2 Mai

Mit Witchhouse auf toten Pfaden ins Gothic-Sein

Verfasst von Diskussion: 6 Kommentare

Witchhouse - To be a Goth 2017Machen wir uns nichts vor. Die Zeiten, in denen wir uns auf nostalgischen Definitionen unserer geliebten Szenemusik ausruhen konnten und neue musikalische Genre und Einflüsse vehement ignorierten, sind vorbei. Sollten sie zu mindestens, wenn wir nicht unsere eigene Daseinsberechtigung der Andersartigkeit zu Grabe tragen wollen. Stilikonen von einst wirken mittlerweile wie die bemüht engagierte Genre-Opas aus Zeiten, in denen man noch nicht seine Szenekluft aus dem Internet zusammenklicken konnte. Wer nimmt Andrew Eldritch, den Sänger der nicht nicht tot zu kriegenden Sisters of Mercy, denn heute noch ernst, wenn er mit beinahe 60 Jahren im neongrünen Shirt „Lucretia my Reflection“ ins Mikrophon haucht? Ist der Typ da auf der Bühne ästhetisches Vorbild für den Nachwuchsgrufti? Blicken wir den Tatsachen ins Auge: das was einst verrucht, böse, okkult und undergroundig war, ist heute längst akzeptiert, toleriert und konsumiert. Vampire glänzen im Sonnenlicht, Babys tragen Strampler mit Totenköpfen und die Augen von Siouxsie Sioux zieren heute die Shirts der H&M Girlie-Kollektion. Songs von Bauhaus, The Cure, Depeche Mode, The Mission oder Joy Division untermalen mittlerweile besonders düstere Szenen im Tatort, der an den Sonntag Abenden den Veitstanz der Spießigkeit untermalt.

Vielleicht brauchen wir neue Leitbilder, um uns selbst zu rechtfertigen, der aufkeimenden Lächerlichkeit zu entrinnen und dem Nachwuchs nicht ständig von den „alten Zeiten“ in den Ohren zu liegen. Witchhouse ist musikalisch nichts neues, aber möglicherweise etabliert und stimmig genug, um Gothic – oder die schwarze Szene im weitesten Sinne – zu helfen, in ein neues Zeitalter zu zu schreiten. Reikon DeVore, der einen Artikel über das Thema anregte, ist der Überzeugung, dass Neugier auf das verwirrend Unbekannte der Musikrichtung die Szenegänger wieder vor die Bühnen und auf die Tanzflächen locken könnte.

Witchhouse – Keine brandneue Musikrichtung

Sidewalks and Skeletons - Born to die

Bild vom Albumcover „Born to Die“ von Sidewalks and Skeletons

Natürlich. Dem ein oder andere erzähle ich nichts neues, denn schließlich geistert dieses musikalische Genre bereits seit etwa 2010 durch das Internet und wurde bereits besprochen, analysiert, in den Himmel gelobt, für jugendliche Exzesse verantwortlich gemacht und eigentlich auch schon wieder für tot erklärt. Doch es geht auch nicht unbedingt um die Etablierung eines neuen Genres in der sowieso schon überlaufenden Gothic-Badewanne, sondern auch um das, was 2017 die Identifikation mit der Szene ausmachen könnte. Witchhouse möchte beides sein: Ernst zunehmende Spielart düsterer Musik und ästhetisches Leitbild für das, was uns heutzutage zu ein wenig mehr Abstand zum verpönten Mainstream verhilft.

Die frühen 80er, in denen unsere Subkultur geboren wurde, reichten schwarze Klamotten, Kruzifixe und Pentagramme, ausrasierte Frisuren und blass geschminkte Gesichter, um von seinem Umfeld gemieden zu werden. Es waren die düsteren und melancholischen Spielarten der damaligen musikalischen Trends, die uns auf die Tanzfläche lockten und Texte, die uns erlaubten, traurig, bedrückt oder melancholisch zu sein. Doch was bei uns noch funktionierte, ist 2017 längst überholt. Nachwuchs kommt nur über Musik, die sie anspricht, nicht über Musik von denen man ihnen erzählt. Dass das nicht immer vom gruftigen Aufsichtsrat genehmigte, „wie damals“ klingende Musikrichtungen sind, sollten wir uns klar machen. Mit Gleichgültigkeit jedem neuen Trend gegenüber sollte das jedoch nicht verwechselt werden, denn trotz musikalischer Vielfalt sollte ein dunkler Touch dann doch Cyber-Elektro-Gestampfe von düster-technoiden Sound unterschieden werden. 

Mit neuer Musik, neuen Bands und neuen Genre kommt auch ein Form von neuer Ästhetik, der wir Aufmerksamkeit schenken sollten. Neue Stilikonen stehen auf den Bühnen uns präsentieren andere Vorbilder, als der neonfarbene Eldritch, der dickliche Smith oder die faltig-bunte Siouxsie Sioux. Denn im Gegensatz zu früher braucht es heute andere Abgrenzungsmerkmale und aussehen wie die Helden seiner Eltern will wirklich kein Sprößling mehr.

Die Musik – Elektronisch, spährisch, düster und Inhaltslos?

Spätestens mit den Veröffentlichungen von Bands wie Salem oder Fever Ray hat der digitale Spuk 2010 seine dürren Finger in die Spielarten düsterer Musik gelegt. Unter dem Radar großer Labels und nahezu frei von Abstechern in die nationalen Charts treibt sie ihr Unwesen im Internet. Foren und Blogs sind erste Anlaufpunkte für den Einstieg in die unheimliche Welt, die bei eingehender Beschäftigung immer neue und noch unheimlichere Stilrichtungen offenbart. Nightmare Pop, Haunted House, Drag Rave, Ghost Drone, Seapunk oder Vaporwave heißen die Poltergeister, die man lieben oder hassen kann, aber definitiv nicht mehr los wird. Über allem schwebt der Bergriff Witchhouse wie ein Hexenmeister, von dem man schon öfter behauptet hat, er sei verstorben, um dann in anderer Gestalt wieder für schaurige Faszination zu sorgen.

Die Faszination liegt im Sound des Meisters, der sich zwar House nennt, aber nicht wirklich House ist. Geräuschcollagen, die mit Hip-Hop Beats auf halber Geschwindigkeit zeitlupenartig durch den Nebel angedeuteter Synthie-Wolken wabern. Kantige und kratzige Samples, die wie eiskalte Klauen über Dub-Beats schaben, während ihre Krallen aufkommende Melodien in Fetzen reißen. Geisterhaft verzerrte Stimmen im Hintergrund beten und murmeln ihre kaum verständlichen Formeln mit viel Hall in das Ohr des Zuhörers. Je nach Stilrichtung und Ausprägung hinkt der Rhythmus wie ein lahmer Zombie bei der Witterung frischen Fleisches, während er bei anderen Stücken dann wieder schemenhaft durch die Klangräume huscht.

Stellenweise gelingt es mit der Musik von Formationen wie White Ring, Balam Acab oder oOoOO tatsächlich kalte Schauer über den Rücken zu jagen, während es ihr an anderer Stelle wieder gelingt, seine Augen in einem wohlig-warmen Gefühl der Melancholie zu schließen. Wahlweise könnte man damit auch Horrorfilme, Opferrituale, Séancen oder auch einen zünftigen Exorzismus beschallen. Die mitgelieferten Videos wirken dann auch wie Fetzen aus „The Ring“, „The Blair Witch Project“ oder auch „Twin Peaks“ und unterstreichen den Horror-Charakter, ohne sich jedoch mit blutigen Schockeffekten ins Lächerliche zu ziehen.

Der Reiz der Untanzbarkeit verleitet mich zum schwärmen. Sidewalks and Skeletons, deren Alben mir eine ganze Nacht des Kennenlernens versüßten, verstehen es, dieses Gefühl zu bedienen. Zu langsam, um hektisch zu zucken, zu unterbrochen um Harmonie zu erzeugen und dennoch eindringlich und sphärisch. Denn erst dann, wenn man einfach nur dasteht, die Musik in sich hineinkriechen lässt und im Nebelmeer der Tanzfläche ertrinkt während einsame Lichter die Dunkelheit verzweifelt unterbrechen findet man möglicherweise Gefallen daran, sich nicht zur Musik zu bewegen, sondern zu seinen Emotionen. Das Stück „Unearth“, das ich beschrieben habe, steht im perfekten Kontrast zum tanzbarerer „Goth„, das dann auch gleich den Facettenreichtum der Musik präsentiert.

Es muss aber nicht immer okkult, schaurig oder kratzig elektronisch klingen, auch wenn Witchhouse ein gemeinsamer Nenner ist. Die Crystal Castles schafften sogar 2010 den Sprung in die britischen Charts, als sie zusammen mit Robert Smith den Song „Not in Love“ herausbrachten. Trotz des deutlichen und hingebungsvollen Gesangs und der leichten Melodie, bleiben die musikalischen Einflüsse deutlich. Gerade diese Mischung aus poppig leichtem Sound und einer strengen, fast zerreißenden Klangsynthese erzeugte bei der Fachpresse für Verzückung. Die folgenden Alben machten die Einflüsse noch deutlicher, das Stück „Plague“ vom dritten Album der kanadischen Band darf hier als Beispiel herhalten. Erst dieses Stück offenbart die gesamte musikalische Vielfalt, denn hier was das Spiel aus Melodie, eingängigen Passagen und beinahe zerstörendem Krach brillant gemeistert.

Der wohl prominenteste Vertreter der unter dem Witchhouse-Begriff zusammengefassten Bands sind Esben and the Witch. Eine Band, die zunächst alles richtig machte, als sie sich 2008 in Brighton zusammenfand und nach einem blutigen dänischen Märchen benannte, ihre Internetseite wie ein groteskes Ensemble aus Kunst und Fotografie gestaltete und auch in ihren Videos gerne mit Bildern von Wäldern, schummrigen Gewässern und angsterfüllten Gesichter schaurig wirken lässt. Doch die Musik (wie das halbwegs interessante Stück „Marching Song„) ist bleibt allenfalls gefälliger Goth-Pop für Dunkel-Hipster. Atmosphärisch verdichtet bewegt sich die Musik am Rande zum Indierock und ähnelt dann doch eher den Schwarz-Poppern von The XX. So verwelken Esben and the Witch ohne die ernst gemeinte Grundlage des Unangepassten und dürften dann höchstens als Einstiegsband herhalten. Es ist eben nicht alles Hexerei, was auf dem Scheiterhaufen verbrennt. Und Witchhouse ist eben mehr als ein Stempel.

Der Witchhouse-Style ist gekonntes Verwirrspiel

Die Künstler verbergen ihre Band- und Künstlernahmen hinter kryptischen Symbolen, wie GL▲SS †33†H, ///▲▲▲\\\ oder †‡†, bringen ihre Platten in Eigenregie oder in winzigen Labels wie Disaro (Houston, US) oder Tri-Angle Records (New York, US) heraus und verbergen sich selbst gerne hinter verschleierten Bildern in einem sonst gut verzweigten und sehr aktiven Netzwerk. Überhaupt scheint das Internet nicht nur die Wiege, sondern auch der Lebensraum dieser Musikrichtung zu sein. Künstler sind aktiv bei Instagramm, Tumblr, Facebook, Soundcloud oder Bandcamp und sprechen so auch eine pauschal jüngere Klientel an, die diese Verwirrenden Effekte dann auch eher als Herausforderung, denn als Abschreckung sieht. Doch dieses mystisch-romantische Runenspiel und die produzierten Videos sind längst nicht die gesamte Bandbreite okkulter Ausdrucksform. Auch gedanklich möchte man sich auf einer anderen Ebene verstanden wissen:

Viele Künstler wissen vielleicht nicht, weshalb sie sich zu dieser Bildsprache hingezogen fühlen, aber die Symbole sind tief in uns verwurzelt, sie sprechen zu uns. Die Ästhetik ist eigentlich sekundär, es geht in erster Linie um das Ritual dahinter. Kunst und Musik können ganz bewusst genutzt werden, um die Pforten zum Göttlichen in uns zu öffnen. Wir sind ein okkultes Netzwerk von Künstlern und Musikern, die hinter den Schleier blicken wollen. (Jim Weigel aka Owleyes vom Label Disaro via DE:BUG)

Bands wie Mater Suspiria Vision arbeiten darüber hinaus auch mit magischen Formeln, würzen ihre Stücke mit okkulter Esoterik der Horror-Filmemacher Kenneth Anger und Dario Argento zu einer fein abgestimmten Melange, die hier und da auch noch mit trockenem Humor glänzt. Das schützt das Genre, seine Inhalte und Ästhetik ins Beliebige abzudriften und sorgt darüber hinaus für eine Heterogenität, die man schon als übersinnlich bezeichnen könnte.

Aaimon - Flatliner

Die kalifornische Band Aaimon und ihr Album „Flatliner“. Ein Sammelsorium an Symboliken und Bildsprache. Ein umgedrehtes Kreuz, das Doppelkreuz auf dem Zeichen für Unendlichkeit, wie es auch von der Church of Satan benutzt wird auf dem Rücken eines Käfers.

Im Grunde genommen macht Witchhouse genau das, womit die Musiker und die Szene der frühen 80er bereits den „Goth-Style“ kreierten. Die Inszenierung des Horrors und die daraus resultierende äußere Versinnbildlichung von Tod und Vergänglichkeit. Romantische Vampirfilme, B-Movie Gruselschocker und Horroklassiker boten Vorlagen und wurden durch Punk-Elemente verfeinert. Die mit Witchhouse einhergehende Ästhetik entspricht dem heutigen Bild von dem, was wir als gruselig, abseitig oder okkult empfinden. Spätestens mit dem Film „The Crow“, der 1994 den Sprung vom Comic auf die Leinwand schaffte, dürfte jedem klar sein, dass es einen Zusammenhang zwischen Gruselkultur und dem Style der Szene gibt. Natürlich kann man darüber spekulieren, wer wen beeinflusst hat, ob die Gruftis einst Vorlage für James O’Barr Erfolgscomic gewesen sind? 

Die Urängste vor dem Finsteren, Dunklen und Schrecklichen sind gleich geblieben, nur ihre Erscheinungsformen habe sich verändert. Das hat sich auch mit Witchhouse nicht verändert. Dass die Erscheinungsformen deutlich extremer geworden sind, liegt an der Gewöhnung vor dem Außergewöhnlichen. Mit schwarzen Klamotten, ein paar Tätowierungen und ausrasierten Frisuren schaffst du es nicht mehr, dich abzugrenzen. Dann schon eher mit Bodymodifikation, Gender-Bending oder Fetisch-Clothing – damit stößt man nicht selten genug selbst etablierten Alt-Goths vor den Kopf.

Witchhouse als Wegbereiter zum Gothic-Dasein?

So abwegig ist das gar nicht. Die Weichen sind gestellt: Ein obskure Musikrichtung voller Anspielungen auf okkulte und beinah magische Inhalte, ein optischer Kodex und das Verwirrspiel mit Runen aus dem Computer-Zeitalter gepaart mit Bilderfetzen von Einsamkeit, Angst und Melancholie. Hinzu kommt die Unverstandenheit über die Beweggründe dieser Musikrichtung, das Undergroundige durch die beinahe lückenlose Entkommerzialisierung und letztendlich das Rätselhafte in seinen inhaltlichen Anspielungen und historischen Bezügen.

Mittlerweile gibt es bereits einige Veranstaltungen (vor allem in Russland), die sich dieser Musikrichtung gewidmet haben und das, obwohl man Witchhouse eigentlich schon wieder für tot erklärte. Hipster-Goth unkte man aus den Kreisen der Goth-Rocker und spätestens mit den frischen Hypes Seapunk oder Vaporwave hatte auch die Medien Witchhouse eigentlich schon wieder vergessen. Geschadet hat es dem Genre keinesfalls, im Gegenteil. Es hat sich dahin zurückgezogen, wo es entstanden ist und es sich am wohlsten fühlt: Ins Internet. 

Man könnte sagen: Dem Goth von Heute dürstet es nach neuen Mythen, nach okkultem, nach rätselhaftem. Er möchte wieder von der Gesellschaft kritisch beäugt werden und suhlt sich darin, seine Beweggründe nicht in Worte gefasst zu lesen. Diese neue (alte) Musikrichtung ist der richtige Hafen. Etabliert genug, um im Netz gefunden und gehört zu werden und verschroben genug, für den Einstieg in die schwarze Szene herzuhalten.

 

 

6 Kommentare

  1. Hmmmm…. klingt zwar nicht schlecht, aber auch nicht wirklich neu in meinen Ohren. Manches klingt wie Dark Ambient, manches wie Heavenly Voices, manches wie dunkler EBM oder Cold Wave.

    Ich höre da z.B. deutliche Anleihen an This Mortal Coil, Love is Colder than Death, Cocteau Twins, The Cranes, Kirlian Camera, Grauzone, Sleeping Dogs Wake, Twice a Man, Wumpscut (die düsteren, ruhigeren Songs), Velvet Acid Christ, Leather Strip, Will, yelworC und In Slaughter Natives heraus – diese fallen mir als erstes dazu ein, es gibt aber bestimmt noch weitere Parallelen.

    Und als wirklich untanzbar würde ich das auch nicht einschätzen – es gibt genug Leute, die auch zu Industrial, Ritual oder ruhigen Heavenly Voices-Stücken tanzen ;-)

  2. Ehrlich gesagt, dachte ich auch, dass das Thema Witchhouse längst durch sei. Nach dem Lesen des Artikels werde ich mich im Netz aber mal wieder nach neuen Projekten umhören. Mir ist das Genre nämlich ganz sympathisch, weil es vor ein paar Jahren tatsächlich ein ganz neuer, radikaler musikalischer Ansatz war, den Du in deinem Bericht sehr schön beschreibst.

    Mir ist Witchhouse allemal sympathischer als andere Subgenres, die die Gothszene in den vergangenen Jahren meiner Meinung nach der Peinlichkeit preisgegeben haben. Sei es der prollige Mittelalterrock oder der stumpfe Cybertechno. Das trifft auch auf den Kleidungsstil zu. Der Hexen-Hipster-Look von Labels wie Killstar zeugt allemal mehr von Stilempfinden und beinhaltet mehr Reminiszenzen an die Gothkultur als mit Trinkhörnern behängte Mittelalterschrate und neonleuchtende Freaks mit Taucherbrillen auf dem Kopf.

    In diesem Sinne: Hex, hex!

  3. Meine bisherige Erfahrung mit dem Thema stellt sich wie folgt dar:

    Die Ästhetik und der Spagat zwischen Okkultismus und Internetzeitalter hat schon seinen Reiz, allerdings kann ich auch nicht sonderlich viel Neues oder Innovatives erkennen. Hatte mir vor einiger Zeit mal von ´nem Bekannten ´ne Menge Projekte aus dem Bereich rübergezogen und wenn ich stichprobenartig ein Lied nach dem anderen höre, klingt das für mich alles gleich.
    Das einzige Projekt aus dem Bereich, das ich verstärkt höre und das für mich raussticht, ist In Death It Ends, das teilweise sehr grandiose Sachen rausgebracht hat. Und selbst hier muss man sich die Perlen aus der Diskographie erst mal rausfischen: Discogs belegt mindestens 42 (!) Veröffentlichungen seit 2012.

    Sowieso hab ich das Gefühl, dass in diesem (sehr konstruiert/forciert wirkendem) „Genre“ sehr inflationär geschaffen wird, wenig wirklich raussticht und Vieles austauschbar ist, was natürlich konzeptionell perfekt zum Internetzeitalter passt. Das Meiste klingt doch recht ähnlich und die Projekte scheinen/schienen wie Pilze aus dem Boden zu sprießen. Da ich aber auch nicht das Interesse hatte, mich sehr viel mehr mit dem Thema zu beschäftigen, kann das auch eine Verallgemeinerung meinerseits sein. Jedenfalls fände ich das Meiste zum Nebenbei-Hören ganz gut, aber eine besondere Attitüde, vermehrt individuelle Herangehensweisen oder gar einen tieferen Inhalt (abgesehen von obskuren Beschreibungen angeblicher unterschwelliger, ritueller Erfahrungen, die sich toll und interessant lesen, aber für mich eher als verkopft und aufgeblasen entpuppen) zeigen sich mir auf große Sicht nicht…
    Wenn Vocals eingesetzt werden, kann man sie meist eh nie verstehen. Aber man hat ja die ganzen mysteriös scheinenden Symbole in den Bandnamen, die man sich stattdessen angucken kann. ;P

    Die Zukunft irgendeiner Szene oder gar neue Leitbilder sehe ich hier nicht. Die gibt es aber an anderer Stelle. Es gibt genug wirklich innovative, talentierte, und ja, auch NEUE Bands, die Charakter, Talent und das gewisse Etwas aufweisen. Viel davon in dieser ganzen Hexensuppe auszumachen, fällt mir persönlich schwer. Aber vielleicht hab ich ja auch noch nicht an den richtigen Stellen geguckt. Der Begriff „Witch House“ scheint auch so unglaublich schwammig zu sein, aber so ist das wohl mit vielen Genres… Sind The Devil & The Universe jetzt auch „Witch House“, weil sie okkulte Ästhetik und Horrorfilm-Samples einsetzen? Die wären für mich jedenfalls ein weiteres positives Beispiel.

    Übrigens hätte ich Esben and the Witch niemals in diesem Kontext gesehen. Ich mochte die ersten zwei Alben sehr, aber die waren doch nie auf schwarze Schiene ausgelegt, sondern einfach düster-melancholischer Indie-Rock. Muss wohl am Bandnamen liegen, ähnlich wie bei Dead Can Dance. Setze „witch“ oder „dead“ in deinen Bandnamen und schon steckst du in der schwarzen Schublade. Für iiiiimmer und eeeewwwiiiig.^^

  4. @Tanzfledermaus: Etwas ganz neues wird es meiner Ansicht nach sowieso nicht mehr geben. Alles ist und bleibt ein Mashup von Dingen, die bereits in der ein oder anderen Form schon mal da waren. Selbst neue Subkulturen sind auch häufig nur ein Remix von „alten“ Einflüssen. Es geht immer häufiger um ein stimmiges Gesamtkonzept, das ich bei Witchhouse – ob es beabsichtig war oder nicht – ziemlich gelungen finde. Die Untanzbarkeit war auch auch gegenteilig gemeint. Es fehlt einfach der übliche Takt oder Rythmus, um in einer dem Körper gleichenden Geschwindigkeit mit zu gehen. Es ist eher der „Anti-Tanz“, das seichte dahinschweben, das in sich reinkriechen lassen, das hin- und herwiegen. Und das wiederrum sehe ich positiv, weil es dem, was ich als „Gothic“ empfinden würde, sehr nahe kommt.

    @Pitje: In der Regel schenke ich „Eintagsfliegen“ auch weniger Beachtung, es geht mir, wie bereits erwähnt, um das stimmige und (gewollt oder ungewollt) heterogene Gesamtkonzept.

    Der Hexen-Hipster-Look von Labels wie Killstar zeugt allemal mehr von Stilempfinden und beinhaltet mehr Reminiszenzen an die Gothkultur als mit Trinkhörnern behängte Mittelalterschrate und neonleuchtende Freaks mit Taucherbrillen auf dem Kopf.

    Genau so meine ich das! Es geht nicht um das haarkleine Sortieren von „true“ oder „untrue“ oder „kommerz“ oder „nicht-kommerz“, sondern um den ersten ernst zu nehmenden Einfluss in die Szene, den ich tatsächlich nicht als völlig unpassend empfinde. Differzenzierung ist das Zauberwort und das hast du perfekt auf den Punkt gebracht ;)

    @Mourant: Man darf die Grenzen nicht so eng stecken, man darf sie aber auch nicht nach allen Seiten öffnen. Jedenfalls musikalisch. Witchhouse ist auch nicht DIE Zukunft der Szene, sondern eine Möglichkeit, verwandte Ästhetik, verwandte Sounds und irgendwie verwandete Inhalte als Einstieg zu betrachten. Wie gesagt halte ich es für vermessen, die Szene oder den ebenfalls schwammigen „Gothic“ Begriff, an Musikrichtungen fest zu machen. Damit schaufeln wir uns das eigene Grab. Und das wir darin gerne liegen möchten, halte ich für ein Klischee. Ich sehe in Witchhouse durchaus eine Möglichkeit dem, was ich als „Szene“ definieren würde, Ausdruck zu verleihen. Und ja, dazu zählt auch der damit einhergehende Style als „Hexen-Anlehnung“.

    Immer noch besser – und da möchte ich ins selbe Horn blasen wie Pitje – als Mittelaltermetaller mit Trinkhörnern, dem rituellen Feuerstanz in knappen Leder-Buchsen, besser als Neopuschel, blinkende Campinglichter und Schweißerbrillen zu stampfenden Beats mit „Ficken“ im Text oder als Uniformen, militärische Outfits und Marschmusik.

    Ich finde: Es ist genug gemeckert worden über das, was nicht passt. Vielleicht wird es Zeit, wieder mal positiv nach vorne zu blicken und klangliche Alternativen vorzustellen, die eine mögliche (!) Zunkunft sein könnten oder daran beteiligt sind.

  5. Vielen Dank für den Text und die Anregungen. Ich war immer wieder kurz davor, beim Beitrag zum Clubsterben zu kommentieren oder auf die Gothic-Friday-Fragen zu „Abgrenzung und Gesellschaftskritik“ und dem darauf folgenden „Mecker-Cracker“ zu antworten. Irgendwie hatte sich meine Selbstzensur durchgesetzt, denn ich wollte mir nicht anmaßen, einfach aus meiner Sicht zu meckern. Nachdem ich mich jedoch dieses Wochenende zu einer Party begeben habe, bei der „Gothic-Classics, Darkwave, EBM, Electro, Industrial und NDH“ angekündigt wurde (wobei ich zuerst dachte, „Was für ein Brei!“), ist wieder mal meine „Neugier auf das verwirrend Unbekannte“ auf wiedergekäutes Bekanntes aufgedotzt. Wie kann man nur so viele Elemente verschiedener Subkulturen so verhunzen? So gerne hätte ich mich von neuen authentischen Welten verwirren lassen, doch mir wurde stattdessen nur schlecht vom Wiedergekäuten. Dass ich mit einigen Notizen endlich angefangen habe lag auch daran, dass mein Zorn über die Geschäftstüchtigkeit auf einer ganz anderen Ebene meine Selbstzensur überbrüllte. Ich musste die Woche zum Zahnarzt. Verzeiht, doch ich fühle mich gerade existentiell bedroht, nicht primär finanziell, sondern leiblich. Der Typ wollte mir psycho-invasiv sofort den Zahn ziehen, während auf seiner vor Ungeduld gerunzelten Stirn geschrieben Stand: „Jetzt füge dich gefälligst und zahle mir für ein Implantat!“. Nein, ich will kein Cyborg sein, ich bin noch nicht bereit! Doch zurück zum Thema. Wird nicht spätestens seit dem WGT-Krisenjahr auf ein notwendiges Kommerzminimum gesetzt, um den alten Kern nicht zu gefährden bzw. damit die Szene nicht stirbt? Legen deswegen viele DJs so viele gefällige Liedchen auf? Sollte man nicht besser schön sterben als den Kern verwässern zu lassen? Oder gibt es jenseits des neuen schwarzen Breis Szenen, die durch unmittelbare kreative Impulse entstehen und jenseits kommerzieller Festivals und offizieller Partys noch flimmern? Jene Party dieses Wochenende fand in einem Club statt, in dem eher jüngere Leute hingehen und auch jüngere DJs auflegen. Ich wollte es nochmals versuchen, mich der Atmosphäre und einer anderen Musikwahl hinzugeben, als die der mir bekannten und geschätzten DJs. Auf dem Rückweg find ich mit folgender Notiz an, die ich doch nicht gleich hierhin klatschen wollte.

    „So, ich kotz mal. Drittklassige NDH-Exemplare, dumpfer harter undifferenzierter Rhythmus, etwas düster begleitet und mit seichten Kindergartenmelodien gepanscht. Bäh! Ich möchte nicht wirklich über das Publikum urteilen, denn ich kenne diese Personen nicht wirklich. Ich beschreibe nur wie sie auf mich wirkten. Sich grimmig-arrogant präsentierende Stampfaffen oder schwarz aufgeputzte Lolitas, bestückt mit typischen Grufti- oder Punk-Attributen, die sich nicht zwischen fehlprogrammierten Roboterbewegungen und sexy Hüftschwung entscheiden können. Dieser Anblick hatte sogar was, doch ich vermisse etwas Anderes: bebenden Impetus, authentisches Experimentieren, Mut und Selbstsein. In dem Fall braucht man sich nicht extra abzugrenzen. Nein, früher war nicht alles besser, doch jetzt scheint es schlimmer. Pseudopunks, die eine Arroganz an die Nacht legen, die vielleicht ein ziemlich angepasstes Leben führen, die den Unterschied zwischen einer Kunst, die aus lakonischen dadahaften Texten und ungestimmten Instrumenten einigen Statements eine Form gab, und deren Verunglimpfung durch mies repetiertem Sound und narrativen Frusttexten nicht erkennen.“

    Es macht keinen Sinn, meine Notiz in eine Korrektheitsform zu zwängen. Ich habe sie nun so gelassen und versuche selbst, eine tröstende und inspirierende Gegenantwort darauf zu geben. Ich bin weiterhin neugierig auf verschiedene Stilrichtungen und Genres, habe zwar seltene, aber ziemlich beeindruckende Clubnächte oder Konzerte in den letzten Jahren erlebt. Aus all den oben genannten Genres hat schon jemand eine wunderbare Playlist gezaubert, mit guten Übergängen und interessanter Gesamtdynamik. Innerhalb vieler Genres gibt es Perlen, wie auch schlechte künstlerisch-parasitäre Mitläufer. Was z.B. alles schon als Noise oder Industrial bezeichnet worden ist, von guter herber Dröhnung bis zum hektischen elektronischen Gequietsche. Ich lerne jedenfalls immer neu, mich durch das Dickicht zu navigieren.

  6. Sehr interessant…. auch das man mal wieder… nicht alleine ist. Ich hab selber im letzten Jahr vermehrt zu Ambient, Goa, Witchhouse etc etc… mit den Ohren gegriffen. Ich bleibe halt im Herzen träumender „Elektroniker“ und „Fernekulturenforscher“ , und irgendwann wurde der Blick halt weiter, auch weils mir vorher kulturell zu eng, dunkel und trist geworden war. (Viel vom Bereich Rock fällt bei mir weg, dafür bin ich einfach nicht gemacht und werde damit nicht warm) Zwar hab ich optisch eher zu Ethno gefriffen, einfach weils mir auch hier näher liegt als das „rein dunkel okkult phantastische“, aber die Grenzen sind ja fließend wenn man das denn so will. Generell sehe ich neue Triebe der kulturellen Pflanze oder Einwüchse von außen in sie, oft als Bereicherung. Sowohl an Cyber, Steampunk, Cosplay/Fantasy/Larp Einsprengsel, etc optisch oder akustisch kann ich meine Freude haben. Kommt halt drauf an wers wie umsetzt. Woran ich immer denke ist, das die Szene das Rad nicht wirklich neu erfunden hat, sondern immer vorhandenes umgebaut und daraus neues gemacht hat. Bei okkulten/religiösen Einflüssen finde ich es allerdings wichtig sich wissenschaftlich damit zu befassen (ernsthafte Fachliteratur), und nicht einfach stumpf etwas daraus zu basteln. Mir persönlich ist es wichtig zu wissen was da an mir/um mich, oder in mir grade los ist, und ob ich das wirklich will. Das gilt bei mir aber auch bei historisch inspirierte Mode und Musik. So, Zeit im Text fertig zu werden. Liest sich vielleicht doof zum Abschluss, aber Pop und Schlager, Jeans und T-Shirt kann ich überall haben zum langweilen von Augen und Ohren, da bin ich für viele Leute „unserer/unseren“ Szene(n) echt dankbar, wenn sie Augen und Ohren zum Leben erwachen lassen. Also lasst die Geister erwachen ihr Hexer und Hexen, Schamanen und Wahrsagerinnen…

Schreibe einen Kommentar

Hilfe bei der Kommentareingabe?