14 März

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

Autor: Diskussion: 6 Kommentare

Wie oft bekommen wir von Künstlern mit auf den Weg, dass wir unsere Träume nicht vergessen sollen? Ständig wird man angeschrien, dass man das Fühlen nicht versäumen soll. Was sind deine Träume, was sind deine Wünsche? Du sollt nicht nur funktionieren! Wach auf! Die Zeit läuft dir davon! Kämpfe für deine Träume!

Wenn man sich gerade wieder einigermaßen mit dem vorhandenen Material des Lebens abgefunden hat, zeigt irgendein Musiker, Filmemacher oder Philosoph in die Ferne, spricht von Wahrheiten und Lebenslügen und davon, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt als deine täglichen 24 Stunden hergeben. Klar, dass wir da alle gerne mit dem Kopf nicken und uns vornehmen, es den Rest des Lebens richtig zu machen. Jetzt oder nie!

Eine Gebrauchsanweisung, wie diese nett gemeinten Ratschläge in die Tat umgesetzt werden können, liegt aber nie dabei. Und so endet der Plan vom traumhaften Leben spätestens bei der nächsten Rechnung im Briefkasten oder beim geistigen Blick auf das Chaos, das man hinterlassen würde, wenn man den mühsam zusammengeschusterten Lebensentwurf über den Haufen schmeißt. Andere gehen frisch fröhlich ans Werk und knallen mit voller Wucht gegen die Realität.

Die Welt besteht nun mal zu 99 Prozent aus Realität. Träume sind Schäume und Gefühle sind die flüchtigsten Erscheinungen, die mir je begegnet sind. Wenn ich Gedichte schreiben könnte, würde ich eine Ode an die Vernunft schreiben. Kann ich aber nicht – jedenfalls nicht besonders gut.

Als Ersatz gibt es mein Lieblingsbild von Goya:
Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

Ein interessantes Bild und ein interessanter Titel. Die Experten sind sich nicht einig, ob Goya meinte, dass die Vernunft (hier als Schlaf) Ungeheuer (hier böse Träume) gebiert oder ob Ungeheuer entstehen, wenn die Vernunft schläft. Die Verwirrung ist komplett, wenn man sich der schwarzen Szene zugeneigt fühlt und Eulen, Katzen und Fledermäuse liebt.

Laut der Internetseite der Humboldt-Gesellschaft war dies Goyas Kommentar zum Bild:

“Die Phantasie, verlassen von der Vernunft, erzeugt unmögliche Ungeheuer; vereint mit ihr ist sie die Mutter der Künste und Ursprung der Wunder.”

Mein Kommentar zum Kommentar: Gibt es vernünftige Phantasie?

6 Kommentare

  1. Ein tolles Bild von Goya und ich hab es erst hier bei dir entdeckt! Mir fällt es auch schwer, den Titel in Zusammenhang mit dem Bild zu bringen (als Gothic) und es zu interpretieren. Ungeheuer und schlafende Vernunft -- hm. Würde eher deiner zuletzt geäußerten Vermutung zustimmen: wenn die Vernunft schläft, entstehen dadurch Ungeheuer(liche Situationen). Oder man interpretiert es über die Brücke der Nacht: Wir schlafen meist nachts -- in der Nacht erscheinen einem üblicherweise Ungeheuer -- in Form von Albträumen, die wiederum durch unvernünftig Handlungen am Tag und in der Nacht hervorgerufen werden.
    Oha…naja, in Kunstinterpretation und Erörterungen von Zitaten war ich noch nie wirklich gut…aber egal, das Bild ist jedenfalls schön und die eine Lösung dazu gibt es sicher nicht.

  2. […]Gibt es vernünftige Phantasie?[…]

    Fantasie im Sinne der reinen Einbildungskraft und unter der Voraussetzung der Verwirklichung sollte nur in den Grenzen der Vernunft agieren.

    Doch sollte Fantasie im Sinne der rein persönlichen Vorstellungskraft nie durch solche Störfaktoren wie Vernunft gehemmt werden. Zumal sich hierbei das Vorstellungsvermögen und die Vernunft wie Leben und Tod gegenüber stehen.
    Die Vernunft ist hierbei der Tod. Ohne Kompromiss. Die emotionslose logische Schlussfolgerung. Während die Vorstellungskraft all die Facetten des Lebens in sich trägt.

    Fantasie ist relativ, nur zu deuten, aber nicht zu definieren. Somit auch nicht in das Gewandt der Vernunft zu stecken. Da Vernunft dafür ein klares Schnittmuster abverlangen würde

  3. Lustigerweise habe ich auch gerade erst wieder verschiedenes über dieses geniale Bild gelesen: “Perhaps the most important single image for the historian of the gothic” nennt es Richard Davenport-Hines, Goya selbst den”greatest painter to have had gothic moods”. Ich kann ihm nicht widersprechen :)

    In anderem Kontext hat Goya übrigens einmal geschrieben, dass Fantasie, wenn sie nicht mit Vernunft vereint ist, unmögliche Monster gebiert, dass sie aber in Verbindung mit Vernunft die Mutter der Künste und der Ursprung ihrer Wunder ist.
    Ich denke, das macht die Interpretation des Bilders eigentlich eindeutig.

    Autor David Stevens sieht desweiteren eine Parallele dazu in William Blakes “The Marriage of Heaven and Hell”, wo er (so Stevens) die Engel als Repräsentation des bedingungslosen Vertrauens an die Vernunft darstellt. Der Künstler dagegen hat die Aufgabe die Welt der Fantasie zu entdecken. Dadurch geht der Künstler durch die Feuer der Hölle und erfreut sich an dem Erschaffenen, während dies für die (eindimensionalen) Engel wie Folter und Leiden aussieht.

    An sich schon verdammt gothic, oder? :)

  4. Very gothic ;-)

    Goya erschuf diese Radierung im Rahmen seiner mehr als sarkastischen Serie “Los Caprichos”, in der er sich gesellschaftskritischen Themen wie Politik (Königshaus) und Religion (Kirche) stellte und die daraus resultierenden Dimensionen der menschlichen Abgründe bildlich aufzeigte. Somit hielt er der Ach-so-feinen Gesellschaft einen Spiegel vor die Nase. Wen wundert´s, dass der Großteil der Bilder nach Erscheinen indiziert wurden. Hatte in diesem Zusammenhang mal einem sehr interessanten Beitrag beigewohnt.

    In der damaligen Zeit der Aufklärung stilisierte man die “Vernunft” als einer der höchsten Leitfäden der menschlichen Erkenntnis und des Handelns. Goya wollte aufzeigen, was passiert, wenn die Vernunft schläft und die dunkle Seite aus dem Schatten tritt -- damit prangerte er die sogenannten “Kinder der Aufklärung” nach der blutigen französischen Revolution an. Kann man auch in die heutige Zeit transportieren. Einfach nur den Begriff “Franz. Revolution” mit “Atomaren GAU” ersetzen und dann passt´s. Ist ja nicht so, dass die Menschheit etwas lernen würde. Schade.

    Da fällt mir noch ein passenden Gedicht von Heinz Czechowski zu Goya´s Radierung ein:

    Wenn die Vernunft schläft, erwachen Ungeheuer.
    Wan soll man den Tisch verlassen, auf dem das Papier liegt, die Pinsel, Farben?
    Man soll ihn niemals verlassen!
    Doch der Maler schlief ein.
    Und alle kamen, die er wachend bekämpfte:
    Die Fratze der Unvernunft, grinsend das Unwissen,
    in Kleider einer Eule, flügelschlagend, die Unterdrückung auf blutigen Tatzen,
    kriechend die Angst, das Unrecht, ein scharfer Vampir, blutdürstig.
    Sie nahmen kein Ende…
    in Zeiten der Unvernunft muss die Vernunft wachen.
    Wenn die Vernunft schläft erwachen die Ungeheuer.

  5. Das ist doch mal sehr erhellend! Danke Madame Mel. Man merkt du bist unsere Kunstgeschichtlerin ;o)

  6. Da zu fällt mir eigentlich mehr der Fanatismus ein irgendwie.
    Wenn man bedenkt es gab ja genügend Menschen, die etwas zum guten Verändern wollten und dann am Ende dermaßen besessen von der Idee an sich- dem Zweck, dass sie dann auch alle Vernunft vergaßen. Also der eigentlich gute Grundgedanke sich ins Gegenteil verkehrte.
    Beispielsweise Luther so gut wie er die Reformation meinte hat er damit auch ein zwei religiöse verfolgungen ausgelöst hat (Katholiken wurden teilweise von der einfachen Bevölkerung regelrecht abgeschlachtet und Kirchen geschändet) und trotzdem auf all dem beharrt hat. Im endeffekt ist es gut gegangen und viele sind für die evangelische Ausrichtung dankbar, aber in dem Moment schien bei ihm die Vernunft zu “schlafen” ab einem gewissen Punkt. Nicht das beste Beispiel, aber schon irgendwo passend.

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