Nachdem ich gestern etwas über die Kunst seine Schnürsenkel in die Stiefel einzufädeln erzählt habe, komme ich heute zu den Farben der Schnürsenkel die komischerweise in manchen Köpfen immer noch eine Bedeutung haben. Gleich von vorne herein: Die Farbe der Schnürsenkel hat nichts mit der politischen, sexuellen oder jugendkulturellen Ausrichtung zu tun, ebenso wenig wie die Schnürung.
Angefangen hat das wie immer mit den Nazis, die sich den Style der Skinhead’s aneigneten und den Farben der Schnürsenkel erst diese kontroverse Bedeutung anhefteten. So stehen die weißen Schnürsenkel in schwarzen Stahlkappenstiefeln für »White Power«, die überlegene Kraft der weißen Gesellschaft. Rote Schnürsenkel bilden nach heutiger Meinung den Gegenpol dazu und auch die echten Skinheads sprangen auf den Zug auf und benutzen Schwarze und Weiße Schnürsenkel um ihrem Gefühl »Black and White Unite« Ausdruck zu verleihen. Vergebens.
Fakt ist, das die Skinheads schon lange vor dem neu auferstandenen Faschismus Ende der 70er weiße Schnürsenkel in ihren Stiefel trugen, weil es einfach gut aussah. Auch rote und andersfarbige wurden benutzt um seinen speziellen Style zu individualisieren. Da die meisten jugendlichen aus der englischen Arbeiterklasse stammen, die eine besondere Leidenschaft für den Fußball mitbrachten, wurden die Farbe der Schnürsenkel auch dazu benutzt, die Vereinszugehörigkeit zum Ausdruck zu bringen. Rot-Weiß für Arsenal, Rot Gelb für Manchester oder auch die rein Roten Schnürsenkel für Liverpool. Das sind aber genauso unbelegte Gerüchte und Mythen wie die anderen Geschichten, die sich um die Farbe der Schnürsenkel ranken.
Zunächst einmal müssen wir klarstellen, das es bei den von den Medien viel zitierten Springerstiefeln gar nicht um solche handelt, sondern nur um den Versuch den Trägern der Schnürstiefel einen latenten Militarismus zu unterstellen, der in den Ursprüngen nie vorhanden war. Die meisten Subkulturellen Gruppen wie die Skinheads, die Punks oder auch die Gothics tragen Rangers, die britischen Arbeiterstiefel mit schwerer Stahlkappe. Der Begriff Springerstiefel ist auf die Herkunft zu beziehen, denn die wurden von den Soldaten der Fallschirmjägertruppen getragen und mit den Rangers nicht zu vergleichen, der normale Soldat trägt lediglich schwarze Kampfstiefel ohne Stahlkappe. »Nur Gebirgsjäger, Jetpiloten und Soldaten in speziellen Arbeitsbereichen, z.B. Werkstätten, sind aus Sicherheitsgründen mit Stahlkappenstiefeln ausgerüstet (so die offizielle Auskunft der Berliner Pressestelle des Bundesverteidigungsministeriums)»1
Woher die Bedeutung der Farben letztendlich stammt ist umstritten, ebenso wie die Bedeutung der Farben wie in einem Artikel von Jörg Schallenberg zu lesen ist: »Wer weiße Senkel schnürte, war demnach — wegen »White Power« und Betonung der weißen Rasse — ein Rechter. Wer rote Bänder trug, war natürlich ein Linker. Die damals auch sehr beliebten gelben Schnürsenkel stellten ein Problem dar — wahlweise standen sie für Hooligans, für Unpolitische oder aber für Anhänger der FAP.»2 An jedem Mythos ist ein Stück Wahrheit und so mag die Bedeutung sogar für manchen lokal begrenzte Gruppen gelten, lässt aber keinesfalls eine Kategorisierung zu. Zunächst griffen Journalisten die Gerüchte auf, später landete die Identifizierung der Gesinnung über die Farbe der Schnürsenkel sogar im Verfassungsschutzbericht.3
Mittlerweile hat sich selbst der Verfassungsschutz in seiner aktuellen Broschüre über Rechtsextremismus von diesem Mythos erholt. »Auch Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln werden nicht mehr ausschließlich von Rechtsextremisten getragen. Galt diese Kombination bisher als ein bewährtes Mittel um eine rassistische Einstellung zu Schau zu stellen, so wird sie mittlerweile gelegentlich auch ohne eine politische Motivation verwendet.»4 Immerhin, obwohl erst die weißen Schnürsenkel kamen und erst später die Nazi-Skins.
Punktuelle Übereinstimmungen mögen sicherlich stimmen, doch einfaches Schubladendenken wird einer Jugendkultur oder eine Bewegung niemals gerecht werden. Jörg Schallenberg fasst noch einmal zusammen: »Wer sich ernsthaft mit Subkulturen und der Bedeutung von Kleidung befasste, konnte nur den Kopf über diese offensichtlich aussagearme und vereinfachende These schütteln.« Das gilt selbstverständlich auf für die, die heute immer noch eine politische Bedeutung in die Farbe ihrer Schnürsenkel stecken und für das rechtsextreme oder linksextreme Lager auftreten. Quizfrage: Welche Partei mag das Mädchen auf dem Bild links wohl wählen? Wie kennen die Dame auf dem Bild nicht und wissen noch nicht einmal wo sie herkommt oder ob sie überhaupt wählen geht, denn Farbe, Aussehen und Style haben mit Politik nicht viel zu tun.
Wie auch immer eure Einstellung zu farbigen Schnürsenkel in schwarzen Rangers aussehen mag, es bleibt zu hoffen das ihr wisst was dahinter steckt: Rein gar nichts. Man sollte sich nur dem Schubladendenken der Gesellschaft bewusst sein und bei Bedarf Rede und Antwort zu stehen um vielleicht diesen Mythos endgültig auszuradieren. Außerdem sollte man nicht außer Acht lassen, das sie vor allem die Nazis in den letzten Jahren weiterentwickelt haben und schon lange nicht mehr nur an plumpen äußeren Erscheinungsmerkmalen zu identifizieren sind. »Denn die wirklich gefährlichen Rechtsextremen, die geschulten Kader, haben sich schon immer hinter einer eher biederen Fassade versteckt. In den letzten Jahren gab es in der neonazistischen Jugendszene nun eine Entwicklung, in deren Zuge Rechtsextremismus in verschiedene Jugendkulturen Einzug gehalten hat und ein Erkennen von Neonazismus zunehmend erschwert wird.»5
(Bildquellen: Tim Tolle/flickr.com | Desiro.Driver/flickr.com | random dude/flickr.com)
- Quelle: Thomas Christes, Internetseite Du sollst Skinheads nicht mit Nazis verwechseln, Rubrik: Aufgepasst, verdächtige Schnürsenkel [↩]
- Quelle: Jörg Schallenberg, Von Schnürsenkeln, Springerstiefeln und Sweatshirts, Spiegel Online vom 05.01.2001 [↩]
- Dies taucht noch in einem Verfassungsschutzbericht von 1999 auf, in dem Farbe zu Identifizierung herangezogen wird. Vgl. Projekt: Josef Felder [↩]
- Aus der Broschüre: Symbole und Zeichen der Rechtsextremisten [PDF-Format], Verfassungsschutz im Oktober 2008 [↩]
- Quelle: Christopher Egenberger: Woran erkenne ich Rechtsextreme, Bundeszentrale für politische Bildung, 25. Juli 2008 [↩]




hat bereits 328 Kommentare abgegeben und schrieb am 26. Januar 2010 um 08:45:
Die Sache ist ja die, dass das Verlangen nach politischer Eingliederung anhand der Schnürsenkel nur ein Teilsport der oberflächlichen Betrachtung darstellt.
Selbst wenn man die breite Masse dagegen impfen könnte, wovon ich nicht ausgehe, wird die nächste Argumentationskette hervorgeholt werden. Sei es der Hang zu Symbolen, Uniformen, Umgangston, Vokabular ect.
Dort, wo man auf Unverständnis hinsichtlich des eigentlich unpolitischen Auftretens stößt, wird immer ein Argument zusammengereimt, um einen doch die verräterische Gesinnung anzudichten. Hätten es sich die Rechtsstehenden seit ca. 90 Jahren nicht zur Aufgabe gemacht, exzessiv von anderen (Sub)Kulturen zu klauen, so müsste man sich nicht ständig rechtfertigen. Wäre angenehm wie allerdings auch unspektakulär.
Es ist nur beschämend, dass ich diesen Hang zur Differenzierfaulheit schon bei Gestalten entdecke, die eigentlich meinen, sich in der Szene zu bewegen.
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 26. Januar 2010 um 18:52:
Selbstverständlich hat eine oberflächliche Betrachtungsweise noch viel mehr Abgründe zu bieten. Ein expliziter Beitrag über die Farbe der Schnürsenkel war aber schon bei der Erstellung des Schnürungsartikel fast unvermeidbar, ich wollte darauf nicht einfach beiläufig eingehen.
hat bereits 2 Kommentare abgegeben und schrieb am 26. Januar 2010 um 20:33:
Weiße Schnürsenkel, rote Schnürsenkel, Glatze, Mähne, geschminkte Männer, Kampfhunde… Unsere Gesellschaft wäre ohnehin gut beraten, auf permanente Kategorisierung, Dogmas und vor allem Alleinstellungsmerkmale zu pfeifen. Zu oft, das hat die Geschichte hinlänglich bewiesen, werden derartige Charakteristika bewusst gebraucht, um »unbeobachtet« politische Süppchen kochen zu können um sie dann mit einem Paukenschlag zu servieren.
Der Artikel der bpb ist allerdings ganz gut gelungen.…
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 31. Januar 2010 um 00:28:
Danke für deinen Kommentar, elbsenf. Für das Süppchen sind natürlich natürlich auch Köche verantwortlich und das sind die eigentlich gefährlichen, denn die lassen sich meist nicht in Schubladen stecken und vermeiden bewusste Alleinstellungsmerkmale.
hat bereits 2 Kommentare abgegeben und schrieb am 8. Februar 2010 um 00:10:
Hallo Robert, meinte ich ja. Die »Köche« verstecken sich wie üblich in der Küche, aber der Restaurantkritiker beurteilt das Produkt.…vielleicht sollt ich mir angewöhnen, mich klarer auszudrücken ;)
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 14. Februar 2010 um 03:46:
Ist nicht weiter schlimm. Missverständnisse sind ja dafür da ausgeräumt zu werden, die Kommentarfunktion ist doch schließlich für genau solche Einsatzzwecke sehr geeignet.