28 April

Gedankengut in der Mittelalterszene

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 200910 Kommentare

Irgend­je­mand hat mir vor ein paar Tagen die letzte Aus­gabe des Kar­fun­kels mit­ge­bracht, einer ein­schlä­gi­gen Mit­tel­al­ter­zeit­schrift, die sehr geschicht­lich ori­en­tiert ist und schon immer mit gut recher­chier­ten Arti­kel bei mir punk­ten konnte. Wie es das Schick­sal einer Zei­tung in mei­nen Hän­den so ist, lan­dete auch der Kar­fun­kel auf der Toi­lette wo er nun immer wie­der für Geschäfts­ab­schlüsse ein­ge­setzt wird. So ent­ging mir auch der Leser­brief von Ott­mar S. aus Sin­del­fin­gen1 Darin schreibt es sinn­ge­mäß, daß das Mit­tel­al­ter als sol­ches von einem christ­li­chen Glau­ben getra­ge­nes und geist­li­ches Leben war und die Mit­tel­al­ter­bands ein vor­christ­li­ches und unpas­sen­des Lied­gut darbieten.

Lie­ber Ott­mar, auch wenn deine Ansicht sicher­lich nicht abwe­gig ist, so stellt sie sich für mich sehr ver­zerrt dar. Christ­li­che Musik aus dem Mit­tel­al­ter gibt es selbst­ver­ständ­lich in grö­ße­rem Umfang als die von Dir genannte unchrist­li­che Musik. Aber warum? Waren es nicht die Geist­li­chen und Gelehr­ten die der Schrift mäch­tig waren und dies als Pri­vi­leg für sich ver­ein­nahm­ten? So sind es eben sehr viel mehr geist­li­che und reli­giöse Lie­der, die den Weg auf Papier gefun­den haben und uns als sol­che über­lie­fert sind. Der ein­fa­che Bür­ger hatte doch gar keine Mög­lich­keit das Schrei­ben zu erler­nen und selbst­ver­ständ­lich auch keine Zeit, denn er war damit beschäf­tigt um das täg­li­che dasein zu kämp­fen. So kam es wie es gekom­men ist, die Bücher sind voll von christ­li­cher Musik des Mittelalters.

Dies stellt aber mei­ner Ansicht nach nicht das wirk­li­che Leben des Mit­tel­al­ters dar, denn das fand ganz woan­ders statt. Die Men­schen lieb­ten und lie­ben immer noch die leichte bis def­tige Musik, die wohl damals in Taver­nen und auf Markt­plät­zen dar­ge­bo­ten wurde, weil es ein­fach eine Musik war, die fröh­lich war und machte. Und zu Lachen hat­ten die Men­schen im Mit­tel­al­ter nun wirk­lich nichts.  Auch der christ­li­che Glaube zu die­ser Zeit hat sich nicht mit Ruhm bekle­ckert, Du sollst nicht töten war wohl eher als Leit­fa­den zu sehen, nicht als Regel.

Sicher, die Mit­tel­al­ter­märkte zei­gen einen idea­li­sier­tes Bild des Mit­tel­al­ters, aber was ist so schlimm daran sich die Rosi­nen her­aus­zu­pi­cken? Mir sind tau­sende Mit­tel­al­ter­clubs und Rol­len­spie­ler, mit­tel­al­ter­li­chen Hand­wer­ker und Gauk­ler und his­to­ri­sche Ver­eine lie­ber als so man­cher Kegel­club oder Schüt­zen­ver­ein. Für einige ist es auch Ein­stiegs­droge mehr dar­über zu erfah­ren, wie es wirk­lich ein­mal gewe­sen ist. Denn dabei gewe­sen ist kei­ner von uns, auch du nicht lie­ber Ott­mar, wir soll­ten uns des­halb nicht anma­ßen dar­über zu sin­nie­ren, wobei es sich wirk­lich um mit­tel­al­ter­li­ches Gedan­ken­gut handelt.

So versuche ich in jeglicher Beziehung ganz aus dem Geist des Mittelalters zu leben. Von Äußerlichkeiten abgesehen, konnte ich leider bisher wenig mittelalterliches Gedankengut in der heutigen Szene entdecken. Der mittelalterliche Mensch lebte weitestgehend aus der Hoffnung auf das ewige Leben und den jüngsten Tag. Dies ist eine Sicht der Dinge, mit der es sich gerade in der heutigen schlimmen Zeit hoffnungsvoll leben lässt. (Ottmar S. in Karfunkel 81)

Abschlie­ßend lie­ber Ott­mar möchte ich Dir wün­schen, das du den Geist des Mit­tel­al­ters voll­stän­dig auf­sau­gen und leben kannst. So absurd die Mit­tel­al­ter­mu­sik von heute auf dich wirkt, so absurd ist dein idea­li­siert geist­li­ches Bild des Mit­tel­al­ter für mich, denn das hat mit dem Mit­tel­al­ter ebenso wenig zu tun.

  1. Name und Her­kunft wur­den selbst­ver­ständ­lich von der Spon­tis Redak­tion geän­dert, auch wenn ich der ein­zige Redak­teur bin. []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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10 Kommentare

  1. Ich bin zur Zeit zu müde um detail­liert dar­auf ein­zu­ge­hen, aber ich denke, daß der Mensch im Mit­tel­al­ter in ers­ter Linie in Angst gelebt hat. Sei es um seine Exis­tenz oder um sein »Seelenheil«.

  2. Guter Arti­kel, Robert. Vor allem den Punkt mit der Kir­che möchte ich mit einem (sinn­ge­mä­ßen) Zitat mei­nes Mittelalter-Dozenten unterstützen:

    Weil wir aus dem Mit­tel­al­ter fast aus­schließ­lich Zeug­nisse durch die Kir­che haben, die sich natür­lich haupt­säch­lich auch mit Din­gen beschäf­tigte, die die Kir­che betra­fen, haben wir vom Mit­tel­al­ter ein kirch­li­che­res Bild, als es womög­lich tat­säch­lich gewe­sen ist.

    Ist ja eigent­lich ganz logisch. Aber wir müs­sen eben davon aus­ge­hen, dass es auch vie­les abseits von dem gab, was über­lie­fert wor­den ist.

    Das waren jetzt meine 2 Historiker-Cents dazu. ;)

  3. Sehr gut geschrie­ben Robert :)

    Ich bin mir sicher das Ott­mar sowie viele andere Men­schen die Märkte nicht besu­chen wür­den wenn dort Zustände wie »damals« herr­schen wür­den … keine Kana­li­sa­tion, Unmen­gen an Müll & Rat­ten, Hygiene gleich Null, etc. Und wie Du schon geschrie­ben hast, was ist Schlimm daran sich die Rosi­nen her­aus­zu­pi­cken? Nüscht.

  4. @Vizioon: Eben, da war er froh um jede Erhei­te­rung der locke­ren Art. Tief chrit­li­che Texte wollte man da bestimmt nicht hören.

    @Konna: Vie­len Dank für deine Cents, pas­sen sie doch opti­mal zum Bei­trag und decken sich mit mei­ner Mei­nung. Manch­mal sollte wir das Mit­tel­al­ter dunk­ler, manch­mal aber auch hel­ler sehen, als es wirk­lich gewe­sen ist. Finde es schön, das Dozen­ten auch ein dif­fe­ren­zier­tes Bild vom Mit­tel­al­ter auf­zei­gen, sehr wahr­schein­lich müs­sen bald einige alte Weis­hei­ten über die Zeit der Zei­ten über­holt wer­den. Ich würde es begrüssen.

    @Stoffel: Deine (eure) Mei­nung ist in die­sem Zusam­men­hang beson­ders inter­es­sant, schließ­lich seid ihr ja auch mit­tel­al­ter­lich unter­wegs (wie ich das so von hier aus ein­schätze) und ein Rahm­fle­cken zum Kirsch­bier kann nie­mand verachten :)

  5. @Robert: Viel­leicht doch, denn es diente dem See­len­heil. Ich denke, daß die dama­lige Situa­tion aus heu­ti­ger Sicht kaum nach­zu­voll­zie­hen ist. Tat­säch­lich war es wahr­schein­lich viel schlim­mer, als man es sich heut­zu­tage vor­stel­len kann. Glei­ches denke ich auch in Rich­tung »Rosi­nen her­aus­pi­cken«. Das erin­nert mich an »Auto­bahn bauen« im Drit­ten Reich. Das kann an sich gut sein, aber im Zusammenhang?

  6. Obwohl der Ver­gleich mei­ner Mei­nung nach etwas hinkt, glaube ich zu ver­ste­hen, was du damit aus­drü­cken möch­test. Im Unter­schied zu den Auto­bah­nen kön­nen wir das Mit­tel­al­ter noch schlech­ter nach­voll­zie­hen als die jün­gere und bes­ser doku­men­tierte Ver­gan­gen­heit. Auch wenn die Rolle der Kir­che eine stär­kere gewe­sen ist und unzäh­lige Men­schen ihr See­len­heil such­ten, gab es sicher­lich auch Men­schen die ein ande­res Leben führ­ten oder füh­ren konnten.

    Ich halte es aus oben genann­ten Gründe nach wie vor für gut, sich »die Rosi­nen« raus­zu­pi­cken, solange man nicht den Sinn für die Rea­li­tät ver­liert. Tat­säch­lich war es schlim­mer, als man sich das vor­stel­len mag, da gebe ich Dir recht, die Sicht der Dinge ist aber ent­schei­dend. Wenn wir es heute schreck­lich fin­den nicht täg­lich zu duschen, war das viel­leicht frü­her wohl kein Stein des Anstos­ses. Was heute undenk­bar erscheint, war frü­her ein­mal Normalität.

  7. Ich gebe zu, der Ver­gleich hinkt. Ich wollte nur dar­auf hin­wei­sen, daß das Mit­tel­al­ter nicht nur fröh­li­che Mittelalter-Märkte (wie heut­zu­tage) waren. Ich habe auch gar nichts dage­gen, sich die Rosi­nen her­aus­zu­pi­cken, allein weil ich das Mit­tel­al­ter so auch schö­ner fin­den würde, aber es ent­steht ab und an der Ein­druck, alles im Mit­tel­al­ter wäre eitel Son­nen­schein, und ich per­sön­lich ziehe heute (mit dem Vor­teil sehr ange­neh­mer Mit­tel­al­ter­märkte) vor.

  8. Nein natür­lich nicht, das bleibt unbe­strit­ten. Das Mit­tel­al­ter war eine schreck­li­che Zeit. Pest, Hexen­ver­bren­nung und Inqui­si­tion sind sicher­lich nur die Spitze des Eisbergs.

  9. Hier muss ich dir lei­der par­ti­ell wider­spre­chen ^^
    Zwar war es natür­lich der Kle­rus, der vor allen ande­ren lesen und schrei­ben konnte. Aber nicht sel­ten hat der Adel seine Spröss­linge ins Klos­ter geschickt, wo sie diese Fähig­kei­ten sowie auch ver­schie­dene andere Künste und Wis­sen­schaf­ten erlern­ten — in der Regel wurde ihnen dann ledig­lich die Pries­ter­weihe nicht abge­nom­men und sie kehr­ten wie­der zurück in ihr welt­li­ches Leben.

    Des wei­te­ren war es im hohen und vor allem spä­ten Mit­tel­al­ter ins­be­son­dere das Bür­ger­tum (also die städ­ti­sche Ober­schicht) die über eine ent­spre­chende Bil­dung ver­fügte, da sich in der Stadt als moder­nem Gebilde viele Dom­schu­len, Kathe­dral­schu­len und spä­ter auch pri­vate Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten bil­de­ten, wo auch z.B. der Sohn eines Kauf­manns Latein und Lesen ler­nen konnte.

    Auf der ande­ren Seite halte ich es für annä­hernd unwi­der­leg­bar, dass einige geist­li­che Schrei­ber in Klos­ter­scrip­to­rien zwar schrei­ben konn­ten, aber nicht lesen. Sie mal­ten die Buch­sta­ben als geo­me­tri­sche Gebilde von den Vor­la­gen ab, und bau­ten so teils Schreib­feh­ler ein, die nie ent­stan­den wären, wenn sie ver­stan­den hät­ten, was sie schrei­ben (z.B. »n« statt »ri«.

    Und so konn­ten wohl viele der welt­li­chen »Min­ne­sän­ger« (die wohl alle­samt aus Adel und Bür­ger­tum stamm­ten) selbst ihre Werke nie­der­schrei­ben. Und so nimmt es dann auch nicht Wun­der, dass gerade auch die­ser Bereich (also Min­ne­lie­der, Sangs­prü­che und auch deutsch­spra­chige geist­li­che Lie­der [der Kle­rus schrieb Latein]) aus­ge­spro­chen gut belegt ist.
    Allein schon die Lie­der des bekann­ten Walt­hers von der Vogel­weide sind in 37 ver­schie­de­nen Hand­schrif­ten und Frag­men­ten über­lie­fert, wenn ich das gerade rich­tig zähle.

    EDIT: Achja, und Hexen­ver­bren­nung gab’s im Mit­tel­al­ter nicht — das gab’s erst in der frü­hen Neu­zeit. Bis zur Renais­sance hat man ledig­lich Ket­zer verbrannt ;)

  10. Danke für das wider­spre­chen. Man lernt ja nie aus :) So inten­siv habe ich mich mit dem Mit­tel­al­ter noch nicht aus­ein­an­der­ge­setzt, ich mache das eher par­ti­ell. Was mich eben gerade inter­es­siert. Glück­li­cher­weise wider­spricht man mir gele­gent­lich auch, was ich eigent­lich immer sehr schätze, vor allem wenn mein gegen­über weiß wovon er spricht.

    Es gab auch mal einen sehr inter­es­san­ten Bericht über den Buch­druck und die Zen­sur der Kir­che. Das füllte auch bedeu­tende Bil­dungs­lü­cken. Ebenso habe ich mir jetzt die Ver­bren­nungs­chro­no­lo­gie hin­ter die Ohren geschrie­ben, danke dafür :)

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