31 Januar

Die 6 größten Irrtümer über Gothics

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 200910 Kommentare

Grabwanne im Abney Park Cemetery in LondonSchwarz zeigt wie keine andere Farbe die gewählte Aus­gren­zung vom Rest der Gesell­schaft, die Dis­tanz zur rein Kon­sum­ori­en­tier­ten Gesell­schaft, aber auch Selbst­be­wusst­sein und Stärke. Unsere rein ästhe­ti­sche Pro­vo­ka­tion trägt präch­tige Früchte und ver­führt — Unter­stützt durch die Bou­le­vard­presse — den Bür­ger zur Annahme der ver­rück­tes­ten Vor­ur­teile und Kli­schees. Ein paar ernste und weni­ger ernst gemeinte Vor­ur­teile möchte die­ser Bei­trag entschlüsseln.

Wer wei­tere Vor­ur­teile auf­ge­klärt wis­sen möchte, fühle sich frei eine ent­spre­chende Anre­gung in den Kom­men­ta­ren zu hinterlassen.

Gothics schän­den Grä­ber, Gruf­ten und Ruinen

Fried­höfe sind die fried­lichs­ten und ein­sams­ten Plätze in unse­rer unru­hi­gen Welt. Gothics lie­ben Fried­höfe und alte Gemäuer. Wir genie­ßen die Ruhe und die mor­bide Aus­strah­lung eines sol­chen Ortes und schät­zen auch den mys­ti­schen Cha­rak­ter alter Grab­stät­ten. Die sterb­li­chen Über­reste der Men­schen zer­fal­len in der Erde, ver­ei­nen sich wie­der mit der Natur und brin­gen so neues Leben her­vor, die Kno­chen ver­blei­ben als sym­bo­li­sches Zei­chen der geleb­ten Exis­tenz. Warum soll­ten wir diese also zer­stö­ren? Unzäh­lige alte Fried­höfe war­ten nur dar­auf ent­deckt zu wer­den, auf jedem ist die Ruhe und die Spur Okkul­tis­mus, die ich so schätze, viel­leicht sollte der ein oder andere beim nächs­ten Fried­hofs­be­such etwas genauer hin­schauen. Das Kli­schee hält sich aber hart­nä­ckig und ruft jeder­zeit halb­her­zige Bericht­er­stat­tung auf den Plan, sind es Haken­kreuze waren es die Neo­na­zis, sind es Pen­ta­gramme waren es die Gothics. Ver­ein­zelte Vor­fälle in den frü­hen 80ern in Thü­rin­gen1 ste­hen nicht stell­ver­tre­tend für die Szene und wer­den Szen­ein­tern sogar ver­ab­scheut. Merke: Von tau­sen­den Gothics, die respekt­voll einen Fried­hof besu­chen redet nie­mand, von den drei Idio­ten in schwar­zen Kla­mot­ten reden alle.

Gothics rie­chen nach Gruft

Ja, bevor wir aus­ge­hen, besu­chen wir ein fri­sches Grab und wäl­zen uns darin um mög­lichst gruf­tig zu erschei­nen. In Wirk­lich­keit ist der typi­sche Gothic Geruch Patchouli, der eigent­lich Patschuli geschrie­ben wird, das klingt den meis­ten aber zu nied­lich. Das äthe­ri­sche Öl, das aus der gleich­na­mi­gen Pflanze gewon­nen wird, fin­det im Asia­ti­schen Bereich Ver­wen­dung im Klei­der­schrank um Mot­ten zu ver­trei­ben. Anfang der 70er ver­wen­de­ten es die Hip­pies, um den typi­schen Can­na­bis Geruch zu über­de­cken. Doch eigent­lich riecht eben die­ses äthe­ri­sche Öl, das in Räu­cher­stäb­chen und Par­füms Anwen­dung fin­det so herr­lich muf­fig und mor­bide, das es ein­fach zu jedem anstän­di­gen Gothic Haus­halt gehört. Im Über­fluss ange­wen­det wirkt es jedoch läs­tig und aus dem ange­neh­men und geheim­nis­volle Duft wird schnell eine ernst zu neh­mende Geruchs­be­läs­ti­gung. Merke: Gothics rie­chen nicht nach Gruft, son­der Gruf­ten rie­chen wie Gothics, näm­lich nach Patschuli.

Gothics haben Todessehnsucht

Wenn Gothics sich inten­siv mit dem Tod beschäf­ti­gen, steht dahin­ter nicht allein die Fas­zi­na­tion für das Extreme, son­dern auch das Ziel, den Tod wie­der wie zu vor­christ­li­chen Zei­ten als unwei­ger­lich ein­tre­ten­des Ereig­nis zu akzep­tie­ren. Die Gothics sind keine Sub­kul­tur des Todes, die alle labi­len Men­schen in den Sui­zid treibt, son­dern eher der Ver­such, sich mit der eige­nen Melan­cho­lie und Todes­nähe kri­tisch und zusam­men mit ande­ren aus­ein­an­der­zu­set­zen. »Sie ent­wi­ckeln mit dem Bewusst­sein, dass sie hier und jetzt leben und ihre Pro­bleme bewäl­ti­gen müs­sen, eine andere Bezie­hung zum eige­nen Tod, da sie die große Angst vor dem Ster­ben über­wun­den haben.»2 Merke: Wir möch­ten nicht frü­her ster­ben als andere, sind meist mit unse­rem Leben sehr zufrie­den und haben uns ledig­lich mit der Tat­sa­che abge­fun­den, das es irgend­wann zu ende geht.

Gothics sind Satanisten

Unser über­durch­schnitt­li­ches Inter­esse an Reli­gion aller Epo­chen läuft nicht zwangs­läu­fig dar­auf hin­aus, das wir dem Teu­fel hul­di­gen, son­dern eher zu einer kri­ti­schen Dis­tanz zu jeder insti­tu­tio­na­li­sier­ten reli­giö­sen Ein­rich­tung. Wer an den Teu­fel glaubt, glaubt auch an Gott, sonst bliebe jede Dis­kus­sion sub­stanz­los. Für viele jün­gere bleibt das spie­len mit Ele­men­ten des Sata­nis­mus nur Mit­tel zur Pro­vo­ka­tion ohne die dahin­ter ste­hen­den Dog­men anzu­er­ken­nen. »Anders als Bei­spiels­weise im Black Metal gehört Sata­nis­mus nicht zum selbst­ge­wähl­ten und stil­bil­den­den Kern der Kul­tur und Mode, son­dern ist vor allem ein von außen — den Medien — auf­ge­drückte und daher ohne­hin Szene-intern gehass­ter Stem­pel.»3 Die Ver­wüs­tung von Gruf­ten, Rui­nen oder alten Gemäu­ern liegt nicht in der Natur der Gothics und wird als sol­ches ver­ab­scheut. Schwarze Mes­sen mit ritu­el­len Tier­tö­tun­gen gehö­ren in das Mär­chen­buch und auf die Lein­wand. Merke: Wo an einen Gott geglaubt wird, glaubt man auch an einen Teu­fel. Die meis­ten Gothics kom­men durch die Inten­sive Beschäf­ti­gung mit Reli­gio­nen zur einer offe­ne­ren Ansicht über den Glau­ben, Sata­nis­ten sind wir nicht.

The Cure haben den typi­schen Gothic-Style erfunden

Hoch­tou­pierte Haare, schwarz umran­dete Augen, ein toten­blas­ses Gesicht, vewisch­ter Roter Lip­pen­stift. Robert Smith, Sän­ger der Band The Cure Anfang der 80er Jahre in vie­len Zim­mern her­an­wach­sen­der Gothics als Pos­ter die Wände schmückte, wird als Erfin­der des typi­schen Styles pro­pa­giert. Er ist zwar sicher der popu­lärste aber hat sich auch von Sioux­sie Sioux der Sän­ge­rin der Bans­hees inspi­rie­ren las­sen, die gab bereits 1976 Kon­zerte mit schwarz umran­de­ten Augen und hoch­tou­pierte Haa­ren, sowie dem Lei­chen­blas­sen Gesicht. Sie sah die Farbe schwarz als Abbild der Gesell­schaft. »Sioux­sie gab mit ihrer Musik und ihren Tex­ten nicht nur dem Punk und dem New Wave jener Tager eine deut­lich mor­bi­dere, intro­ver­tier­tere Rich­tung, sie popu­la­ri­sierte auch die Beschäf­ti­gung mit okkul­ten Sym­bo­len und ent­spre­chen­den The­men4 Weisse Gesich­ter trenn­ten bereits im Mit­tel­al­ter die Ade­li­gen von den Bür­gern, die von der Arbeit bei Wind und Wet­ter eher eine braune Haut­farbe hat­ten und wer­den damit von den Gothics als opti­sche Tren­nung zum Rest der Gesell­schaft benutzt. Merke: Robert Smith darf durch­aus als Sti­li­kone der Gothic-Szene durch­ge­hen, Erfin­der des Styles ist er aber nicht.

Gothics rit­zen

Selbst­ver­let­zen­des Ver­hal­ten ist die Folge einer ernst zu neh­men­den psy­cho­lo­gi­schen Erkran­kung, bei der sich man­chen Erkrankte zur Lösung der inne­ren Span­nung Scha­den zufü­gen um Schmerz zu emp­fin­den und das kör­per­li­che zu Ver­drän­gen. Das Borderline-Syndrom ist nur eines der mög­li­chen Ursa­chen.5. Viele benut­zen dazu eine Rasier­klinge oder ein Mes­ser um sich die Unter­arme ein­zu­schnei­den. Jugend­li­che spre­chen vom Rit­zen. Kurio­ser Weise ist das Rit­zen bei man­chen Jugend­li­che Aus­druck ihres Indi­vi­dua­lis­mus zur Gesell­schaft und Zei­chen einer Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit und ver­kommt damit bei man­chen Men­schen zu einer Mode­er­schei­nung. Klingt jetzt komisch, ist aber so. Das viele Erkrankte sich zur Gothic Szene hin­ge­zo­gen füh­len, liegt am wohl am ehes­ten am melan­cho­li­schen, roman­ti­schen und intro­ver­tier­ten Cha­rak­ter der Szene selbst, lässt sich aber nicht ver­all­ge­mei­nern. Pier­cings, Bran­dings und Tat­toos gehen The­ma­tisch sicher in eine ähnli­che Rich­tung und gel­ten auch als Selbst­ver­stüm­me­lung, habe aber wie­der­rum mit dem Rit­zen nichts zu tun. Merke: Rit­zen ist nicht cool, son­dern Aus­druck einer psy­cho­lo­gi­schen Erkran­kung und nicht typisch für die Gothics.

  1. Ingo Wei­den­kaff, Jugend­kul­tu­ren in Thü­rin­gen — Die Fas­zi­na­tion des Anders­seins, S. 44, 1999 []
  2. Bir­git Richard: Schwarze Netze, 1997 bei SPoKK, Seite 131 []
  3. Klaus Farin, Jugend­kul­tu­ren in Deutsch­land 1990–2005, S. 38. Erschie­nen bei der Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung []
  4. Klaus Farin, Jugend­kul­tu­ren in Deutsch­land 1990–2005, S. 31. Erschie­nen bei der Jugend­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung []
  5. Ange­lika Reschke, Selbsthilfe-Initiative Rote Linien www.rotelinien.de []

Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Schwarze Szene
Schlagwort: , , ,

Verwandte Artikel

10 Kommentare

  1. Sehr schöne Zusam­men­stel­lung und Ent­kräf­tung der Vor­ur­teile über Gothics. Finde es furcht­bar, mit wel­cher Eng­stir­nig­keit in den Medien oft fal­sche Zusam­men­hänge geknüpft und Ver­all­ge­mei­ne­run­gen betrie­ben wer­den, auch wenn ich selbst kein Gothic bin, son­dern nur sehr gerne Musik aus die­ser Rich­tung höre. Schön, dass du mit die­sem Bei­trag ein wenig Auf­klä­rung betreibst.

    Patchouli mag ich übri­gens auch sehr gern riechen. ;)

  2. Jaja, wär ja schön wür­den die Men­schen mit Vor­ur­teil über­haupt wis­sen wer Robert Smith ist^^
    Patchouli…bäh, zum Glück bin ich kein Goth ;-)

    Idee mit Quel­len­ver­wei­sen finde ich sehr gut ^^ Soll­ten sich man­che Medien auch zu Her­zen neh­men, obwohl…dann könn­ten die ja dicht machen,hehe.

    Lg

  3. Nur so als Anmer­kung: Bor­der­line ist eine Schub­lade. Das »Rit­zen« hat mit die­ser Erkran­kung nur im wei­tes­ten Sinne etwas zu tun. Zwar rit­zen sich die meis­ten Bor­der­li­ner (wenn sie sich nicht ander­wei­tig schlim­mer ver­let­zen), ein Pri­vi­leg auf das Rit­zen haben Bor­der­li­ner aller­dings nicht, das Ver­hal­ten tritt auch bei vie­len ande­ren Erkran­kun­gen auf oder kön­nen auch Folge von Trau­mata sein.

    Ansons­ten tol­ler Arti­kel — du hast Post!

  4. Ich habe jetzt schon einige Pos­tings von dir gele­sen und ich muss sagen, dass du bis ins Detail recher­chierst. Klasse!
    Gothic war ich auch…damals…vor Lichtjahren…zumindest hielt ich mich dafür.
    Was geblie­ben ist, ist die ein­deu­tige Affi­ni­tät zu dunk­ler Musik und dunk­len Klamotten.

    Dir einen schö­nen Sonntag!

  5. @Konna: Die Welt ist vol­ler Vor­ur­teile und jeder hat wel­che, ich möchte mich da nicht aus­neh­men. Ich ver­su­che nur in mei­nem klei­nen Rah­men für etwas Licht zu sor­gen und viel­leicht etwas von dem Licht was meine Welt erhellt mit­zu­neh­men um mei­nen Hori­zont zu erwei­tern.
    @Atanua: Quell­ver­weise waren längst über­fäl­lig, reine Inter­net­ver­weise hal­ten oft nicht das was sie ver­spre­chen und wir­ken doch irgend­wie unwis­sen­schaft­lich, dar­über haben wir bereits sehr schön dis­ku­tiert. Ich möchte so die Glaub­haf­tig­keit noch ein biss­chen aus­bauen, sonst könnte ja jeder irgend­was erzäh­len :D
    @Tears: Stimmt, ich habe mir noch ein­mal den Bericht über das Selbst­ver­let­zende Ver­hal­ten durch­ge­le­sen und noch ein­mal mei­nen Bei­trag dazu über­dacht. Der Fokus liegt ein­deu­tig zu weit auf dem Bor­der­line Syn­drom, ich werde das kor­ri­gie­ren. Danke für den Hin­weis.
    @Lilly: Dei­ner ein­deu­ti­gen Affi­ni­tät sei dank, habe ich dei­nen Blog damals auch gefun­den. Frag mich aber bitte nicht, wie und wo und mit wel­chen Such­be­griff. Recher­che macht mir Spaß, ich bin Infor­ma­ti­ons­jun­kie mit all sei­nen nega­ti­ven Sei­ten (Rea­li­täts­wahn, Klugscheisserei) :)

  6. Sehr inter­es­san­ter Bericht. Es gibt so viele Kli­schees.
    zu The Cure:
    Robert Smith hat mit dem Siou­xie Bas­sis­ten unter dem Band­na­men »The Glove« auch etwas veröffentlicht.

  7. ich liebe gothic’s ganz viel, allein, ich must fur meine schule ein rede vor­tra­gen, uber gothic’s !

    hast du wass infor­ma­tion fur mir, wilst du dan eine eMail absenden ??

    Danke schon!

    XxX emme­lie, von holland.

    zuse­hen nicht auf mein deutch ;)(L)

  8. @Funkygog: Habe ich doch glatt dei­nen Kom­men­tar über­se­hen. Von die­sem Neben­pro­jekt habe ich noch nichts gehört, der kurze Bericht bei Wiki­pe­dia gibt auch nicht viel her. Hast du viel­leicht klang­li­che Ein­drü­cke, was ich mir unter dem Pro­jekt vor­zu­stel­len habe?

    @Emmelie: Ich ver­stehe schon was du meinst, aber meine Infor­ma­tio­nen, die ich Dir zur Ver­fü­gung stel­len könnte sind alle auf Deutsch und ich weiß nicht wie gut du Deutsch lesen kannst. Viel­leicht kann ich Dir mit eini­gen inter­es­san­ten Eng­li­schen Links aus­hel­fen? Viel­leicht hilft Dir auch die­ser Arti­kel in mei­nem Blog weiter.

  9. @Robert: Heei Robert, Mwahaa, ich kan das wol lesen :P
    Deutch ist end­lich meine Lie­be­lings spra­che (L)
    eigent­lich ist es kein pro­bleem fur mir, wilst du mir die infor­ma­tion geben.. ?

    Danke Schon ;)

    ( ich bin aus hol­land (L) )

  10. Es gibt so viele Infor­ma­tio­nen, die ich Dir geben könnte, viel­leicht wäre es sinn­voll, wenn du kon­krete Fra­gen stellst, die ich dann für Dich recher­chie­ren könnte. Als Ein­stieg emp­fehle ich Dir ein Blick in die Kate­go­rie Sub­kul­tur, dort habe ich bereits viele Unter­grup­pie­run­gen der Gothic Szene beschrie­ben, oder aber auch eine Tag bezo­gene Suche nach dem Begriff Gothic. In nächs­ter Zeit wird es auch eine wis­sen­schaft­li­che Abhand­lung hier im Blog geben, ich arbeite noch an der Umsetzung.

Schreibe einen Kommentar

Hilfe bei der Kommentareingabe?

Trackbacks

  1. […] den größ­ten Irr­tü­mer über Gothics habe ich ja bereits berich­tet, aber woher stam­men die eigent­lich? Deutsch­land Februar 1989, als die […]