26 Oktober

Die Gruftis - Liebe, Frieden und Harmonie?

Kategorie: Dunkle Vergangenheit, Schwarze Szene — Jahrgang: 20092 Kommentare

Junge Welt - Grufties: Liebe, Frieden HarmonieNach dem letzten Negativbeispiel "Die Gruf­ties nah­men mir meine Toch­ter« ein Aus­hän­ge­schild für schlechte Presse dar­stellt, habe ich heute ein Bei­spiel, das es tat­säch­lich bes­ser macht und zeigt, das man sich auch anders mit der Mate­rie aus­ein­an­der­set­zen kann. Und noch bevor irgend­wel­che Unken rufen: Nein, die Junge Welt, aus der die­ser Arti­kel hat nicht das geringste mit brau­nen Ideo­lo­gien und rech­ten Rand­er­schei­nun­gen zu tun, auch wenn der Titel einer gleich­na­mi­gen Zeit­schrift der Hitler-Jugend, die von der NSDAP her­aus­ge­ge­ben wurde, gleicht. Der Titel der Zeit­schrift oder seine Gesin­nung hat im übri­gen auch nichts mit dem Arti­kel selbst zu tun, den sollte man ein­fach mal lesen und seine ver­meint­li­chen Ideo­lo­gi­schen Beden­ken bei­seite legen.

Schwarz­ge­wan­det, augen­um­schat­tet und Haare, die zu Berge ste­hen — so wan­deln sie durch die Nacht. Die »Schwar­zen« — düs­ter, schön und bleich. Ihre Kla­mot­ten sind tot-schick. Schwarze wal­lende Gewän­der. Sie tan­zen. Sis­ters of Mercy, The Cure, Sioux­sie & The Bans­hees. Zeit­lu­pen­ar­tige Bewe­gun­gen bei den langsam-meditativen Stü­cken. Traum­wand­le­ri­sche Kör­per­a­ra­bes­ken. Oder ein­fach nur: drei Schritte vor, drei zurück. Las­zi­ves Schlen­kern mit den Armen. Vor vier, fünf Jah­ren tauch­ten die schwarz-gewandeten Gestal­ten mit den umschat­te­ten Augen und den durch­ge­styl­ten Haa­ren in eini­gen Jugend­clubs in Berlin-Hohenschönhausen auf. Natür­lich nicht aus dem Nichts, son­dern wie so man­ches — von Eng­land inspi­riert. Irgend jemand fühlte sich bei ihrem Tan­zen unbe­dingt an das Schau­feln von Toten­grä­bern erin­nert. »Tan­zen hat unheim­lich viel mit mei­nen Stim­mun­gen zu tun«, sagt mir Nora (20) im »Life-Club«, dem Wochen­end­treff der Gruf­tis in Berlin-Friedrichshain. »Du denkst, wir ste­hen nur so da. Aber da ist viel­leicht gerade so ein Gefühl, eine Erin­ne­rung. Die genieße ich. Das Gefühl trägt mich, lei­tet meine Bewe­gun­gen.« Sie sind Indi­vi­dua­lis­ten in der Bewe­gung und Klei­dung. Ihre Emp­fin­dun­gen unter­strei­chen sie: ob Umhang mit Vam­pir­kra­gen oder ohne, Mönchs­kutte mit Kor­del oder Grab­schleife, ob Pum­pho­sen oder sei­dene, spit­zen­be­setzte Blu­sen. Wie über­all wird auch hier viel abge­guckt und selbst­ge­macht. Wich­tigste Regel: schwarz muss es sein. Die Schnal­len­stie­fel sind natür­lich auch schwarz und spitz. Ihre Länge vari­iert. Schwere sil­berne Ket­ten und Ringe mit Sym­bo­len wie Kru­zi­fixe (auch umge­dreht getra­gen), Fle­der­mäuse, Schlan­gen, Toten­schä­del, Dämo­nen­mas­ken bil­den das Beiwerk.

Artikel in der Jungen WeltFrü­her sind sie nach Pots­dam gepil­gert, ins Bel­ve­dere, ein Schloß, dem Ver­fall preis­ge­ge­ben ((Das Schloss Bel­ve­dere wurde inzwi­schen wie­der restau­riert und für Besu­cher geöff­net, vgl. Arti­kel bei Wiki­pe­dia)). Lange schwarze Vor­hänge, der Staub vie­ler Jahre. Abge­schie­den gele­gen, ging von dem ver­las­se­nen Gebäude eine beson­dere Ima­gi­na­tion aus. Der Park — einer fei­er­lich stille Kulisse. Eine andere Welt — bis die Poli­zei dahin­ter­kam. Die Nacht als Zuflucht, der Mond mit sei­nen phan­tas­ti­schen Schat­ten, das Zwie­licht auf den stil­len Pfa­den der Fried­höfe üben eine ähnli­che Anzie­hungs­kraft aus. Für Nora ist der Ort zum Nach­den­ken, Erin­nern. Andere Gruf­tis nen­nen den Fried­hof »Spiel­platz«, Georg (19) meint: »Es tut gut, allein hier zu sit­zen. da spüre ich die Ruhe, die Mys­tik, die Todes­nähe, wenn ich manch­mal mit „ner Kerze an der Gruft hier bin.« In lange, weite Kut­ten oder Umhänge gehüllt, den­ken sie zusam­men­kau­ernd sit­zend über Tod und Trauer nach. End­zeit­stim­mung, roman­ti­sche Sehn­sucht nach dem Jen­seits, Ver­lo­ren­heit. Oft ver­ste­cken vor der Rea­li­tät, Resi­gnie­ren. Georg: »Ich kann nichts dafür, daß ich gebo­ren wurde. Ich hätte „nein” gesagt! Nichts hat Sinn. Irgend­ei­ner drückt mal auf den roten Knopf, oder eine Natur­ka­ta­stro­phe kommt. Die machen alles zur Sau.« Angst und Ohn­macht sind zwei bestim­mende Gefühle. Eine Art feste Grup­pen­struk­tur, einen Zusam­men­halt haben die Gruf­tis nicht. Sie sind Ein­zel­gän­ger, pas­siv und ver­tei­di­gen sich kaum bei den gewalt­tä­ti­gen Fascho-Attacken. Man­ches Gruft-Mädchen hat dadurch schon seine Haar­pracht ein­ge­büßt. Die »doit­schen Fri­seure« fackeln nicht lange.

Zu schaf­fen macht ihnen die gesell­schaft­li­che Ableh­nung, das Unver­ständ­nis, das ihnen ent­ge­gen­schlägt, oft allein durch ihr Out­fit. Klei­dung — Spie­gel ihrer Seele. Das Gesicht bleich, die Augen schwarz geschminkt, Lei­chen­blässe und Todes­schat­ten. Kunst­volle Brau­en­ver­län­ge­rung. Im All­tag wird wei­ter­hin dunkle Klei­dung bevor­zugt. Die Haare run­ter­ge­kämmt, den Stino raus­hän­gen las­sen für die Spie­ßer. Sie rin­gen (wie andere Jugend­li­che auch) mit elter­li­cher Bevor­mun­dung, mit Schwie­rig­kei­ten in der Schule oder der Aus­bil­dung. Nega­tive Erfah­run­gen sum­mie­ren sich. Die Gruf­tis füh­len sich abge­wie­sen, rea­gie­ren Über­sen­si­bel auf rohen Umgang, ver­sagte Aner­ken­nung. Allein­ge­las­sen mit ihren Bedräng­nis­sen, Wün­schen, befin­den sich die Gruf­tis auf dem Rück­zug aus der Gesell­schaft. Hat­ten vor­her Staat und Par­tei der Jugend wei­tes­ge­hend Ent­schei­dun­gen abge­nom­men, ver­stärkt sich nun die Per­spek­tiv­lo­sig­keit mit der neuen gesell­schaft­li­chen Situation.

Die Unfä­hig­keit, auf reale Lebens­si­tua­tio­nen ein­zu­ge­hen, nimmt zu. Der Aus­weg — Flucht vor der Wirk­lich­keit. Sie nimmt auch extreme For­men an. Nora: »Über zwei Jahre bin ich in Ber­lin rum­ge­zo­gen, hab oft im »Ten­der« (Bahn­hof Lich­ten­berg) gepennt. Hab Tablet­ten geschluckt, viel Alko­hol. Wenn’s mir mal nicht gut ging, hab ich Assi gemacht, blieb im Bett. Ein­mal zwei Wochen.« Abschal­ten im Rausch. Mit­un­ter Tablet­ten­ver­gif­tung, Selbst­mord­ge­dan­ken und –ver­su­che. Nicht nur destruk­tive Sprü­che. Okkulte Tech­ni­ken wer­den aus­pro­biert: Pen­deln, Tisch– und Glä­ser­rü­cken. Von gehei­men Ritua­len, Teu­fels­be­schwö­run­gen, Urnen­dieb­stäh­len hört man. Doch was davon ist Koket­te­rie, Legende oder Tat­sa­che? Die Annä­he­rung war schwierig.

»Wir sind nicht aus Spaß so gewor­den. Son­dern als Reak­tion dar­auf, was mit uns pas­siert ist, und wie wir damit nicht fer­tig­ge­wor­den sind«, sagt Nora. »Meine Welt will ich dir nicht beschrei­ben. Du kriegst von mir aber ein Zei­chen.« Nora schreibt: ?

Fazit: Wirk­lich kein schlech­ter Bericht der Jun­gen Welt, mit Nora und Georg hat man tat­säch­lich zwei inter­es­sante Men­schen befragt, die hier einen Aus­schnitt von dem geben, was 1990 mal gewe­sen ist. Vor allem aus modi­scher Hin­sicht kommt hier viel Wahr­heit rüber, Sel­ber­ma­chen ist die Devise, sei es nun aus Man­gel an Ange­bo­ten oder der Lust etwas selbst zu machen. Damals war man eben noch krea­ti­ver, oder musste es sein — je nach dem. Die pes­si­mis­ti­sche Grund­hal­tung der bei­den passt zwar nicht mehr ganz zur dama­li­gen Situa­tion, denn die war mei­ner Mei­nung nach etwas frü­her, nach dem Fall der Mauer machte sich bei mir jeden­falls sowas wie eine Auf­bruch­stim­mung breit und mit der Lehre begann für mich ein neuer Lebensabschnitt.

Das es kei­nen Zusam­men­halt und keine Grup­pen­struk­tu­ren für die bei­den gab, dürfte an den bei­den selbst nicht am Grufti-Sein gele­gen haben. In der Szene sind zwar mehr Sozial iso­lierte Men­schen zu fin­den als in ande­ren Sze­nen, aber das es grund­sätz­lich keine ent­spre­chen­den Sozio­kul­tu­rel­len Ver­bin­dun­gen gibt, halte ich für ein Gerücht.

Inter­es­san­ter wird es da noch­mal im letz­ten Teil, denn gehen wir davon aus, das Georg und Nora »von drü­ben« sind, kann ich eine gewis­sen Per­spek­tiv­lo­sig­keit nach­voll­zie­hen, denn nach jah­re­lan­ger staat­li­cher Füh­rung oder auch Bevor­mun­dung fühlt man sich eben fal­len­ge­las­sen. Es ist kei­ner mehr da, der einem sagt was es tun oder las­sen soll. Aus die­sem Grund möchte ich die Argu­mente der bei­den für die Grufti-Szene nicht gel­ten las­sen. Das war viel­leicht bei den Bei­den so, kann aber nicht stell­ver­tre­tend für den Rest der Repu­blik ste­hen. Ja, über Tod und Trauer haben wir auch nach­ge­dacht, Resi­gna­tion vor den Kata­stro­phen der Gesell­schaft war auch da, der Wunsch nach Ruhe und Ein­sam­keit war stark, die Ableh­nung in Schule, Beruf und Umfeld haben wir auch durchlebt.

Geheime Rituale, Teu­fels­be­schwö­run­gen und okkulte Tech­ni­ken? Ja, die Fas­zi­na­tion, die das ganz aus­übte fand ich damals klasse. Wir habe viel aus­pro­biert und viel Unsinn gemacht. Urnen­dieb­stähle? Grab­schän­dun­gen? Nein, das wäre auch unlo­gisch — wir habe die Grä­ber gemocht, so wie sie waren — wieso hät­ten wir unsere Refu­gien zer­stö­ren sollen?

Der Bericht lässt viele Fra­gen zurück, die nichts mit dem Grufti-Sein zu tun haben. Die Szene als Life­style hat man schon ganz gut erfasst, die Pro­bleme von Nora und Gre­gor haben damit aber nichts zu tun.

(Text: Ralf Thür­sam, Bil­der Merit Pietz­ker, Andreas Tau­bert. Aus: Junge Welt Nr. 227, Frei­tag, 28. Sep­tem­ber 1990, Vor­lage mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von www.mupfelofen.de)

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Dunkle Vergangenheit, Schwarze Szene
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2 Kommentare

  1. Wie kann ich mei­nen Mann bes­ser ver­ste­hen ?
    Er rutscht in die Szene immer wei­ter rein und gibt mir zuver­ste­hen , das er da Ruhe fin­det. Ich hab Angst in zuver­lie­ren. Er meint aber auch, das er kein Mit­glied wird. In wie weit kann und darf ich ihm ver­trauen, da wir auch Kin­der haben und sie nicht mit rein­ge­zo­gen wer­den sol­len. Wate auf eine Ant­wort. Viel­leicht kannst du mir hel­fen.
    Manu

  2. Liebe Manuela,

    Zunächst ein­mal soll­test du dein Vor­stel­lung able­gen, das die Gothic-Szene etwas schlech­tes ist, in das Dein Mann »rutscht« und deine Kin­dern »nicht rein­ge­zo­gen« wer­den sol­len, viel­leicht hilft Dir das dabei dei­nen Mann zu ver­ste­hen. So wie du schreibst, ver­strömt die Gothic-Szene einen nega­ti­ven Cha­rak­ter für Dich.

    Die Beweg­gründe sich eine Szene anzu­schlie­ßen sind sehr ver­schie­den. Ich kann mir durch­aus vor­stel­len, das »die Ruhe« die dein Mann sucht, dort gefun­den wer­den kann. Mag sein, er sucht einen Aus­gleich zu sei­nem All­tag, den er bei Dir und dei­nen Kin­dern nicht fin­den kann.

    Denn neben der Tat­sa­che Vater und Ehe­mann zu sein, gibt es auch dei­nen Mann selbst. Ich glaube du wirst ihn nicht auf­grund der Tat­sa­che ver­lie­ren in die Szene zu »rut­schen«, son­dern viel­mehr dadurch, das zu bekämp­fen was er für sich als gut emp­fin­det. Frei­heit geben ohne los­zu­las­sen, dei­nem Mann das Gefühl geben das du ihn ver­stehst. Sen­si­bel sein zu erken­nen, ob er durch den Ein­tritt in eine Szene vor »etwas weg­läuft«, sei vor eige­nen Pro­ble­men, fami­liä­ren oder beruf­li­chen. Denn die lösen sich nur mit Dir und nicht durch die Szene.

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