30 Januar

Black Friday im Louvre: Was, wenn Provokation plötzlich funktioniert?

Verfasst von Diskussion: 29 Kommentare

Black Friday und Schwarzkittel in ParisWas für das Grufti-Ehepaar Freyja und Matthias als romantischer Urlaub in die Stadt der Liebe geplant war, endete in einem Drama. In den Louvre, eines der berühmtesten Museen der Welt, gewährte man ihnen keinen Einlass, weil es wegen ihres Aussehen angeblich Sicherheitsbedenken gäbe. Der eigentliche Grund war, davon sind die beiden fest überzeugt, allein ihr Aussehen und nicht die vorgeschobenen Sicherheitsbedenken. Als sie einen Tag später den historischen Pariser Friedhof Père-Lachaise besuchten, wurden sie erst von der Security verfolgt, dann hielt man sie gegen ihren Willen fest. Freyja wurde gezwungen, die für ihren Youtube-Kanal „Black Friday“ entstandenen Videoaufnahmen, die sie während ihres Rundgangs gemacht hatte, zu löschen. Während man angeblich auf die Polizei wartete, gab man dem Ehepaar zu verstehen, dass ihre Kleidung und Schmuck respektlos gewesen wären. Für die beiden Gothics, die ausleben was sie sind, ein herzzerreißender und negativer Höhepunkt der Reise in die Stadt der Liebe.

Haben die beiden einen Fehler gemacht, indem sie sich nicht anpassten? Sind die Wachleute schuld, die aufgrund von Äußerlichkeiten über die Menschen urteilen? Was tun, wenn die Provokation plötzlich funktioniert?

Gothics sind interessanter als die Mona Lisa

Es sollte eine romantische Überraschung sein, die Matthias für Freyja und für sich geplant hatte: eine Reise nach Paris! Ein Besuch im Louvre war fester Bestandteil, denn beide lieben Kunst, Kultur und Geschichte. Matthias möchte Kunst studieren und war besonders an einem Werk von Carvaggio interessiert. Für die beiden, die ihre Szenezugehörigkeit gerne Extravagant ausleben, war es nicht weiter verwunderlich, dass sie bereits in der Warteschlange zum Louvre eifrig von den anwesenden Besuchern bestaunt und fotografiert wurden. Ihre Art, sich zu stylen, ist für sie ein wichtiger Teil ihres Lebens und für Freyja auch Teil ihrer Arbeit mit ihrem YouTube-Kanal, den mittlerweile rund 440.000 Zuschauer abonnieren.

Black Friday und Schwarzkittel in Paris (5)

Das berühmteste Kunstmuseum der Welt hat offenbar ein Problem mit Menschen, die selbst Kunst sein könnten.
(c) Schwarzkittel

Doch das dürften die Besucher im Wartebereich des Louvre kaum gewusst haben. Für sie waren die beiden einfach nur ein optischer Kontrapunkt zur bunten Masse der wartenden Touristen. Hier ein Selfie mit einer asiatischen Besucherin und da noch ein Schnappschuss vom exzentrischen Gothic-Ehepaar. Alles wie immer, alles genau so, wie im bisherigen Verlauf ihres romantischen Ausflugs.

Als Freyja und Matthias sich der Einlasskontrolle näherten, sahen sie jedoch, wie ein Mitarbeiter die beiden musterte und den Kopf schüttelte. Freyja: „Die Security Leute sagten uns, dass sie uns nicht reinlassen würden, weil wir durch unser Aussehen zu viel Aufmerksamkeit auf uns ziehen würden und die Besucher dann viele Fotos mit uns machen wollen.“ Man habe nichts gegen Leute, die so herumlaufen, versicherte man den beiden. In einer späteren Stellungnahme des Louvre war zu lesen, dass man sich für die strengen Sicherheitsvorkehrungen entschuldige, wogegen die Beiden aber genau verstoßen haben, blieb offen. Unverrichteter Dinge und traurig zogen die beiden dann weiter.

Dass sie aufgrund ihres Aussehens keinen Einlass bekommen haben, ist ihnen bereits 2015 widerfahren, als sie die Knochenkirche „Sedletz-Ossarium“ in der Tschecheslowakei  Tschechien besuchen wollten und man ihnen dort unterstellte, sie wollten an diesem heiligen Ort teuflische Rituale veranstalten. Die Erklärung des Louvre ist jedoch ausweichend, denn hier handelt es sich nicht um einen religiösen Ort. Freyja:

Es erscheint mir rückständig, dass ein Kunstmuseum, das Exzentriker und kreative Menschen feiert, jemanden wegschickt, der zu kreativ aussieht. Gothics sind keine gefährlichen Leute, normalerweise sind es kreative und intelligente Menschen. Ich kann völlig verstehen, dass man zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergreift, aber wir hatten nichts Gefährliches an uns und stellten ein so großes Sicherheitsriskio dar wie eine zerquetschte Erbse. 

Respektlos auf dem Friedhof Père-Lachaise

Black Friday und Schwarzkittel in Paris (1)

Der Eingang zum Friedhof Père Lachaise. Die letzte Ruhestätte vieler berühmter Persönlichkeiten.
(c) Schwarzkittel

Am nächsten Tag fassten die beiden neuen Mut. Der historische Pariser Friedhof „Père Lachaise“ sollte Freyjas Höhepunkt werden, denn Oscar Wilde, der dort begraben liegt, zählt zur ihren Lieblings-Schriftstellern. Am Eingang versicherten sie sich noch, dass das Fotografieren oder Filmen erlaubt ist, betraten den Friedhof und begannen ihre Tour, die Freyja für ihren Kanal mit der Videokamera dokumentierte. Nach 20 Minuten wurden sie von Sicherheitsbeamten gestoppt, die den beiden zu verstehen gaben, die Fotos sehen zu wollen, die Matthias gemacht hatte. Englisch sprachen die Mitarbeiter des Friedhofs nicht, möglicherweise wollten sie es auch nicht. „Ich glaube die wollten nur sehen, ob wir irgendwas Merkwürdiges gemacht hatten.„, sagt Freyja. Man ließ sie weiterziehen. Als der Friedhof wenig später schloss und sie sich mit allen anderen Besucher Richtung Ausgang bewegten, wurden sie dort erneut von Sicherheitsbeamten gestoppt. Wieder wollte man ihre Aufnahmen sehen. „Andere Besucher gingen mit ihren Kameras in der Hand an uns vorbei, niemand sonst wurde gestoppt. Die Wächter waren die unhöflichsten Menschen die ich je getroffen habe. Laut und in schnell gesprochenem Französisch forderte man immer neue Dinge von uns. Ich weiß gar nicht, wie oft ich gesagt habe “je ne comprends pas!” und “je ne parle pas français!”. Sie wurden nur noch wütender.“ Weitere Security-Leute wurden hinzugezogen. Mit Hilfe ihres Smartphones gelingt es Freyja auf Französisch zu fragen, warum man sie festhält. Ein wirkliche Antwort bekam sie nicht. „Ein Frau sagte uns, dass unsere Kleidung und unser Schmuck respektlos seien.“ Freyjas Kamera wurde kontrolliert, man ließ sich alle Videos und Bilder zeigen und zwang sie dazu, alle Aufnahmen vom Friedhof zu löschen. 

Sie konnten sich offenbar nicht entscheiden, was wir falsch gemacht hatten. Mal waren es die Fotos meines Mannes, dann die Videos, die ich gemacht hatte, und dann auch wieder unser Aussehen.“ Irgendwann ließ man sie gehen, doch der Urlaub war nun endgültig gelaufen. Was hatten sie falsch gemacht? Sind Gothics auf diesem Friedhof unerwünscht? Glauben die Mitarbeiter in der Metropole Paris daran, dass von Gothics eine Gefahr ausgeht? Jemanden ohne Grund und gegen seinen Willen festzuhalten und mit mehreren Leuten zu bedrängen, Aufnahmen zu löschen, dürfte auch in Frankreich unter Strafe stehen, es scheint also nicht verwunderlich, dass die angekündigte Polizei dann doch nicht gekommen ist. 

Zurückrudern auf Französisch

Nachdem sie nicht ins Louvre gelassen wurden, postete Freyja auf ihrer „Black Friday“-Seite ein Nachricht darüber, was passiert war. Nur drei Stunden später entschuldigte sich das Museum bei ihr und schob den Vorfall auf die verstärkten Sicherheitsmaßnahmen: „The Louvre is strictly applying the security measures decided by the the French authorities to ensure the safety of our visitors. Please accept our apologies for the inconvenience which may be caused by the extra security checks at the entrance.“ Welche Vorschriften sie aber verletzt haben oder welche Gefahr das Ehepaar nun darstellte, ließ man offen. Eine französische Journalistin vom Nachrichtenportal „franceinfo“ wird auf die Ereignisse aufmerksam und bittet Freyja und das Museum um eine Stellungnahme.

Am 24. Januar titelt sie „Sie behandelten mich wie einen Verbrecher“: Gothic-Youtuberin beschuldigt das Louvre, sie wegen ihres Aussehens abgewiesen zu haben.“ Auf Nachfrage an das Museum, warum man die beiden nun nicht eingelassen hätte, erhält die Journalistin eine anderen Antwort. In seiner Stellungnahme behauptet das Museum, dass es sich bei Black Friday um eine bekannte Persönlichkeit handele und man deshalb den Einlass verwährte, um zu verhindern, dass sich die Besucher massenweise um sie scharen. Generell, so das Museum, habe man nichts gegen Menschen dieser Bewegung. Mittlerweile hat das Museum seinen Fehler eingesehen und den beiden eine exklusive VIP-Tour durch das Museum angeboten. Der Druck sozialer Medien macht es möglich. Was wohl Gothics machen, den Ähnliches widerfahren ist, die aber ohne Tausende Abonnenten auf Facebook auskommen müssen?

Der Friedhof, der von der Stadt Paris verwaltet wird, antwortete nicht auf die Anfragen der Journalistin. Auch ich bekam auf eine obligatorische Nachricht mit einigen Fragen zum Vorfall via E-Mail bisher keine Antwort. Offensichtlich ist man hier der Meinung, den Vorfall lieber totzuschweigen.

Was ist denn, wenn Provokation plötzlich funktioniert?

Freyja und Matthias lieben ihre Art zu leben. An ihrem teilweise extremen Outfits und Stylings reiben sich die Geister. Sie sind es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen, im Supermarkt beäugt zu werden, auf der Straße fotografiert zu werden und an öffentlichen Plätzen Aufmerksamkeit zu erregen. Für Freyja ist das sogar eine Berufung, denn die Arbeit mit ihrem YouTube-Kanal und ihre Rolle als öffentliche Person tragen zum Lebensunterhalt des Ehepaares bei. 

Black Friday und Schwarzkittel in Paris (6)

Unfassbar und unverständlich, was die Beiden in Paris erleben mussten.

Klar ist, dass dieses exzentrische Verhalten nicht überall auf Gegenliebe stößt und man freundlich begrüßt, neugierig bestaunt oder erhaschend fotografiert wird. Es gibt Menschen, die finden das extreme Äußere der beiden provozierend. Pöbeleien und dumme Sprüche gehören zu ihrem Alltag. Machen wir uns nichts vor: Wenn auch wir den ganzen Tag so rumlaufen würden, wir wir es uns vorstellen, oder wie es manche zu Festivals oder am Wochenende machen, würden wir auf dieselben Probleme stoßen. Im Beruf, im Alltag, in der Freizeit und möglicherweise auch innerhalb der Familie oder im Freundeskreis. 

Für einige steht die Provokation im Vordergrund ihrer eigenen Rebellion, sie möchte auffallen, möglicherweise sogar ihr Umfeld vor den Kopf stoßen. Doch wo beginnt dieses Provokation? Schwarze Kleidung, merkwürdige Frisuren, leichenblasse Schminke oder Schmuck mit religösen Symbolen? Einige Szenemitglieder sind auch überhaupt nicht auf Provokation aus, sie möchten sich wohlfühlen, etwas Inneres nach Außen tragen und in ihren eigenen Augen schön uns ästhetisch sein. Sie begreifen einfach nicht, was andere daran merkwürdig oder abstoßend finden könnten. 

Was ist aber mit der Bedeutung, die unserem Stil oftmals nachgesagt wird? Lehnen wir die Gesellschaft ab? Rebellieren wir gegen die Verdrängung der Schattenseiten unseres Lebens? Wenn ich ehrlich bin, genieße ich es manchmal aufzufallen und wenn mir die Partei XYZ in der Stadt keinen Flyer in die Hand drückt, weil ich so aussehe, wie ich aussehe, fühle ich mich ein wenig so, als hätte ich ein Ziel erreicht.

Fakt ist für mich: Läuft man so rum wie Freyja und Matthias, provoziert man. Ob gewollt oder nicht gewollt, spielt keine Rolle. Wir sind eben von vielen Menschen umgeben, die Äußerlichkeiten schon als Provokation empfinden. Es gibt sogar Menschen, die aufgrund von Äußerlichkeiten eines anderen Menschen handeln. Die den Zugang zu einem Museum verwehren, die einen gegen seinen Willen auf einem Friedhof festhalten oder die sogar wegen ihres Äußeren – wie im Falle von Sophie Lancaster – handgreiflich werden und sogar morden. Das ist diskriminierend und unentschuldbar.

Ich bin der Meinung, wir sollten nicht unseren Lebensstil ändern, weil die Gesellschaft ihn nicht akzeptiert oder damit nicht umgehen kann. Wir sollten uns auch nicht an irgendwelchen Idealen messen, die eben diese Gesellschaft vorgibt. Wir dürfen aber auch nicht die Augen davor verschließen, dass wir mit unserem Stil anecken. Wer sich dem nicht gewachsen fühlt, muss sich anpassen. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er seinen Alltag stressfrei und angepasst oder lieber auffällig und komplizierter gestaltet. 

Oscar Wilde, mit dessen Grab sich der Friedhof Père-Lachaise heute schmückt, war Exzentriker, ein Dandy und kleidete sich anders als andere in der damaligen Zeit. Hätte man ihn auch festgehalten weil er anders aussah als die anderen? Freyja: „Mein Herz war gebrochen und ich habe die ganze Zeit geweint. Wir haben nichts Falsches getan. Wir haben nichts Komisches oder Respektloses getan. Gothics verhalten sich auf Friedhöfen in der Regel sehr respektvoll. Ich war am Boden zerstört. Oscar Wilde hätte sich wohl in seinem Grab umgedreht, denn er war berühmt dafür, sich auffällig zu kleiden und aus der Masse herauszustechen.

29 Kommentare

  1. Heyhey,

    schön geschriebener Artikel, aber die „Tschechoslowakei“ existiert aber nun wirklich schon eine Weile nicht mehr….

  2. Ach du Schande! Das ist, wenn du in den 80ern zum letzten mal im Erdkunde Unterricht aufgepasst hast. Danke für die Korrektur, habe das gleich ausgebessert :D

  3. Die Angelegenheit habe ich ebenfalls verfolgt und ich gestehe, dass sie mich ein wenig ratlos zurück lässt, weil ich alle Seiten bis auf eine Ausnahme verstehen kann.

    Denn eines ist natürlich klar: es steht diesen Institutionen völlig frei zu entscheiden, wem sie Einlass gewähren. Die vorgeschobenen Gründe scheinen allerdings extrem dünn bzw. verzichtet man ja im Falle des Friedhofs sogar darauf überhaupt welche zu nennen. Was aber meiner Meinung nach viel schwerer wiegt als das Einlassverbot, ist die Art mit der man besonders auf dem Père Lachaise mit den beiden umgegangen ist. Man kann jemandem den Einlass verweigern und trotzdem höflich bleiben. Allem Anschein nach haben sie selbst sich weder gewalttätig, noch sonstwie aufmüpfig verhalten, man hätte also schlicht sachlich erklären können, dass man keine Gruftis dort zu sehen wünscht.

    Den Grund dazu kann ich mir schon irgendwie denken. Ich selbst war dort vor fünfzehn Jahren mit der Schule. Ich sah nicht so extrem aus wie die beiden und blieb unbehelligt, es wurde aber schon damals berichtet, dass man dort allerlei Probleme mit „Satanisten“ und ähnlichen Gestalten hätte, die den Ort für Rituale und schlicht und ergreifend Vandalismus missbrauchen. Angesichts der fortschreitenden Verrohung bezweifle ich, dass sich das seitdem geändert hat. Meine Vermutung ist, dass das schon immer auch ganz „normale“ Jugendliche waren, die dort randaliert haben, man hat sich aber auf die mutmaßlich naheliegendsten Übeltäter eingeschossen, zumal in Frankreich die Szene scheinbar nicht ähnlich selbstverständlich betrachtet wird wie in Deutschland.

    Ich finde prinzipiell gut, dass Frejya und Matthias ihren Stil so durchziehen und ich würde nichts daran pauschal als respektlos bezeichnen. Ein paar mehr von der Sorte könnte die Welt gut vertragen. Andererseits gilt halt auch für „Normale“ in bestimmten Situationen und zu gewissen Anlässen ein Dresscode. Da sind Adiletten und Jogginghose genauso unangebracht wie ein „Full Goth“-Outfit ohne, dass das irgendwas mit Diskriminierung zu tun hat. Ich glaube das kann man akzeptieren und entweder man beugt sich oder man verzichtet, das muss jeder selbst wissen. Man ist eben nicht allein auf der Welt und ich glaube außerdem, dass die Ablehnung der Nonkonformität gewissermaßen ein Instinkt ist, gegen den man nicht immer gewappnet ist. Wer ehrlich ist, der stellt ähnliche Reaktionen auch szeneintern fest. Wer nicht mit den Wölfen heult, findet sich egal in welchem Zusammenschluß sehr schnell als Außenseiter wieder.

    Wie gesagt, ich will das nicht entschuldigen. Ich bin der Ansicht, dass die Security extrem unprofessionell und übertrieben gehandelt hat und auch die Löschung der Bilder jeder Grundlage entbehrt. Aber ich finde auch, dass man am Ende mehr verliert, wenn man vom Zugang zu Kulturgütern ausgeschlossen wird, als wenn man sich für die Besuche dort abschminkt und dezenter zurecht macht. Ab einem gewissen Maß an Kompromisslosigkeit wird man eben doch respektlos, das würde ich für alle Seiten gelten lassen wollen.

    Es bleibt schwierig.

  4. Netter Artikel :) Ich selbst bin Gothic, ich trage täglich und fast ausschließlich schwarz. Ich schminke und style mich nicht so auffällig wie die beiden aber trotzdem werde ich schief angeschaut von vielen Leuten. Egal wie sehr man “anders“ ist, man eckt immer an und hat dadurch Nachteile aber ich nehme das in Kauf damit ich ich sein kann.

  5. Das, was Matze und Freyja erlebt haben, erinnert mich an eine Diskussion mit meiner Tante darüber, ob ich noch weiterhin zu Familienfeierlichkeiten in meiner mir gewohnten Art und Weise des Stylings, erscheinen dürfe….meiner Familie – ja selbst meinen Kindern -bin ich zu schrill, was Kleidung und vorallem Frisur sowie Schminke betrifft ! Auf meine Frage, nach der Toleranz bekam ich nur mit einem spitzen Lächeln die Antwort, dass Toleranz ja nicht als Einbahnstraße zu sehen sei. Ich müsse dann halt auch tolerieren, dass man mich NICHT toleriert…..
    Ich grübele seit jenem Tag darüber nach, wo genau der Punkt ist, wo man mich reingelegt hat !
    Fühle mich aber wie Matze und Freyja nach der Abweisung. Auch ich habe nichts falsch gemacht, niemanden verletzt und trotzdem scheint es ein großer Unterschied zu sein, ob meine Haare hoch sind, oder nicht…. Verrückt !!!!

  6. Sehr schöner Artikel ^^V^^
    Ich gehe jetzt nicht auf die FB Diskussion ein , sondern lediglich auf den Artikel hier.
    Mit Ablehnung und Kritik müssen die beiden leider leben,nicht allen gefällt , wie sie sich in der Öffentlichkeit präsentieren .
    Ich kenne das, aus eigener Erfahrung.
    Natürlich ist es wirklich krass was den beiden in Frankreich widerfahren ist und der Umgang mit anders aussehenden Menschen bereitet vielen “ Angst“ vielleicht steckt auch ein bißchen „Neid“ mit darin ?
    Jeder sollte sich so kleiden , leben wie ER/Sie es möchte ….wir haben nur dieses eine Leben und dazu gehören eben auch negative Einflüsse.
    Das Leben ist kein Ponyhof !

  7. Auch auf die Gefahr hin auf Unverständnis zu stoßen: ich finde die beiden zu aufgesetzt und künstlich. Das ist aber meine persönliche Meinung.

    An beiden Stellen aufgrund des Aussehens abgewiesen zu werden, ist nicht richtig, das ist schon klar. Aber wie im Artikel beschrieben, verdient Freya ihren Lebensunterhalt mit einem YouTube Channel. Von daher wirkt das Ganze eher auf mich, wie verzweifelte C-Promis, die Mal wieder ins Rampenlicht wollen. Es kann von Außenstehenden nicht nachvollzogen werden, was auf dem Friedhof wirklich passiert ist. Ganz schnell wird leider heutzutage aus einem „wir möchten sie bitten zu gehen“ ein „wir wurden gegen unseren Willen stundenlang festgehalten“.

    Zum Thema selbst: es ist ganz große Sch…., wenn im Jahr 2016 immer noch Menschen aufgrund ihres Aussehens, ihrer Religion, ihres Liebeslebens ausgegrenzt und abgewiesen werden.

  8. Bei so einem interessanten Vorfall melde ich mich auch mal wieder zu Wort. Die gesellschaftliche Entwicklung verläuft bestimmt nicht in eine breitere Toleranz,sondern bleibt in ihren engen Rastern stecken.
    Im Prinzip scheibt Robert die Antwort schon selbst: „Ich bin der Meinung, wir sollten nicht unseren Lebensstil ändern, weil die Gesellschaft ihn nicht akzeptiert oder damit nicht umgehen kann. Wir sollten uns auch nicht an irgendwelchen Idealen messen, die eben diese Gesellschaft vorgibt. Wir dürfen aber auch nicht die Augen davor verschließen, dass wir mit unserem Stil anecken. Wer sich dem nicht gewachsen fühlt, muss sich anpassen. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er seinen Alltag stressfrei und angepasst oder lieber auffällig und komplizierter gestaltet.“
    Ich möchte zusätzlich zu Bedenken geben, dass gerade Wachpersonal und Türsteher ganz bestimmten Weisungen unterliegen und wohl die meisten nicht viel Einblick in andere Kulturen haben werden. Somit wird nach Schema F verfahren. Ich hab schon wiederholt gelesen, dass auch z.B. bekannte Musiker (weil nicht erkannt) nicht in Clubs gelassen wurden, weil sie in „nicht angemessener Kleidung“Einlass begehrten. Ich bin sicher dass diese Probleme nicht nur wir Gothics erfahren.

  9. Zuerst einmal möchte ich anmerken, dass mich der Titel des Artikels verwirrt, weil er meiner Meinung nach so klingt als hätten es Matthias und Freyja auf Provokation angelegt, was ja nicht der Fall war (soweit ich das via Internet mitbekomme und beurteilen kann sind die beiden immer so unterwegs).
    Dass jemand aufgrund optischer Kriterien schräg angeschaut wird oder anders behandelt wird oder sogar bestimmte Orte nicht besuchen kann kommt ja leider immer wieder vor (und passiert nicht nur Grufties, wie ja bereits erwähnt wurde, mir fallen als Beispiel hier gerade Frauen mit Kopftuch ein, weil das bei uns in Österreich gefühlt nonstop diskutiert wird). Trotzdem geht es hier vor allem um das „Wie“. Wie gesagt, leider muss man immer wieder damit rechnen, dass ein „anderes“/extravagantes Aussehen zu Ungleichbehandlung führen kann, allerdings finde ich die Art und Weise wie dies dort in Paris von den zuständigen Personen kommuniziert wurde unterirdisch. Prinzipiell kann ich das Problem der Louvre bzw. Père Lachaise MitarbeiterInnen immer noch nicht ganz nachvollziehen. Weder hier noch dort wurde darauf hingewiesen, dass das Tragen bestimmter Kleidung oder Symbole unerwünscht sei. Die im Artikel beschriebene Vorgehensweise klingt aber mehr nach Schikane als nach dem Durchsetzen echter Vorschriften. Ich denke wenn es beispielsweise am Friedhof trauernde Personen gibt, die sich durch das Tragen verkehrter Kreuze, Pentagramme und Ähnlichem gestört fühlen hätte niemand ein Problem diese Schmuckstücke kurzfristig abzulegen.

  10. @Julius: Ich kann Deinen Ausführungen ganz ausgezeichnet folgen. Jeder hat das Hausrecht, wenn er es wahrnimmt, bitteschön. Gehe ich eben nicht mehr hin, darf aber öffentlich kritisieren, dass es so ist. Père Lachaise erlaubt es auf der einen Seite, dass sich die Gespielin von Marylin Manson auf einem Grabmal besorgt hat (gerne mal recherchieren) und auf der anderen Seite hat man Angst vor Satanisten? Es erscheint mir dann doch recht willkürlich. Ich persönlich würde Kompromisse eingehen, was das Äußere betrifft, weil für mich der Wunsch, etwas zu betreten oder zu sehen, im Vordergrund steht. Ich habe es sowieso nicht gerne, wenn ich zu sehr auffalle, mir ist die schwarze Ausstrahlung „Lasst mich doch alle in Ruhe“ immer noch am liebsten. Ich finde jedoch die Wunschvorstellung angenehm, dass es endlich mal nicht nach Äußerlichkeiten gehen würde. Man wird ja nochmal träumen dürfen ;)

    @Patricia: Offen gesagt – Dann solltest du Dich nicht toleriert fühlen und nicht mehr hingehen :-) Ich finde es extrem schade, das Äußerlichkeiten innerhalb von Familien noch immer eine Rolle spielen. Vor allem in dieser Hinsicht.

    @Ronny: Schöne Sichtweise. Mir gefällt der pragmatische Ansatz. Leider funktioniert das im realen Leben nicht so sehr, ich wünscht mir, innerhalb der Szene würde es mehr Menschen geben, für die „Neid“ keine Rolle spielt und die das „Äußere“ nicht zur Entscheidungsgrundlage einer Einschätzung machen.

    @Donna-Clara: Deine Meinung darfst du sicherlich haben. Wie du schon richtig erkannt hast geht es jedoch um die Tatsache, das man abgewiesen wurde. Berechtigt oder nicht berechtigt? Bei Facebook gab es bereits einige Kommentare, in denen Leuten ganz ähnliche Erfahrungen auf Friedhöfen schilderten. Da mir das selbst noch nie passiert ist, finde ich das natürlich sehr interessant, so scheint der „Fall“ von Freyja und Matthias kein Einzelfall zu sein.

    @Beatrice: Genau so sehe ich das auch. Deshalb auch der polarisierende Titel des Artikels. Was, wenn Provokation funktioniert? Im Grunde ist doch die Crux: Beurteile Dein Gegenüber nicht nach seinem Äußeren. Leider kann sich davon niemand freisprechen, ich auch nicht. Ich kann mich nur zwingen, einen zweiten Blick zuzulassen und Verhalten, Taten und Worte in die „Beurteilung“ einfließen zu lassen. Auch das sollte INNERHALB der Szene gelten. Leider ist dem oft nicht so. Solange das bei „Uns“ noch genauso ist wie in der normalen Welt, dürfen wir uns eigentlich nicht hinstellen und genau das verurteilen. Oder?

    @Levi: Im Grunde ist der Titel des Artikels ja absichtlich verwirrend. Gerne darf er so klingen, als hätten es Matthias und Freyja auf eine Provokation ausgelegt, denn genau darum geht es ja auch im Artikel. Wo beginnt Provokation und wieviel davon ist bewusst? Und tatsächlich führt ein „anderes“ Aussehen zu einer Ungleichbehandlung. Ich fürchte so etwas ändert sich nie. Das Beispiel der Beiden soll einfach zeigen, dass wir durchaus noch provozieren, ob wir wollen oder nicht. Wenn wir anders aussehen, reagiert man darauf. Mal mehr, mal weniger heftig. Je nach Outfit. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich diese Konflikte auch durchaus positiv sehe, denn die Diskussion darüber erweitert dann doch den Geist und öffnet vielleicht hier und da ein paar Augen.

  11. Sollte es so sein, daß nach Jahrzehnten der bereits „absolvierten“ und beinahe schon als „business-as-usual“ abzugähnenden Gothic-Historie, vor allem der typischen und klischeehaften Erscheinungsform(en), es tatsächlich noch ein Szene-Involvierter bewusst darauf anlegt, zu provozieren, so ist das m.E. schon recht kindisch. Wissen wir doch alle, daß das Provokationspotential der Subkulturen und der „Szene“ mittlerweile eine anachronistische Angelegenheit geworden ist. Nicht nur, weil das ja „alles schon mal dagewesen“ ist, sondern vor allem, weil lancierte Provokationen heutzutage eher kontraproduktiv und daher billig wirken. Was nicht zuletzt daran liegt, daß sich die Welt an sie gewöhnt hat. Selbst zu meinen „szeneaktiven Zeiten“ hat sich kaum noch jemand der „zivilen Umwelt“ für mein Outfit interessiert, so daß ich es selber kaum noch realisiert habe. Was ziemlich gut war, denn das zeugte von einer Art normalem Umgang miteinander, den wir ja immer so gerne anstreb(t)en, oder? Wenn natürlich trotzdem immer noch jemand pikiert oder „provoziert“ auf derlei Äusserlichkeiten anspringt, der handelt genauso anachronistisch.

    Weiterhin finde ich, daß „Angepasstheit“, bzw. auch „Nonkonformität“ nicht nur an (nicht-)auffälligem Äusseren zu messen ist, sondern vor allem an Persönlichkeit.

    Letztendlich komme ich aber nicht umhin, diesen Artikel als relativ „reisserisch“ und lanciert zu bewerten (sorry dafür), aber hier scheinen sich die zwei mehr in „Szene“ setzen zu wollen (15 minutes of fame – you know?). Vielleicht probiert es das Pärchen mit seiner Story auch noch mal beim TV… (z.B. „brisant“) ;-)

  12. @T.S.: Keine Entschuldigung notwendig, der Artikel ist in der Tat lanciert. Er soll am Beispiel dieser Vorfalls die „alten“ Frage der Provokation noch einmal zur Sprache bringen, denn viele Leute in der Szene haben nicht die gleichen Erfahrungen wie du. Und Provokation kann man nach meiner Ansicht nach am besten mit Provokation erreichen. Ich möchte, dass sich die Leser reiben, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Ich hoffe, du siehst mir das „reißerische“ nach ;)

    Im Falle der Beiden kann man nicht von einer Jahrzehnten gewachsenen „Business as usual“ Mentalität sprechen. Möglicherweise schlummert in einem der beiden noch eine Art von Rebellion, die Dir vielleicht kindisch erscheint. Ich glaube jedoch noch nicht einmal, dass man hier auf Provokation aus war. Für Freyja und Matthias ist ihr Leben zum Video-Mittelpunkt geworden, der Kanal „Black Friday“ verlangt ständig nach neuem Content. Der Paris-Urlaub war da keine Ausnahme und bot die Gelegenheit tolle Bilder zu machen. Das es so gekommen ist, wie es gekommen ist, war sicherlich keine Absicht – es ist einfach passiert.

    Bist du denn der Ansicht, dass wir in diesem extremen Stil (oder auch dem Stil von früher) heutzutage nicht mehr anecken würden? Hatte sich dein Umfeld von damals wohlmöglich einfach daran gewöhnt dass du so bist wie du bist?

  13. Die Zeiten wo ein „Gothic“ mit seiner Kleidung provozieren wollte sind ja wohl seit der präadoleszenten Phase vorbei. Man trägt die „Kluft“ weil sie einem gefällt.

    Während ich den Verweis aus dem Louvre wegen „zuviel Aufmerksamkeit“ ja gerade noch nachvollziehen kann, ist das Zutrittsverbot auf einem Friedhof für einen Gothic … absolut unverständlich.
    Das ist ja so als liesse man einen Christen nicht mehr in die Kirche nur weil er er ein großes Kreuz als Anhänger trägt.

    Gerade wir sind es doch, die den Tod und den Friedhof mit Würde und Respekt betrachten.
    Während viele bunte Stino-Touristen auf historischen Friedhöfen mit krakelenden Kindern herumtoben und die Ruhe der Toten im wahrsten Sinnes des Wortes stören.
    (erlebt auf dem Melaten-Friedhof, Köln)

    Aber nein, wir sind ja alles böse „Satanisten“ und wollen die Leichen vom Friedhof stehlen … so ist zumindest das Bild da draussen…. immer noch!

    Und wenn man um ein wenig Toleranz wirbt wird man darauf verwiesen man sei ja selbst intolerant gegenüber der Gesellschaft.

    @Patrizia: Als „schwarzes Schaf“ der Familie sollte man vielleicht auf die Familienfeiern verzichten. Ich habe irgendwann mal auf die gesamte Familie verzichtet.

  14. @Robert:

    Was das Thema „Provokation“ angeht: Provokation um der Provokation Willen (zu erreichen) war mir schon immer zu plump. Mindestens einen weiteren (plausiblen, bzw. nennenswerten) Zweck muß sie erfüllen können. Am Besten natürlich in – (eher) mehr oder weniger – subtiler Weise eingesetzt, umso maximaler die Wirkung. Kulturell konnotiert konnten das Throbbing Gristle seinerzeit richtig gut und clever…
    Nun ja, und mittlerweile ist das Thema in der Tat wirklich abgeschmackt, Provokation scheint nur noch auf Äusserlichkeiten und/oder billige Anmache reduziert zu sein. Kein Wunder, scheinen doch alle Tabus schon gebrochen zu sein…

    Was mich angeht, so habe ich es nie wirklich auf schiere Provokation angelegt, da mir die Peinlichkeitshürde hierbei immer zu einfach zu überwinden war, bzw. schien…
    Natürlich hat auch mein damaliger „Goth“- (eher „Waver“-)Style eine tiefere Bedeutung gehabt („Protest“, maybe – wir waren ja alle mal jung und ungestüm…), und war primär gesehen, auffällig genug. Jedoch war die Motivation nicht „style over content“ noch „Omaerschrecken“ oder „Goth for Goth’s sake“, sondern lag in der Ausprägung, bzw. quasi (kulturellen) Kommentierens des gesellschaftlichen/soziokulturellen Zeitgeistes der 80er Jahre begründet. (Wobei es auch hier immer darauf hinausläuft – eher hinauslief: wo, wann und wie – das Äussere ist nicht alles – wie schon gesagt, es kommt auch auf die Persönlichkeit an.)

    Von daher hat das – sagen wir mal – „natürlich“ vorhandene „Provokationslevel“ (oder: der „Provokationsquotient“) einer in die Jahre (eher Jahrzehnte…) gekommenen (z.T. arg strapaziert und überkommenen) „Subkultur“ m.E. schon extrem abgenommen und ist fragwürdig geworden. Man sollte doch meinen, daß die Gesellschaft mittlerweile sich einen gewissen Reim auf „Goth“ machen kann, der fern der hanebüchenen Deutungsformen früherer Zeiten angesiedelt ist („Althippies“ z.B. wirken ja heutzutage auch eher drollig und ein wenig vertrottelt als rebellisch…). Dies vor allem, da sich der (kulturelle) Mainstream mittlerweile nicht selten bei gewissen Elementen der „Goth“-Kultur bedient, bzw. gewisse Schlüsselreize „ausgeliehen“ hat. D.h. – mal salopp ausgedrückt – kommt einem ein „H&M-Klientel“ in gewissem Outfit in der Fußgängerzone entgegen, so muß es nicht heissen, daß die Trägerin (sind ja meistens Mädels…) der Klamotte auch tatsächlich weiß (oder auch nur im Entferntesten erahnt), was sie da spazieren trägt, etc.
    (Daß natürlich die Goth-Szene sich auch dem Mainstream – und nicht nur ein bisschen… – angenähert hat, wissen wir doch auch längst…)

    Nun gut, was hat das jetzt alles mit unserem von „Paris gebeuteltem“ Pärchen zu tun? O.k., sei mal dahin gestellt, daß die Beiden nicht „provozieren“ wollten (ich war nicht dabei, kann also nichts anheimstellen, was nicht in dem obigen Artikel steht…), jedoch entnehme ich dem Beitrag/den Kommentaren, daß deren „Leben zum Video-Mittelpunkt“ geworden ist, das ständig nach „neuem content“ verlangt (wegen so was sind wir, bzw. ich, damals nicht in der „Goth“-/“Waver“-Szene gelandet…). Äh, was wollen sie Beiden denn noch? „Klassenziel erreicht“, würde ich mal sagen. Oder?

  15. Das klingt jetzt vielleicht spießig, aber ich denke weniger wäre für beide an solchen Orten mehr. Mehr geht ja bei beiden nicht an Hairstyl, Schminke und Klamotte. Und sie besuchen kein Festival, kein Konzert, keine Disco, sondern in den Fällen wos Ärger gab religiöse und hoch kulturelle Orte. Und sie Filmen dabei und reden in die Kamera…leider nicht gut für alle verständlich in der Landessprache sondern in Englisch und Deutsch… muss man auch bedenken. Nicht höflich ein *knips* und ruhig weiter gehen. Ich denke da machts die Summe. Ich selber war schon gut als „was Schwarzes“ zu erkennen auf Friedhöfen, in Schlössern, Museen, in Kirchen (ja sogar während einer Messe), unterwegs, und hatte nie Probleme. Hab extra meine Frau gefragt (als blackfriday frisch das video hochgeladen hat war das ja bei uns auch Gesprächsstoff als Städtereisende), und die meinte: Ja, das war schon ein bisschen mehr als ein wenig schwarz bei mir auf unseren Reisen. Fotografiert hab ich wenn nur ohne Blitz, im Zweifelsfall höflich gefragt. Vor Jahren war ich auch schonmal in Rüstzeug in einem Dom mit einem Kumpel unterwegs. Höflich fragen am Kreuzgang, erläutern von welcher Veranstaltung man grad kommt und warum man sich für das Gebäude interessiert, und schon gibts ein nettes Gespräch und den Einlass. Selbst bei Polizeikontrollen im PKW hatte ich nie Probleme … in den Fällen aber in voller Abendmontur für die Disco. Ein nettes Gespräch, Papiere angeschaut, fertig. Nochmals, das liest sich bestimmt spießig, aber einen Gang zurück im Aussehen an bestimmten Orten, höflich ansprechen, höflich und „diskret“ bei Fotos/Aufnahmen, „ruhig/er“ verhalten, würde bestimmt helfen. Zweimal Wien hats gut geklappt, im März wirds Rom inklusive Petersdom, Campo Santo Teutonico und Vatikanische Museen… und ich denke auch da wirds positiv verlaufen.

  16. @Wiener Blut:

    Nun, keine Sorge, das hat mit „spiessig“ nichts zu tun – vielleicht aber etwas mit „gesundem Menschenverstand“…

    Auf der anderen Seite (mal rein aus der „hardcore“-Grufti-Warte aus betrachtet): sich für verschiedene Anlässe in verschiedenen Aufwändigkeitskategorien oder -abstufungen aufzubretzeln, hat auch schon wieder was Aufgesetztes und irgendwie „Unauthentisches“ an sich, so von „Ideal for Living“-Seite aus betrachtet, oder? (z.B. „Ach, heute gehts endlich zum WGT, da muß aber der extra deftige Look her inklusive Barockgeschnörkel im Gesicht – nächste Woche geht’s ja wieder nur in die olle Szenedisco vis-a-vis, da langt ja das Aschenbrödelkostüm“. Irgendwie inkonsequent, gelle?)
    Da wäre es doch nur konsequent, wenn man so als voll dahinterstehender „Vollzeitgrufti“ sich auch im vollen Ornat daheim zum Hausputz aufrüscht, oder im vollen Wichs Samstagmorgens zum Einkaufen zu Aldi schlurft…

  17. Guten Morgen. Grad nochmal mit meiner Frau beredet… morgentliche Gedanken dazu: Freya macht das beruflich. Ist also sowas wie ne Dienstreise und Arbeit/Arbeitszeit für sie. Warum hat sie die Reise nicht besser geplant, ihre Besuche beim Louvre und beim für den Friedhof zuständigen Amt nicht vorher angekündigt (mail, Telefon, von mir aus auch Post), und sich nicht schriftlich per mail (oder Post), ne Antwort geben lassen? Diese Antworten, hätte sie, vorausgesetzt das sie positiv sind, vor dem Besuch (oder wenns zwischendurch/hinterher Probleme gäbe) an der Kasse, an der Info, Eingang/Ausgang, beim patrollierenden Personal etc vorzeigen können. Da steht dann ja auch ein „offizieller“ Name drin, und man kann so einfach auf den vorangegangenen Kontakt mit Herrn/Frau XY und das Schreiben verweisen. Das zumindest kommt bei uns gedanklich heraus, wenn wir neben unserer „Schwarzen Seite“ mal das Ganze aus unserer „beruflichen Seite“ heraus betrachten. ;-)

  18. Leute, in dem Fall war die Reise in erster Linie privat, nur wenn man quasi beruflich Videotagebuch führt, sind die Grenzen eben nicht immer so klar zu ziehen. Vielleicht sind beide bezüglich ihrer Außenwirkung etwas zu unbedarft aber fairerweise muss man sagen, dass sehr viele in dem Glauben leben, dass 2017 das Aussehen keine Rolle mehr spielen sollte.
    Hinterher ist leicht darüber urteilen was man selbst alles besser gemacht hätte aber letztlich kann dir das auch passieren, weil einem deine Nase nicht passt, also was tun? Nase korrigieren lassen?

    Ich finde es nicht spießig und auch nicht inkonsequent, wenn man gemessen am Anlass seine Kleiderwahl ab- oder aufrüstet. Das sollte jeder für sich selbst entschiden dürfen. Noch vor gesundem Menschenverstand hat das mit Bequemlichkeit und Selbstschutz zu tun und man kann das keinem verdenken. Trotzdem kann die Quintessenz doch nicht sein, dass sich nun niemand mehr extrem stylen darf! Ich würde die beiden nicht zu Helden hochstilisieren, weil ihnen das Risiko spätestens jetzt bekannt sein sollte aber muss man da noch nachtreten? Selbst schuld? Sie haben es nicht anders verdient?
    Und wenn dann beim nächsten WGT die Kameras von RTL und Konsorten auf einen halten, faselt man vom tollen Zusammenhalt innerhalb der Szene, singt die Loblieder auf die Kreativität, die Toleranz, bla bla bla

  19. Wie man das Ding jetzt auch immer dreht und wendet, dem „Provo“-Faktor scheint ja nun letztendlich doch die Puste auszugehen. Vor allem, wenn man sich das Endergebnis anschaut, mit dem die beiden sich im Goth-„Auslandseinsatz“ befundenen „Mitarbeiter“ (guter Einwurf @Wiener Blut, werde noch eingehend darauf zu sprechen kommen…) doch anbetrachts des „contents“ – nicht nur zum Zwecke des Brötchenerwerbes – perfekt leben können (und im Endeffekt doch beinahe eine „win-win“-Situation entstanden ist). Will heissen, hätte alles nach „Plan“ funktioniert ;-) , so wäre doch schlußendlich „nur“ eine mehr oder weniger interessante „Reise-Doku“ entstanden. Kennt man (und funktioniert im Prinzip auch nicht anders als die altehrwürdigen Dia-Vorträge über z.B. die „Prächtigkeit des Alpenglühens“ oder Opas alte Urlaubs-Super8-Filmchen – nur halt in moderner Technik). So aber kam es zum „Skandälchen“ „Grufits vom Friedhof verwiesen“. Wow, macht sich doch gleich (fast?) noch besser für so einen „YouTube-Kanal“ (und Hand auf’s Herz, sonst könnten wir uns hier jetzt nicht so eingehend in den Kommentaren damit befassen… ;-) ). O.k., Thema erledigt (für mich jetzt jedenfalls…).

    Aber @Wiener Blut (und gar nicht mal so off-topic):
    Das mit dem „beruflich“ hat mich doch nicht so ganz losgelassen. Eigentlich ein ganz interessanter Gedanke: der Ausbildungsberuf „Grufti“. Mit allem was dazugehört: Ausbildungsplan, angemessener Lehrzeit und Abschlussprüfung. Nach der Gruftigesellenzeit macht man dann seinen Gruftmeister. Dolle Sache eigentlich. Aber um ein waschechter „Gothic“ zu werden, muß man natürlich studieren. Denkbar z.B. in Leipzig (naheliegend, oder?), Transsylvanien, oder Wien (hmm, „Wiener Blut“? Dort – so sagt man – sei ja auch der Tod daheim, ist also für morbide Lehren ein Idealstandort). Abschliessend promoviert man für den Doktortitel. „Dr. goth“, na wär das was? Macht sich auf Visitenkarten, verschnörkelten Briefköpfen und Klingelschildern doch famos. „Dr. goth Morticia Morbid“, supi und macht schon seriös was her, da muß man sich nicht mehr gekünstelt „Lady Morticia van Morbide“ nennen…

    Abschliessend @Julius: um etwaige Missverständnisse auszuräumen, bestimmte Teile meines vorherigen Beitrages (No. 16) entbehren nicht einer gewissen Ironie – gar Satire (?) – ich dachte eigentlich, die Passagen wären auch ohne entsprechende Kennzeichnung, z.B.: ;-) als solche zu erkennen gewesen…

    Und: wer beim „nächsten WGT“ (oder bei sonstwelcher einschlägigen Veranstaltung) sein schön gestyltes Gesicht (oder andere Körperteile…) für RTL, etc. verschwendet, der hat den „tollen Zusammenhalt“ und Loblieder auch bitter nötig…

  20. „Dr. goth“

    Gibt es doch schon in Form von Herrn Bennecke. :D ;-)

    * nur ein kleiner Einwurf *

  21. Der Fall von denn beiden ist für mich schon ein wenig ungewöhnlich. Das man wegen seinem Aussehen nicht ins Museum kommt oder vom Friedhof geschmissen wird, ist für mich neu. Allerdings weiß ich persönlich nicht in wieweit die Schwarze Szene in Frankreich akzeptiert wird, auch kann ich mir gut vorstellen das auf Grund der Geschenissen der letzten Jahre eine Art Grundskepsis gegen Fremdes und Ungewöhnliches entstanden ist.

    Ich selber kann aber auch ein Lied von Friedhofserlebnissen singen, da ich gerne mit dem Fotoapparat über diese wandere. Schlichte Kleidung ist für mich ein muss dabei, lediglich der lange Mantel ist eine Ausnahme. Dadurch das ich selber ein zweiwöchiges Praktikum beim Bestatter absolviert habe kenne ich die Abläufe einer Beerdigung und der dazugehörigen Trauer der Angehörigen. Somit ist es ebenfalls logisch das man einen großen Bogen um eine Beerdigung macht. (Leider gibt es auch in diesen Fällen Ausnahmen…)

    Aber selbst wenn man wie ein „schwarzer Geist“ über den Friedhof wandelt, Probleme gibt es immer. Was mir dabei allerdings aufgefallen ist: auf den kleinen Dorffriedhöfen meiner Samtgemeinde ist man mehr willkommen als auf denen der Großstädten.
    Dort hatte ich vom beleidigenden Jogger, der seine Dehnungsübungen am nächsten Grabstein absolviert, über Hundebesitzer die einen anmachen und ihren Hund aufs nächste Grab sch*** lassen und Fahrradfahrer die die Abkürzung über die anonymen Gräber nehmen alles. Vertrieben wurde ich allerdings noch nie.

    Provozieren kann man heutzutage meiner Meinung nach mit seinem Aussehen eh nicht mehr allzu viel und meist sind das die Leute die generell „Angst“ vor fremde Dinge haben oder selber von sich ablenken wollen. Ältere Leute haben zum Beispiel vor mir keine Angst. Im Gegenteil. Ich bin wie ein Magnet und werde dauernd um Hilfe gebeten, was ich auch gerne mache.

    Allerdings denke ich das man mit seinen Äußerungen sehr provozieren kann. Zumindest Stelle ich dies immer wieder in der Schule fest.

    Aber eines steht fest: es ist und bleibt ein schwieriges Thema. Zumal jeder Mensch eine andere Definition von Provokation hat.

    LG,
    Rabe :)

  22. Ärgerlich wenn man heulen muß und sieht aus wie ne reale Version von Brandon Lee, oder?! Für den Alltag wäre mir das zu aufwändig und die Gesichtsfarbe – so kriegt man doch keinen Job – allenfalls als Selbstdarsteller in der Gothicszene. :)
    Kauft Euch für das Geld lieber was zu Essen. :)

  23. Ich kann nur sagen, das ich einige Leute aus der Szene kenne, zwar sehr freakig aussehen, aber im Herzen außerhalb der Musik, dicke Stinos sind.

    So wäre es sinnvoll, sich vorher ein sicheres Alternativprogramm zurecht zu legen. Oder aber mit Benzin wiederkommen und hasserfüllt den Laden niederbrennen+stylish Flüche schreien ;)

  24. Macht einem Szenezugehörigkeit automatisch zum Nicht-Stino? Sicher könnte man annehmen, dass aus der ominösen Lebenseinstellung, die immer wieder betont wird und die vermeintlich dazu gehört, auch eine gewisse Andersartigkeit folgt (ich halte mich im Ausdruck hier absichtlich so wage, da zwar immer von dieser Lebenseinstellung gesprochen wird, aber selten definiert werden kann wie diese wirklich aussieht (ausser der Standard „Endlichkeit akzeptieren und bla“) und ich ja ma wirklich bezweifeln möchte, dass diese so einheitlich ist und generell geteilt wird. Ebenso wie das daraus die selben Implikationen folgen). Aber führt die Zugehörigkeit zu einer Szene, welche sich musikalisch-thematisch von der Allgemeinheit abhebt, wirklich zu einem nicht Stino-Leben? Was ist denn ein Nicht-Stino-Leben? Wenn ich an einige der immer wieder angeführten Stichworte denken, die von den Leuten vorgebracht werden, dann finden sich darin meiner Meinung nach immer wieder Hinweise auf sehr konservative Werte. Zumal es zu bedenken, will dass es sich eben nicht um eine Jugendkultur handelt, der die meisten Menschen mit Anfang 20 entwachsen, eben weil sie erwachsen geworden sind. Die Szenezugehörigkeit hier lässt sich allerdings wunderbar mit normalen Lebensaspekten vereinen (Arbeit etc.) zu mal an sich im Gegensatz zu anderen Bewegungen keine politische Komponente enthalten ist…

  25. Ich denke auch, dass den Beiden wegen der terroristischen Attentate in den letzten Jahren so großes Misstrauen entgegen gebracht wurde.

    Vielleicht war schon die lange schwarze Kleidung für die Sicherheitskräfte ein Alarmzeichen. Das ist zwar bedauerlich, aber nun einmal nicht zu ändern.

  26. Erstmal ein liebes Hallo in die Runde.
    Ich habe diese Geschichte auch verfolgt und wollte nun auch mal meinen Senf dazu geben.
    Also, ich glaube nicht, dass es an ihrer schwarzen Kleidung lag. Ich war zur selben Zeit in Paris (gut, für den Louvre und den Friedhof war keine Zeit), aber aufgrund meiner Kleidung hat mich keiner misstrauisch angeschaut. Allerdings trage ich kein weißes Make Up und meine Haare sind auch eher normal. Eine generell erhöhte Alarmbereitschaft aufgrund der Attentate halte ich aber auch für möglich. Ich denke einfach, dass man auch ein bisschen Rücksicht auf seine Umwelt nehmen sollte. Auch, wenn Goths eigentlich nix Besonderes mehr sind, gibt’s eben Leute, die sich von zwei so extrem aussehenden Gestalten ‚belästigt‘ fühlen. Mir wäre der kulturelle Genuss auf jeden Fall wichtiger, als der perfekte Gruftilook, zumal man ja trotzdem nicht auf ein komplett schwarzes Outfit verzichten muss. Ich stehe mit meiner Meinung vielleicht alleine da, aber ich definiere mich nicht ausschließlich über mein Äußeres. Ich bin keine andere Person, wenn ich mich etwas dezenter kleide. Ich persönlich finde es dann doch etwas lächerlich, so wehement auf sein extremes Styling zu bestehen. Klar, das kann man machen, man muss dann aber auch mit den Konsequenzen leben.
    Liebe Grüße

  27. @Mandy (und ganz kurz nur): Nein, Du stehst mit Deiner Meinung nicht alleine da. Ganz und gar nicht!

    und

    @Flederflausch: Yep, absolute Zustimmung.

    und

    @alle: wenn ich nochmal (nach all den Jahren) diesen vollkommen überkommenen, irgendwie selbstgefällig arrogant pseudo-selbstüberhöhenden und zugleich abschätzig-abwertenden und in der Tat letztendlich ziemlich armseligen Begriff „Stino“ lesen oder hören muß, so beisse ich ins nächste erreichbare Tischbein. Dieser Begriff führte damals (kaum zu glauben: Jahrzehnte her…) schon zu einigen Diskussionen zwischen mir und seinen (regen) Nutzern. Und @Begiffimmernoch(ab-)nutzer: die Welt dreht sich weiter…

  28. Es gibt Menschen, die finden das extreme Äußere der beiden provozierend. Pöbeleien und dumme Sprüche gehören zu ihrem Alltag. Machen wir uns nichts vor: Wenn auch wir den ganzen Tag so rumlaufen würden, wir wir es uns vorstellen, oder wie es manche zu Festivals oder am Wochenende machen, würden wir auf dieselben Probleme stoßen. Im Beruf, im Alltag, in der Freizeit und möglicherweise auch innerhalb der Familie oder im Freundeskreis.

    Hmmmmnnn…ich kenne dich zu wenig, Robert – aber warst du in den 80er Jahren nicht Teil der Szene? Als wir täglich „so“ wie Freyja und Matthias „rumgelaufen“ sind; schwarz gekleidet, Stachelhaare, Schnallenstiefel, pfundweise Blechschmuck, mitunter auch mit gesellschaftlich nicht gern gesehener, weil religiös fragwürdiger Symbolik?

    Genau das war Sinn und Zweck, zumindest meiner „Übung“ als Waver/ Goth in den 80er Jahren (die für mich keine Übung war, ich wollte eigentlich nur so aussehen, wie es mir mein Recht zugesteht und wie es mir gefällt): Im Beruf, im Alltag, in der Freizeit, in der Familie und vor allem am Arbeitsplatz auf Ablehnung, Verachtung, Abneigung, sogar Haß und Gewalt zu stoßen.

    Einer meiner Hauptgründe für den Einstieg im Alter von 14 in die damalige „Wave“-Szene war das Bewußtsein, daß (m)ein schwarzes Outfit – neben dem damals noch existierenden Punk – für massiven Aufruhr in meiner unmittelbaren Umgebung sorgen wird. Was ich damals ahnte, bewahrheitete sich in den folgenden Jahren meiner Szenezugehörigkeit. Ablehnung aller Orten. Diskriminierung, Diskreditidierung, Verbote, Bestrafung, Respektlosigkeiten ohne Ende bis hin zu körperlicher Gewalt. Und eben das war einer der Hauptgründe für mich, so zu sein und so weiter zu machen, zumindest die nächsten Jahre.

    Aufzuwachsen, in einer Gesellschaft, in der deine Rechte zwar in einer Verfassung verbrieft und versiegelt sind, aber gleichzeitig wert- und nutzlos, wenn du „anders“ bist, „anders“ aussiehst und du allein aufgrund deiner Erscheinung von deiner Umgebung konstant gerichtet und bewertet wirst. Und gerade durch meine Erscheinung dieser Gesellschaft permanent den Spiegel vor die Nase zu halten, ein kleiner Stachel im Fleisch zu sein. Gibt es einen besseren Grund, Goth zu sein? Zumindest war das mein Grund und es dürfte auch der Grund vieler anderer Waver und Goths zu der Zeit gewesen sein. Für mich war meine Zeit in der schwarzen Szene darüber hinaus auch noch wertvolle Vorbereitung und Schule für mein Coming Out mit 21 – wie sich gesellschaftliche Verachtung und Ablehnung anfühlen, hatte ich jahrelang zuvor schon als „Schwarzer“ erfahren.

    Es wundert mich nicht, daß die beiden Hauptdarsteller deines Reports auch im 21. Jahrhundert diesen Gesetzmäßigkeiten ausgesetzt sind. Das unsere Gesellschaft und ihre Denkweise sich nicht fortentwickelt, im Moment eher ganz im Gegenteil riesige Schritte zurück ins Mittelalter macht, weiß man doch inzwischen. Insofern regt sich heute kein Mitleid bei mir, müssen Menschen wie Freyja und Matthias, deren Vlog ich immer wieder mal auf YT verfolge, sich heute noch mit denselben Problemen rum plagen, die man als Goth schon vor 30 Jahren hatte. Grundsätzlich haben die beiden natürlich das gleiche Recht wie jeder andere Mensch, einen Friedhof zu besuchen, mit welcher Motivation auch immer. Aber bereits Mitte der 80er Jahre wußte man, daß das massive Probleme mit sich bringen kann, trägt man bei einem solchen Friedhofsbesuch schwarze Kleidung, Turmfrisur, ein kalkweisses Gesicht und satt Eyeliner. Da schlägt die Phantasie von Bevölkerung, Security und Obrigkeit – auch heute, im 21. Jahrhundert und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit – noch hohe Wellen. Aus solchen Anekdoten wie dem Louvre-Besuch und dem Friedhofs-Sightseeing strickten damals die BILD, die Quick und wie sie alle heißen ihre reißerischen „Reportagen“ über die „schwarze Gefahr“, die wir angeblich darstell(t)en. Und mit deren Nachwirkungen sich die schwarze Szene vermutlich heute noch rumschlagen muß.

    Vorfälle dieser Art sind umso peinlicher für Europa und seine Bevölkerung, angesichts der Tatsache, daß Freyja von Neuseeland übergesiedelt ist und man sich für diese scheinbar unausrottbare, europäische Engstirnigkeit, Rückständigkeit, Entwicklungsresistenz und Spießigkeit, die Freyja mit ihren Dokumentationen solcher Vorfälle nicht nur auf YT der Welt offenbart, sondern wahrscheinlich auch ihrer Familie in Übersee mitteilt als Europäer in Grund und Boden fremdschämen möchte.

    Wenn ich heute hin und wieder Freyjas Video-Blog auf YT verfolge, schießt mir regelmäßig der Gedanke durch den Kopf „Okay, das Mädel ist clever. In der Anfangszeit, in den 80er Jahren, konnte man sein dauerhaftes Überleben als Schwarzer mit entsprechendem Outfit finanziell nur sicherstellen, wenn man etwa Leadsänger einer kommerziell erfolgreichen Gruftband war. Was wohl nur wenigen beschieden war, Frau Sioux vielleicht. Freyja verkauft sich selbst – Internet sei Dank – heutzutage auf YT. Und ermöglicht sich offenbar damit ihre Existenz als Goth. Alle anderen schauen in die Röhre, sind noch immer restlichen gezwungen, ihre Erscheinung an die fragwürdigen Anforderungen und Erwartungen der Gesellschaft anzupassen. Tun sie das nicht, ist das ihr gesellschaftlicher und arbeitsmarkt-technischer Tod. Es lebe die Demokratie im Jahre 2017. Beinahe 40 Jahre nach Punk und Goth.“

    Heißt ein Titel des neuen Depeche-Albums nicht „Where’s the revolution?“? Diese Frage stelle ich mir seit Jahren, vielleicht Jahrzehnten…seit meiner Zeit als „Schwarzer“ eben.

  29. @Markus: So war das nicht gemeint. Es ging mir in der zitierten Aussage darum, dass wir uns klar machen müssen (und auch in den 80er durchaus damit geliebäugelt haben), mit extremen Outfits anzuecken. Das kann durchaus eine willkommene Provokation sein und auch beabsichtigt. Wir können uns eben nicht hinstellen und sagen wie böse und gemein alle anderen Menschen sich verhalten, weil sie unser Outfit als störend empfinden. Das ist nunmal so. Die allumfassende supertolerante Gesellschaft, die jeden Menschen nach seinen Taten bewertet, bleibt Utopie. Ich habe gerne (und tue das immer noch gerne) angeeckt, gestört und mich als Kontrapunkt präsentiert.

    Wie du schon schreibst: „Das unsere Gesellschaft und ihre Denkweise sich nicht fortentwickelt

    Um es mal philosophisch zu betrachten: Wir entwickeln uns weiter, nur sehr langsam. Und solange es dumme Menschen gibt, die aufgrund von fehlendem Wissen, falschen Idealen und kruden Weltanschauungen ihre persönlichen Ängste auf Dinge schieben, die sie nicht verstehen, bleibt es womöglich auch 25. Jahrhundert so, wie es heute ist.

    „Where’s the Revolution?“ Die wichtigere Frage wäre: Wogegen? Was sind die Feinbilder? Früher (du sprachst davon) war das einfacher. Umweltschutz, Abrüstung oder Atomkraft. Heute gibt es viel mehr verschwommene, eine viel diffusere Sichtweise auf Welt und eine totale Überforderung durch global verfügbare Informationsflut.

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