7 Juli
Flüssige Szene: Absinth
Keine Szene ohne Alkohol? Anfang der 80er splitterten sich die Straight Edger (sXe) von der Punkbewegung ab, da für sie das regelmäßige Abschießen mit Alkohol oder Drogen kein zentraler Bestandteil der Szene sein sollte. In der Regel gehört aber Alkohol zu jeder geselligen Runde wie an jedem Stammtisch auch, die Gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber dem Alkohol ist hoch. Warum auch nicht, es muss ja nicht gleich Flatrate-Saufen1 sein.
In der Gothic-Szene hat sich neben den üblichen alkoholhaltigen Getränken auch eine Vielzahl von außergewöhnlichen Gebräuen etabliert, der pure Genuss von Bier ist den meisten zu ordinär und da sich im Gegensatz zu vielen anderen Szenen viel mehr weibliche Gothics gibt, bevorzugt man beispielsweise mehr Wein als Bier. Wenn sich dann noch Mythen, Legenden und Sagen um ein Getränk ranken, so ist das Interesse innerhalb der Szene natürlich sehr hoch, was auch die Popularität von Absinth erklären dürfte.
Absinth wird traditionell aus Wermut, Anis, Fenchel sowie einer je nach Rezeptur unterschiedlichen Reihe weiterer Kräuter hergestellt wird. Da Absinth in der Regel grün ist wird er gelegentlich auch »die grüne Fee« (französisch: la Fée Verte) genannt. Aufgrund der Verwendung bitter schmeckender Kräuter, insbesondere von Wermut, gilt Absinth als Bitterspirituose, obwohl er selbst nicht unbedingt bitter schmeckt.
Seine Legenden hat Absinth dem Gehalt von Wermut zu verdanken, denn schon um 1830 entdeckten französische Militärärzte das Absinth für sich und schrieben ihm vorbeugende und heilende Wirkung gegen Krankheiten zu und »verabreichten« den Soldaten eine tägliche Dosis Absinth. Während Frankreich Algerien besetzte produzierte die Hersteller bis zu 20.000 Liter täglich um den Bedarf zu decken. Als Nebenprodukt enthält Wermut den Stoff Thujon, der als Nervengift Halluzinationen, epileptische Anfälle, Depression und Wahrnehmungsstörungen auslöst. Mitte des 19. Jahrhunderts machte diese Tatsache das Absinth als Droge und Berauschungsmittel populär, denn hier setzte man dem Absinth nur Wermutöle hinzu, die die Wirkung verstärkten. Heutiges Absinth ist unbedenklich, der Gehalt ist so gering, das man vorher vom Alkohol erschlagen wird, als eine Überdosis Thujon zu erhalten2
Zusammenhang zwischen Gothic und Absinth?
Dafür wurden die Wurzeln Ende des 19. Jahrhunderts gelegt, denn Absinth galt als IN Getränk der Literatur und Künstler-Szene und findet daher in vielen Romanen und Erzählungen Verwendung, auch bei vielen noch heute in der Gothic Szene beliebten Schriftsteller und Büchern. Nachdem um 1900 der Verbrauch in Frankreich schlagartig stieg, da es billiger als Wein war, wurde die Stimmen der Kritiker lauter. »Aus dem Mann macht Absinth ein wildes Biest, aus Frauen Märtyrerinnen und aus Kindern Debile, er ruiniert und zerstört Familien und bedroht die Zukunft dieses Landes«, zitiert Barnaby Conrad in seiner Geschichte des Absinth die damaligen Kritiker. Bis 1914 wurde Absinth in nahezu allen europäischen Staaten und USA verboten. Weitere geschichtsträchtige Fakten kann man auch in einem Rundgang im virtuellen Absinth-Museum kennenlernen.
Anfang der 90er erlangte das Absinth neue Popularität als ein pfiffiger englischer Importeur eine Gesetzeslücke nutzte, um Absinth in Großbritannien wieder zu verkaufen. Lifestyle-Magazine griffen den Trend auf und beschrieben seine (nicht vorhandenen) erotisierende und halluzinogene Wirkung, den Verbot in vielen Ländern und unterstellten van Gogh hätte sich sein Ohr unter Absintheinfluss abgeschnitten. Filme griffen Absinth als epochentypisches Ausstattungsmerkmal auf, so 1992 in Bram Stoker’s Dracula. 2001 berauscht sich Johnny Depp im Film From Hell auf seiner Jagd nach Jack the Ripper an Opium und Absinth.
Genug Stoff für Legenden und Sagen und den Erfolg innerhalb der Gothic-Szene. Mittlerweile gibt es keinen Gothic-Shop mehr, der sich nicht mit dem Verkauf von Absinth weitere Kundschaft sichern möchte. Die meisten Verbote wurde schon im Vorfeld gelockert, als neue Studien dem Absinth eine ungefährliche Wirkung zuschrieben. Das Deutsche Ärzteblatt warnt in seinem Artikel Absinth — Neue Mode, alte Probleme wieder einmal vor dem Konsum des Getränkes und beschreiben van Gogh als abhängigen Absinthtrinker. Das der eigentlich Alkoholiker war und Absinth billiger als Wein, lässt man außer Acht. 2008 belegt der Spiegel mit aktuellen Forschungen das der einzig wirksame Bestandteil der Alkohol ist.
Wenn schon Absinth, dann mit Tradition
Absinth wird grundsätzlich nicht pur getrunken, sondern mit Wasser verdünnt, dadurch entsteht der typische milchige Effekt (Louche). Meist wählt man ein Mischungsverhältnis von 1 Teil Absinth zu 3 Teilen Eiswasser. Ursprünglich trinkt man Absinth mit Zucker, da der französische Absinth sehr bitter gewesen ist und man damit den Geschmack verbessern konnte.
Beim Feuerritual3 werden mit Absinth getränkte Zuckerwürfel auf einen Absinthlöffel gelegt und angezündet. Sobald der Zucker karamellisiert werden die Flammen gelöscht und in den übrigen mit Eiswasser gemischten Absinth gegeben. Warum man die Flammen löschen sollte, brauche ich wohl niemandem zu erklären.
Die Schweizer Trinkweise ist dabei die am wenigsten etablierte. Bei ihr werden lediglich zwei bis vier cl Absinth mit kaltem Wasser vermischt. Auf Zucker wird verzichtet, da die in der Schweiz getrunkenen Absinthe grundsätzlich weniger bitter waren als die französischen.
Das französische Ritual besitzt dagegen eine historisch belegbare Tradition. Ähnlich wie beim Feuerritual wird der Absinth mit Zucker getrunken. Dazu werden ein oder zwei Stück Würfelzucker auf einem Absinthlöffel gelegt und sehr langsam kaltes Wasser über den Zucker gegossen oder geträufelt. Für das Hinzugeben des Wassers kann auch eine Absinthfontäne, die man schon mal in französische Lokalen sieht, genommen werden.
Absinth ist heute ein Massenprodukt das nicht unbedingt qualitativ hochwertig hergestellt wird, man zieht künstliche Aromen und Geschmacksverstärker den natürlich Kräutern vor, erst im gehobenen Preissegment findet man hochwertige und mazerierte Absinthsorten. Von einem 15€ Absinth ist abzuraten, für einen guten sind schnell einmal 30–40€ fällig, einen Preisvergleich und Geschmackstest findet man im Absinth-Guide.
(Bildquellen: Wikipedia)
- Ist nicht etwa ein Tarif seines Internetproviders, sondern das unbegrenzte Trinken von Alkohol zu einem festgelegten Eintrittspreis [↩]
- Dazu gibt es einige medizinische Nachweise und Studien, unter anderem in einer Seminararbeit der Universität Würzburg. [↩]
- Nicht historische Belegte Trinkweise tschechischer Absinthproduzenten um die Attraktivität zu steigern [↩]
Veröffentlicht von Robert
Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch
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Kategorie: Schwarze Szene
Schlagwort: Absinth, Alkohol, Szenegetränk






hat bereits 35 Kommentare abgegeben und schrieb am 7. Juli 2009 um 14:33:
Ah, dann habe ich das immer falsch gemacht und pur getrunken. Wurde uns im Spirituosenladen, aber nicht erklärt, tsts.
PS: DER Absinth! Hab extra fast den kompletten Wikipedia-Artikel durchgelesen, bis ich endlich einmal eine eindeutige Formulierung gefunden habe.
hat bereits 12 Kommentare abgegeben und schrieb am 7. Juli 2009 um 14:58:
Nicht zu vergessen der 70% schwarze Absinth. bei dem einem die Augen aus dem Kopf fallen, weil der so kräftig ist.
Aber im großen und Ganzen ist Absinth nichts für mich. Komisch eigentlich, weil ich so ziemlich alles vergöttere, was Kräuter in sich trägt. Ich bleibe beim leckeren Wikingergetränk, dem Met. Das richtige für ein Metllerweiblein wie mich. Aber da haste recht, die Gothikdamen greifen gern mal zum Rotwein.
Aber das Absinth mit Wasser verdünnt wird, wusste ich garnicht.
Aber ich muss ja sagen. dieses milchige Etwas sieht schon ziemlich ekelig aus ^^
hat bereits 11 Kommentare abgegeben und schrieb am 7. Juli 2009 um 21:30:
sehr interessanter artikel, auch wenn ich eine nicht-akl-trinkerin bin :) jetzt weiß ich zumindest was absinth ist *schön öfters in filmen gehört und in büchern gelesen hat*
hat bereits 42 Kommentare abgegeben und schrieb am 7. Juli 2009 um 23:38:
Hab das Zeug wie Julia bisher nur pur getrunken… seitdem dann aber nie wieder. ;)
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 8. Juli 2009 um 09:07:
@juliaL49: Kannst es ja mal mit Wasser probieren, vielleicht schmeckt er ja so besser (oder schlechter). Aber probier nicht zuviel, sonst wird dein Kommentar auch milchig :) Ich werde den Artikel nochmals auf korrekte Formulierung hin überprüfen.
@Äwe: Schwarzer Absinth mit 70% ohne Wasser pur? Heiliger Strohsack, sowas benutzen andere als Brennspiritus :) Zum Met kommen wir in einem weiteren Artikel, schließlich passt das mit seinen Strömungen in Mittelalter– und Metalszene auch in die schwarze Subkultur.
@Sibel: Ich bin ja ebenfalls nicht (mehr) alk-trinker, habe aber Absinth schon mal in meiner Stoß– und Drangzeit genossen.
@Konna: Dann hat es Dir offenbar nicht geschmeckt, oder du musstest Dir alles nochmal durch den Kopf gehen lassen :)