30 Juli

"Ein Leben für den Tod" - Bravo-Artikel zwischen Halbwahrheiten und Polemik

Teu­fels­zei­chen? Böse sata­ni­sche Kräfte? Mit dem Pen­del den Geist der Oma beschwö­ren? Was sich nach Kli­schees der Boulevard-Presse der spä­ten 80er klingt fin­det sich auch 2003 immer noch in den Maga­zi­nen und Jugend­zeit­schrif­ten. Im Report »Ein Leben für den Tod« berich­tet die Bravo über die 18 Jahre alte Mela­nie aus Mün­chen auf eine recht unge­wöhn­li­che Weise, denn alles an ihr hat mit dem Teu­fel zu tun, sollte man mei­nen. Auf dem Titel­bild steht neben ihrem Foto: »„Fried­höfe sind doch nur Kom­post­hau­fen für Men­schen”, sagt Mela­nie und zeigt das Teu­fels­zei­chen. Die bei­den Fin­ger sym­bo­li­sie­ren die Hör­ner Satans.« Die betont fins­tere Miene und die Grab­steine im Hin­ter­grund tun ihr übriges.

Ich muss schmun­zeln, alles wirkt so dar­ge­stellt, so unecht und so lächer­lich — aber es bleibt auch eine unter­schwel­lige Trau­rig­keit zurück wenn man sich vor Augen führt wel­che Wir­kung ein sol­cher Arti­kel auf eine bei­spiels­weise 13 Jahre alte Lese­rin haben könnte. Auch bei Nicht-Interesse erin­nert die Auf­ma­chung des Arti­kels an beste Boulevard-Manier: Scho­cken, den Blick fes­seln, neu­gie­rig machen, Inter­esse wecken um dann im Inhalt zu rela­ti­vie­ren. Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen feh­len völ­lig, ver­meint­li­ches Wis­sen über Sym­bole und Zei­chen sind an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen. Ich finde es sehr ent­täu­schend das sich eine Jugend­zeit­schrift auch 2003 noch auf ein sol­ches Niveau her­un­ter­las­sen muss.

Dabei ist der ver­mut­lich jugend­li­che Leser in eine Polemik-Falle getappt. Die erste Seite lockt: »Ein Leben für den Tod«, Satans­zei­chen, böse Bli­cke — der Span­nungs­bo­gen wird gezo­gen, man wird neu­gie­rig wie es wei­ter­geht, denn man fragt sich: »Wie bitte? Ich dachte Gothic hätte nichts mit Satan zu tun?« Schnell blät­tert man um und lässt sei­nen Blick über die klei­ne­ren Bil­der des Arti­kels schwei­fen: »Mela­nie zeigt ihr Pen­ta­gramm — ein sata­ni­sches Sie­gel«, dabei wis­sen wir doch, das Pen­ta­gramm ist ein Schutz­zei­chen gegen das Böse und kein sata­ni­sches Sie­gel. Ein Bild von ihren Stie­feln soll den Ein­druck fes­ti­gen: »Mela­nies Stie­fel: das Zei­chen des Teu­fels!«

Auf Mela­nies Ruck­sack, der eigent­lich eine Tasche ist: »Das böse domi­niert!« — Wer genau hin­schaut erkennt einen Stin­ke­fin­ger, einen Kiss-Aufnäher, einen von Mari­lyn Man­son und Nit­zer Ebb, sowie ein durch­ge­stri­che­nes Kreuz. Wirk­lich alles sehr Böse! Spä­tes­tens hier hin­ter­lässt der Arti­kel den Ein­druck, Mela­nie ist eine böse Teu­fels­an­be­te­rin, die nur Satan im Kopf hat. Das ist Fatal, denn mit den Bil­dern endet meist das Inter­esse des flüch­ti­gen Leser. Die Ein­lei­tung des Arti­kels bleibt dann auch beim Thema, erst spä­ter gibt es Ent­span­nung: »Sie sieht aus wie ein Kunst­werk des Teu­fels […]  Wenn sie mit fins­te­rem Blick durch die Stadt spa­ziert, wech­seln Pas­san­ten schon mal die Stra­ßen­seite und gucken miss­trau­isch. „Das macht mir aber nichts aus. Denn wir sind Gruf­ties und keine Sata­nis­ten. Wir tun nichts böses”, erklärt Mela­nie.« Mela­nie stellt also fest, das das eine mit dem ande­ren nichts zu tun hat. Ob sie nach dem Arti­kel dar­über erzürnt war? Bleibt zu hoffen.

Die Rela­ti­vie­rung, also die Aus­sage »Ist doch alles nicht so schlimm…«, fin­det ihre Krö­nung, als der Autor die Über­schrift selbst mit ein­be­zieht. »Anhän­ger die­ser für viele gru­se­lig anmu­ten­den Kul­tur beschäf­ti­gen sich mit dem Thema Tod — aber nicht aus Todes­sehn­sucht.« Das liest sich in der Über­schrift »Ein Leben für den Tod« aber etwas anders, außer­dem ist jetzt von Kul­tur und Tod die Rede. Satan scheint nicht mehr ange­sagt. Voll­stän­dig reha­bi­li­tiert? Mit­nich­ten. Ein Info­kas­ten über die ver­meint­li­chen Sym­bole der Gothics ist der Tusch am Ende des Lie­des. Und auch wenn ich mich zurück leh­nen könnte weil mit der Unsinn bewusst ist, kann ich mir eine Umdeu­tung des Info­kas­tens mit Links zu eige­nen Arti­kel zum Thema schwarze Sym­bo­lik nicht nehmen.

666 — Ist kein teuf­li­sches Zei­chen, son­dern in der popu­lärs­ten Deu­tung die Zahl des Tie­res (nach Aleis­ter Crow­ley) oder im all­ge­mei­nen des Böse. Obwohl seine erst­ma­lige Ver­wen­dung in der Bibel sym­bo­li­siert wurde ist von einer Ver­bin­dung als teuf­li­sches Zei­chen nicht die Rede. (Schwarze Sym­bo­lik — 666)

Das umge­kehrte Kreuz — Ist eigent­lich das Petrus­kreuz der damit zum Aus­druck brin­gen wollte, dass er nicht wür­dig sein, auf die glei­che Weise wie Chris­tus zu ster­ben. Moderne Deu­tun­gen und Ver­wen­dun­gen zie­len eher auf eine Ableh­nung der Kir­che als Insti­tu­tion, es ist weder das Zei­chen von Sata­nis­ten noch die Ableh­nung des christ­li­chen Glau­bens. (Schwarze Sym­bo­lik — Umge­dreh­tes Kreuz)

Das Pen­ta­gramm — Sym­bo­li­siert die fünf Ele­mente Luft, Feuer, Was­ser, Erde und Geist und nicht die bösen sata­ni­schen Kräfte. Es sei denn Luft ist bei­spiels­weise eine sata­ni­sche Kraft. (Schwarze Sym­bo­lik — Das Pen­ta­gramm)

Ein biss­chen viel Bou­le­vard für eine Jugend­zeit­schrift, ein biss­chen viel Halb­wahr­hei­ten und viel zu viel Pole­mik von der bei vie­len Jugend­li­chen nur Bil­der und Schlag­wör­ter hän­gen blei­ben. Gothic und der Teu­fel — So kann Erklä­rung nicht funk­tio­nie­ren, so berich­tet man nicht Kli­schee­frei, so schafft man keine Vor­ur­teile aus dem Weg. Weder 1985 noch 2003 und schon gar nicht 2010.

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Dunkle Vergangenheit, Schwarze Szene
Schlagwort: , , , ,

Verwandte Artikel

Schreibe einen Kommentar

Hilfe bei der Kommentareingabe?

Trackbacks

  1. bestatter rt schreibt:

    RT: @Spontis: Neuer Arti­kel: »Ein Leben für den Tod« — Bravo-Artikel zwi­schen Halb­wahr­hei­ten und Pole­mik http://bit.ly/cjcVHg

  2. bestatter_rt schreibt:

    RT: @Spontis: Neuer Arti­kel: »Ein Leben für den Tod« — Bravo-Artikel zwi­schen Halb­wahr­hei­ten und Pole­mik http://bit.ly/cjcVHg