1 Juli

Faszination Friedhof: Die glorreichen Sieben

Kategorie: Finstere Orte — Jahrgang: 201013 Kommentare

Faszination FriedhofDas Lon­don mehr zu bie­ten hat als Wachs­fi­gu­ren, Brü­cken, Türme und Rie­sen­rä­der dürfte sich mitt­ler­weile bis in den letz­ten Rei­se­füh­rer her­um­ge­spro­chen haben. Das es sich dabei um Fried­höfe han­delt, dürfte auch dem regel­mä­ßi­gen Leser mei­nes Blogs nicht wei­ter wun­dern, das die Fas­zi­na­tion eine Szen­ein­ter­nes Kli­schee bedient machte die Sache dann aber auch für den unbe­tei­lig­ten und ober­fläch­li­cher Leser verständlicher.

Zurück zum Infor­ma­ti­ven Gehalt. Lon­don bie­tet für den Fried­hofs­lieb­ha­ber 7 ganz beson­dere Ereig­nisse, The Magni­fi­cent Seven, die vik­to­ria­ni­schen Fried­höfe um den his­to­ri­schen Stadt­kern. In die­sem ers­ten Arti­kel geht es nach einem kur­zen Ver­such die Fas­zi­na­tion zu erklä­ren auch um die Gesamt­heit der 7 Ruhe­stät­ten, von denen ich dreien in den nächs­ten Wochen einen Arti­kel spen­die­ren möchte.

Was macht also die Fas­zi­na­tion Fried­hof aus? In den 80er Jah­ren begann man aus Neu­gier um das, was Künst­ler auf der Bühne the­ma­ti­sier­ten Fried­höfe zu besu­chen um sich dem Thema zu nähern und die Inhalte auf seine Weise zu ver­ar­bei­ten. Spä­ter begann man damit die Aben­teu­er­lust einen außer­ge­wöhn­li­chen Treff­punkt zu ken­nen gegen eine begin­nende Fas­zi­na­tion für das mys­ti­sche, das roman­ti­sche, das mor­bide und das Ver­gan­gene zu ent­wi­ckeln. »Der nächt­li­che Treff auf dem Fried­hof ist für die meis­ten Gruf­ties eher außer­ge­wöhn­li­ches Aben­teuer als Aus­druck einer tie­fen Seh­sucht nach der Ewig­keit des Todes. Auf dem Fried­hof lässt sich der Schauer, der einem sonst nur bei Grusel-Stories auf dem Bild­schirm den Rücken hoch­kriecht, in der Rea­li­tät erle­ben.»1 In den 90ern indi­vi­dua­li­siert sich das emp­fin­den für den Fried­hof, was bleibt ist eine weit ver­brei­tete Fas­zi­na­tion, die bis heute anhält.

An der Haa­ren her­bei­ge­zo­gene Gru­sels­to­ries über schwarze Mes­sen, dunkle Rituale und Tier­op­fer die Ende der 80er und Anfang der 90er von der Boulevard-Presse pro­pa­giert wur­den füh­ren auf der einen Seite zu Vor­ur­tei­len in der Masse, ande­rer­seits bestä­ti­gen sie aber viele Gothics in ihrer Außen­sei­ter­rolle.  Schwarze Mit­läu­fer, die meist unter Alko­hol­ein­fluss den Fried­hof als Spiel­platz ent­de­cken, for­cie­ren die Sicht­weise der Gesell­schaft und sor­gen für nach­hal­tige Skep­sis und las­sen immer wie­der die glei­chen fal­schen Rück­schlüsse zu, von denen meist nicht ein ein­zi­ger zutref­fend ist.
Auch heute noch übt der Fried­hof auf viele Sze­ne­an­hän­ger eine enorme Fas­zi­na­tion aus. Die Gründe dafür sind so ver­schie­den wie die Indi­vi­duen selbst, für mich ist ein Platz der Phan­ta­sie, der Ästhe­tik und der Mys­tik der meine Gedan­ken beflü­gelt und vom All­tag in einer Welt lenkt, in der die Zeit und die Hek­tik neben­säch­lich erscheint. Hier ist kein Platz für die eige­nen Pro­bleme, im Ange­sicht der Ver­gäng­lich­keit erscheint einem die eigene Exis­tenz mehr als sonst nur wie ein Teil des Ganzen.

The Magnificent Seven (Die glorreichen Sieben)

Lage­plan aller 7 Fried­höfe um den Lon­do­ner Stadtkern

Zwi­schen 1801 und 1850 ver­dop­pelte sich Anzahl der Ein­woh­ner Lon­dons von 1 Mil­lio­nen auf etwa 2.3 Mil­lio­nen. Die Haupt­stadt Groß­bri­tan­ni­ens war zu einer auf­stre­ben­den vik­to­ria­nisch gepräg­ten Metro­pole gewach­sen. Zu Beginn die­ser Zeit wur­den die Lei­chen der Stadt auf klei­nen Fried­hö­fen von Kir­chen und Kapel­len begra­ben, die schnell wegen Über­fül­lung zu einer Gefahr für die Gesund­heit der übri­gen Ein­woh­ner wur­den. Es kur­sier­ten Geschich­ten die davon erzähl­ten, das die unters­ten Lei­chen über­füll­ter Grä­ber in die gerade neu ange­legte Was­ser­ver­sor­gung der Stadt fie­len und somit eine Gefahr für alle Ein­woh­ner barg.

1832 beschloss das bri­ti­sche Par­la­ment die Errich­tung von Fried­hö­fen außer­halb des inne­ren Stadt­kerns um den Pro­blem Herr zu wer­den und ver­bot wenig spä­ter, wei­tere Lei­chen auf den inner­städ­ti­schen Fried­hö­fen bei­zu­set­zen. Bis 1841 ent­stan­den so 7 wirk­lich rie­sige Fried­höfe, die sich ring­för­mig um den dama­li­gen Stadt­kern anord­ne­ten — die soge­nann­ten Magni­fi­cent Seven. Sie über­stan­den Zei­ten von Van­da­lis­mus, Grab­räu­ber­tum und auch die Welt­kriege wei­test­ge­hend unbe­scha­det und wer­den teil­weise wei­ter­hin gepflegt oder auch sich selbst über­las­sen. Sie ste­hen sym­bo­lisch für den Reich­tum und eine neu ent­stan­dene Mit­tel­schicht, die das Lon­don des 19. Jahr­hun­derts prägte  und gespickt sind mit vik­to­ria­ni­scher Sym­bo­lik, in der Zei­chen und Grä­ber einen ganz beson­de­ren Stel­len­wert ein­nah­men. Die Fried­höfe im Überblick:

In den fol­gen­den Wochen widme ich mir den 3 bereits besuch­ten Fried­höfe Ken­sal Green, Abney Park und High­gate in einem geson­der­ten Arti­kel und hoffe, auch die übri­gen Fried­höfe in den nächs­ten Jah­ren ergän­zen zu können.

  1. Heinz Janalik/Doris Schmidt: Gruf­ties — Jugend­kul­tur in Schwarz, Schneider-Verlag Hohen­geh­ren, 2000, S. 23ff []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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13 Kommentare

  1. @Robert: »Was macht also die Fas­zi­na­tion Fried­hof aus?»
    Ehr­lich gesagt, ich habe k.A.! Aber ich bin da eh spe­zi­ell. Fried­höfe berüh­ren mich gar nicht, auch wenn ich die Kunst­fer­tig­keit der Grab­stein­schaf­fer bewun­dere. Was aber eher eine mone­täre Frage ist.

  2. Mit Frau Post­punk durfte ich ja wäh­rend des letz­ten Paris Auf­ent­hal­tes auch über diverse Fried­höfe stie­feln. Viel­leicht auch mal eine Aus­flug­s­idee für den Sponti. Mein Tip: Cime­tière Montparnasse

  3. Hach ich würde die auch gerne sehen.
    Wenn es darum geht, das Fried­hofs­kli­schee zu erfül­len, dann bin ich da mir vorne dran ;)
    Ich mag die Ruhe dort und diese sehr außer­ge­wöhn­li­che Atmo­sphäre. Fried­hof ist Trauer und auch irgenwo Hoff­nung gleichzeitig.

  4. Fried­hof ist keine Trauer, da wer­den nur Tote abge­legt. Trauer ent­steht bei jedem selbst, mehr oder weni­ger, und die ist unab­hän­gig vom Ort des Able­gens. Und Hoff­nung? Auf was? Sel­ber zu ster­ben? Keine Sorge, das wird pas­sie­ren. Viel­leicht die Hoff­nung, mal selbst unter einem Grab­stein zu liegen?

  5. Ich hab das mit der Fas­zi­na­tion Fried­hof auch noch nie ver­stan­den. Ja, man­che Grab­steine sind ganz schön…manche sind sogar echte Kunst­werke und mit Blick auf die Kunst­ge­schichte sind einige sehr alte Fried­höfe sicher auch sehens­wert. Aber sonst? Ruhe…ja…aber im Wald ist es auch ruhig.

  6. Also ich finde Fried­höfe schon fas­zi­nie­rend, aber eben aus kunst­ge­schicht­li­chem Grund, gerade so alte Fried­höfe mit künst­le­risch wert­vol­len Grab­stei­nen finde ich schon sehens­wert. Eine gewisse ruhige Atmo­sphäre kann ich auch nicht abstrei­ten, aber ich würd mich glaub ich nicht unbe­dingt des­we­gen auf Fried­hö­fen auf­hal­ten, wenn mir danach war hab ich immer zu völ­lig bescheu­er­ten Nacht­zei­ten einen klei­nen Spat­zier­gang unter­nom­men — mit Beglei­tung mit der man wun­der­barst phi­lo­so­schwa­feln konnte. Mja, in mei­ner Stu­di­zeit ging das noch *seufz*

  7. @Vizioon: Sicher, letzt­lich bleibt es Geschmacks­sa­che. Zu dei­nem zwei­ten Kom­men­tar: Ich sehe das ähnlich, Trauer fin­det im Inne­ren statt, jeden­falls bei mir. Aber die Trauer um jeman­den ist ebenso indi­vi­du­ell wir der Ver­stor­bene selbst.

    @Postpunk: Kannst du Paris dar­über hin­aus und vor allem aus mög­lichst »Gruf­ti­gen« Gesichts­punk­ten emp­feh­len? Noch sträube ich mich allein wegen des Fried­hofs die Stadt zu besuchen :)

    @ASRianerin: Ja, die Ruhe ist für mich auch etwas schö­nes, denn ich finde, auf einem sol­chen his­to­ri­schen Fried­hof herrscht eine ganz bestimmte Ruhe, die manch­mal bedrü­ckend, ent­span­nend oder auf gru­se­lig sein kann.

    @Orphi: Ich finde, die Ruhe in einem Wald ist eine andere. Es mag sicher­lich am Ambi­ente lie­gen, am Ort oder sei­ner Bedeu­tung. Das ist aber meine eigene Sicht­weise. Eine pau­scha­li­sie­rende Fas­zi­na­tion für alle »Gothics« lehne ich ab. Eine gewisse Nähe eines his­to­ri­schen Fried­ho­fes zu eini­gen klas­si­schen Gothic-Themen lässt sich jedoch nicht abstreiten.

    @Rosa: Deine Sicht­weise erscheint mei­ner per­sön­li­chen am nächs­ten, um Ruhe zu fin­den brau­che ich nicht unbe­dingt einen Fried­hof. Bei offe­nem Fens­ter von zwit­schern­den Vögeln beim schrei­ben eines Kom­men­ta­res beglei­tet zu wer­den (so wie jetzt) ist auch eine Form von Ruhe ;)

  8. Ja, die Ruhe in einem Wald ist eine andere. Es lau­fen nicht stän­dig Leute mit gesenk­tem Kopf und Gieß­kanne in der Hand an einem vor­bei. Ich finde Fried­höfe weder gru­se­lig noch ent­span­nend. Ich sehe Leute, die geliebte Men­schen ver­lo­ren haben und trau­rig, ein­sam oder ver­zwei­felt sind.Das ist doch nicht schön. Viel­leicht bin ich aber auch nur hoff­nungs­los unromantisch…

  9. @Orphi: Nein, nicht hoff­nungs­los unro­man­tisch, nur anders als ich ;)

  10. @Robert
    Dei­nen Bericht, auch den neuen, finde ich trotz­dem super. Ich bin natür­lich nicht gänz­lich immun gegen die Atmo­sphäre eines his­to­ri­schen Fried­hofs. Aller­dings fürchte ich, dass ich tat­säch­lich anders (unro­man­tisch) ticke, denn mir fal­len dazu etwa eine Mil­lion Geschich­ten ein (bei­spiels­weise, wenn ich den Löwen sehe, der den toten Domp­teur bewacht). Wenn ich also mal eine Inspi­ra­ti­ons­quelle für Buch-Charaktere oder Geschich­ten brau­che.… :-)Die Grab­steine aus kunst­his­to­ri­scher Sicht habe ich ja schon gewür­digt. Ansons­ten doch lie­ber Wald :-)

  11. @Orphi: Schön, das es Dir gefällt. Inspi­ra­tion fin­det man an den ver­rück­tes­ten Orten. Ich denke das lässt sich nicht an einem Ort fest­ma­chen. Man ten­diert zwar schon in eine the­ma­ti­sche Rich­tung, aber die Orte sind viel­fäl­tig. Ich finde Bur­gen und auch Bahn­rei­sen auf ihre Art und Weise auch manch­mal inspi­rie­rend. Den the­ma­ti­schen Zusam­men­hang ver­rate ich jetzt nicht :)

  12. Fried­höfe sind für mich auch nicht weni­ger sinn­lich, ent­span­nend oder bestür­zend wie Park­an­lage. Aller­dings besit­zen Fried­höfe etwas ganz spe­zi­el­les, näm­li­che diese schwer­mü­tige Sym­biose aus Vege­ta­tion und Architektur.

    Davon mal abge­se­hen, ich befürchte, dass ich ein­mal für drei Wochen nach Lon­don muss…

  13. »diese schwer­mü­tige Sym­biose aus Vege­ta­tion und Archi­tek­tur« Das hast du gut gesagt, genau so ist es. Lon­don ist auf jeden Fall eine Reise wert, für mich immer noch einer der schöns­ten und auf­re­gends­ten Städte in Europa. Es ist hier auf die­sem Kon­ti­nent sowieso fas­zi­nie­rend, wie kurz die Ent­fer­nung zwi­schen ver­schie­dens­ten Kul­tu­ren, Län­dern und Lebens­wei­sen sind. Die Unter­schiede erschei­nen oft mar­gi­nal, doch wer sich die Mühe macht, hin­zu­schauen, wird mehr erken­nen als dem lust­lo­sen Auge eines 48h Betrachters.

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Trackbacks

  1. Karl-Heinz Mechler schreibt:

    RT: @Spontis: Neuer Arti­kel: Fas­zi­na­tion Fried­hof: Die glor­rei­chen Sie­ben http://bit.ly/9Hoa3N

  2. […] Einige davon habe ich bereits hier im Blog gezeigt, wer möchte fin­det im Arti­kel Fas­zi­na­tion Fried­hof: Die glor­rei­chen Sie­ben einen […]

  3. […] Abney Park Ceme­tery ist ein Teil von Lon­dons Magni­fi­cent Seven, der sie­ben gro­ßen Fried­höfe um Lon­don herum die man anlegte, um der immer größer […]

  4. […] gehört haben. Er soll einer der schöns­ten Fried­höfe Lon­dons sein und ist ein Teil der Magni­fi­cent Seven, der sie­ben vik­to­ria­ni­schen Fried­hö­fen die man sei­ner­zeit bauen musste um dem […]

  5. […] Abney Park Ceme­tery ist ein Teil von Lon­dons Magni­fi­cent Seven, der sie­ben gro­ßen Fried­höfe um Lon­don herum die man anlegte, um der immer größer […]