7 März

Gothic - Die Geschichte eines Wortes (1)

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 20104 Kommentare

Gothic - Nomen est OmenNomen est Omen? Die Bedeu­tung eines Wor­tes hängt immer von des­sen Ein­satz­zweck ab. Ein Stuhl wird auch noch in 1000 Jah­ren einen Stuhl beschrei­ben, weil das Wort eine sim­ple und recht unver­än­der­li­che Sache beschreibt. Beschreibt aber ein Wort eine Chro­no­lo­gie, also eine Zeit­spanne, Epo­che oder ein zeit­li­che defi­nier­tes Ereig­nis, wird die Sache schon deut­lich schwie­ri­ger. Dehnt man das noch auf Per­so­nen in einem Jugend­kul­tu­rel­len oder musi­ka­li­schen Zusam­men­hang aus wird es bei­nahe abs­trakt und lässt sich nicht mehr so ein­fach ablei­ten. Das Bild für das Wort Gothic ist eben nicht nur schwarz, son­dern beinhal­tet unzäh­lige Mög­lich­kei­ten dar­auf zu bli­cken, manch­mal muss man einen Schritt zurück tre­ten und das ganze Bild betrachten.

Ich möchte ver­su­chen die Ursprünge des Wor­tes Gothic in all sei­nen For­men zu beleuch­ten, sei es als Begriff für eine Szene, eine Jugend­be­we­gung, eine Musik­rich­tung, einen Bau­stil, für Lite­ra­tur, einen Lebens­stil, ein Zeit­al­ter oder sogar der Begriff für ein Volk, die Goten. Im heu­ti­gen ers­ten Teil die­ses Arti­kel beleuchte ich die musi­ka­li­sche Her­kunft und die Über­tra­gung des Wor­tes auf reelle Per­so­nen, denn dies ist meine ganz per­sön­li­che Sicht der Dinge.

Musikalische Herkunft

Siouxsie in Edinburgh 1980Die Her­kunft in der Musik zu suchen ist  nahe­lie­gend, da es sich zu Beginn der Bewe­gung nur um ein neu ent­stan­de­nes Genre der Musik han­delte.  Die eng­li­sche Musik­zeit­schrift  Sounds sorgt für die erste Publi­ka­tio­nen des Begrif­fes und »über­nah­men den Aus­druck Gothic von Soux­sie Sioux, die damit die neue Rich­tung ihrer Musik beschrieb»1, als sie Dezem­ber 1977 in ihrem Arti­kel »New Musick« über Sioux­sie & The Bans­hees berich­tet, nach­dem sie im Novem­ber bei John Peel zu Gast gewe­sen sind. Im Umfeld der Band Joy Div­sion taucht der Begriff erst­mals im Juni 1979 auf, als Mar­tin Han­nett, der das Album »Unknown Plea­su­res«  pro­du­zierte gegen­über der Jour­na­lis­tin Mary Han­non das Werk als »Tanz­mu­sik mit unter­schwel­li­gen Gothic-Elementen»2 beschreibt.

Als der Arti­kel von Han­non erscheint, zitiert sie den Key­boar­der und Gitar­ris­ten von Joy Divi­sion Ber­nard Sum­ner der Nos­fe­ratu als sei­nen Lieb­lings­film nennt. Sie bezeich­net die Band als »Gothic im Sinne des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts»1. Im Sep­tem­ber 1979 nennt Tony Wil­son, Chef des Labels Fac­tory die Band in der BBC Sen­dung Some­thing Else »im Ver­gleich zum Main­stream als Gothic«.3 Die Musik-Redaktionen fin­den Gefal­len an dem neuen Aus­druck und ver­wen­den ihn immer wie­der bei Bands, die sie als ähnlich oder gleich sti­li­sie­ren. Schon im Okto­ber 1979 beschwert sich Penny Kiley im Musik­ma­ga­zin Sounds: »Der Aus­druck Gothic ist eine reich­lich über­stra­pa­zierte Beschrei­bung des Gen­res, aber der Effekt von Joy Divi­sion ist der der­selbe wie der … der Bans­hees»3

Im Novem­ber 1980 rezen­siert der New Musi­cal Express (NME) das kürz­lich von Bau­haus her­aus­ge­brachte Album »In the Flat Field«  und über­schreibt es mit dem Wort­spiel »Gothick as a brick, das auf das eng­li­sche Sprich­wort »thick as a brick« zurück geht»3, das man frei über­setzt wohl am bes­ten mit »Dumm wie Boh­nen­stroh« über­setzt. In einem Inter­view mit Steve Kea­ton, der 1982 für die Musik­zeit­schrift Sound schreibt, lässt sich Abbo, Front­mann der Band UK Decay über die neue Bezeich­nung aus: »Plötz­lich gab es eine ganze Reihe von Bands […] und plötz­lich fin­gen die Leute an über eine Szene zu reden. Ich erin­nere mich, dass ich erklärte, wie wür­den auf diese Gothic-Geschichte ste­hen, und dann lach­ten wir dar­über, dass wir Plat­ten nur in Form der Unhold­ge­stal­ten auf Kir­chen­dä­chern machen und über­haupt nur in Kir­chen auf­tre­ten soll­ten»3. Die Sounds druckt das gesamte Inter­view und machte aus der Geschichte einen Fakt.

Vom Genre zum Künstler

Ian Asbury 2007Bis­lang besteht zwi­schen dem Wort und der Musik eine unlös­bare Ver­bin­dung, man wurde gefragt ob man Gothic hört, nicht ob man Gothic ist. Ian Asbury der mit sei­ner 1981 gegrün­de­ten Band Sou­thern Death Cult selbst für die For­mung des Genre sorgte, bringt erst­mals den per­so­nel­len Bezug zur Bezeich­nung Gothic als er Andi Sex­gang von den Sex­gang Child­ren als »Gothic-Pixie« beschreibt, was man frei über­setzt wohl am bes­ten Gothic-Kobold nennt. Im Laufe der Zeit ver­kürzt er den Band­na­men immer wei­ter (in Death Cult und spä­ter dann in The Cult) »da man fürch­tete, für eine Gothic Band gehal­ten zu wer­den.»4, viel­leicht weil man mit der auf­kom­men­den Szene selbst nichts zu tun haben wollte. Die Sex­gang Child­ren, »wel­che den typi­schen Batcave Sound der Zeit spie­len»1  soll­ten in den Legen­den um den Lon­do­ner Club Batcave für eine ganz andere Spiel­art des Gothic sor­gen, die man heute nach eben die­sem Club benennt.

In der Band Bau­haus scheint sich das ganze Phä­no­men des Begrif­fes zu mani­fes­tie­ren, sie brach­ten den Stil der Musik die von Joy Divi­sion geprägt wurde und den düs­te­ren Style den Sioux­sie & The Bans­hees initi­ier­ten auf den Punkt. »The most import­ant star­ting point of goth, howe­ver, was pro­bably pro­vi­ded by the images and sounds of Bau­haus — nota­bly the Sin­gle „Bela Lugosi’s Dead”, released in 1979»5 Bau­haus ver­eint auch rück­bli­ckend die wich­tigs­ten Eigen­schaf­ten des Gothic und dürfte damit als »Stil­set­zend« betrach­tet werden.

Die eng­li­sche Presse fes­tigte den Begriff wei­ter, indem sie ihn auch immer mehr auf den Künst­ler als auf die musi­ka­li­sche Rich­tung münzte und nicht nur ihre Musik damit beschrieb son­dern auch die Band­mit­glie­der selbst. David Dor­rell vom NME, schrieb in einen Arti­kel über Andi Sex Gang von den Sex Gang Child­ren: »…der im Dach­ge­schoss eines alten vik­to­ria­ni­schen Gebäu­des wohnte und von eini­gen Count Visi­goth genannt wurde — und seine Anhän­ger eben goths.»6 Man fixi­tierte Gothic nun nicht mehr allein am an der musi­ka­li­schen Aus­rich­tung, son­dern auch am Aus­se­hen der Band­mit­glie­der, was dazu führte, das in der Fol­ge­zeit immer wie­der Bands so bezeich­net wur­den, deren Musik mit Gothic über­haupt nichts zu tun hatte. Ian Cur­tis hin­ter­ließ ein musi­ka­li­sches Vakuum, denn die Presse fol­gerte, das hier Musik und Ein­stel­lung gelebt wur­den — bis zum Selbstmord.

x-mal deutschland liveDas Phä­no­men des Wor­tes Gothic blieb jedoch ein bis Mitte der 80er ein Insel­er­eig­nis und wurde größ­ten­teils in Groß­bri­tan­nien ver­wen­det, in Deutsch­land zum Bei­spiel ord­net man die Bands unter die Genre New Wave oder Post-Punk oder greift gele­gent­lich die Bezeich­nung Posi­tive Punk, des Jour­na­lis­ten Richard North auf, der in sei­nem Arti­kel Punk War­ri­ors vom Februar 1983 zu dem neuen Stil Stel­lung bezieht. Auch deut­sche Bands, die sich ein­deu­tig ein­ord­nen lie­ßen wur­den kon­se­quent igno­riert, die 1980 gegrün­de­ten X-Mal Deutsch­land, oder auch die Band Geis­ter­fah­rer die sich zur sel­ben Zeit in Ham­burg grün­de­ten wur­den der Neuen Deut­schen Welle zuge­ord­net, was ihrem musi­ka­li­schem aber kei­nes­falls gerecht wurde. So wun­dert es nicht, das bei­spiels­weise X-Mal Deutsch­land ihre größ­ten Erfolge auf eben die­ser Insel fei­er­ten. Spe­zi­ell in Deutsch­land ent­wi­ckelt der Begriff Gruf­tie ein Eigen­le­ben und steht in Kon­kur­renz zum Waver, das Wort Gothic erlangte hier erst Mitte der 90er Jahre an grö­ße­rer Popularität.

(Bil­der­quel­len: Tea­ser — Guld­fis­ken | Sioux­sie 1980 — Mantaray100 | Ian Asbury 2007 — Yves Lor­son | X-mal Deutsch­land — MyS­pace Pro­fil)
  1. Roman Rut­kow­ski: Das Cha­risma des Gra­bes, S.51,  2004 [] [] []
  2. Sca­the Demon: History of Goth, Syn­op­sis 1979 [LINK] []
  3. Dave Thomp­son & Kirs­ten Bor­chardt: Schat­ten­welt – Hel­den und Legen­den des Gothic Rock, S. 152, 2004 [] [] [] []
  4. Matzke & See­li­ger: Das Gothic– und Dark Wave Lexi­kon. Die schwarze Szene von A-Z, Neu­auf­lage, S. 127 ‚2003 []
  5. Paul Hod­kin­son: Goth. Iden­tity, Style and Sub­cul­ture, S. 36f, 2003 []
  6. Roman Rut­kow­ski: Das Cha­risma des Gra­bes, S.52,  2004 []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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4 Kommentare

  1. Gemein­heit, so einen Arti­kel wollte ich doch schon schrei­ben, jetzt wo ich mich an der Uni so viel mit dem Thema beschäf­tigt habe (und gerade auch eine Haus­ar­beit dar­über schreibe)… ;)

    Aber ok, mei­ner ist vom Auf­bau etwas anders ange­dacht, und beim ers­ten Über­flie­gen finde ich bis­lang alles sehr gut. Even­tu­elle Kri­tik kommt dann später ;)

  2. Das soll Dich nicht davon abhal­ten einen eige­nen Bei­trag dar­über zu ver­fas­sen. Ich denke, du ver­folgst sicher­lich andere Schwer­punkte spä­te­rer Ori­en­tie­rung. (Lite­ra­tur, Kunst­ge­schichte) Würde mich freuen eine Kri­tik zu lesen oder einen Track­back auf eine eigene Schluss­fol­ge­rung dei­ner Seits zu bekommen.

  3. Hallo Robert! Sehr gute schrift­li­che Mate­rial für Sie da! Dies ist das zweite Mal, dass ich Ihre Web­site besu­chen, kom­men wie­der sicher. Big Hug aus Brasilien

  4. @Christian Anu­bis: Vie­len Dank, ich werde mich bemü­hen auch wei­ter­hin gutes Mate­rial zu lie­fern :) Big Hug zurück!

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Trackbacks

  1. […] est Omen! Das Wort Gothic steckt vol­ler Über­ra­schun­gen, im letz­ten Arti­kel habe ich zusam­men­ge­tra­gen, wel­che musi­ka­li­sche Bedeu­tung das Wort hat und wie es […]