29 Dezember

Abney Park Cemetery (1840)

Kategorie: Finstere Orte — Jahrgang: 20107 Kommentare

Abney Park Cemetery (1840)Ver­hei­ßungs­voll sam­meln sich fins­tere Wol­ken am Him­mel und kün­di­gen ein bevor­ste­hen­des Unwet­ter an, doch noch ist das Auge weit ent­fernt und nur ein lei­ses grol­len stemmt sich gegen den Lärm der Groß­stadt. Nur ein kur­zes Stück Mauer auf der Stoke Newing­ton Church Street ver­weist auf das dahin­ter lie­gende Para­dies der Grä­ber. Noch ein Treppe, nur noch ein Tür und ich lasse die bedroh­lich wir­ken­den Mau­ern hin­ter mir um für einen kur­zen Augen­blick inne zu hal­ten und die Atmo­sphäre die­ses grü­nen Refu­gi­ums in mich auf­zu­neh­men. Ich spüre wie das Gefühl von Ehr­furcht, Bewun­de­rung und Muse über die Spit­zen der Pikes in meine Hosen­beine wan­dert und mich wie ein Nebel in sei­nen Bann zieht. Gleich zu Beginn fällt mir auf, das es sich weni­ger um einen recht­wink­lig ange­leg­ten Got­tes­acker, son­dern mehr um einen der Natur über­las­se­nen Platz vik­to­ria­nisch bis ägyp­ti­sche gepräg­ter Ruhe­stät­ten han­delt, der Ästhe­tik ganz neu zu defi­nie­ren weiß.

Der Abney Park Ceme­tery ist ein Teil von Lon­dons Magni­fi­cent Seven, der sie­ben gro­ßen Fried­höfe um Lon­don herum die man anlegte, um der immer grö­ßer wer­den­den Bevöl­ke­rung Lon­dons Rech­nung zu tra­gen. Benannt wurde der Fried­hof nach Lady Mary Abney (1676 — 1750) , die im frü­hen 18. Jahr­hun­dert das Schloss von Stoke Newing­ton erbte und maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die Gestal­tung des Parks nahm, der Dr. Isaac Watts zu sei­nen Gedich­ten und Hym­nen inspi­rierte. 1840 wurde der Park zum Fried­hof und Arbo­re­tum, einer Samm­lung exo­ti­schen Bäume und Pflan­zen nach ägyp­ti­schem Vorbild.

Abney Park Cemetery - Isaac Watts (2009)

Poet und Dich­ter — Dr. Isaac Watts

1974 fan­den die letz­ten offi­zi­el­len Beer­di­gun­gen statt, in den fol­gende Jah­ren fan­den wur­den immer wie­der Men­schen dort beer­digt, teils durch pri­vate Initia­ti­ven, teils auch in »wil­den« Beer­di­gun­gen die man auf dem schlecht ein­seh­ba­ren und rie­si­gen Gelände nicht kon­trol­lie­ren konnte. Die Fas­zi­na­tion für die­sen Fried­hof setzt sich aus den unter­schied­li­chen archi­tek­to­ni­schen Ein­flüs­sen zusam­men, die die­ser Platz ver­ei­nigt.  Neben der klas­si­schen vik­to­ria­nisch gepräg­ten und eher goti­schen Archi­tek­tur der Grä­ber und Denk­mä­ler, fin­det sich auch auch ein stark ägyp­ti­scher Ein­schlag, der den Gedan­ken und der Deka­denz der vik­to­ria­nisch gepräg­ten Beer­di­gun­gen des frü­hen 19. Jahr­hun­derts Rech­nung trägt. Zu Beginn die­ser Bewe­gung löste das neue Design einige kon­tro­ver­sen bei der christ­li­chen Gemeinde aus, die sich jedoch letzt­end­lich den Wün­schen der bes­ser Gestell­ten Inter­es­sen­ver­tre­ter beugten.

Die ein­zig­ar­tige Mischung aus ver­fal­le­nem Fried­hof, Samm­lung exo­ti­scher Pflan­zen und den kurio­ses­ten Grab­stät­ten macht den Fried­hof zum bis­lang ein­drucks­volls­ten mei­ner London-Reisen. Die unzäh­li­gen ver­win­kel­ten Wege und Pfade, die immer wie­der neue Dinge offen­ba­ren mach den Fried­hof zum Erleb­nis. Spie­lend kann man hier einen ganze Tag ver­brin­gen und völ­lig das Gefühl für Zeit ver­ges­sen. Wenn die Zeit in Lon­don begrenzt ist und man sich zwi­schen den Fried­hö­fen ent­schei­den muss, so ist die­ser bes­ser für ein Selbst­er­kun­dung geeig­net, wäh­rend High­gate Ceme­tery bei­spiels­weise eher für eine inter­es­sante Füh­rung taugt.

Abney Parl Cemetery - Zaunecke mit Unschärfe

Abney Park war immer wie­der Inspi­ra­tion für Künst­ler und Musi­ker, bis heute. Die Steam­punk Band Abney Park ist bei­spiels­weise nach dem Fried­hof benannt, wäh­rend Amy Wine­house den Fried­hof 2007 in ihrem Video zu Back to Black zum Bestand­teil macht, ist der Fried­hof auch im Lied Celestica der Crys­tal Cast­les zu sehen. Wer ein­mal dort gewe­sen ist, kann die Fas­zi­na­tion sicher­lich nach­voll­zie­hen. In Eliza­beth Geor­ges letz­tem Roman »Wer dem Tode geweiht« spielt der Fried­hof ebenso eine ent­schei­dende Rolle wie auch in der TV-Serie Waking the Dead.

Abney Park Cemetery - Sich liebende Grabsteine

Abney Park Ceme­tery war ein Fried­hof für Dis­sen­ter1 und viele ein­fluss­rei­che Lon­do­ner Pres­by­te­ria­ner, Quä­ker und Bap­tis­ten lie­gen hier begra­ben. Wil­liam Booth, der Grün­der der Heils­ar­mee, der als Denk­mal die Besu­cher begrüsst, die den Fried­hof von der Church Street aus betre­ten, wird wohl mit des­sen Ver­ein­nah­mung durch die Men­schen um ihn herum nicht immer ein­ver­stan­den gewe­sen sein. Als Treff­punkt für Obdach­lose und Dro­gen­süch­tige erschreckt sich der geneigte Besu­cher ein um das andere mal über die Gestal­ten die sich auf ihm her­um­trei­ben, doch bis auf ein paar derbe Sprü­che bleibt nicht viel zu erwar­ten. Hunde die bel­len, bei­ßen nicht. Schon in der frü­hen 80er nut­zen Lon­do­ner Goths den Fried­hof eben­falls für halb­wegs kon­spi­ra­tive Tref­fen und Feiern.

Abney Park Chapel

Den Mit­tel­punkt des Parks bil­det die Abney Park Cha­pel, die zwi­schen Ver­fall und ein­ge­zäun­ter Leere ein stil­les Monu­ment bil­det, das seine goti­schen und neo­klas­si­schen Türme wie kno­chige Fin­ger in den Him­mel streckt. Nicht nur der Zahn der Zeit nagt an der ers­ten nicht-konfessionsgebundenen Kir­che Eng­lands, son­dern auch Zer­stö­rung und Van­da­lis­mus ver­wan­deln den Bau zu einer Mischung aus Mys­te­rium, Fes­tung und Kunst­ob­jekt. Um die Kapelle herum, brei­ten sich ein­zelne Arme wei­ter aus, um sich in der dich­ten Bepflan­zung immer wie­der zu ver­zwei­gen um letzt­end­lich mit unzäh­li­gen Tram­pel­pfa­den ein schier undurch­dring­ba­res Dickicht aus Grä­bern bil­det. »Hier möchte man nie­man­dem im Dun­keln begeg­nen!« Liegt im Auge des Betrach­ters, ohne Taschen­lam­pen ist man auf­ge­schmis­sen und die Haupt­ein­gänge sind ver­schlos­sen — doch die sind nur Maku­la­tur, denn die Mau­ern und Zäune sind so lücken­haft wie die Grab­land­schaft selbst

Abney Park Cemetery - Impressionen (11)

Abney Park Cemetery - Gefallener Engel im Efeu (1)

Abney Park Cemetery - Gräberzaunimpression

Ein vik­to­ria­ni­scher Besu­cher schrieb 1852: »There is a beau­ti­ful ceme­tery in Stoke Newing­ton, and it was given to the inha­bi­tants by Lady Abney, who was a sin­cere fri­end to Dr. Watts. There is in it a pretty little church, where fun­e­ral ser­vices are per­for­med by all denom-ina­ti­ons of Chris­ti­ans. Lady Abney was very libe­ral in her reli­gious views, and the ceme­tery is, with its church, open to all alike, and though its grounds were never con­se­cra­ted, yet many rigid church­men have been buried in it. There is no quie­ter burial spot wit­hin a dozen miles of Lon­don in any direc­tion, and there are cedars of Leba­non in it, wide lawns, and beau­ti­ful flowers. There is an old cler­gy­man in the church, who is always ready to offi­ciate for a small fee on fun­e­ral occa­si­ons. He is over eighty years old, his hair is like the snow, and he is a fit com­pa­nion to such a solemn place.»2

Wegbeschreibung

Wegbeschreibung Abney Park CemeteryDie nächste U-Bahn Sta­tion ist »Manor House«, die man mit der Pica­dilly Line (Dun­kel­blau) erreicht. Von dort aus sind es noch etwa 2km Fuß­weg durch einen wirk­lich natür­li­chen Stadt­teil Lon­dons, der Fernab von Tou­ris­ten­strö­men auch durch­weg güns­ti­gere Preise für Spei­sen und Getränke vor­zu­wei­sen hat. Direkt gegen­über des süd­li­chen Aus­gangs zur Stoke Newing­ton Church Street fin­den sich wirk­lich gute Cafés in denen man wirk­lich güns­tig und gut Essen und trin­ken kann.

Ver­lässt man also die U-Bahn Sta­tion »Manor House« und geht die Haupt­strasse Seven Sis­ter Road Rich­tung Osten, weg vom Fins­bury Park, der im nun im Rücken lie­gen sollte. An der Lordship Road biegt man rechts ab und folgt der Straße so lange, bis sie auf die Stoke Newing­ton Church Street stößt, an der man links abbiegt. Nach wei­te­ren 250m liegt der kleine Süd­ein­gang des Fried­hofs auf der lin­ken Seite.

Die Adresse für euer Navi­ga­ti­ons­sys­tem lau­tet Abney Park, Stoke Newing­ton High Street, Lon­don N16 0LH — dabei han­delt es sich jedoch um den Haupt­ein­gang. Wei­ter­füh­rende Infor­ma­tio­nen fin­det ihr direkt auf der Seite des Fried­hofs abney-park.org.uk — Viele wei­tere Bil­der fin­det ihr in mei­nem Flickr-Album, alle Bil­der ste­hen unter CC-Lizenz. Das Video von den Crys­tal Cast­les, gibt es noch­mal als Appe­tit­häpp­chen dazu:

  1. Aus dem latei­ni­schen »abwei­chen« nennt man so in der Kir­chen­ge­schichte von Eng­land und Wales die Mit­glie­der der Gemeinde, die sich auf­grund abwei­chen­der oder ande­rer Ansich­ten von der Amts­kir­che lös­ten und als pro­tes­tan­ti­sche Non­kon­for­mis­ten bezeich­net wur­den. []
  2. Lon­don by Day and Night, von David W. Bart­lett, 1852 — Kapi­tel 14 — Remi­nis­cen­ces of the Past []

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Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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7 Kommentare

  1. Fas­zi­nie­rend, welch anar­chis­ti­sche Ten­den­zen die­ser Frie­hof hat.
    Einer der Orte, die ich unbe­dingt mal besu­chen will :)

  2. Da ich nächs­tes Jahr anschei­nend das Glück habe Lon­don zu sehen, kommt das defi­ni­tiv auf meine To-Do-List.

    Wun­der­schön!

  3. Da hast du aber einen schö­nen schwarz­ro­man­ti­schen Fried­hof »aus­ge­gra­ben«! Trotz eini­ger London-Aufenthalte ist der an mir völ­lig vor­bei gegan­gen und ich setze ihn als wei­te­ren Subi­tem in meine »Things to do before I die«. Auf dem High­gate bin ich schon mal gewan­delt, aller­dings völ­lig führungslos.

    Ist der Abney Park kom­plett ver­wil­dert? Ich kann mir jeden­falls leb­haft vor­stel­len, dass so manch einer unbe­merkt im Schutze des Laby­rinths ver­bud­delt wurde…

    Das zeigt uns wie­der mal die Ver­gäng­lich­keit in sei­ner mor­bi­den Pracht. Nicht nur an den Gebei­nen nagt der Zahn der Zeit, son­dern auch an den mensch­li­chen Erin­ne­rungs­re­lik­ten, die irgend­wann kom­plett unter der Decke des Ver­ges­sens begra­ben sein werden.

    Jetzt weiß ich auch end­lich, wel­cher Fried­hof in »Back to Black« zu sehen ist und bin — Dank Spon­tis — wie­der ein wenig schlauer;-)

  4. Haaaach, ein Fried­hof ganz nach mei­nem Geschmack: ver­wil­dert, ver­wun­schen und mit echt mor­bi­der Seele und Atmo­sphäre. Bei mei­nem nächs­ten London-Besuch ist der »dran« und sollte ich einen Arti­kel über Lon­don auf mei­nem Gothic-Reiseblog schrei­ben, gibt es eine Exklu­siv­ver­lin­kung zu die­sem tol­len Arti­kel. Danke auch für die guten Hintergrund-Informationen. Auch wenn mir der Song von Celestica nicht gefällt, sieht man im Video wenigs­tens den Fried­hof sehr schön ;o)
    Und dass die da frü­her die Leute ver­bud­delt haben…krass, aber kann ich mir gut vorstellen.

  5. Schön das der Fried­hof euch so gefällt, ich habe ver­sucht etwas von der Fas­zi­na­tion die die­ser Ort auf mich aus­übt wei­ter­zu­ge­ben, war mir nicht ganz sicher ob das zwi­schen all der Sach­lich­keit auch gelun­gen ist.

    @ASRianerin: Freut mich zu hören, ich bin sicher das Dir Lon­don gefal­len wird. Weißt du schon wie lange du dort ver­wei­len wirst?

    @Madame Mel: Ja, zum größ­ten Teil ist der Fried­hof ver­wil­dert, ledig­lich ein klei­ne­rer Bereich am Haupt­ein­gang ist ein wenig lich­ter. Aber zwi­schen all den Tram­pel­pfa­den ver­liert man leicht die Ori­en­tie­rung und hat immer das Gefühl noch nicht alles gese­hen zu haben. Des­halb schrieb ich ganz bewusst, einen Tag dafür ein­zu­pla­nen. (Wenn es die Rei­se­pla­nung zulässt).

    @shan_dark: Stimmt der Song ist nicht wirk­lich der beste, doch die Fried­hofs­bil­der ent­schä­di­gen dafür. Wenn du über den Frie­hof wan­delst, wirst du auch immer wie­der fri­sche Grä­ber fin­den, die offen­sicht­lich »wild« ange­legt wur­den und in denen man sicher­lich meist nur Asche fin­det. Ich kann mir gut vor­stel­len das Men­schen die in die­ser Gegend ver­wach­sen sind einen ganz beson­de­ren Bezug zu die­sem Ort haben.

  6. Wahr­schein­lich nur ein paar Tage, da es meine Abschluss­fahrt zum Abitur seind wird. Von daher hoffe ich, dass wir genug freie Zeit haben wer­den, damit ich wenigs­tens einen kur­zen Ein­blick gewin­nen kann, da ich bezwei­fel, dass sich meine Klas­sen­ka­me­ra­den dafür begeis­tern lassen.

  7. Ja, das könnte natür­lich sein, obwohl die­ser Fried­hof auch etwas für »Nicht-Grufties« ist. Dar­über hin­aus hat Lon­don aber noch wesent­lich mehr für das schwarze Herz zu bie­ten. Der Cam­den Lock ist mit sei­ner Kla­mot­ten­aus­wahl wohl ein­zig­ar­tig und auch dunkle Kunst, goti­sche Archi­tek­tur und nicht zuletzt einige schwarze Clubs ver­sprü­hen Lockrufe.

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  1. […] Abney Park Ceme­tery (1840) — folgte dann 2009 […]