24 Januar

Farbe der Schnürsenkel = Politische Gesinnung?

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 20106 Kommentare

rote schnuersenkel in doc martensNach­dem ich ges­tern etwas über die Kunst seine Schnür­sen­kel in die Stie­fel ein­zu­fä­deln erzählt habe, komme ich heute zu den Far­ben der Schnür­sen­kel die komi­scher­weise in man­chen Köp­fen immer noch eine Bedeu­tung haben. Gleich von vorne her­ein: Die Farbe der Schnür­sen­kel hat nichts mit der poli­ti­schen, sexu­el­len oder jugend­kul­tu­rel­len Aus­rich­tung zu tun, ebenso wenig wie die Schnürung.

Ange­fan­gen hat das wie immer mit den Nazis, die sich den Style der Skinhead’s aneig­ne­ten und den Far­ben der Schnür­sen­kel erst diese kon­tro­verse Bedeu­tung anhef­te­ten. So ste­hen die wei­ßen Schnür­sen­kel in schwar­zen Stahl­kap­pen­stie­feln für »White Power«, die über­le­gene Kraft der wei­ßen Gesell­schaft. Rote Schnür­sen­kel bil­den nach heu­ti­ger Mei­nung den Gegen­pol dazu und auch die ech­ten Skin­heads spran­gen auf den Zug auf und benut­zen Schwarze und Weiße Schnür­sen­kel um ihrem Gefühl »Black and White Unite« Aus­druck zu ver­lei­hen. Vergebens.

Fakt ist, das die Skin­heads schon lange vor dem neu auf­er­stan­de­nen Faschis­mus Ende der 70er weiße Schnür­sen­kel in ihren Stie­fel tru­gen, weil es ein­fach gut aus­sah. Auch rote und anders­far­bige wur­den benutzt um sei­nen spe­zi­el­len Style zu indi­vi­dua­li­sie­ren. Da die meis­ten jugend­li­chen aus der eng­li­schen Arbei­ter­klasse stam­men, die eine beson­dere Lei­den­schaft für den Fuß­ball mit­brach­ten, wur­den die Farbe der Schnür­sen­kel auch dazu benutzt, die Ver­eins­zu­ge­hö­rig­keit zum Aus­druck zu brin­gen. Rot-Weiß für Arse­nal, Rot Gelb für Man­ches­ter oder auch die rein Roten Schnür­sen­kel für Liver­pool. Das sind aber genauso unbe­legte Gerüchte und Mythen wie die ande­ren Geschich­ten, die sich um die Farbe der Schnür­sen­kel ranken.

Militärlook Schnürstiefel und weiße Schnürsenkel

Look oder Gesinnung?

Zunächst ein­mal müs­sen wir klar­stel­len, das es bei den von den Medien viel zitier­ten Sprin­ger­stie­feln gar nicht um sol­che han­delt, son­dern nur um den Ver­such den Trä­gern der Schnür­stie­fel einen laten­ten Mili­ta­ris­mus zu unter­stel­len, der in den Ursprün­gen nie vor­han­den war. Die meis­ten Sub­kul­tu­rel­len Grup­pen wie die Skin­heads, die Punks oder auch die Gothics tra­gen Ran­gers, die bri­ti­schen Arbei­ter­stie­fel mit schwe­rer Stahl­kappe. Der Begriff Sprin­ger­stie­fel ist auf die Her­kunft zu bezie­hen, denn die wur­den von den Sol­da­ten der Fall­schirm­jä­ger­trup­pen getra­gen und mit den Ran­gers nicht zu ver­glei­chen, der nor­male Sol­dat trägt ledig­lich schwarze Kampf­stie­fel ohne Stahl­kappe. »Nur Gebirgs­jä­ger, Jet­pi­lo­ten und Sol­da­ten in spe­zi­el­len Arbeits­be­rei­chen, z.B. Werk­stät­ten, sind aus Sicher­heits­grün­den mit Stahl­kap­pen­stie­feln aus­ge­rüs­tet (so die offi­zi­elle Aus­kunft der Ber­li­ner Pres­se­stelle des Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums)»1

Woher die Bedeu­tung der Far­ben letzt­end­lich stammt ist umstrit­ten, ebenso wie die Bedeu­tung der Far­ben wie in einem Arti­kel von Jörg Schal­len­berg zu lesen ist: »Wer weiße Sen­kel schnürte, war dem­nach — wegen »White Power« und Beto­nung der wei­ßen Rasse — ein Rech­ter. Wer rote Bän­der trug, war natür­lich ein Lin­ker. Die damals auch sehr belieb­ten gel­ben Schnür­sen­kel stell­ten ein Pro­blem dar — wahl­weise stan­den sie für Hoo­li­gans, für Unpo­li­ti­sche oder aber für Anhän­ger der FAP2 An jedem Mythos ist ein Stück Wahr­heit und so mag die Bedeu­tung sogar für man­chen lokal begrenzte Grup­pen gel­ten, lässt aber kei­nes­falls eine Kate­go­ri­sie­rung zu. Zunächst grif­fen Jour­na­lis­ten die Gerüchte auf, spä­ter lan­dete die Iden­ti­fi­zie­rung der Gesin­nung über die Farbe der Schnür­sen­kel sogar im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt.3

Mitt­ler­weile hat sich selbst der Ver­fas­sungs­schutz in sei­ner aktu­el­len Bro­schüre über Rechts­ex­tre­mis­mus von die­sem Mythos erholt. »Auch Sprin­ger­stie­fel mit wei­ßen Schnür­sen­keln wer­den nicht mehr aus­schließ­lich von Rechts­ex­tre­mis­ten getra­gen. Galt diese Kom­bi­na­tion bis­her als ein bewähr­tes Mit­tel um eine ras­sis­ti­sche Ein­stel­lung zu Schau zu stel­len, so wird sie mitt­ler­weile gele­gent­lich auch ohne eine poli­ti­sche Moti­va­tion ver­wen­det.»4 Immer­hin, obwohl erst die wei­ßen Schnür­sen­kel kamen und erst spä­ter die Nazi-Skins.

zorniges mädchen auf der matratzePunk­tu­elle Überein­stim­mun­gen mögen sicher­lich stim­men, doch ein­fa­ches Schub­la­den­den­ken wird einer Jugend­kul­tur oder eine Bewe­gung nie­mals gerecht wer­den. Jörg Schal­len­berg fasst noch ein­mal zusam­men: »Wer sich ernst­haft mit Sub­kul­tu­ren und der Bedeu­tung von Klei­dung befasste, konnte nur den Kopf über diese offen­sicht­lich aus­sa­ge­arme und ver­ein­fa­chende These schüt­teln.« Das gilt selbst­ver­ständ­lich auf für die, die heute immer noch eine poli­ti­sche Bedeu­tung in die Farbe ihrer Schnür­sen­kel ste­cken und für das rechts­ex­treme oder links­ex­treme Lager auf­tre­ten. Quiz­frage: Wel­che Par­tei mag das Mäd­chen auf dem Bild links wohl wäh­len? Wie ken­nen die Dame auf dem Bild nicht und wis­sen noch nicht ein­mal wo sie her­kommt oder ob sie über­haupt wäh­len geht, denn Farbe, Aus­se­hen und Style haben mit Poli­tik nicht viel zu tun.

Wie auch immer eure Ein­stel­lung zu far­bi­gen Schnür­sen­kel in schwar­zen Ran­gers aus­se­hen mag, es bleibt zu hof­fen das ihr wisst  was dahin­ter steckt: Rein gar nichts. Man sollte sich nur dem Schub­la­den­den­ken der Gesell­schaft bewusst sein und bei Bedarf Rede und Ant­wort zu ste­hen um viel­leicht die­sen Mythos end­gül­tig aus­zu­ra­die­ren. Außer­dem sollte man nicht außer Acht las­sen, das sie vor allem die Nazis in den letz­ten Jah­ren wei­ter­ent­wi­ckelt haben und schon lange nicht mehr nur an plum­pen äuße­ren Erschei­nungs­merk­ma­len zu iden­ti­fi­zie­ren sind. »Denn die wirk­lich gefähr­li­chen Rechts­ex­tre­men, die geschul­ten Kader, haben sich schon immer hin­ter einer eher bie­de­ren Fas­sade ver­steckt. In den letz­ten Jah­ren gab es in der neo­na­zis­ti­schen Jugend­szene nun eine Ent­wick­lung, in deren Zuge Rechts­ex­tre­mis­mus in ver­schie­dene Jugend­kul­tu­ren Ein­zug gehal­ten hat und ein Erken­nen von Neo­na­zis­mus zuneh­mend erschwert wird.»5

(Bild­quel­len: Tim Tolle/flickr.com | Desiro.Driver/flickr.com | ran­dom dude/flickr.com)
  1. Quelle: Tho­mas Chris­tes, Inter­net­seite Du sollst Skin­heads nicht mit Nazis ver­wech­seln, Rubrik: Auf­ge­passt, ver­däch­tige Schnür­sen­kel []
  2. Quelle: Jörg Schal­len­berg, Von Schnür­sen­keln, Sprin­ger­stie­feln und Sweat­shirts, Spie­gel Online vom 05.01.2001 []
  3. Dies taucht noch in einem Ver­fas­sungs­schutz­be­richt von 1999 auf, in dem Farbe zu Iden­ti­fi­zie­rung her­an­ge­zo­gen wird. Vgl. Pro­jekt: Josef Fel­der []
  4. Aus der Bro­schüre: Sym­bole und Zei­chen der Rechts­ex­tre­mis­ten [PDF-Format], Ver­fas­sungs­schutz im Okto­ber 2008 []
  5. Quelle: Chris­to­pher Egen­ber­ger: Woran erkenne ich Rechts­ex­treme, Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung, 25. Juli 2008 []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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6 Kommentare

  1. Die Sache ist ja die, dass das Ver­lan­gen nach poli­ti­scher Ein­glie­de­rung anhand der Schnür­sen­kel nur ein Teil­sport der ober­fläch­li­chen Betrach­tung dar­stellt.
    Selbst wenn man die breite Masse dage­gen imp­fen könnte, wovon ich nicht aus­gehe, wird die nächste Argu­men­ta­ti­ons­kette her­vor­ge­holt wer­den. Sei es der Hang zu Sym­bo­len, Uni­for­men, Umgangs­ton, Voka­bu­lar ect.

    Dort, wo man auf Unver­ständ­nis hin­sicht­lich des eigent­lich unpo­li­ti­schen Auf­tre­tens stößt, wird immer ein Argu­ment zusam­men­ge­reimt, um einen doch die ver­rä­te­ri­sche Gesin­nung anzu­dich­ten. Hät­ten es sich die Rechts­ste­hen­den seit ca. 90 Jah­ren nicht zur Auf­gabe gemacht, exzes­siv von ande­ren (Sub)Kulturen zu klauen, so müsste man sich nicht stän­dig recht­fer­ti­gen. Wäre ange­nehm wie aller­dings auch unspektakulär.

    Es ist nur beschä­mend, dass ich die­sen Hang zur Dif­fe­ren­zier­faul­heit schon bei Gestal­ten ent­de­cke, die eigent­lich mei­nen, sich in der Szene zu bewegen.

  2. Selbst­ver­ständ­lich hat eine ober­fläch­li­che Betrach­tungs­weise noch viel mehr Abgründe zu bie­ten. Ein expli­zi­ter Bei­trag über die Farbe der Schnür­sen­kel war aber schon bei der Erstel­lung des Schnü­rungs­ar­ti­kel fast unver­meid­bar, ich wollte dar­auf nicht ein­fach bei­läu­fig eingehen.

  3. Weiße Schnür­sen­kel, rote Schnür­sen­kel, Glatze, Mähne, geschminkte Män­ner, Kampf­hunde… Unsere Gesell­schaft wäre ohne­hin gut bera­ten, auf per­ma­nente Kate­go­ri­sie­rung, Dog­mas und vor allem Allein­stel­lungs­merk­male zu pfei­fen. Zu oft, das hat die Geschichte hin­läng­lich bewie­sen, wer­den der­ar­tige Cha­rak­te­ris­tika bewusst gebraucht, um »unbe­ob­ach­tet« poli­ti­sche Süpp­chen kochen zu kön­nen um sie dann mit einem Pau­ken­schlag zu ser­vie­ren.
    Der Arti­kel der bpb ist aller­dings ganz gut gelungen.…

  4. Danke für dei­nen Kom­men­tar, elb­senf. Für das Süpp­chen sind natür­lich natür­lich auch Köche ver­ant­wort­lich und das sind die eigent­lich gefähr­li­chen, denn die las­sen sich meist nicht in Schub­la­den ste­cken und ver­mei­den bewusste Alleinstellungsmerkmale.

  5. Hallo Robert, meinte ich ja. Die »Köche« ver­ste­cken sich wie üblich in der Küche, aber der Restau­rant­kri­ti­ker beur­teilt das Produkt.…vielleicht sollt ich mir ange­wöh­nen, mich kla­rer auszudrücken ;)

  6. Ist nicht wei­ter schlimm. Miss­ver­ständ­nisse sind ja dafür da aus­ge­räumt zu wer­den, die Kom­men­tar­funk­tion ist doch schließ­lich für genau sol­che Ein­satz­zwe­cke sehr geeignet.

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  1. […] Farbe der Schnür­sen­kel = Poli­ti­sche Gesin­nung? — Pas­send zum Schnür­sen­kel­thema, dafür dies­mal weni­ger banal ist die­ser Arti­kel, der sich mit den mög­li­chen Bedeu­tun­gen der Schnür­sen­kel­farbe in Stie­feln beschäf­tigt. (1.680 Aufrufe) […]