15 Dezember

Das Ende der Jugendkulturen

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 200929 Kommentare

Klaus_FarinAls ich jung war, umgaben mich unzählige Jugendkulturen, ich wusste es nur nicht. 1987, da war ich 13 Jahre alt, stellte ich mich zum ersten mal auf dem Schulhof zu denen, die schwarze T-Shirts von Depeche Mode trugen und die Haare so trugen, wie Martin Gore. Von meinem Taschengeld und dem Geld von Oma kaufte ich mir meine ersten Alben, gebrauchte T-Shirts und schwarze Wildlederpikes. Als ich meiner Mutter androhte, ich würde mir die Haare so schneiden lassen wie der schüchterne blonde von Depeche Mode, drohte sie mir mit Rausschmiß.

Argwöhnisch betrachteten wir von unserer Ecke des Schulhofes wie der Techno und der Hip-Hop wieder für bunten Gestalten sorgte und auch musikalisch in die Charts einzog. Ich probierte mich aus, versuchte eine neue Szene und lernte andere Leute kennen. Irgendwann bin dann zurückgekehrt zu meinen Wurzeln, die ich nie wirklich ausgegraben habe und denen ich unterbewusst immer treu geblieben bin.

Mit dem Erwachsen werden reift dann die Objektivität, man lernt, wie man einen Schritt zurück tritt und das ganze Werk betrachtet. Erst jetzt bekommen Jugendkulturen ihren Namen und man versucht das neue und unbekannte in eine Schublade in die es nie passen wird einzuordnen. Immer wieder betrachte ich die Mode der Jugend und frage mich, wo die Kreativität geblieben ist. Alles was heute so getragen oder kombiniert wird, ist irgendwann und irgendwo schon mal gewesen.

Die Überschrift: "Seit den neun­zi­ger Jah­ren ent­ste­hen keine gro­ßen Jugend­sze­nen mehr.« regte mich nach­den­ken an. Klaus Farin, der Lei­ter des Archivs der Jugend­kul­tu­ren und Autor zahl­rei­cher Werke, die auch mein Bücher­re­gal schmü­cken gibt dem Spiegel-Online ein Inter­view zum Thema Jugend­kul­tur. »Die letzte domi­nante Jugend­kul­tur ist im Augen­blick noch Hip­Hop — und sie wird die letzte sein. Es wird klein­tei­li­ger, wider­sprüch­li­cher, schnel­ler. Die Stile flie­ßen inein­an­der über.«

Ist wirk­lich seit dem keine Jugend­kul­tur mehr ent­stan­den? Ist der Hip­Hop wirk­lich das Ende der Fah­nen­stange? Es ist rich­tig, das sich immer wie­der Stile aus bereits vor­han­de­nen Ele­men­ten neu erfin­den. Ich denke aber, das gerade Sze­nen wir der Visual Kei, Cosplay oder auch die Cyber­gothics auf dem Weg zu Eigen­stän­dig­keit sind. Zunächst bediente man sich aus vor­han­de­nen Ele­men­ten, ent­wi­ckelte diese wei­ter und formt dar­aus irgend­wann eine auto­nome Szene. Sicher, rein inhalt­lich ist nicht viel vor­han­den. Pro­test oder Auf­leh­nung sucht man ver­ge­bens, Inhalts­lo­sig­keit und Kon­sum ste­hen im Vor­der­grund. Doch warum gibt es keine neuen Mas­sen­be­we­gun­gen mehr?

»Sie haben keine Zeit mehr dazu. Neue Trends wer­den so schnell von Medien auf­ge­grif­fen und zum Main­stream geformt, dass das lang­same Her­an­wach­sen einer gro­ßen Jugend­kul­tur kaum mehr mög­lich ist. Damit eine Jugend­kul­tur so groß wer­den kann wie etwa Hip­Hop, müss­ten sich die Medien mit dem Phä­no­men kon­ti­nu­ier­lich drei Jahre beschäf­ti­gen. So viel Zeit gibt es aber nicht mehr

Ich denke schon län­ger, das Jugend­li­chen immer mehr die Zeit geraubt wird. Zwi­schen Schule, Aus­bil­dung oder Stu­dium geht man noch zum Sport­ver­ein, zum Musik­un­ter­richt oder auch zur Nach­hilfe. Kein Raum für Krea­ti­vi­tät? Ange­sichts zuneh­men­der Bericht­er­stat­tung über Flat­ratesau­fen, Amok­läu­fen und Gangs­t­er­rap mag so man­cher ver­mu­ten, das viele Jugend­li­che zuviel Zeit hät­ten. In Wahr­heit wird es für die Jugend­li­chen immer schwie­ri­ger sich abzu­gren­zen und sich gegen die Regeln der Eltern auf­zu­leh­nen. Punk, Techno, bunte Haare, Ringe im Gesicht, Täto­wie­run­gen und kaputte Kla­mot­ten scho­cken heut­zu­tage kaum noch einen. Da muss es schon noch extre­mer, noch lau­ter, noch agres­si­ver sein um sich abzu­gren­zen, etwas eige­nes zu haben.

»Es geht bei Jugend­kul­tu­ren ein­fach darum, etwas Eige­nes zu haben, das nicht jeder Gleich­alt­rige hat. […] Die Musik muss nur ein biss­chen schnel­ler und extre­mer wer­den, dann ist man die Über-30-Jährigen schon los. Dance­hall mag auch für Papa akzep­ta­bel sein, Black Metal sicher nicht.«

Und so bekomme ich dann auch gleich mein Fett weg als altern­der Mit-Dreißiger. Es passt mir gar nicht, das Jugend­li­che als Cyber­gothics klei­den und zu agres­si­ver Tech­no­mu­sik die eige­nen Rück­zugs­orte bela­gern. Indus­trial ist heute ein Begriff für einen Tanz­stil und hat nichts mehr mit dem zu tun, was es in den 80er einst gewe­sen ist, Gothic ein Mode­wort für Men­schen, die sich gerne in schwar­zen Kla­mot­ten zei­gen. Viel­leicht will ich nicht akzep­tie­ren das es so ist. Viel­leicht bin ich aber auch ein­fach nur trau­rig, das viele Jugend­li­che von heute sich der Leere hin­ge­ben, dem Kon­sum frö­nen und nur noch Spaß haben wol­len. Viel­leicht bin ich auch trau­rig das die Ver­su­che der Jugend etwas neues zu machen im Keime erstickt wer­den. Mix­kul­tur und das ver­mi­schen von Din­gen zu etwas neuem wird von vie­len Ver­ur­teilt und sogar straf­recht­lich ver­folgt. Neue Trends wer­den von der Indus­trie auf­ge­saugt, auf­pumpt und aus­ge­nutzt, noch bevor sie über­haupt kul­tu­rell wer­den kön­nen.  Doch eine Ende der Jugend­kul­tu­ren zu pro­gnos­ti­zie­ren, wäre mei­ner Mei­nung nach kurzsichtig.

»Was aus­stirbt, sind von Medien hoch­sti­li­sierte Phä­no­mene. […] Das wird bald ver­ges­sen sein wie alles, was nicht in der All­tags­rea­li­tät von Jugend­li­chen selbst erfun­den und gelebt wer­den kann.«

(Bild­quelle: Archiv der Jugend­kul­tu­ren Zitate: Aus dem Inter­view mit Klaus Farin vom 11.12.2009 bei Spiegel-Online von Carola Padtberg)

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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29 Kommentare

  1. Lol, ich lach” mich immer krin­ge­lig, wenn irgend­wer behaup­tet, Cosplay wäre etwas sagen­haft Neues. Ich habe das schon mit Anfang 20 (also Ende der 90er) gemacht — nur nannte das damals nie­mand so. Das Glei­che mit Blog­gen. Mache ich schon seit 2002. Der Begriff »Blog« und Web 2.0 sind viel jün­ger. Ich bin mei­ner Zeit halt weit Voraus. ;)

  2. Nun es gibt sicher­lich noch Jugend­kul­tu­ren, wenn auch nicht immer so groß wie der­einst als es meis­tens nur zwei gab die durch­ge­hend von den Medien beglei­tet wurden.

    Es gibt halt mehr als nur Rol­ling Sto­nes vs Beat­les, oder Punk vs Mods, oder was weiß ich.

    Was ist zum Bei­spiel mit der Ultras Szene in den Stadien ?

  3. @Jessica: Nie­mand hat behaup­tet Cosplay wäre etwas neues :) Cosplay war aber eher eine kleine Nische und keine Jugend­be­we­gung, die aber ste­tig wächst und auf dem bes­tem Weg ist auch hier in Deutsch­land sehr popu­lär zu werden.

    @Sebastian: Ultras oder auch Hoo­li­gans beklei­den mei­ner Mei­nung nach eine beson­dere Stel­lung. Sicher han­delt es sich um ein Jugend­kul­tu­rel­les Phä­no­men, das nicht die Musik oder einen Klei­dungs­stil in der Vor­der­grund rückt, son­dern einen Fuß­ball­ver­ein und — so wie bei den Hoo­li­gans — die Gewalt. Zum ande­ren denke ich, das die Szene hier nicht so groß ist, wie bei­spiels­weise die Elek­tro­ni­sche oder die beim Hip-Hop, sie ist nur in den Medien prä­sen­ter. Doch auch hier sin­ken mei­ner Ansicht nach die »Mit­glie­der­zah­len«. In mei­nem Bekann­ten­kreis tum­meln sich einige »Ultras«, die alle­samt über einige Nach­wuchs­sor­gen berich­ten, wenn es um das gemein­schaft­li­che Orga­ni­sie­ren geht. Teil­ha­ben wol­len viele, etwas dafür tun wenige.

  4. Also in Düs­sel­dorf finde ich schon das die Ultras Szene noch Nach­wuchs hat. Doch würde ich sie dort auch nicht in die Kate­go­rie der Hoo­li­gans ein­sor­tie­ren son­dern eher in die Kate­go­rie der Stim­mungs­ma­cher, die Aktio­nen im Sta­dion, meist kra­tive Sachen, veranstalten.

    Ansons­ten, Sze­nen zu Musik­rich­tun­gen gibt es schon noch, doch sind die meis­tens durch­mischt. Es ist keine rich­tige Fest­le­gung mehr, son­dern nur noch gemisch­ter Geschmack.

  5. Wie kommt man aus­ge­rech­net auf Hip Hop? Dem geht es nicht bes­ser als ande­ren Kul­tu­ren. Was in den Charts gebo­ten wird, ist bes­ten­falls Pop, der mit dem, was Grand­mas­ter Flash, Public Enemy, NWA, De la Soul und Co. fabri­zier­ten, nur sehr wenig gemein hat. Das gilt auch für sol­che Sachen wie Fanta 4. Es ist schlicht ange-hop-ter Pop. Und Leute, die dar­auf abfah­ren, sind Popper.

  6. @Sebastian: Ich würde Hoo­li­gans und Ultras auch nicht ver­mi­schen wol­len, auf kei­nen Fall. Echte Hoo­li­gans gibt es sowie so kaum und wenn wir ehr­lich sind, wären Spiele ohne die Ultras nur halb so schön. Ich habe jetzt nur bei­den in einen Topf gewor­fen, weil sie inner­halb der Jugend­kul­tu­ren eine etwas andere Stel­lung einnehmen.

    @Death Disco: Pop­per :) Die Hip-Hop Kul­tur ist oder war eine der letz­ten gro­ßen Jugend­kul­tu­ren, nicht nur auf Musik bezo­gen son­dern auch auf das drum­herum. Viele ken­nen aber die »alten« Bands die du erwähnst lei­der gar nicht, son­dern begeis­tern sich eben für die­sen ange-hop-ten Pop. Mei­ner Mei­nung nach ist das aber die Ein­stiegs­droge. Leute die sich über die Fanta 4 hin­aus für den ech­ten Hip-Hop inter­es­sie­ren gibt es lei­der wenige, den meis­ten reicht es mitzulaufen.

  7. @ Robert: Ja, das sind schon 2 Bewe­gun­gen, Wobei in Deutsch­land die Ultras neuer sind. Hools sind meist nur wegen den Ran­dale da, die Ultras haben eine neue Welt in die Sta­dien gebracht und eine neue Kul­tur der Stim­mung, wie ich finde.

    Aber hast schon recht, auch wenn es bei F95 dort viele junge Leute gibt, eine rich­tige Jugend­kul­tur ist es dann doch nicht.

    Es ist zwar eine Bewe­gung im Sta­dion aber keine in der Jugendszene.

    Es gibt eben keine ein­heit­li­che Rich­tung mehr, die Jugend und deren Kul­tur ist ein­fach ver­split­tet. Hier ein paar Punx, dort Hip­hop, Techno, Jump­style was weiß ich. R n B , RNR usw.

    Ich bin ja auch nicht nur in einem drin. Klar Metal, aber nicht mit Kutte und Shirt. Hier ein biss­chen Rockn­Roll, Trash, Black und ein wenig Punk und Oi.
    Das ist eben immer mehr gemischt.

  8. Jugend­kul­tu­ren wird es immer geben, weil es immer Leute geben wird, die kei­nen Bock auf das Ein­ge­fah­rene haben, die krea­ti­ver sind als andere und bereit, auch selbst was zu tun. Nur glaube ich nicht, dass noch ein­mal eine Jugend­kul­tur so sehr domi­nie­ren wird wie Rock­mu­sik in den 70ern, Techno in den 90ern und Hip­Hop bis ges­tern. Aber machen wir uns nichts vor: Die Mehr­heit jeder Gene­ra­tion — auch der jeweils jun­gen — sind wenig krea­tive Couch­po­ta­toes, kon­sum­freu­dige Mit­läu­fer, Wochen­end­gruf­ties, Part-time-Punks usw., die gerne Par­tys besu­chen, natür­lich die gerade ange­sag­ten, aber nie auf die Idee kämen, selbst eine zu gestal­ten. Anders würde die­ses Sys­tem der Kon­sum­ge­sell­schaft auch nicht funk­tio­nie­ren. Das ist natür­lich okay; jeder hat das Recht, auf seine Art glück­lich zu wer­den, aber wenn wir ehr­lich sind, müs­sen wir doch fest­stel­len, dass Jugend­kul­tu­ren (& Bands), sobald sie Pop gewor­den sind und jeder Willi sie COOL fin­det, zumeist nur noch lang­wei­len und sie selbst froh sein kön­nen, wenn sie wie­der auf den krea­ti­ven Kern zusammenschrumpfen.

  9. @Farin: Ist das die trau­rige Wahr­heit? Ich denke in die­sem Zusam­men­hang auch an den Segen und Fluch des Inter­nets. Segen, weil er unzäh­li­gen Men­schen eine neue krea­tive Platt­form bie­tet über die man sich schnell und unkom­pli­ziert aus­tau­schen kann. Fluch, weil sie eben gemüt­lich macht, denn man muss ja nicht mehr raus­ge­hen um Freunde zu tref­fen, son­dern sich nur bei einer der unzäh­li­gen »sozia­len Netz­werke« einloggt.

    Wenn wir jetzt ein sol­ches Medium wie bei­spiels­weise MyS­pace neh­men, auf der sich unglaub­lich viele auch unbe­kannte Bands rum­trei­ben und mit­ein­an­der aus­tau­schen und neh­men ein­mal an, es han­dele sich hier­bei um eine neue Jugend­kul­tur, erreicht diese durch­aus die Größe der frü­hen Bewe­gun­gen. Ihre Erschei­nungs­form ist viel­leicht ver­schlei­ert. Online­ga­mer, Clans und Gil­den, Nerds, Geeks und alle ande­ren rein Com­pu­ter basier­ten Jugend­kul­tu­ren sind bis­her als Phä­no­men kaum erfasst und tau­chen teil­weise rein nega­tiv in der Presse auf. Stich­wort: Killerspiele.

    Das erin­nert mich an Zei­ten, in denen jedes Pen­ta­gramm auf dem Fried­hofs­weg gleich ein Platz einer schwar­zen Messe der »Gruf­ties« gewe­sen ist. Und auch hier rea­giert die Presse ähnlich träge um sich wirk­lich ernst­haft mit den The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen. Hier sehe ich per­sön­lich ein gro­ßes Poten­tial und viel­leicht die Hoff­nung seine Ideen und seine Mei­nung auch über den Bild­schirm hin­aus zu tragen.

    Sind Bands die »Pop« gewor­den sind wirk­lich lang­wei­lig? Ist kom­mer­zi­el­ler Erfolg wirk­lich der Tod eines krea­ti­ven Grund­ge­dan­ken? Im Sinne des Punk auf jeden Fall. Aber solange man seine Krea­ti­vi­tät und Aus­sa­gen im Sinne des Kom­mer­zes auf­gibt, spricht für mich eigent­lich nichts dage­gen, solange man nicht ver­gisst immer wie­der mal von der Ober­flä­che in die Tiefe zu tau­chen um zu sehen, wie die Welt unter­rum aus­sieht. Musik die Pop ist und die viele andere hören ist nicht gleich lang­wei­lig und unkrea­tiv, aber die Gefahr das zu wer­den natür­lich sehr viel höher.

  10. Warum »trau­rige Wahr­heit«? Sind Jugend­kul­tu­ren nur dann span­nend, wenn jeder sie gut fin­det? Ging es nicht immer schon eher um das Gegen­teil: etwas Beson­de­res zu haben, was eben nicht jeder mag und kennt? Und dass die Mehr­zahl aller Men­schen poli­tisch unge­bil­dete KONSUMENTEN und Mit­läu­fer sind, ist nun ein­mal eine — in der Tat trau­rige — Wahr­heit. Die gute Nach­richt: Wenige enga­gierte Men­schen kön­nen die Gesell­schaft immer ein Stück weit ver­än­dern, weil die Masse eben mit­läuft (siehe »die 68er« — rea­lis­tisch betrach­tet damals 3–5 Pro­zent der Stu­die­ren­den). Prin­zi­pi­ell hab” ich natür­lich nichts gegen die Masse — ich möchte nur nicht dazu gehö­ren. Und natür­lich gibt es super­geile Pop­stars und –bands. Trotz­dem finde ich, dass Musi­ker in der Regel (!) lang­wei­li­ger wer­den, je berühm­ter sie wer­den. Nicht nur, weil sie dann einem gewis­sen Sog ver­fal­len (H.R. Kunze hat mir mal in nem Inter­view gesagt: »Wenn du ein­mal vor 10.000 Leu­ten auf der Bühne stan­dest, willst du da nicht mehr weg, du willst sie immer wie­der errei­chen«), weil sie mer­ken, dass es gar nicht so schlecht ist, von sei­ner Lei­den­schaft Musik auch noch gut leben zu kön­nen, son­dern vor allem, weil sie im Laufe der Jahre immer pro­fes­sio­nel­ler wer­den und damit in der Regel auch weni­ger aggres­siv. Die Musik wird fili­gra­ner, die Texte wer­den WICHTIGER (von wegen »Ver­ant­wor­tung« und so …) und irgend­wie klingt bald alles SOZIALDEMOKRATISCH. Okay, das gilt nur für den Bereich der Musik, den ich vor­wie­gend höre, also Rock-/Punk-Geschichten, für Techno, Soul oder Reg­gae ver­mut­lich weniger.

    PS: Stimmt, über die Com­mu­nities im Netz wis­sen wir wenig. Ich warte auch immer noch auf ein super­gu­tes, coo­les, sub­kul­tu­rel­les Manu­skript­an­ge­bot für unsere Buch­reihe! Bis­her bekomme ich nur päd­ago­gi­sche Rat­ge­ber von Jugend­schüt­zern und ande­ren Berufs­be­trof­fe­nen ange­bo­ten. Und sowas werde ich NIE veröffentlichen!

  11. Nein, natür­lich ist genau das Gegen­teil der Fall. »Je oller, je dol­ler« sagt man in Köln und lässt sich durch­aus auch auf Jugend­kul­tu­ren aus­deh­nen, gerade das, was beson­ders außer­ge­wöhn­lich und mög­lichst »unbe­liebt« ist, sind meist die span­nen­den Impuls­ge­ber und letzt­end­lich Anzie­hungs­punkt für Jugend­li­che die eben etwas beson­de­res, indi­vi­du­el­les wollen.

    Kommt die Poli­tik, oder Gesell­schafts­kri­tik ins Spiel lässt sich mei­ner Mei­nung nach fest­stel­len. Das kaum eine der neue Jugend­kul­tu­ren über­haupt daran inter­es­siert dar­auf Ein­fluss zu neh­men. Jugend­lich ste­hen immer frü­her unter dem Druck »etwas zu errei­chen« und setz­ten ein ihnen sug­ge­rier­tes Zukunfts­bild immer frü­her um.

    Die Stu­die­ren­den heute und die der 68er Bewe­gung sind da ein gutes Bei­spiel. Erst jüngst haben die stu­die­ren­den Pro­test gemacht gegen die aktu­elle Bil­dungs­po­li­tik, doch die Reso­nanz war lächer­lich, viele hat­ten Angst davor »sich die Zukunft zu ver­bauen« und äußer­ten »das sie keine Zeit hät­ten zu pro­tes­tie­ren«. Ein­zel­fall? Kei­nes­wegs. Ein mir bekann­ter Jurist, der auch an der Uni Wirt­schafts­recht unter­rich­tet und selbst ein Teil der 68er Bewe­gung war bestä­tigt das. 3–5% aktive wäre wohl ein Traum­ziel, viel schlim­mer ist die Tat­sa­che, das sich die Masse eben nicht mehr mit­rei­ßen lässt. Gerne würde er die stu­die­ren­den dazu ermun­tern geschlos­se­ner zu agie­ren. Natür­lich darf er nicht, ver­kehrte Welt…

    Zur Musik: Natür­lich haben Sie recht, in der Regel wer­den kom­mer­zi­ell erfolg­rei­che Bands lang­wei­li­ger und ange­pass­ter. Das lässt sich aber glück­li­cher­weise nicht pau­scha­li­sie­ren. Meis­tens geht sowieso ein Anpas­sung vor­aus um ein brei­te­res Publi­kum anzu­spre­chen. Aber ich fürchte ich muss ihrer Mei­nung zustim­men was den »Wer­de­gang« eines sol­chen Künst­lers angeht. Aus­nah­men bestä­ti­gen die Regel.

    Schön zu hören das sie so etwas NIE ver­öf­fent­li­chen wer­den, sonst würde auch die Qua­li­tät ihrer Publi­ka­tio­nen lei­den. Ich denke das das Inter­net als neuer Mikro­kos­mos Stoff für viele Publi­ka­tio­nen bie­tet, dazu zäh­len nicht nur Com­mu­nities, son­dern auch vie­len andere Phä­no­mene. Ein­zi­ger Schwach­punkt: Die meis­ten die­ser Dinge sind recht schnell­le­big und ebenso schnell ver­schwun­den wie sie ent­stan­den sind. Bei­spiel: LAN-Parties. Ein blü­hen­des Para­dies, in dem sich Jugend­lich aus­pro­bier­ten und auch über den Bild­schirm hin­aus aktiv wur­den und als Ver­an­stal­ter aktiv wur­den. Auf gro­ßen Events tra­fen sich bis zu 10.000 Spie­ler aus aller Welt (siehe Dream­hack. Mitt­ler­weile erset­zen immer schnel­lere Inter­net­ver­bin­dun­gen die Grund­in­ten­tion einer sol­chen LAN-Partie.

  12. Rock’N’Roll (50er, frühe 60er), Beat-u. Hippie-Bewegung(Mitte 60er), Glam-Rock (70er), Disko/Punk (70er-frühe 80er) und New Wave (frühe/mitte 80er) sind echte Bewe­gun­gen gewe­sen. Dann kamen HipHip/Techno (obgleich es Ansätze die­ser Bewe­gung schon in den 80ern gab, nur kei­ner wollte sie haben). Bei Hip­Hop und Techno war es so, dass diese schon fak­tisch von skru­pe­lo­sen Mana­gern u. der Musik/Modeindustrie sup­por­tet wur­den, somit war schon bei die­sen bei­den Bewe­gun­gen klar, dass es zukünf­tig keine Bewe­gung mehr eben wird.

  13. Das kann ich so nicht ste­hen las­sen, es wird auch wei­ter­hin Jugend­be­we­gun­gen geben. Sicher­lich nicht mehr in dem kol­lek­ti­ven Aus­maß wie in den 60ern, 70ern und 80ern aber »Bewe­gun­gen« gibt es immer noch. Das die Indus­trie Bewe­gun­gen für sich ver­ein­nahmt scheint unaus­weich­lich, man ver­zeiht sich Feh­ler aus der Ver­gan­gen­heit immer noch nicht. Durch die welt­weite Ver­net­zung und Ver­brei­tung von Infor­ma­tio­nen fin­den Jugend­be­we­gun­gen nicht mehr aus­schließ­lich an »gewohn­ten« Orten statt, son­dern ver­la­gert sich in andere Kanäle. Durch die Viel­falt wird es für den ein­zel­nen schwer, sich zu iden­ti­fi­zie­ren oder sich einer Szene Zuge­hö­rig zu füh­len was das aus­dif­fe­ren­zie­ren in echte Bewe­gun­gen schwie­ri­ger macht, aber nicht unmöglich.

    Zu behaup­ten es würde zukünf­tig keine Bewe­gun­gen mehr geben finde ich per­sön­lich sehr eng­stir­nig. Ich stimme zu, wenn man sagt die »Größe einer Bewe­gung« ist sehr viel klei­ner gewor­den. Jetzt könnte man natür­lich dar­über dis­ku­tie­ren, wann eine Bewe­gung eine Bewe­gung ist und wann eine Randerscheinung?

    Würde mich über einen wei­te­ren Kom­men­tar freuen!

  14. @Robert: „Sind Bands die ‚Pop’ gewor­den sind wirk­lich lang­wei­lig? Ist kom­mer­zi­el­ler Erfolg wirk­lich der Tod eines krea­ti­ven Grundgedanken?“

    In letz­ter Zeit mache ich mir – nicht zuletzt auf­grund des Schmö­kerns in Dei­nem Blog – u.a. über diese Fra­gen so meine Gedanken.

    Für jeman­den, der sich auch musi­ka­lisch von der gro­ßen Masse abgren­zen möchte, wird eine kom­mer­zi­ell erfolg­rei­che Band sicher­lich eher unin­ter­es­sant wer­den. Schließ­lich erfüllt sie wegen ihres Erfolgs nicht mehr den Grund­ge­dan­ken der Abgren­zung. Ich meine, dass es dann auch gar keine Rolle spielt, ob sich eine Band geän­dert hat, um die­sen Erfolg zu haben. Allein die Tat­sa­che, dass die Band von vie­len gehört wird, reicht schon aus, um sich von ihr abzuwenden.

    Zur zwei­ten Frage: Kom­mer­zi­el­ler Erfolg muss nicht zwangs­läu­fig der Tod der Krea­ti­vi­tät sein. Aber lei­der ist er das doch recht häu­fig. Künst­ler geben auf­grund des Erfolgs zu oft ihre „Frei­heit“ auf und las­sen sich in gewis­ser Weise steu­ern. Es wer­den Ideale über Bord gewor­fen, um erfolg­reich zu sein bzw. zu blei­ben. Viel­leicht ist das nicht ein­mal in jedem Fall die Schuld der Musi­ker, son­dern viel­mehr der Ein­flüsse (und Men­schen), denen sie nun aus­ge­setzt sind.

    Dass ein wach­sen­der Zuspruch für eine Szene bzw. Jugend­kul­tur, die sich eigent­lich von der Masse abgren­zen möchte, nicht unbe­dingt bekommt, hat ja das Bei­spiel „Punk“ gezeigt. Was heute als „Punk“ bezeich­net wird, ist gesell­schafts­fä­hig und wider­spricht somit kom­plett dem Grund­ge­dan­ken die­ser Bewe­gung.
    Im musi­ka­li­schen Bereich gab (und gibt) es den Begriff „Inde­pen­dent“. Bands haben ihr eige­nes Ding durch­ge­zo­gen. Mitt­ler­weile ist der Begriff durch die Kom­mer­zia­li­sie­rung nur noch ein Witz.
    Manch­mal scha­det der Erfolg auch Ver­an­stal­tun­gen. Bes­tes Bei­spiel: das Bizarre Fes­ti­val. Die­ses schien anfäng­lich ziem­lich unab­hän­gig zu sein und die Auf­tritte von bei­spiels­weise Sioux­sie and the Bans­hees, New Model Army, Ein­stür­zende Neu­bau­ten, Ramo­nes, The Pixies und Fields Of The Nephilim stan­den im Mit­tel­punkt. Auf­grund eines zuneh­men­den Inter­es­ses wurde aus einem Fes­ti­val für alter­na­tive Musik aber eine Art musi­ka­li­sches Volks­fest. Immer grö­ßer, immer mehr und irgend­wie auch immer ange­pass­ter. Am Ende waren die Gagen der ver­pflich­te­ten Bands so hoch, dass das Fes­ti­val pleite ging. Zu die­sem Zeit­punkt war das Fes­ti­val aber schon lange tot – zumin­dest der ursprüng­li­che Gedanke scheint bei der gan­zen Kom­mer­zia­li­sie­rung auf der Stre­cke geblie­ben zu sein.

  15. @Marcus: In gewis­ser Weise und im Umkehr­schluss ist es heute ein sehr schnel­ler Schritt in die Kom­mer­zia­li­sie­rung. Und natür­lich ist eine kom­mer­zi­ell erfolg­rei­che Band nicht grund­sätz­lich frei von Krea­ti­vi­tät, im Gegen­teil: Wenn die Musik sich als Lebens­grund­lage eig­net (aus rein mone­tä­rer Sicht), wird die Arbeit damit inten­sive auch wenn Musik von der Frei­zeit­be­schäf­ti­gung zur Lebens­grund­lage wird.

    Wie du schon rich­tig sagst, unter­scheide ich auch hier zwi­schen »kom­mer­zi­ell erfolg­reich« und »Kom­mer­zi­el­ler« Musik. Denn kom­mer­zi­elle Musik ist auf die ver­meint­li­chen Wün­sche und Bedürf­nisse einer immer brei­te­ren Masse gerich­tet, die meist zu Las­ten des Inhalts und Gestal­tung geht. Hier sind auch die Künst­ler selbst gefragt, die sich oft von einer Maschi­ne­rie des Musik­in­dus­trie ein­neh­men und aus­sau­gen lassen.

    Ein Bei­spiel? Unhei­lig ist zu die­sem Thema sehr aktu­ell. Das sie kom­mer­zi­ell erfolg­reich wur­den hat ihnen sicher­lich nie­mand krumm genom­men. Das sie aber durch bei­nahe per­verse Medi­en­prä­senz und immer ange­pass­tere Musik nun mei­ner Mei­nung nach rein kom­mer­zi­ell agie­ren, darf ihnen zu Recht übel genom­men werden.

    Fes­ti­vals sind eben­falls ein gutes Stich­wort. Du musst Dir nur mal anschauen was auf gro­ßen Fes­ti­vals der »schwar­zen Szene« als Head­li­ner prä­sen­tiert wird. Von Gothic im Sinne der Musik fehlt hier meist jede Spur.

    Um die Frage, die du Ein­gangs for­mu­liert hast zu beant­wor­ten: »Nein, nicht auto­ma­tisch« Aber Erfolg ver­lei­tet, Popu­la­ri­tät ist wie eine Sucht. Oft ist kom­mer­zi­el­ler Erfolg die Ein­stiegs­droge bis zur völ­li­gen Kom­mer­zia­li­sie­rung. Ich gönne JEDEM einen kom­mer­zi­el­len Erfolg, also das er mit sei­nen Wer­ken Geld ver­dient, solange er sei­ner Musik, sei­ner Krea­ti­vi­tät und sei­nen Idea­len treu bleibt und nicht seine Seele an den Teu­fel verkauft.

  16. @Robert

    Was meinst du mit »ange­pass­ter Musik« bei Unhei­lig? Klingt doch wie immer — Schla­ger eben. Fand ich schon immer scheuß­lich. Ich finde nicht, dass sich da was ver­än­dert hat. Außer dass ich den Graf neu­lich in einer Frau­en­zeit­schrift mei­ner Schwie­ger­mut­ter ent­deckt habe. :-) Künst­ler müs­sen von irgend­was leben und sind genauso gefan­gen im Sys­tem wie alle ande­ren. Das heißt: Geld verdienen!

    Sub­kul­tu­ren zeich­nen sich dadurch aus, dass sie sich in irgend­ei­ner Art und Weise gegen das Sys­tem auf­leh­nen. Oft recht halb­her­zig nach Fei­er­abend und an Wochen­en­den. Wenn die Sze­ne­bands dann so offen­sicht­lich »dem Kom­merz« ver­fal­len, wer­den sie aus der »Fami­lie« geschmis­sen. Oft von denen, die nach dem Kon­zert die schwar­zen Kla­mot­ten aus­zie­hen und sich im Anzug ihrem Brot­job widmen.Schließlich reprä­sen­tie­ren die Bands die Auf­leh­nung. Das ist nicht fair, oder?

    Ich stimme aller­dings zu, dass es schwie­rig ist, sich selbst treu zu blei­ben, wenn das große Geld winkt. Damit wird so man­cher Künst­ler zu kämp­fen haben. Selbst Prince hat sei­nen Namen geän­dert, um den Kne­bel­ver­trä­gen zu ent­kom­men und das ist nur ein Bei­spiel, das zeigt, dass viele Künst­ler sich nicht frei­wil­lig in diese Abhän­gig­keit bege­ben. Was sol­len sie denn machen? Nach dem Kon­zert schnell duschen und dann irgendwo kell­nern gehen? Kom­mer­zia­li­sie­rung hat in den meis­ten Fäl­len sicher nichts mit Sucht nach Geld und Erfolg zu tun son­dern mit Lebenshaltungskosten.

    Hier mal ein Link zu einem auf­schluss­rei­chen Artikel:

    http://www.news.de/medien/855079158/die-buerojobs-der-rockstars/1/

  17. Das Unhei­lig mit Gothic hin­sicht­lich der Musik nicht viel zu tun hatte und hat, steht außer Frage. Es ging mir eher um die Medi­en­prä­senz, das »pus­hen« der Ver­kaufs­zah­len, den Weg, aus den erfolg­rei­chen Stü­cken alter Ver­öf­fent­li­chun­gen ein neues Album zu pro­du­zie­ren. »Wel­ches Stück kam gut an?« — »Gut, ver­fol­gen wir das wei­ter« — ange­passt eben, das ist mein Eindruck.

    Musik ist aber eine künst­le­ri­sche Arbeit, die für viele Men­schen emo­tio­nale Bedeu­tung hat und da passt »Geld ver­die­nen« nicht unbe­dingt hin­ein und erschließt für viele nicht. Ich gestehe jedem Künst­ler zu sich zu ver­än­dern, Geld zu ver­die­nen und berühmt zu wer­den. Solange ich mir zuge­ste­hen darf, das zu kritisieren :)

    Das Musi­ker aktu­ell kaum Geld ver­die­nen liegt aber auch an der Maschi­ne­rie der Musik­in­dus­trie. Ein Musik­stück kos­tet bei­spiels­weise 99 Cent, 6 Cent bekommt der Künst­ler — wo bleibt der Rest? Der ver­pufft in einem auf­ge­bläh­ten Kopf der Schlange. Außer­dem hat sich die Musik­szene durch das Netz grund­le­gend geän­dert. Wo man frü­her 10 fri­sche Bands zu Ohr bekam sind es heute 100. Die stän­dige Ver­füg­bar­keit und das Über­an­ge­bot regelt den Preis, auch in der Musik. Gut für das Pro­dukt, schlecht für die Kunst.

  18. Ja, Musik hat ins­be­son­dere für die Künst­ler sel­ber eine emo­tio­nale Bedeu­tung. Kri­ti­sie­ren darfst du, aber wenn die Künst­ler sich diese Kri­tik zu Her­zen neh­men wür­den, könn­ten sie den Laden gleich dicht machen und auf dem WGT gäb es dem­nächst nur noch kom­mer­zi­elle Ver­kaufs­stände statt Konzerte. ;-)

    Musi­ker hän­gen eben mit­ten in der Musik­in­dus­trie und kön­nen da kaum wäh­len. Den 100sten Auf­guss eines Erfolgs-Songs lei­tet meist das Label in die Wege, nicht die Band. Viel­leicht wird das Inter­net die Musik­in­dus­trie wei­ter auf­mi­schen. Viele Bands ver­kau­fen ja schon direkt über ihre Web­sei­ten ohne Label. Die Fans müs­sen dann aber eif­rig mit­zie­hen und die Musi­ker unterstützen.

  19. Grund­sätz­lich ist es sicher­lich ein Pro­blem, dass die „For­de­run­gen“ der Fans oft gar nicht unter einen Hut zu brin­gen sind. Die favo­ri­sier­ten Bands sol­len sich nicht dem Mas­sen­ge­schmack unter­wer­fen, bes­ten­falls jähr­lich eine vor Krea­ti­vi­tät strot­zende Platte ver­öf­fent­li­chen, regel­mä­ßig Kon­zerte in allen mög­li­chen Gegen­den spie­len. Dies ist doch kaum möglich.

    Bei den Fes­ti­vals ist es ggf. ähnlich. Die Besu­cher ver­lan­gen u.a. nach gro­ßen, nam­haf­ten Bands, die kräf­tig Geld kos­ten. Der Ticket­preis darf aber natür­lich nicht stei­gen. Spon­so­ren müs­sen her. Und am Ende ver­sperrt die Reklame eines Bier­stands den Blick auf die Bühne…

    Musik bzw. Kunst als Hobby oder Beruf? In den meis­ten Beru­fen muss man dum­mer­weise Kom­pro­misse ein­ge­hen. Ein Musi­ker bewegt sich auf einem schma­len Grad zwi­schen Idea­lis­mus und Kom­merz. Tja, und Erfolg ver­führt eben auch Idea­lis­ten. Vor allen Din­gen wenn es um die eigene Exis­tenz geht. Schließ­lich muss jeder von irgend­et­was leben. Und dann doch viel­leicht lie­ber von Musik, hin­ter der man selbst gar nicht steht, als von Hartz IV. Und auch wenn man diese Ent­schei­dung nach­voll­zie­hen und respek­tie­ren kann, wird man als „Musik­kon­su­ment“ dadurch glück­li­cher­weise noch lange nicht gezwun­gen, einer Band die Treue zu halten.

  20. @Marcus
    Nicht zu ver­ges­sen, die gan­zen Neben­bau­stel­len, die ohne ordent­li­ches Label sel­ber über­nom­men wer­den müs­sen: Wer­bung, Pro­duk­tion, Boo­king, Web­seite usw. Das kos­tet auch alles Zeit und Nerven.

    Aber ich stimme zu: Es bleibt beim Musik­kon­su­ment nur ein Gedanke, wenn die Inde­pen­dent Band in den Main­stream rutscht: Mist, schon wie­der eine gute Band weniger.

  21. Hand auf´s Herz: In wel­chem Lebens­be­reich muss man keine Kom­pro­misse schlie­ßen? Ich sehe dies genauso wie Mar­cus, der Künst­ler allein kann nicht von Luft und Liebe leben (oder er wan­dert nach Indien aus, um Asket zu werden).

    Edle Gesin­nung hin oder her, aber wel­cher Künst­ler, wel­cher Autor, sähe es nicht gerne, seine Ideen — ja; sei­nen Idea­lis­mus — einem brei­ten Publi­kum vor­zu­stel­len. So ist Aner­ken­nung und letzt­end­lich auch der Absatz sei­nes Pro­dukts zuge­ge­bener­weise zuerst eine »Bauch­pin­se­lei der Seele«, aber bei dem schö­nen Neben­ef­fekt »Geld ein­fah­ren« sagt schließ­lich nie­mand Nein! Man kann des­halb nie­man­den ver­teu­feln, aber für sich selbst die ent­spre­chende Kon­se­quenz schließen.

    Authen­ti­zi­tät ist immer noch das prin­zi­pi­elle Zau­ber­wort. Trotz Kom­mer­zia­li­sie­rung sollte man sich selbst treu blei­ben, alles andere wirkt unglaub­wür­dig — und das merkt letzt­end­lich nicht nur der Kon­su­ment son­dern auch das per­sön­li­ches Umfeld.

    Bis zur Apo­ka­lypse wird es sicher­lich noch ein Weil­chen dau­ern; bis dahin wer­den sich immer wie­der neue Jugend­kul­tu­ren for­ma­tie­ren, die sich mit ihren Atti­tü­den und ihrer Optik von ande­ren unter­schei­den wol­len. Auch das ist einer der fun­da­men­ta­len Eigen­schaf­ten des Men­schen, Glei­ches zieht Glei­ches an.

  22. @Marcus: Ich kann zwar jetzt kon­kret nur für mich spre­chen, aber ich glaube, dass der Anspruch vie­ler Fans über­schätzt wird. Die über­spitz­ten Erwar­tun­gen in dei­nem Kom­men­tar mögen in Ein­zel­fäl­len zutref­fen, ich denke aber, das ein Künst­ler in Sachen Musik sich von nie­man­den beein­flus­sen las­sen sollte. Weder vom Label noch vom Fan. Ich bin der Mei­nung hier haben die Majors den nega­tivs­ten Ein­fluss. Denn die Stre­ben nach MEHR, mehr Gewinn, mehr Absatz, mehr Fans, nicht unbe­dingt der Künst­ler an sich.
    Ich weiß auch ehr­lich gesagt nicht, woher diese Nai­vi­tät kommt, wis­sen zu wol­len was die Fans hören möch­ten, der Fan sucht sich die Band aus. Wenn sie einem nicht mehr gefällt, oder die Musik sich in eine fal­sche Rich­tung ent­wi­ckelt erwei­tern die meis­ten ihre musi­ka­li­schen Ansprü­che und auch mit dem Alter ändert sich der Geschmack immer mal wieder.

    Künst­ler müs­sen in der Tat den Grat zwi­schen dem eige­nen Anspruch und der Mög­lich­keit des Geld­ver­die­nens abwä­gen. Man könnte die Dis­kus­sion auf die Spitze trei­ben und behaup­ten: Kunst für Geld ist keine Kunst, denn damit ver­schwin­det die völ­lige Frei­heit. Aber gut, da mag über­trie­ben sein.

    @orphi: Mir ist eigent­lich egal, ob eine Band Main­stream, Under­ground oder Indie ist, haupt­sa­che mir gefällt die Musik und deren Inhalt. Als jah­re­lan­ger Depeche-Mode Fan konnte ich mich auch nie mit allen Plat­ten anfreun­den, finde aber auch heute noch gute Stü­cke obwohl das Main­stream ist. Ich werde auch wei­ter­hin zu Unhei­ligs »Mein Stern« mit mei­ner Herz­al­ler­liebs­ten tan­zen, obwohl es Kom­merz ist. Letzt­end­lich sollte doch nie­mand die Musik daran mes­sen wie bekannt der Künst­ler ist, son­dern daran, ob sie einen berührt oder bewegt — denn dafür ist Musik auch gemacht. Und manch­mal fin­det man düs­ters­ten und ursprüng­lichs­ten Goth-Sound eben auch in den Charts — meis­tens aber nicht :)

    @Madame Mel: Tol­ler Kom­men­tar. Hast das ganze auch nach mei­ner Ein­stel­lung dazu gut zusam­men­ge­fasst. Nimmt man das, was ich zu orphi kom­men­tiert habe und deine Zusam­men­fas­sung, kommt man mei­nem Ide­al­bild von Musik schon ziem­lich nahe.

  23. @ Robert Nur wegen dir habe ich mir jetzt »Mein Stern« ange­tan. :-) Er singt von einem Kind, oder? Wenn er nicht immer so furcht­bar thea­tra­lisch into­nie­ren würde, wäre es ja ganz nett. So schüt­telt es mich nur — brr — trotz des Tex­tes, den ich nach­voll­zie­hen kann.

    Ansons­ten: Ich bin mir nicht sicher, ob man immer so frei ent­schei­det bei Künst­lern. Ich finde bei­spiels­weise, dass Rob­bie Wil­liams ein groß­ar­ti­ger Sän­ger ist und Songs/Videos wie »Sexed up« sind genial. Aber ich kann mich nicht mit ihm iden­ti­fi­zie­ren. Des­halb ist er mir nicht wich­tig. Andere Künst­ler aus der Szene hin­ge­gen gehö­ren zu »mei­ner Welt«. Ich weiß nicht, ob das noch so wäre, wenn sie — wie der Graf — in Mainstream-Frauenmagazinen auf­tau­chen wür­den. Die Musik wäre die selbe, das Gefühl dazu ein anderes…

  24. @orphi: Sollte auch nur ein Bei­spiel sein, konnte ja nicht ahnen das du es dann tat­säch­lich »tust«. Aber dar­über hin­aus hast du völ­lig recht und triffst (wie­der mal den Punkt den ich suchte). Iden­ti­fi­zie­rung. Ich finde das Stück »Mein Stern« zwar gut, aber iden­ti­fi­zie­ren mich nicht mit Unhei­lig als Band. So wie du bei Rob­bie Wil­liams. Die Iden­ti­fi­zie­rung mit ein­zel­nen Künst­lern geht über die Musik hin­aus. So ist man dann auch als Fan geneig­ter den Wand­lun­gen des Künst­lers oder Iden­ti­fi­zie­rungs­sym­bols zu fol­gen. Mar­tin Gore wäre hier eins mei­ner Bei­spiele, der hat bei mir jeden­falls sehr gro­ßes Iden­ti­fi­zie­rungs­po­ten­tial, auch wenn ich anders­herum nicht alles von ihm (allein oder mit DM) gut finde, musikalisch.

  25. Mich hat mal irgend­wer gefragt, warum mir das immer so wich­tig sei, wel­cher Künst­ler hin­ter der Musik steht. Warum ich mir Inter­views mit den Bands durch­lese und auch Neben­pro­jekte inter­es­siert ver­folge, die ich unter Umstän­den gar nicht so toll finde. Und warum ich Künst­ler unin­ter­es­sant finde, deren Musik ich mag, deren Lebens­ein­stel­lung oder Aus­sa­gen in Inter­views ich aber nicht nach­voll­zie­hen kann. Musik sei doch Musik und würde alleine wir­ken. Ich konnte es nicht rich­tig wider­le­gen, glaube aber, dass es nicht stimmt.

    Ein Erklä­rungs­ver­such: Musik — und damit meine ich nicht nur die Texte — ist Aus­druck der Per­sön­lich­keit des Musi­kers. Der Musi­ker nimmt dich mit auf seine Reise. Wenn ich zum Bei­spiel weiß, dass der Song­text oder die Musik zu dem Stück nicht von die­sem Musi­ker stammt (oder von der Band als Gan­zes), wird diese Reise für mich unin­ter­es­sant, weil sie ein »kom­mer­zi­el­les Pro­dukt« ist und keine per­sön­li­che Ein­la­dung. Und wenn der Künst­ler aus irgend­ei­nem Grund nicht auf »mei­ner Wel­len­länge« schwimmt, dann mag ich ihm nicht fol­gen. Dann höre ich bloß zu und finde es gut oder schlecht — wie bei Rob­bie Williams.Was bei dir Mar­tin Gore ist, ist bei mir Peter Spil­les — ich mag ihn, ich mag seine Gedan­ken und seine Ener­gie, seine Welt­an­schau­ung und natür­lich auch die Musik (den Punkt darf man nicht ganz ver­nach­läs­si­gen). Selbst Songs und Texte, die ich nicht so toll finde, betrachte ich auf­merk­sam. Ist mir auch völ­lig egal, ob Rob­bie bes­ser sin­gen kann.

    Um den Dreh zurück zu bekom­men: Ich glaube, man nimmt es einem lieb gewon­nen Künst­ler sehr übel, wenn er durch Ein­tritt in den Main­stream, durch Kne­bel­ver­träge und Druck von außen die per­sön­li­chen Rei­sen durch »kom­mer­zi­elle Pro­dukte« ersetzt. Selbst wenn er das nicht macht und sich irgend­wie treu bleibt, nimmt man ihm das nicht mehr ab. Ich hoffe, das war jetzt nicht zu blu­mig erklärt. ;-)

  26. @orphi: Ähnlich sehe ich das auch. Die Hand­lun­gen der Künst­ler kön­nen die Emp­fin­dun­gen hin­sicht­lich der Musik ändern – ganz unab­hän­gig davon, ob sich die Musik selbst geän­dert hat. Dies beschränkt sich natür­lich nicht nur auf den kom­mer­zi­el­len Aspekt. Vor Jah­ren habe ich ein­mal erlebt, wie bei einem Kon­zert ein Sän­ger ins Publi­kum gespuckt hat. Danach hatte ich beim Anhö­ren der Musik kom­plett andere Emp­fin­dun­gen. Für mich war dadurch das Thema erst ein­mal erle­digt. Ich möchte die Auf­tritte von Unhei­lig bei Car­men Nebel und ähnli­chen TV-Sendungen nicht auf die glei­che Stufe mit einer Spuck­at­ta­cke stel­len, doch auch dies ändert wohl bei dem einen oder ande­ren Hörer die grund­sätz­li­chen Gefühle.

    @Robert: So gese­hen hast Du natür­lich recht. Die Plat­ten­la­bels sind der Haupt­ein­fluss­fak­tor. Und ob diese immer wis­sen, was die Fans wirk­lich wol­len, ist natür­lich dahin­ge­stellt. Letzt­end­lich ist es der Musik­in­dus­trie sicher­lich auch voll­kom­men egal, ob man die alten Fans zufrie­den stellt, sofern man durch die Ein­fluss­nahme auf den Künst­ler eine neue und vor allen Din­gen grö­ßere Hörer­schaft anspre­chen kann.

    Grund­sätz­lich ist es wohl begrü­ßens­wert, wenn eine Band ihr eige­nes Label betreibt und dadurch gewisse Frei­hei­ten hat. Unterm Strich muss aber auch diese Band einen Gewinn erwirt­schaf­ten, um davon leben zu kön­nen. Bei man­chen scheint die­ser Balan­ce­akt aber recht gut zu funk­tio­nie­ren. Spon­tan fällt mir „New Model Army“ ein, die ich mir am Sonn­tag mal wie­der live anse­hen werde :-)

    Letzt­end­lich muss jeder Künst­ler für sich ent­schei­den, wo seine Gren­zen lie­gen und wel­che Kom­pro­misse er ein­ge­hen möchte. Aber es ist sicher­lich nicht leicht, sei­nen Prin­zi­pien treu zu blei­ben, wenn einem einen Ver­trag unter die Nase gehal­ten wird, der einen gewis­sen Ver­dienst garan­tiert, aber zugleich die eigene Hand­lungs­frei­heit einschränkt.

  27. Aus­nah­men bestä­ti­gen aller­dings die Regel. Ich finde And­rew Eldritch ein wenig…eigentlich sehr… na ja … die Musik fängt mich trotz­dem ein. Und anders­rum: Ich mag Bela B. als Per­son sehr gerne. Die Solo­al­ben kann ich mir aber bei aller (Jugend-)Liebe nicht antun. Ist viel­leicht doch kom­pli­zier­ter das Ganze… ;-)

    @Marcus
    Geb ich dir völ­lig Recht. Wenn der Spil­les ins Publi­kum spu­cken würde, würde ich die CDs nach ganz unten in den Sta­pel legen. Hat ja auch was mit der Per­sön­lich­keit des Künst­lers zu tun.

  28. Es ist doch immer wie­der ein gutes Gefühl, auf Men­schen zu tref­fen, die die Medaille eben­falls von zwei Sei­ten betrach­ten und ihre eige­nen Rück­schlüsse zie­hen. Dem Geschrie­be­nen kann ich, ohne eine Redun­danz her­vor­zu­brin­gen, nichts mehr hinzufügen.

    Die The­ma­tik der Hin­ter­fra­gung könnte man jetzt ins Unend­li­che wei­ter­füh­ren; diese hört schließ­lich nicht im Musik­be­reich auf, es geht wei­ter in Rich­tung Kunst, Lite­ra­tur, Wis­sen­schaft, Wirt­schaft & Poli­tik bis hin zur Reli­gion (sollte ich noch etwas außer Acht gelas­sen haben, möge mir ver­zie­hen werden).

    Wir hören, was wir mögen und es wäre jam­mer­schade, wenn so man­che Band einem gro­ßen Publi­kum ver­währt bliebe.

    Also »Lebe jetzt den Augen­blick« und »Enjoy the silence«.

  29. @Madame: Rich­tig, Hin­ter­fra­gen könnte man in unend­li­che tun. Das soll uns aber nicht davon abhal­ten es auch zu tun, manch­mal sind »gedachte« Kom­men­tare viel zu schade um in der Enge des eige­nen Kop­fes ihre Kreise zu dre­hen. Pro­kas­tra­tion auf­grund eines in mei­nen Augen fal­schen Ver­ständ­nis­ses von Unend­lich­keit ist unnö­tig, wenn du ver­stehst was ich meine.

    Des­halb: Lebe jetzt den Augen­blick, share the Silence. Denn auch wenn ich Mar­tin Gore als Mensch, Tex­ter und Song­wri­ter bewun­dere — ich stimme ihm nicht immer zu ;)

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