8 Juli

Highgate Cemetery (1839)

Kategorie: Finstere Orte — Jahrgang: 20103 Kommentare

Ver­lässt man das Zen­trum der pul­sie­ren­den bri­ti­schen Metro­pole ent­deckt man das eigent­li­che Eng­land, so kommt es mir vor als wir die Tube-Station Arch­way ver­las­sen und die Früh­lings­sonne über dem recht ver­schla­fe­nen Stadt­teil High­gate in unsere Augen scheint. Die Strasse ist gesäumt von typi­schen eng­li­schen Ein­fa­mi­li­en­häu­sern die Wange an Wange die Stra­ßen­bil­der in den Vor­or­ten Lon­dons prä­gen. Wir wol­len zum High­gate Ceme­tery, von dem wir schon viel gutes gehört haben. Er soll einer der schöns­ten Fried­höfe Lon­dons sein und ist ein Teil der Magni­fi­cent Seven, der sie­ben vik­to­ria­ni­schen Fried­hö­fen die man sei­ner­zeit bauen musste um dem immer grö­ßer wer­den­den Bedürf­nis nach einer Ruhe­stätte nachzukommen.

Im Vor­feld haben wir uns für den West­teil ent­schie­den der nur per Füh­rung zu besich­ti­gen ist, da es sich um teil­weise kunst­his­to­risch wert­volle Ruhe­stät­ten han­delt, die kurz vor dem Ver­fall ste­hen und man so ver­mei­den möchte das unbe­dachte Besu­cher wei­te­ren Scha­den anrich­ten. Es ent­wi­ckelt sich gar eine gewisse Art von mys­ti­scher Span­nung als uns der Guide einige Ver­hal­tens­re­geln auf­er­legt und ein­dring­lich darum bit­tet bei der Gruppe zu blei­ben, man könnte sonst im dich­ten und sehr weit­läu­fi­gen Wald­ge­lände ver­lo­ren gehen.

highgate cemetery - das erste grab

Das erste Grab

Zu mei­ner Über­ra­schung bin ich nicht der ein­zige Gruf­tie in der Füh­rung, ein schlan­kes und hoch­ge­wach­se­nes Gruf­tie­paar die beide Joy Divi­sion noch Live gese­hen haben könn­ten sind mit von der sonst so illus­tren klei­nen Par­tie. Gerade als ich mich frage, wie sie in den wirk­lich hüb­schen Pikes mit Absatz das unweg­same Gelände durch­wan­dern will, ent­lockt sie ihrer mit­ge­brach­ten Tasche ein paar schwarze Turn­schuhe, die zwar jetzt nicht wirk­lich zu Out­fit pas­sen, aber sicher­lich ein sehr kluge Ent­schei­dung sind.

Die Füh­rung beginnt gleich mit der Besich­tung des aller ers­ten Grabs, das schon bei der Eröff­nung 1839 ange­legt wurde, um poten­ti­el­len und zukünf­ti­gen Kun­den einen mor­bi­den Ein­druck von der Schön­heit eines sol­chen Ambi­en­tes geben zu kön­nen. Auch die erste Legende wird uns mit auf den Weg gege­ben, denn hier begann auch das Mys­te­rium und den High­gate Vam­pire, der in den frü­hen 1970ern für einige uner­klär­li­che Phä­no­mene auf dem Fried­hof ver­ant­wort­lich gemacht wurde. 1972 lie­ßen sich die legen­dä­ren Ham­mer Stu­dios von der Geschichte zum Film Dar­cula AD 1972 inspi­rie­ren, der mit Chris­to­pher Lee in der Haupt­rolle insze­niert wurde.

Nero, der schla­fende Löwe

Linda, so der Name unse­res weib­li­chen Gui­des, ist wirk­lich gut infor­miert. Und über­haupt scheint sie über fast jedes der hier ange­leg­ten Grä­ber etwas erzäh­len zu kön­nen und das in einer wirk­lich sehr gut ver­ständ­li­chen Form der eng­li­schen Spra­che, was es wirk­lich nicht schwer macht ihr zu fol­gen. Der schla­fende Löwe links im Bild zeigt das Grab von George Womb­well, einem Tier­domp­teur der 1825 den ers­ten in Gefan­gen­schaft gebo­ren Löwen züch­tete und mit sei­nem Wan­der­zir­kus über Jahr­märkte zog um die Zuschauer mit exo­ti­schen Tie­ren zu begeis­tern.  Er starb 1850 und wurde unter der Skulp­tur sei­nes Lieb­lings­lö­wen Nero begra­ben, der nun über sei­nen ehe­ma­li­gen Herrn wacht.

Der Fried­hof ist wirk­lich fan­tas­tisch, die grüne Oase mit­ten in der Stadt ist so dicht gewach­sen, das man nicht ver­mag den blauen Him­mel zu sehen, der leichte Wind wiegt die unzäh­li­gen Baum­wip­fel die sich knir­schend und knar­zend anein­an­der­rei­ben und die Atmo­sphäre mit die­ser gewis­sen Spur von Span­nung laden, das man das Gefühl hat, nur noch flüs­tern zu kön­nen. Ein­zelne Licht­strah­len, die durch das Dickicht fal­len wei­sen auf ein­zelne Grä­ber hin als wür­den die ver­stor­be­nen selbst ihre letzte Ruhe­stätte ins rechte Licht rücken wollen.

Die ver­stor­bene Ada wird von einem Engel geküsst

Immer wie­der unter­bre­chen ein­drucks­vol­len Mau­so­leen die schein­bare tris­tesse der vik­to­ria­nisch gestal­te­ten Grä­bern. Selbst deut­sche Geschäfts­män­ner, so erfah­ren wir, haben sich hier begra­ben las­sen. Julius Beer, ein erfolg­rei­cher Geschäfts­mann aus Frank­furt ließ ein Mau­so­leum für sei­ner Toch­ter Ada bauen. Ein ein­ge­las­se­nes Wand­bild zeigt das von der Toten­maske kopierte Gesicht des jun­gen Mäd­chens, deren Tod er nie wirk­lich über­wand. Es lässt sich nur ver­mu­ten wie uner­mess­lich seine Trauer gewe­sen sein muss, als ihr ita­lie­ni­sche Stein­metze mit dem Bau der Ruhe­stätte beauf­tragte die für diese Arbeit 5000 Pfund verlangten.

Wäh­rend wir zur nächs­ten Ruhe­stät­ten gehen kön­nen wir nur erah­nen wie viel Arbeit der Erhalt einer sol­chen Ruhe­stätte macht und wie viel Lei­den­schaft man opfern muss die Grä­ber von Men­schen zu pfle­gen, die man nicht ein­mal gekannt hat.

Tho­mas Sayer Grab

Noch ein­mal bli­cke ich in den hell­blauen Him­mel, bevor der Schat­ten der Bäume mich wie­der umhüllt und Linda uns zum letz­ten Grab die­ses Rund­gangs führt, dem von Tho­mas Say­ers. In sei­ner Kar­riere als Bare Knuckle Boxer zwi­schen 1849 und 1860 ver­lor er nur einen ein­zi­gen Kampf und wurde in Lon­don zu einem Lokal­ma­ta­dor. Als er an Dia­be­tes und Tuber­ku­lose erkrankte, zog er sich zurück und starb im Alter von 39 Jah­ren. Bei sei­ner Beer­di­gung beglei­ten 10.000 Men­schen die sterb­li­chen Über­reste zum High­gate Ceme­tery, mehr als bei der Krö­nung von Köni­gin Vic­to­ria 1837. Sagt man.  Sein treuer Hund Lion legte sich zu Füßen der Grab­stätte und ver­schwand Tage spä­ter im Dickicht. Freunde spen­de­ten ihm diese schöne Grabstätte.

Fast 2 Stun­den sind wir über den Fried­hof gewan­dert unzäh­lige Grab­stät­ten gese­hen und viele span­nende Geschich­ten gehört, zu viele um sie alle hier wie­der­zu­ge­ben. Jedem der ein­mal nach Lon­don fährt und Inter­esse an alten Fried­höfe hat sei eine Füh­rung über die­sen sehr an das schwarze Herz gelegt. Ich habe eine Aus­wahl der Bil­der in einem Album bei Flickr abge­legt und hier ein­ge­bun­den. Dar­un­ter fin­det ihr eine knappe Weg­be­schrei­bung, ich hoffe ihr teilt eure Ein­drü­cke mit mir, wenn ihr diese Gele­gen­heit wahrnehmt.

Wegbeschreibung

Adresse: Swains Lane, Lon­don N66PJ. Mit der Nothern Line (schwarz) fährt man Rich­tung High Bar­net bis zur Sta­tion Arch­way (Zone 2). Wenn man die U-Bahn Sta­tion ver­lässt hält man sich links und  geht den High­gate Hill hin­auf, vor­bei am Kran­ken­haus und biegt dann links in Bis­ham Gar­dens ein, man kann aber auch durch den Park zu sei­ner lin­ken prima abkür­zen. Jetzt erreicht man die Swains Lane, die den High­gate Ceme­tery in zwei Teile teilt, eine west­li­chen Teil und einen östli­chen Teil. Der östli­che Teil ist immer für Besu­cher geöffnet

Die Swains Lane trennt High­gate Ceme­tery in zwei Teile, der west­li­che Teil ist der ori­gi­nale, 1839 errich­tete Fried­hof, wäh­rend es sich beim Ost­teil um einer Erwei­te­rung han­delt, die 1854 ange­schlos­sen wurde. High­gate West wurde 1975 geschlos­sen, weil die finan­zi­el­len Mit­tel fehl­ten, den Fried­hof zu pfle­gen und zu betrei­ben. Kurz bevor Pla­nier­rau­pen das Gelände für eine alter­na­tive Nut­zung erschlie­ßen konn­ten, grün­dete sich der Ver­ein Fri­ends of High­gate Ceme­tery (FOHC) und kaufte das Gelände der Stadt ab und ret­tete so einen der Kunst­his­to­risch wert­volls­ten Fried­höfe vor sei­ner Zer­stö­rung. 1981 waren schließ­lich beide Teile des Fried­hofs unter der Ver­wal­tung des Ver­eins der sich seit dem um die Erhal­tung und Pflege bei­der Teile küm­mert. Der Zugang zum älte­ren östli­chen Teil ist kos­ten­pflich­tig und nur über eine Füh­rung zu besich­ti­gen. Die kos­tet 7 bri­ti­sche Pfund, dau­ert etwa eine Stunde und ist in sehr lohnenswert.

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Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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3 Kommentare

  1. Der Löwe ist echt niedlich.

  2. Tol­ler Arti­kel, Robert! Inter­es­sant zu lesen, auch die vie­len klei­nen Geschich­ten zu den Grä­bern. Auf dem High­gate liegt doch auch Karl Marx, oder? Hast Du auch sein Grab gese­hen oder ist das auf dem nicht zu besich­ti­gen­den Teil des Friedhofs?

    Mal noch was NER­Di­ges: so eine schi­cke Bil­der­ga­le­rie suche ich auch für mein Blog. Was issn das für’n Plug-in?? Danke für nen Tipp.

  3. Vie­len Dank :)

    Nein, kein Plu­gin. Das geschickte Ein­bin­den von Gale­rien kannst dun in Plerzelwupp’s Blog nach­le­sen: http://www.plerzelwupp.de/fotogalerie-in-den-blog-einbinden/. Ich arbeite noch an einer jQuery-Umsetzung des Gale­rie­fens­ter als Fan­cy­box (so wie die Bil­der hier auf­pop­pen), das war aber bis­lang nicht von Erfolg gekrönt :)

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Trackbacks

  1. High­gate Ceme­tery (1839) (Spon­tis): Ver­lässt man das Zen­trum der pul­sie­ren­den bri­ti­schen Metro­pol… http://bit.ly/aoBDtU #stadtentwicklung

  2. […] ent­wi­ckelt hat. Was sie mit­ge­bracht hat? Ein paar wirk­lich tolle Auf­nah­men vom High­gate Ceme­tery, einem der schöns­ten Fried­höfe Lon­dons. Ihr Gespür für das Motiv und der Umgang mit der […]