will aber nichts anders hören.

Genau diese Stagnation hat der Szene einfach noch nie gut getan. Und wird sich daran was ändern, bzw. wird die Szene irgendwann aus diesem Schlaf erwachen? Es darf gezweifelt werden…

Eitle und verblendete Selbstdarsteller

Ich glaube, ich hätte noch durchaus Spaß an der Szene, wenn sie denn wenigstens von ein paar mehr gebildeten und tiefgründigen Individuen bevölkert sein würde. Menschen, denen es nicht darum geht wie viele Likes sie auf facebook oder instagram mit ihren Make-Upskills oder aufwendigen Klamotten bekommen, die dich nicht anbetteln das man sie doch bitte auf diversen Plattformen abonnieren soll.

Die wenig bis kaum Interesse daran haben, ihre Abende in schlechten Clubs mit noch schlechterer Musik zu verbringen und ihr Geld für billigen Rotwein und Absinth zu verprassen. Menschen die dir stattdessen aufrichtig, authentisch und unverkrampft gegenüber treten.

Also Menschen, vor denen ich nicht sofort Reißaus nehmen würde.

Hätte ich eine Art TARDIS, würde ich zu meinem Teenager-Ich reisen und ihn vorwarnen, dass was die Szene betrifft, leider nicht viel hinter dem TamTam, der selbstauferlegten Mystik und Inszenierung steckt.

Versteht mich nicht falsch, ich halte Inszenierung per se für nicht schlimmes, ich mache das selbst, wenn ich mein Panier anziehe, in ein Rokokokleid schlüpfe, oder ein Kleid anziehe, mit dem ich nicht mehr unfallfrei durch eine normale Tür passe. Aber trotz all der Lagen an Stoff, der Korsetts und dem Schmuck bleibe ich so wie ich bin, denn wozu sollte ich denn in eine andere Rolle schlüpfen oder eine Maske anlegen?

Das was ich trage, ist das Resultat meiner Tagträumereien, kreativen Einfälle die dann schlussendlich in die Realität umgesetzt wurden.

Umso trauriger finde ich es, dass viele in der Szene nicht bodenständig geblieben sind und sich stattdessen als untote Version des Sonnenkönigs, als Elfenprinz oder noble Gräfin von Buxtehude sehen, sobald sie etwas anderes als Hose und Shirt tragen. Ganz ehrlich, hätte ich damals so einen Stuss von mir gegeben, hätte meine Mutter mich sofort zu einem Psychologen geschleift.

Lasst doch diesen Scheiß! Traut euch verdammt nochmal mehr authentischer sein, ihr müsst euch nicht verstellen, sobald ihr andere Kleidung tragt. Wäre dem tatsächlich so, wäre mir mindestens die Hälfte der Szene gleich viel sympathischer.
Was mir auch ziemlich auf den Zeiger geht, ist die Schar an selbst ernannten Szenemodels, die dann auch noch denken dass SIE die Szene repräsentieren würden. Klar, ich hab mich schon immer von Vampirzähnen und pseudolasziven bzw. pseudomystischen Blicken repräsentiert gefühlt, echt jetzt.

Und eine Subkultur ist nun wirklich der letzte Ort, an dem ich mit Werbung zugemüllt werden will. Ich will nicht wissen, wer mit welchem Modelabel kooperiert, woher du deine Kleidung beziehst und welche Firma dir gütiger weise Rabatte gewährt. Und wenn du schon ein Bild von deinem letzten Shooting hochlädst, dann will ich nicht mit Sätzen wie „Get 40 % discount on your order using the code „OMGIamsuchagoodGoth““ zugespammt werden.

Auch ziemlich fraglich, dass selbst für szenefremde und völlig abstruse Produkte wie „Flat tummy tea“ Werbung gemacht hat. Aber mit der richtigen Person kann man eben alles unter die gemeine Gruftischar bringen.
Die Leser können mir an dieser Stelle ruhig zurufen „Bäh,du bist doch nur neidisch“. Dann werde ich ihnen die Zunge rausstrecken und entgegnen: „Nein, bin ich nicht“.

Weil ich nicht auf Menschen neidisch bin, die eigentlich nichts im Leben vorzuweisen haben, außer ihr Gesicht in Millionen von Kameras zu halten.

Nein, mein Respekt und meine Anerkennung gelten eher den Leuten, die etwas für die Ewigkeit erschaffen, wie Musik, Bücher oder Gemälde. Schönheit vergeht, davor sind selbst „Szenemodels“ nicht gefeit, aber ein gutes Lied oder Bucht wird meiner Meinung nach nie an Schönheit verlieren.

Gothic ist was du NICHT daraus machst

Etwas was mich seit vielen Jahren gestört hat und immer noch stört, ist die Tatsache dass der Stempel „Gothic“ wahllos auf alles aufgedrückt wird, was auch nur ansatzweise düster, verrucht oder edgy aussieht.

Spitzenhandschuhe aus dem Karnevalsbedarf? Sehr gothic.

Das dazu passende Hütchen mit Feder und Tupfenschleier? Erst recht gothic.

Diese filigrane Gesichtsmaske, die man vom ORION-Shop ergattert hat? Ja, das ist echt gothic.

Und trägt ein Model oder sonstige Person aus der High Society ein dunkles Kleid, wohlmöglich mit reichlich Spitze verziert, ist sie natürlich eine waschechte „Gothqueen“.

Das Wort bzw. die Schublade Gothic wurde in den letzten Jahrzehnten dermaßen zweckentfremdet und missbraucht, dass es nur noch schmerzt. Und da viele, (besonders auf Festivals) nicht müde wurden gebetsmühlenartig in die Fernsehkameras der Nation runter zurasselen, dass wir alle eine große, friedliche Familie sind, die noch dazu sehr tolerant ist, wurde nun mal sehr viel Scheiß in die Szene gespült. Sehr viel Scheiß. Zum Beispiel Leute, die sich nach ihren Dünken Gothic zurecht schustern. Fitness und Gothic? Ja klar geht das, und das nennen wir dann einfach „Health Goth“ und veranstalten passenderweise auf dem WGT einen „Gothic Run“. Und wenn man eher nicht der Freund von Sport ist, sondern lieber ein Gourmet ist, dann gibt es selbst hier das Passende:

Schwarze Pasta und Kekse in Sargform. Hast du im Winter kalte Füße aber alle deine Socken haben Löcher? Kein Problem, gibt ja auch „Stricken für Schwarzromantiker“. Und sind dir Festivals zu langweilig geworden, dann buch doch eine Fahrt mit der „Gothic Cruise“.

Mal ganz ehrlich; wozu braucht es all diesen Scheiß? Geht man wirklich davon aus, das alle Bock darauf haben, sich in Klischees zu suhlen und alles „gothicgerecht“ zu machen, als gäbe es keinen Morgen? Es fehlt nur noch, dass Gruppen wie „Töpfern für Gothics“, „Sandburgenbauen für Gothics“ oder „Durchs Bällebad-schwimmen mit Gothics“ ins Leben gerufen wird.

Und wundert sich eigentlich jemand noch ernsthaft darüber, dass die Szene aufgrund o. g. Dinge immer mehr zu Lachnummer wird? I don’t think so.

Von einem Familientreffen zur reinen Freakshow

Yes, der aufmerksame Leser wird schon anhand der Überschrift festgestellt haben, dass es sich bei diesem Teil meines Rants um das Wave Gotik Treffen in Leipzig handelt. Was hab ich früher die Bilder vom Treffen angeschmachtet und mir als trauriger Teenager, der ich nun mal war, nichts Sehnlicheres gewünscht, als einmal dort dabei zu sein. Völlig irrelevant, wer da auftritt, Hauptsache ich bin unter meinesgleichen. So dachte ich zumindest.

Betrachtet man aber Bilder von 2002 (das war das erste Mal, als ich vom WGT Notiz genommen habe), und vergleicht diese mit denen vom letzten Jahr, dann beschleicht einen das Gefühl, dass es sich hier um zwei völlig verschiedene Veranstaltungen handelt. Ich will nicht in das „Früher-war-alles-besser“-Horn stoßen, weil mir das gar nicht zusteht, da ich damals an den WGTs nicht teilnehmen konnte. Und nur anhand von Bildern und nicht Selbsterlebtem zu sagen, dass es früher besser war, finde ich nicht richtig.

Seis drum; man kann sich natürlich fragen „Fuck, wie um alles in der Welt konnte es soweit kommen?“ Aber ich denke es ist schwer einen alleinigen „Schuldigen“ festzumachen, weil es sicherlich einfach zu viele Faktoren waren.

Vielleicht war es ein Fehler, zu vermitteln das die Szene so tolerant ist, und jeder das anziehen kann was er will. Denn was haben wir davon? Biedere Hausfrauen, die sich in Faschingsprinzessinenkleider zwängen, weil sie auch einmal im Jahr „so richtig gossik“ sein wollen. Menschen in Furrysuits, die auch noch denken dass sie in diesem Aufzug tatsächlich richtig beim WGT sind.

Mich macht das alles ziemlich wütend und es ekelt mich ehrlich gesagt richtig an und verleitet mich auch dazu, mir es dieses Jahr gründlich zu überlegen ob ich an diesem Zirkus noch länger teilnehmen will.

Ich will einfach nicht mit völligen Spinnern und Freaks in einen Topf geworfen werden, denen es einzig und allein darum geht in der Leipziger Innenstadt bzw. im Clara-Zetkin-Park oft fotografiert zu werden. Die auf das Kulturprogramm beim WGT gepflegt scheißen, und denen es nur um sich selbst geht. Und die Medien bedienen diesen beschissenen Narzissmus auch noch. Daher kann man es Außenstehenden dann doch nicht übel nehmen, wenn sie denken dass das Wave Gotik Treffen ein einziger Karneval von Leipzig ist…auch wenn es in gewisser Weise peinlich ist, wenn die eigenen Eltern fragen, ob man den ebenfalls so lustige „Kostüme“ trägt, wie man sie in der Zeitung sieht.

„Ja, aber früher…“

Ja, früher war mehr Lametta, das Freibier hat 3,50 Mark gekostet, wir sahen alle viel schöner aus, die Haare waren höher und überhaupt war früher alles viel besser. Ach, was war das schön. Da sahen halt alle noch wie echte Gruftis aus und nicht so wie blöd wie heute. Ja früher, da gabs noch richtig tolle Partys, alle haben Pikes getragen und haben pro Monat 20 Dosen Haarlack vebraucht.

Kommt euch das bekannt vor? Geht euch dieser ewige Sing-Sang, dies Ode an die Vergangenheit auch auf den Sack?

Nein? Mir schon.

Eigentlich ist das sogar etwas, was mich seit unzähligen Jahren genervt hat. Gut, als Neuling, der noch sehr grün hinter den Ohren war, überhört man gerne den wehklagenden „Ach-früher-war-alles-besser“-Seufzer, wenn die Alteingesessenen von Partys, Festivals oder Sit-Ins auf Friedhöfen erzählt haben.

Nachdem ich nun aber mehr als ein Jahrzehnt in der Szene verbracht habe, kann ich sagen: Früher war überhaupt nichts besser, zumindest nicht für mich. Ich hatte nicht die Freiheit einfach auf Festivals oder Konzerte zu fahren, ich war nicht in der Lage mir selbst Kleidung zu nähen die mir gefällt und über die finanzielle Situation wollen wir gar nicht erst reden.
Aber ich glaube, es muss in der menschlichen Natur liegen, die Vergangenheit zu verklären, sich nach dem Gestern zu sehnen, obwohl man weiß, dass es nicht einfacher war. Man stellt sich die Vergangenheit oft besser vor, als sie es tatsächlich war. Nur so kann ich mir erklären, warum viele in der Szene sich fast krampfhaft an dem Gestern festhalten, in diesem Fall wirklich Trauer tragen das alles sich ändert und nichts mehr so ist wie früher.

Die Frage ist nur, was bringt es einem der Vergangenheit hinter her zu trauern? Wird man dadurch glücklicher? Ich nämlich halte so eine Einstellung für alles andere als gesund und frage mich, warum es so viele nicht schaffen einzusehen, dass es nie mehr wie anno (hier beliebiges Jahr einfügen) sein wird.

Come on, reißt euch doch mal los von den Fesseln der Vergangenheit! Klar, ich erinnere mich auch gerne zurück wie z. B. an durchgetanzte Nächte in Clubs, ausgedehnte Spaziergänge und Rumhocken auf Friedhöfen (als ob das niemand von uns gemacht hat). Aber warum sollte ich mich danach zurücksehnen, wenn die Gegenwart so viel Aufregendes, Neues und Schönes bereithält? Würde die Mehrheit ihren Fokus ändern, dann könnte das „Ja, aber früher“ vielleicht irgendwann verstummen, wobei das nur ein Wunschgedanken von mir ist.

12 Kommentare

  1. Ein super Beitrag auch wenn ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr in der Szene bin und dennoch das WGT immer auf meiner Bucketlist rumdümpelte. Letztes Jahr habe ich es dann endlich besucht und fand es eher mäßig. Zu einigen Bands, die ich gern gesehen hätte, gingen wir nicht, wegen der kleinen Lokations,Zeitstaffelung und der Erfahrung von WGT Besuchern der ersten Stunden. Ich kannte von früher das Mera Luna und in Gedanken schnitt es besser ab als das WGT. Aber als ich mir Videos vom Mera der letzten Jahre ansah, war es ein kleineres WGT. Ich konnte mich nicht an soviel Selbstdarstellung erinnern. Klar lief man in „Gothic“ Kleidung rum aber die war eher legere und praktisch angehaucht als extrem aufgetakelt. Man wollte Spaß haben und sich frei bewegen können.
    Die Besuche von alten Stammdiscos waren auch eher ernüchternd. Aber in der Matrix dümpel ich eh meist auf dem 80ties Floor rum. Die Sachen kann ich immer hören.
    Dank eines vorherigen Beitrags bin ich nun auf das Owls und Bats Festival gestoßen und werde dieses Jahr dort sein. Vielleicht ja wenn die Temperaturen es zulassen im schönen sommerlich bunten Blümchenkleid. Dann geh ich immerhin nicht unter oder verloren. ;)Wer sich drüber aufregt ist selbst Schuld. Ich lebe bunt in allen Facetten ob Einstellung oder Kleidung.

    LG Lille

  2. Deine Ansichten über den ganzen Karneval und Selbstdarstellerzirkus beim WGT kann ich nur unterschreiben. Nicht umsonst habe ich seit dem Jahr 1999 nicht mehr aktiv an dem Spektakel teilgenommen. Dieses Jahr werde ich zwar mal testweise wieder hinfahren, aber meine Erwartungen sind derart runtergeschraubt, dass da nicht mehr viel Spielraum nach unten ist ;-) Eher Raum für positive Überraschungen und ausgewählte Veranstaltungen wie einige Partys am Rande ohne Bändchen oder das Spontis-Treffen. Es kann sogar sein, dass ich gar kein WGT-Ticket kaufe und einfach nur so durch die Stadt flaniere und eben das am Rande mitnehme.

    Zum Thema früher: es war definitiv anders. Ob alles besser war, das wage ich zu bezweifeln, aber ich kann zumindest für die Zeit ab 1989 sprechen und da gab es definitv mehr gemeinsame Inhalte und Aktivitäten, die zusammengeschweißt haben. Es war von außen betrachtet nicht „cool“, Grufti zu sein, sondern es war mit einigen Anfeindungen und Vorurteilen verbunden, schwarz herumzulaufen. Da hat man es sich schon überlegt, ob es einem wichtig ist, das nach außen zu tragen. Und es gab auch nicht so viele simple Einkaufsquellen für Kleidung und Schuhe wie heute, es bedeutete etwas Aufwand, das Passende zu finden oder es sich selbst zu gestalten. Heute, wo es scheinbar hip ist, alles in die Gothic-Schublade zu werfen und fast jeder Laden angebliche „Gothic“-Klamotten führt, ist es kein Wunder, dass alles schwammig und vieles unauthentisch wird.

    Als ich noch häufig(er) ausgegangen bin, hab ich mir auf Parties oft bewusst Songs gewünscht, die sonst kaum oder gar nicht gespielt wurden. Irgendwann war es mir dann auch egal, wenn ich (fast) die einzige auf der Tanzfläche war. Es gab ein paar DJs, die durchaus offen für solche Musikwünsche waren und ich hab es auch erlebt, dass sich mit der Zeit der eine oder andere Wunschsong von mir in einem Club etablieren und die Tanzflächen zunehmend füllen konnte. Ich bin auch bewusst auf Parties gegangen, wo nicht immer nur dieselben ausgenudelten Hits liefen. Leider haben nur wenige dieser Parties überlebt und inzwischen kann ich auch kaum noch eine davon besuchen, weil ich keine verrauchte Luft mehr vertrage, in vielen Berliner Clubs aber leider rücksichtslos weitergepafft wird. Das ist leider etwas, was mich sehr an die Entwicklungen der Gesellschaft der letzten Jahre erinnert: Rücksichtsnahme und Miteinander scheint immer mehr aus der Mode zu kommen, das macht vor der Szene leider auch nicht Halt. Und so fühle ich mich dort immer weniger aufgehoben, obwohl ich für mich keine Alternative sehe.

    Ich hab auch nur noch wenig Lust, mich auf massenkompatiblen Szeneveranstaltungen zu bewegen, eben weil ich mit einem Großteil der Leute dort nur noch wenig bis gar nichts anfangen kann. Aber was bleibt, ist die Liebe zur Musik, ein bestimmtes Ästhetik-Empfinden und optische sowie modische Vorlieben, die nunmal über all die Jahre geblieben sind. Nur, weil ein Umfeld es erwartet, verbiege ich mich nicht und mache krampfhaft einen auf Weiterentwicklung. Sicher entwickeln wir uns alle irgendwie weiter. Das ist auch okay wenn nicht sogar wichtig. Aber es sollte aus einem selbst kommen, wenn man dies auch nach außen transportiert und nicht, weil es erwartet wird. Solange ich nichts „Besseres“ für mich entdecke und mich wohlfühle, bleibe ich schwarz – und dazu muss ich mich nicht verrückt aufbrezeln oder permanent auf Parties und Festivals präsent sein.

    Witzigerweise musste ich vorhin auf meinem Heimweg, als ich wieder mal jemanden mit Selfie-Stick sah, daran denken, wie peinlich ich diese ganzen Videoblogs finde, in denen sich Leute permanent filmen und das online stellen. Und jetzt lese ich hier was zum Thema. Da gibt es innerhalb der Szene ja inzwischen sogar Leute, die damit Geld verdienen, dass sie sich präsentieren und dabei das eine oder andere Product Placement mit einstreuen. Finde ich reichlich seltsam. Selbstdarstellung um jeden Preis?

  3. Manche Deiner Ausführungen klingen ja so, als ob Du einfach geographisch Pech oder zeitlich gehabt hast – ich hatte immer auch (einige) nette Leute in der Szene, die mich zum „Bleiben“ bewogen hatten bzw die von Dir geschilderten Nachteile aufweogen. Allerdings war es in den 90ern noch nicht so krass mit Aufrüschen etc.

    Das DJ-Problem kann ich allerdings voll und ganz mit Blut,Schweiß und Tränen unterschreiben. Die ach so tolerante MZer Szene war sich nicht zu schade, den DJ, der 1x im Monat „schwarze“ Musik abseits des Schwarzen Mainstreams gespielt hat, auszubuhen und ähnliches -die Party lief 4x/Monat.
    Selbst an 1/4 Abenden mal was anderes hören, worauf man nicht 100% Arschwackeln kann, hat ihnen gestunken (und die Tanzfläche war eh mini…).
    Von einigen wenigen habe ich Zustimmung bekommen, wurde dann leider rausgeschmissen, weil dem Chef Kommerz vor Kunst ging.
    Ähnlich bei selber organisierten Parties, wo die Flyer schon suggerieren, daß es nicht typisch „Dark“ wird.
    Ich denke, das ist beispielhaft und deshalb finden auch gute Parties nur noch ganz vereinzelt statt, damit dann (1x Jahr) auch eine kritische Masse an Leuten kommt.

  4. ^^ Errata:
    Manche Deiner Ausführungen klingen ja so, als ob Du einfach geographisch oder zeitlich Pech gehabt hast.

  5. Fast volle Zustimmung.

    Dieser Gothic-Kommerz-Irrsinn mit vermeintlich szenegerechten Produkten ist auch sowas, das mich mal so richtig nervt und klar, man ist ja nicht gezwungen den Kram zu kaufen aber teilweise nimmt das wirklich peinliche Züge an und ist einfach nur geschmacklos und sonst gar nichts.

    Dass das WGT immer mehr zur Kostümveranstaltung mutiert, hat sicherlich viele Gründe aber ich denke viele sehen die Veranstaltung tatsächlich losgelöst von jeder Szene einzig als Möglichkeit um ihre Kostüme vorzuführen. Mit der Verjüngung und Mainstreamwerdung der Szene schwappten auch unzählige Cosplayer hinein, sowie Leute, die in gemäßigter Form alternativ sein wollen, die in festgestecktem Rahmen mal ausflippen wollen aber darüber hinaus nicht viel damit verbinden. Gemeinhin gern Wochenendgrufti genannt. Die schiere Zahl des bloßen „Dunstkreises“ zeigt halt inzwischen Wirkung und beeinträchtigt die Stimmung nachhaltig. Gruftflair weicht dem einer ComicCon oder ähnlichem.

    Dabei muss ich persönlich sagen, dass ich ausgefallenere Looks im Gruftalltag ziemlich toll fände. Es muss nicht die volle Rokoko-Robe sein, wenn man zum Supermarkt muss oder zur Arbeit, ist ja auch nicht wirklich umsetzbar aber man sieht solche Sachen auch nie auf Parties und ich fände es schon irgendwie toll, wenn man unabhängig von der Musik halt auch was zum Schauen hätte jenseits des 0815-EMP-Looks, wo man nicht weiß ob das nun ein „Grufti“ ist oder einfach nur ein semi-alternatives Animekind. Vielleicht liegt es daran, dass ich derzeit viel in Bildern von New Romantics/Blitz Kids gestöbert habe aber so überdreht und oberflächlich das auch gewesen sein mag, es sah halt einfach klasse aus und die Leute haben sich Mühe gemacht mit ihren Looks und mir gefällt, dass die Inspirationen von überall her kamen, das ist etwas, das ich in der Gruftiszene sehr vermisse. Die Kreativität.

    Und das bringt mich zu dem Punkt, an dem ich widerspreche: Ich glaube schon, dass es früher besser war. In erster Linie war es natürlich anders und in einzelnen Punkten mag man das individuell verschieden sehen aber mir geht es so, wenn ich Fotos oder rares Videomaterial sichte, dass da ein ganz anderes Flair rüber kommt. Woran konkret man das festmachen könnte, weiß ich nicht, es ist einfach das Zusammenspiel aus Musik, Aufmachung und vermutlich Zeitgeist. Das kann man nicht unbedingt gut durch die Jahrzehnte retten aber es muss erlaubt sein, dabei nostalgisch zu werden. Ich kann mit der heutigen Zeit einfach nichts anfangen, seit den 2000ern von Jahr zu Jahr weniger. Wahrscheinlich ist das eine ungesunde Einstellung aber ich halte diesen unkritischen Hype um alles Neue für mindestens ebenso verkehrt.
    Die 80er hab ich nur als Hosenscheißer verlebt aber was soll ich machen, wenn mir der angestaubte Plunder schlicht und ergreifend mehr gibt als der Firlefanz, der heute unter Gothic firmiert? Ich lebte schon als Kind immer in der Vergangenheit.
    Dass die Zeit vorbei ist, ist jedem klar und ich weiß, dass der 80er Kult streckenweise bedenkliche Formen annimmt, z.B. kannte ich Leute, die zum jüngsten Batcave-Revival gerade mal volljährig waren aber so redeten, als hätten sie den Punk erfunden und dachten, dass man ihnen mit nebulösen Vergangenheitsberichten und schwammigen Zeitangaben tatsächlich abkauft, dass sie dabei waren. Sowas ist natürlich Quatsch.
    Aber unabhängig von meiner persönlichen Entwicklung (meine Fresse, wenn ich an meine gesamte Gruftientwicklung bis zu meinem zwischenzeitlichen Ausstieg denke, könnte ich vor Scham im Boden versinken!), bevorzuge ich wirklich die Atmosphäre und ,tja, nennen wir es die gesamte Aura von damals so bis etwa Mitte der 90er. Ich stieß Ende der 90er dazu. Noch unter den schwindenden Ausläufern dieser Zeit, weil ich sozusagen älteres „Lernmaterial“ hatte, haha. Inzwischen ist das aber alles so poliert und kleingeistig auf der einen, völlig beliebig und exhibitionistisch auf der anderen Seite.

    Man findet insgesamt wirklich nur noch wenige echte Persönlichkeiten, erschreckend viele scheinen kaum wirkliche Interessen zu haben oder dann nur solche, die sie sich aus einem imaginären Pflichtkatalog für die Szene zusammengesucht haben. Es fällt mir eigenartig schwer zu erfassen, was genau mich an diesen Leuten so langweilt. Vielleicht, dass sie sich einer Szene unterordnen auch um den Preis, dass sie Aspekte ihrer Persönlichkeit unterdrücken oder nur heimlich ausleben, weil sie vermeintlich nicht szenekonform sind.
    Mein Eindruck ist einfach der, dass es immer weniger gibt, bei denen das, was sie tun, mit Herzblut erfüllt ist und ich glaube auch, dass mit der Bilderflut des Internets alles noch gleichförmiger und oberflächlicher wird, was nicht direkt am Internet liegt, sondern daran wie man es verwendet und wie man mit den Informationen umgeht.
    Na, was soll’s.

  6. Ich fühle ziemlich genau so.

    Ich sperre mich wehemend aber völlig unabsichtlich gegen den Mainstream der sehr oberflächlichen Szene. Ich bin sogar für die Szene zu anders, so denke ich manchmal, lol. Obwohl ich mich definitiv als „Grufti“ sehe – nach meinen Regeln. Ich wünschte mehr Leute kennenzulernen die so sind die wie ich aber das scheint mir auf Festivals wie dem WGT auch nicht möglich. Ich besuche es trotzdem gern, aber das liegt wohl auch daran, dass ich Leipzigerin im Exil bin.

  7. Wir hätten uns nie kennengelernt, wenn wir uns nicht in den von Dir beachriebenen Zirkus/Karneval gewagt hätten! Und so geht es mir immer wieder: ich fahre auf ein Festival, bin amüsiert, frustriert und hin und wieder peinlich berührt, was dort marktschreierisch angeboten wird. Aber ich treffe dort Menschen, die das ausblenden und die ich authentisch und aufregend facettenreich kennen und lieben lerne. Lass doch die konsumgeilem Gothics links liegen. Es gibt sie noch, die Meister der Selbstausgrenzung, die Nonkonformen, die Suspekten. Und Du erkennst sie und wirst erkannt. Das kann man nicht bei EMP kaufen. Früher sind wir einfach in die Disko gegangen, haben zu den wenigen coolen Songs getanzt, die gespielt wurden und ansonsten haben wir niveauvoll über den anwesenden Pöbel gelästert oder ihn ignoriert. Denn das ist das, was Gruftis wirklich meisterhaft beherrschen: Ignoranz – und nicht Toleranz.

  8. Denn das ist das, was Gruftis wirklich meisterhaft beherrschen: Ignoranz – und nicht Toleranz.

    tobikult, Du sprichst ein großes Wort gelassen aus. … Bzw. Du schreibst es aus. Kann mich dem nur anschließen.
    Ich finde generell, so als Zwitter zwischen den „Szenen“, daß sich der Gothic ruhig etwas vom Elitarismus des Black Metal abkupfern könnte; wenn alle mit verschränkten Armen und Lederjacke headbangend vor der Band stehen, ist automatisch kein Platz für Rosa-Kaninchen-Anzug-Spinner. Im Gothic gibt es vielleicht schlichtweg zuviel subkulturellen Laissez-faire?!

  9. Früher war schon alles besser…

    …mir scheint die Ursache für den Niedergang der Gruftiszene im wirtschaftlich- sozialen liegt. Zunächst hat die neoliberale Straffung auch in der Unterhaltungsindustrie gewirkt und die Basis für alternative Tanzabende und Musikveranstaltungen deutlich verkleinert. Gleichzeitig bemächtigte sich eine Vermarktungmaschine der „schwarzen“ Informations- und Zubehörindustrie und verknüpfte beide zunehmend. Mediale Präsenz und Verkauf von Kleidung und Zubehör wurden in einen circulus vitiosus gebracht und große Teile der „Szene“ geben eine menge Geld dafür aus, in diesem Hamsterrad bleiben zu dürfen. Unterstützt wurde dieser Prozeß durch die Meinungs- und Werbemaschine schlechthin: Das Internet.

    Mir scheint das Tempo des Netzes, die Verfügbarkeit auf Klick einer der zerstörerischsten Efekte zu sein. Weil es schnell gehen kann, muß es schnell gehen. Das ist dann in Ordnung, wenn jemand weiß, was er will; zum Gift wird es, wenn Menschen darauf dressiert werden, daß Kontemplation, Muße oder gar Abwarten Zeitverschwendung sind. Musik, Klamotten, zack, zack, Download, Bestellung, übermorgen klingelt der Briefträger und bringt Tortenkleid oder Schnallenhose, fertig; und dazu hört man Aggrotech oder NdH. Was will man von Leuten erwarten, die fressen, was Google zuerst ausspuckt…

    …alles etwas holzschnittartig, ist mir ist durchaus klar, aber dennoch scheinen mir diese Mechanismen grundsätzlich verantwortlich für den „Great Goth Swindle“; viele Siebe, alles sperrige bleibt hängen und am Ende bleibt nur Staub…

    …bis zu einem gewissen Grade ist es mir egal; ich muß mich ohnehin nicht sorgen, mit einer gewissen Sorte von „Anhängern der schwarzen Szene“ (Ende der hohntriefenden Stimmlage) verwechselt zu werden. Aber eines ist doch traurig: Das hat auch nur indirekt etwas mit „Goffik“ zu tun, mir geht es um die Biotope oder meinethalben Mikrokosmen, die es nicht mehr gibt. All die irgendwie alternativen Läden, im groben etwas mit Indie (und früher auch immer mit Punk) zu tun hatten. Dergleichen gab es auch in der eher gruftlastigen Variante, was ich als recht angenehm empfand, mir aber in der Rückschau nachranging erscheint. Was mir wirklich gefiel, war die Seltsamkeit dieser Orte und die Seltsamkeit ihrer Bewohner; und die Tatsache, daß sie, nehmt alles nur in allem, für die Sorte Menschen, die ich nicht treffen wollte, nicht auszuhalten waren. Das war recht angenehm, aber in meinem Nahbereich existiert so etwas nicht mehr.

  10. Hallo,

    zunächst einmal möchte ich erwähnen, daß ich aufgrund eines Zufalls auf diesen Artikel/diese Seite aufmerksam geworden bin.

    Vorausschickend muß ich gestehen, daß ich kein „aktives Mitglied“ (sic!) irgendeiner „Szene“ bin (davor behütet mich nun auch mein fortgeschrittenes Alter… ;-) ), mich auch nur teilweise mal zur „schwarzen Szene“ zugehörig fühlte, insofern man dies kategorisieren möchte.
    Jedoch immer noch diverse damit in Verbindung gebrachte musikalische Outputs zu meinen Favoriten gehören (schön umschrieben, gelle?)

    Nun gut (oder nicht gut – je nach Sichtweise), was ich allerdings zu lesen bekam im quasi „Zustandsbericht zur Szene“ „Stagnation…(etc.)“ hat mich sehr oft nur bestätigend und zustimmend nicken lassen. Zu gut 99% hätte dieser Artikel auch von mir stammen können, verfasst – und jetzt kommts – allerdings bereits in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre…
    Und damit unterschreibe ich sozusagen schon durch mein vorhergehendes Statement automatisch die Aussage, daß „früher“(TM) eben keineswegs alles besser war. Manches war vielleicht anders, aber die Kommerzialisierung, die Mediengeilheit der Protagonisten, der Niedergang in Grundzügen bereits vorhanden. Vieles ist natürlich allzu menschlich, und die als „tolerant“ (muhahaha…), „individuell“, „kreativ“ und sonstwas immer gerühmte „Schwarze Szene“ letztlich nur ein – gern zitierter, ich weiß… – Spiegel der Gesellschaft (und durch den in dieser Hinsicht scharf eingestellten Fokus nur umso besser analytisch zu sezieren…).
    Mal Tacheles: wenn ich von „Niedergang“ schreibe, so muß man sich auch vergegenwärtigen, daß eine mehr oder weniger „(musik)kulturelle“ Jugendkultur/Szene, die ihre Anfänge in den frühen 1980er Jahren verzeichnen kann, natürlich im Laufe der Zeit sich zwangsläufig verändern muß, bzw. ihre damals bestehende Relevanz einbüßen muß. Denn, wer hätte seinerzeit (in den szenischen und bereits schnelllebigen Eighties) gedacht, daß eine „schnelle Mode“ ;-) wie der Spleen, als „Grufti“ herumzulaufen, solch ein (zumindest optischer) „Dauerbrenner“ werden würde? (die meisten der musikalischen frühen „Protagonisten“, bzw. „Stein-ins-rollen-Bringer“ waren ja interessanterweise eher „Szene“-fern, nicht wahr?) Daß das logischerweise in der Natur der Sache liegende – mehr oder weniger – eng umrissende musikalische Erscheinungsbild das Ganze über die Jahrzehnte hinweg natürlich kaum noch „authentisch“ tragen kann, ist auch kein Geheimnis.
    Was bleibt den „Kindern“ und (und jetzt werde ich einfach mal frech) „Enkeln“ der „Szene“ letztendlich nun mal übrig, als den Ausverkauf zu zelebrieren und eventmässig abzufeiern. Wo die Substanz dünn wird, so müssen halt Äusserlichkeiten herhalten. Oder wie sonst kann man die Existenz und die (ich beschönige mal…) „Inhalte“ einer Bewegung/Szene künstlich über Jahrzehnte am Laufen halten? Manche Leute würden auch „Anachronismus“ dazu sagen…

    Kurz und gut, komme ich zu meinen persönlichen Eindrücken und Beweggründen, mich seinerzeit von der „Szene“ mehr oder weniger „abzuwenden“. Ich mache es auch kurz, und möchte nur ein paar denkwürdige „highlights“ fokussieren: der bereits legendäre und manchmal extrem selbstauferlegte „schwarze Einheitsbrei“, der oftmals mit intolerantem Codex und reiner substanzlosen Selbstdarstellung zur Schau gestellt (und auch gelebt) wurde, hat mich z.B. veranlasst – ganz so wie man sich in den frühen „Szenetagen“ optisch abgegrenzt hat – mich auch mittels Erscheinungsbild von dem (ich nenne es nun mal salopp so) „schwarzen Zirkus“ zu distanzieren. Und nicht nur aufgrund „ästhetischer“, bzw. „modischer“ Beweggründe, sondern in erster Linie auch wegen der verstärkt – bereits damals – zu beobachtenden Verspießerung und kalten Gleichgültigkeit. Dazu passend auch: eine über die Jahre gewachsene gesellschaftlich/soziokulturelle/politische Interesselosigkeit („mir doch wurscht ob die AfD auf über 20% kommt, Hauptsache meine Strapse schauen geil aus…“).

    Erleben musste ich auch die zeitweilige künstlich selbstauferlegte „Zersplitterung“, die irgendwann Ende der 1990er Jahre aufkam: d.h. konkret auch, „schwarze“ Discoveranstaltungen, die plötzlich sich aus irgendwelchen Gründen zu „elitär“ waren, die (soweit möglich…) „breitere“ musikalische Fächerung aufrecht zu erhalten, und z.B. nur noch zu selbstbeschränkend-traurigen Industrial/Neofolk- oder Gitarrengothic/Batcave-Interessenbuden wurden, bzw. verkamen. Einhergehend mit lächerlichen Rüschenhopser vs. Möchtegern-S/M-Dominas vs. Mittelalter-Trüdeldü-Tanten vs. Batcave-Grufti vs. Uniformfetischkasper – Kleinkriegen, etc…
    (Und danach brauchte sich noch mal jemand zu wundern, warum die „Szene“ so kritikwürdig geworden ist, wie sie sich im update darstellt – kein Wunder wenn die „nachwachsende Generation“ solchen unwürdigen Zirkus als „Vorbild“ geboten bekam…).

    Zum Schluß eine Anekdote: es muß bereits in den Jahren 1998/99 gewesen sein, als ein paar Freunde und ich anlässlich des WGT (nun auch bisweilen als Gothic-Disneyland bekannt…)-Besuches unter großem Gelächter orakelten, daß irgendwann anlässlich eines Szene-Event-Festivals mal ein Jahrmarkt mit richtigen Kirmes-Buden aufgebaut werden würde… (ob uns das Lachen wohl vergangen ist…? ;-) )

  11. Der Tod der Szene wird ihr etwa alle 10 Jahre diagnostiziert. Mit jeder neuen Generation, ihren Eigenheiten und Einflüssen, ihren Ideen und ihrem Geschmack wenden sie die Goten von einst ab. Es ist genau wie es immer im Elternhaus war „So willst du vor die Tür gehen?“ Ganz abgesehen davon, dass du heutzutage mit keinem Gruft-Outfit die gut bürgerliche Mutter schockst. Danke Multimedialer Ausbreitung jedes noch so kleinen Klischees sind Goths doch zu kleinen schwarzen Plüschtieren geworden, die man jährlich auf dem WGT bestaunt, anstatt die Straßenseite zu wechseln und uns mit religiösen Fanatikern zu verwechseln.

    Letztendlich ist auch die Szene nur ein Spiegel der Gesellschaft, der sie entspringt. Die Jugend 2016 ist angepasster denn je (siehe Shell-Jugendstudie), die politischen Ziele sind diffus und um uns herum sind ständig Meinungen, Nachrichten und Fakten. Früher war alles besser? Mitnichten. Es war anders. Vielleicht eindeutiger und klarer, ja sogar ein bisschen einfacher. Es gab ein Feindbild, unser Outfit funktionierte als Abgrenzung ganz prima. Das ist heute verloren gegangen.

    Und mit der zunehmenden Komplexität steigt auch die Resignation. Ich will mich da nicht ausnehmen. Mir ist das stellenweise auch zu merkwürdig geworden. Und trotzdem: Seit ich mich wieder zwinge das „gruftige“ im schwarzen Menschen zu sehen, gelingt es mir auch. Es gibt sie da draußen. Und obwohl sie präsenter sind als jemals zuvor, ist es schwer geworden sie zu finden.

  12. Hi!
    Ein toller Bericht und ich habe ihn mit großen Interesse gelesen. Manchmal schau ich hier mal vorbei. Ich bin schon lange nicht mehr in der Szene, aber ich gehörte lange dazu. Vor gut 6-7 Jahren habe ich der „Szene“ den Rücken gekehrt, aber die Musik höre ich ab und an gern.
    Aber es war eine tolle und verrückte Zeit. Viele Konzerte gesehen, viele Friedhof Besuche bei Mondschein gemacht, ein paar nette Leute kennengelernt und irgendwie das „anders“ sein genossen. Selbst auf der Arbeit habe ich auf mein Schwarz, Pikes und Patchouly nicht verzichtet und das als kaufmännischer Angestellter. Ich hatte angenehme Chef’s, somit musste ich mich nicht groß verstellen. Es war noch eine Zeit, wo man mit toupierten langen Haaren und Undercut dumm angeschaut wurde, teilweise aufgrund des schwarzen Gewand sogar eine gewisse Ablehnung feststellte. Wenn ich heute die „modernen“ Tussis mit ihren Undercut sehe, muss ich schon schmunzeln. Schließlich waren es solche gut bürgerlichen Personen, die mit dem Finger auf Dich gezeigt haben. Tja, Zeiten ändern sich dank Mainstream,aber damit auch die Szene. Ich fand viel gefallen an der Musik der 80er und frühen 90er – von Lacrimosa, Goehtes Erben bis Anne Clark oder Skeletal Family war vieles vertreten. Für Goth, Death Rock, Post Punk und Wave war mein Schwarzes Herz offen. Vom ganzen Mainstream zeug wollt ich nichts wissen und die CyperGrufties waren uns natürlich ein Dorn im Auge. Aber das neue Gewand der Zeit hatte man schon beim WGT gesehen und teilweise auch auf vielen Party’s. Ich persönlich habe sehr selten mal bei diversen Shops wie Aderlass & Co. etwas bestellt. Ich hatte einen guten Freund, der recht kreativ war und noch genau wusste, wie man in Zeiten ohne Internet und Shops sich passend kleidete. So fand ich durch seine Hilfe die passende Kleidung in diversen Second Hand Läden und ich kann Euch sagen, die Suche hat sich oftmals gelohnt. Man muss halt nur wissen, was und wie man am besten kombiniert. Man fühlte sich damit wirklich in die 80er etwas zurück versetzt – Oldschool halt. …und es sah geil aus.. ;)
    Es gab viele Gründe, für meine – ich nenne es jetzt mal – ausstieg. Der eine bleibt und der andere findet vielleicht seine Bestimmung wo anders.
    Vieles in der Szene hatte aber auch an Glanz verloren und der sogenannte Zusammenhalt. Ich musst mit der Zeit feststellen, das es diesen Zusammenhalt kaum gab. Selbst auf dem WGT fand man das nur selten vor. Teilweise dieses arrogante Gehabe und diese verkleideten Menschen. Wenn ich heute Bilder vom WGT sehen, dann hat das ganze langsam den Namen „WAVE“ „GOTIK“ „TREFFEN“ nicht mehr verdient. Aber ich kann auch sagen, das gerede mit „damals war alles Besser“, hört man in vielen Kategorien. Ob’s die Punks sind oder die Rock’n’Roller.. Es ist fast überall gleich.
    Ich will jetzt aber nicht weiter ausschweifen. Mit jungen Jahren habe ich schon Elvis Presley gehört und bin heute glücklich in der Rockabilly Szene. Ich führe einen Club, Radio und nebenbei bin ich Grafiker für ein Szene-Magazin. Dazu möchte ich erwähnen, da die Szene auch nicht sehr groß ist, geht das ganze sehr familiärer dort zu. Das ist etwas, was ich in der großen schwarzen Szene oft vermisst habe…
    Aber letztlich kann ich sagen, die Zeiten ändern sich und damit auch die Jugend. Was damals war, wird heute nicht mehr so sein. Und wahrscheinlich nur deshalb ist die Gothic Szene bis heute nicht ausgestorben. Aber ein gewisser Glanz von damals kann erhalten bleiben, und das haben eben die Anhänger der Szene in der Hand. Weiterhin viel Erfolg!
    Grüße Chris

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