6 Oktober

Cure gegen Hosen - Waver, Grufties, Punks

Kategorie: Dunkle Vergangenheit, Schwarze Szene — Jahrgang: 20092 Kommentare

rock am see 1989Wir schrei­ben das Jahr 1989. Auf dem jähr­lich statt­fin­den­den Fes­ti­val Rock am See, das jähr­lich in Kon­stanz am Boden­see statt­fin­det, tref­fen sich zu die­sem Zeit­punkt unzäh­lige Waver, Punks und Gruf­ties, was in ers­ter Linie am Line-Up lie­gen mag: The Cure, Die Toten Hosen, The Mis­sion, The Sug­ar­cu­bes (Ex-Band von Björk) und Shel­leyan Orphan locken rund 23.000 Fans bei 30 Grad in das Bodenseestadion.

Auch die Zeit­schrift Pop­corn nimmt sich der Sache an und schreibt den Arti­kel Cure gegen Hosen — Happy Toge­ther: Waver, Gruf­ties, Punks obwohl hier nie wirk­lich gegen­sätz­li­ches auf­ein­an­der­trifft, eher ver­wand­tes. So heißt es dann im Unter­ti­tel auch völ­lig rich­tig Glück­lich zusam­men. Hier war man wegen der Musik, nicht wegen dem Rah­men­pro­gramm, vom WGT sprach zu die­sem Zeit­punkt noch nie­mand, schließ­lich sollte die Mauer erst spä­ter fal­len. Rock am See war zu die­sem Zeit­punkt das größte alter­na­tive Fes­ti­val im Süden der Repu­blik, für mich zu die­sem Zeit­punkt lei­der unerreichbar.

Meers­burg am Boden­see, 20. Mai, 12 Uhr Mit­tags — bei 30 Grad im Schat­ten ste­hen die Autos Stoß­stange an Stoß­stange vor dem Fähr­an­le­ger Rich­tung Kon­stanz. 23.000 Fans sind auf dem Weg ins Boden­see­sta­dion, viele Rock­freaks haben inzwi­schen schon mehr als acht Stun­den Fahrt hin­ter sich. Doch die Stim­mung ist trotz­dem rie­sig, beglei­tet vom Sound aus den Auto­ra­dios erreicht sie schon auf der Fähre einen ers­ten Siedepunkt.

rock am see 89 toten hosen fansFestival-Feeling auch in der über­füll­ten Arena des idyl­lisch gele­ge­nen Kon­stan­zer Wald­sta­di­ons, wo um 16 Uhr »Shel­leyan Orphan« als erste von fünf Bands das Open-Air-Konzert eröff­nen. Dann der Set der »Sug­ar­cu­bes«. Aber der Ruf »Hosen, Hosen« aus der Menge wird immer lau­ter. Die Fans begin­nen zu fie­bern und wer­den Punkt 18.30 Uhr erlöst: Ihre »Toten Hosen« betre­ten die Bühne!

Die Düs­sel­dor­fer Fun-Punks brin­gen Stim­mung total. Cam­pino, Kud­del & Co. powern mit der »Opel­gang« und »Alex«. Die Fans brül­len jede Zeile mit, Schweiß und Bier flie­ßen Liter­weise, auf der Bühne lan­den T-Shirts, Hand­tü­cher, Hosen in Mas­sen. Die Menge tobt: Cam­pino turnt in knapp zehn Meter hohen Verstärker-Anlagen herum. »Falls einer hin­fällt, tre­tet nicht drauf«, schreit er ins Mikro. Die Ord­ner sind im Streß — satte 60 Minu­ten lang. Solange dau­ert die totale Action-Show inklu­siv vier Zugaben.

rock am see 89 grufties, waverÜber dem von Sonne auf­ge­heiz­ten Sta­dion liegt jetzt eine dichte Staub­de­cke der Sand der Aschen­bahn, dreck­ver­schmierte Gesich­ter, gla­sige Bli­cke, leere Fla­schen, Umbau­phase. Wäh­rend sich auf dem Boden die erschöpf­ten »Hosen«-Fans lagern, aus­ge­powert vom Mix aus Hitze, Bier und Sound, ste­hen andere auf, bewe­gen sich lang­sam in Rich­tung Rampe. Dunkle Gestal­ten war­ten schwei­gend auf ihren Sound — auf »The Mission«.

Die meis­ten, die sich zum kno­chen­tro­cke­nen »Tower Of Strenght« und »Beyond the Pale« wie in Zeit­lupe bewe­gen und ver­hal­ten mit­sin­gen, ver­ste­hen sich als Waver. Mit den Gruf­ties ver­bin­det sie das Sty­ling der lack­schwar­zen Haare — rasierte Par­tien und spraystarre Dichte — die dun­kel­sil­ber­nen Kreu­z­an­hän­ger, die schwarz gerän­der­ten Augen. Fried­hofs­stim­mung muß nicht sein.

rock am see 89 waverDa trennt sich Schwarz von Schwarz, Wave von Gruft. Aber in Sachen Musik sind sie sich einig, die Meis­ter der bizar­ren Szene hei­ßen »The Cure«. Und die kom­men nach­her einer Stunde Ein­stim­mung durch »Mis­sion« auf die Bühne. Als sei es so bestellt, geht jetzt die Sonne unter. Nur die blau-violetten Spots der Light-Show drin­gen durch die künst­li­chen Nebel­schwa­den. Solange er nicht die Texte von »Lullaby« oder »Why can’t i be with you« ins Mikro­phon haucht, wan­delt Robert Smith wie in Trance über die Rampe. Auch er in schwarz, auch er bemüht, Emo­tio­nen auf ein coo­les Mini­mum zu beschrän­ken — wie die Menge unten im Sta­dion. Zwei Stun­den lang zele­brie­ren Fans und Band die Düs­ter­nis, tan­zen mit geschlos­se­nen Augen zum hyp­no­ti­schen Psycho-Sound und gehen auf in ihrem gemein­sa­men Fee­ling fürs Mytisch-Makabere.

Dann tritt The Cure ab, ihre Jün­ger tau­chen in den Wald ein, der das Sta­dion umgibt, suchen einen Schlaf­platz. Und auch die­je­ni­gen, die stun­den­lang an den Backstage-Absperrungen aus­ge­hal­ten haben, geben jetzt auf. Nur Cam­pino hatte am Nach­mit­tag mit sei­nen Kids gere­det, Bier ver­teilt. Sonst war kei­ner der Stars aus der her­me­tisch abge­schot­te­ten Wohn­wa­gen­burg ans Git­ter gekom­men, das die Body­guards bis zum Schluß bewach­ten. Kein Blick, kein Wort für die War­ten­den — die Show muss genügen.

Fazit: Auch wenn die Wort­wahl ein wenig blu­mig aus­fällt und das ganze hoch­sti­li­siert, so ganz unrecht hat man nicht. Tat­säch­lich tan­zen viele (mich ein­ge­schlos­sen) zu den Hits von The Cure mit geschlos­se­nen Augen und bewe­gen sich dabei nicht wirk­lich zur Musik. »Die Musik so rich­tig schön in sich rein­krie­chen las­sen« trifft es dabei wohl am besten.

Natür­lich emp­fin­den viele Cure-Fans die Stü­cke als sehr pop­pig und leh­nen es ab diese als wirk­lich gruf­tig anzu­se­hen, aber mein Goth was soll’s. Einem Groß­teil der 23.000 Fans ist es wohl auch egal gewe­sen, die Stim­mung muss gran­dios gewe­sen sein. Das es dabei nicht so abge­gan­gen ist wie heute war Stil, zu Beginn der 80er war man noch arro­gan­ter, vor und auf der Bühne. Emo­ti­ons­lo­sig­keit gehörte damals zum guten Ton der schwar­zen Gemeinde und spie­gelte sich im Tanz und Fan-Verhalten deut­lich wieder.

Es fällt jeden­falls sehr posi­tiv auf, das die­ser Arti­kel das ganze nur wenig Kli­schee­ti­siert und durch­aus als gelun­ge­ner Kon­zert­be­richt durch­ge­hen kann. Auch das Geschwa­fel heu­ti­ger Kri­ti­ker zu den Auf­trit­ten ein­zel­ner Bands ver­misse ich nicht wirk­lich, manch­mal ist es sehr erfri­schend eine ein­fa­che Form der Spra­che zu benut­zen. Ich finde, das macht Kon­zert­be­richte die­ser Art viel authen­ti­scher.

(Bild­quelle: Rock the Cam, Pop­corn)

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Dunkle Vergangenheit, Schwarze Szene
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2 Kommentare

  1. Naja, das ganze ist ja nun auch 20 Jahre her. Da schrieb man sicher­lich noch anders. Heute arten Fes­ti­vals ja auch eher aus und füh­len sich sicher anders an als (blu­mig) vor 20 oder 30 Jaah­ren. Ich wäre zu der Zeit gern auf ein gutes Kon­zert gegan­gen; aber ich war halt zu jung.

  2. Ich habe aber auch das Gefühl, das Kon­zerte oder Fes­ti­vals frü­her viel stär­ker gefei­ert wur­den, schließ­lich war das ja was beson­de­res. Bei dem heu­ti­gen Über­an­ge­bot an Ver­an­stal­tun­gen und der Viel­falt der Bands kann man sich ja schwer­lich für etwas entscheiden.

    Naja, viel­leicht ist das auch eine Art Wer­tig­keits­ge­fühl, schließ­lich war das Taschen­geld knapp und die Kon­zert­preise schon damals hoch, so das mehr als 2 Kon­zerte pro Jahr sowieso nicht drin gewe­sen sind. (wenn überhaupt)

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