16 Januar

Propheten der Dunkelheit – 2017 im Zeichen des Post-Punk

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Masquerade - Finnland - Press Promo

Die finnische Band Masquerade ist am 3. Juni 2017 im Täubchenthal im Rahmen des WGT zu sehen.
(c) Masquerade

Etwa alle 10 Jahre wird der Goth-Szene ihr Untergang prophezeit. Die Gründe liegen scheinbar jedes mal auf der Hand. Nicht nur die neu hinzugekommenen Szene-Mitglieder treiben immer unverständlichere Blüten, sondern auch musikalisch scheint sich alles das, was zu Beginn der Dekade noch frisch und unverbraucht erschien, totgelaufen zu haben. Und neue Sachen? Goth bewahre! Alles schon mal dagewesen, alles nur eine Kopie. 

Spontis behauptet: Alles Unsinn! Mit jedem Jahrzehnt wird man eines Besseren belehrt, denn auf dem fruchtbaren Boden, den die „Alten“ in den 80ern sähten, wachsen immer wieder neue Bäume. Natürlich, der schwarze Apfel, der auf diesen Bäumen wächst, wird dadurch nicht neu erfunden, doch immer wieder benetzen neue Geschmacksrichtungen den gruftigen Gaumen und können dem Geneigten wohl möglich ein freudestrahlendes Glucksen – wahlweise aber auch ein melancholisches schlurfen – entlocken. Selbstverständlich nicht bei allen. die Szene-Maurer mauern meterhoch um ihre Erstpressung von „Disintergration“ und Gothic-Katzen fauchen den Angreifer an, um sich dann auf der ewig drehenden „Vision Thing“ schnurrend einzurollen. Frei nach dem Motto: „Was der Grufti nicht kennt, wird nicht betanzt.“ Doch woran scheitert die musikalische Weitsicht? An fehlendem Nachwuchs kann es jedenfalls nicht liegen. Spontis zeigt eine Reihe von recht jungen Post-Punk Bands, die man auch 2017 im Ohr behalten sollte:

Das britische Duo Agnes Circle begibt sich mit ihrem Debüt-Album „Some Vague Desire“ auf Spurensuche in der Vergangenheit, denn ihre Musik knüpft nahtlos an die späten 80er Jahre an, einer Zeit, in der die beiden gerade geboren wurden. Für Bassistin Rachael Redfern kein Zufall, denn sie meint: „On a socio-political level, there are many similarities between the 80s and today. The pervasive sense of dread that many felt then is back again.“ Ihre Heimatstadt London bietet dazu die Kulisse und ist der Schmelztiegel eben dieser Strömungen, die sie selbst und ihre Musik beeinflussen.

Die französische Minimalistin Hélène de Thoury, die sich nach Phosphor und Minuit Machine nun ihrem Projekt Hante. widmet sich ebenfalls diesen Einflüssen, auch wenn ihr Zwiespalt größer erscheint: „How can we love this world that we destroy everyday. Where people kill other people because they don’t like the way they live?“ So nimmt sie die Sache selbst in die Hand und formt den Soundtrack, der für sie das Leben begleitet, lieber selbst. Ihr aktuelles Album No Hard Feelings trägt sicherlich ein Stück dazu bei.

Für Adam Usi sind möglicherweise genau diese „harten Gefühle“, die seinen Synthesizer-Sound maßgeblich beeinflussen: „Zu den tiefsten Gefühlen zählen meiner Meinung nach Traurigkeit und Melancholie. Vermutlich liegt das an meinem Wesen, aber Glück und Freude sind für mich schon immer temporär gewesen und damit uninteressant. Ich glaube in der schwarzen Szene für meinen Anspruch eine gute Plattform gefunden zu haben für das, was ich kann und vor allem machen möchte.“ Sein aktuelles Album „Vakuum Mirage“ ist der in Vinyl gepresste Beweis seines Könnens. Und so scheint es doch immer wieder junge Musiker zu geben, die den Boden, in dem ihr Baum wächst, zu schätzen wissen.

Im vergangenen Jahr haben sich zwei Stil-Mixe innerhalb der Post-Punk Szene etabliert, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch zueinander passen. Während Agnes Circle und Hante. eher die romantisch verträumte Darkwave und Coldwave Ecke bedienen, bewegen sich Selofan auf einer deutlich aggressiveren und punkigeren Ebene. Das die gefühlte Dunkelheit beide Genre eint, beweisen die Griechen nicht nur mit der Wahl ihres aktuellen Album-Titels (Originaltitel: „Στο Σκοτάδι“ was soviel heißt wie „In der Dunkelheit“), sondern auch durch die Quelle ihrer musikalischen und ästhetischen Einflüsse:  „Poetry is a basic source of beauty, some of our tracks are based on our favorite poems. But also the underworld princes, all outsiders, old rejected movie divas, drama and drag queens, gay culture, we are inspired by the extremes of passion in every thinkable way.

Die finnische Band Masquerade, die auch dieses Jahr auf dem WGT zu finden sein werden, sind der Ableger (oder Vorläufer) der Band Virgin in Vail und dürften dann doch den Post-Punk, der hier aufgrund meines persönliches Geschmacks sehr elektronisch ausfällt, wieder ein bisschen näher an die ursprünglich Intention heranführen. Auch optisch wieder ein bisschen szeniger präsentiert sich Sängerin Suzi Sabotage, obwohl sie sich selbst keine dieser Szenen unterordnen möchte: „I don’t really feel being part of any of those scenes – I don’t trust people in general, however they’re dressed like. I’m sort of a tribe of my own since I refuse to succumb to rules of any clique.

Das es vielen Musikern nicht nur um Aufmerksamkeit geht, sondern tatsächlich um eine Aussage, macht auch der mutige Gebrauch der Muttersprache deutlich. Zwarte Poëzie aus den Niederlanden sind da schwarz schimmerndes Aushängeschild. Edwin van der Velde fühlt sich seiner Sprache verbunden und „wollte den Leuten zeigen, was alles möglich gewesen wäre, wenn die Neue Welle in den 80ern auch in den Niederlanden halt gemacht hätte.“ Die schwarze Szene, von der er sich adoptiert fühlt, gibt ihm die Plattform sich musikalisch auszudrücken. Und so bleibt es nicht dabei, den alten Zeiten hinterherzutrauern, sondern den Blick nach vorne zu richten. Die aktuelle EP „Grijs Verleden“ (Graue Vergangenheit) liefert die perfekte musikalische Überleitung.

Lebanon Hanover, die schon fast zum alten Eisen der Newcomer zählen, darf man ebenfalls nicht aus den Augen lassen. Mit ihrem aktuelle Song „Babes of the 80s“ bringen sie genau die Dinge auf den Punkt, von denen auch die anderen Bands zeugen und der das musikalisch zusammenfasst, was viele von uns bewegt. 2016 ist der chronologische Abgrund in dem viele sich an Dinge wie Hoffnungslosigkeit und Unzufriedenheit erinnern, die auch schon in den 80ern das Leben derer bestimmte, die zu dieser Zeit aufwuchsen. Gefühle und Emotionen die auch im vergangenen Jahr omnipräsent waren, die manche in Wut und Hass kompensierten, während andere Traurigkeit und Melancholie empfanden. Und vielleicht ist das auch genau der Grund, warum „Gothic“ niemals aussterben wird, denn es wird immer Menschen, Künstler und Musiker geben, die sich nicht ins aktuelle Zeitgeschehen fügen wollen und sich der Traurigkeit stellen, als sich in Parolen und Aggressionen zu flüchten. Auch 2017 bleibt Post-Punk die prägende Musikrichtungen für die, die genauso fühlen wie Lebanon Hanover:

„These days it’s crucial to be silent and comfortable.
The exploitation of humanity – they learn to accept it all.
In my generation I will never fit in.
I should be sane but I want to murder, murder everyone.“

9 Kommentare

  1. Danke für den Artikel und die Erwähnung von Adam Usi :-)

    Adam Usi – Vakuum Mirage „Vinyl“ erwerblich bei Young & Cold Records (https://www.facebook.com/youngandcoldrecords/)für 16,- / Reumah Tape für 6 Euro (nur noch 2 Exemplare vorhanden)

    Wer kein FB besitzt >>> https://www.discogs.com/de/seller/YoungAndCold/profile oder Ebay http://www.ebay.de/itm/142240768354?ssPageName=STRK:MESELX:IT&_trksid=p3984.m1558.l2649

    Seite A
    1. Réumah > https://www.youtube.com/watch?v=RkmBKYiJ_oc
    2. Chajé Sarah > bisher unveröffentlicht
    3. Son > https://www.youtube.com/watch?v=Sn43ND2lnnw
    4. Dilemma > bisher unveröffentlicht

    Seite B
    1. Shili > https://www.youtube.com/watch?v=TH1X-TnQ4tk
    2. Opklung > bisher unveröffentlicht
    3. Betuel > bisher unveröffentlicht
    4. Bersheeba > https://www.youtube.com/watch?v=9tMmtAYgxfk
    5. Nausea > https://www.youtube.com/
    Adam Usi – Réumah
    Vinyl: http://adamusi.youngandcold.de/vakuummirage Bandcamp: http://ada…
    youtube.com

  2. In diese Liste würde auch ein Henric de la Cour sehr gut passen.
    Beispielhaft anbei der Link zu der Single Chasing Dark: https://www.youtube.com/watch?v=Ih4_k3KC3Pc

    Ein Ausnahmekünstler, der schon bei STRIP Music und Yvonne hat erahnen lassen, was in ihm steckt. Solo legt er seine Lebensgeschichte in jede Zeile – und wer sich mit ihm und seiner Person etwas beschäftigt, zieht immer wieder seinen imaginären Hut. Ein Künstler von dem wir hoffentlich in Zukunft noch mehr hören werdne.

  3. Nun ja, nachdem ich mittlerweile rein rechnerisch bereits viermal den Untergang (und Szene-Tod) beschwört und prophezeit haben müsste (ganz zu Schweigen von den kulturpessimistischen Schüben und Anfällen zwischendurch…), so bekommt die (upgedatete?) „Szene“ in Punkto Mit-„Post-Punk“-Kuscheln sogar ausnahmsweise mal wieder von mir den „Güldenen Hoffnungsschimmer“-Preis verliehen…

    Aber mal im Ernst jetzt: warum Formulierungen wie „2017 im Zeichen des Post-Punk“? Scheint ja im Trend zu liegen, den uralten Sammelbegriff (der noch nicht einmal wirklich eine signifikante musikalische Spielart definitiv festzunageln weiß, und auch nicht will – wie auch ganz so seinerzeit beabsichtigt) wieder auszugraben. Aber das taten die Musikjournalisten zum Anlaß von quasi-Revival-Bands Marke Franz Ferdinand, Interpol, Maximo Park und Konsorten bereits vor über 10 Jahren (also in etwa zum Zeitpunkt des letzten „Szene“-Untergangs…), als sie sich an Größen wie Gang Of Four, P.I.L., Joy Division, Magazine, Swell Maps, XTC oder Slits erinnert fühlten, und dies dementsprechend abarbeiteten. Daß es jetzt eine ganze Weile gedauert hat, bis die „Szene“ nun auch den Aufkleber „Post-Punk“ irgendwo abgefummelt hat, und schliesslich irgendwie retroseligen, ähem: „wavigen“ (ob nun „cold-„, „dark-„, „minimal-“ oder „synth-„, etc.) Newcomer-Bands und -Projekten aufzupappen, verwundert mich schon irgendwie (hat sich die „Szene“ zwischendurch zu lange und zu viel an/bei „Future-Pop“, Glühwürmchen-„Industrial“, „schwarzer“ deutscher Schlagermusik, etc. aufgehalten? ;-) ).

    Anyway, es sei jedem seine Auslegung von „Post-Punk“ gegönnt, wobei „Postpostpost-Punk“ ja fast schon zutreffender wäre. Und daß es den altehrwürdigen Begriff gar schon vor dem Stilungeheuer „Gothic“ gab, lässt sich im empfehlenswerten Buch „Rip it up and start again (Postpunk 1978 – 1984)“ sehr schön nachvollziehen. Dazu gibt es sogar eine CD-Compilation (ob der Nachwuchs-„Szene“-Postpunk allerdings damit glücklich werden würde? Hmmm, ausprobieren!).

    Aber genug der Dünkel, Erbsenzählereien und Schwarzmalerei: so wie in den oben aufgeführten „Tipps“ lasse ich mir den Post-Revivalrevival-Post-Punk sehr gefallen. Da fühlt man sich doch glatt wieder wie vor dem ersten Szene-Tod-Prophezeihen, nostalgiert selig vor sich hin, bei einem leckeren Gläschen neuen Weins aus alten Schläuchen. Ja, so lobe ich mir doch die neuerfundene (!) „schwarze“ (Post-Punk)Szene. Und wer nicht genug davon bekommen kann, hier noch ein paar (relativ) newcomerische namedrop(p)s (dem einen oder der anderen aber vielleicht schon bekannt…): Doric, She Pleasures Herself, Rendez-Vous, Whispering Sons, Bestial Mouths, Eagulls, A Projection, Komplikations, Veil Of Light, Kline Coma Xero, Motorama, Qual, Nun, All Diese Gewalt, Shadowhouse, Luminance, Kaelan Mikla, Equinoxious, Soft Kill, Ritual Howls (was mir nur mal gerade spontan eingefallen ist, da gibt’s aber noch undundund… – Augen und vor allem: Ohren auf, es lohnt sich wieder…).

    Und vielleicht ist es ja wirklich so, daß es manchmal eben alter Slogans, Begrifflichkeiten, Stile und Erscheinungsformen in leicht upgedateter Form bedarf, um halbwegs bewegende, bzw. „ernstzunehmende“ (huah!) Kunst, bzw. – in diesem Falle speziell – „Musik zur Zeit“ (auch wieder eine alte Beschreibung, ausgeliehen bei „spex“ der 80s…) zu produzieren und zu veröffentlichen…

  4. Ich hätte auch noch ein paar musikalische Tips
    (wobei ich jetzt nicht geschaut habe, wie lange die Bands schon existieren, aber deren Veröffentlichungen, die ich kennen lernte, sind alle von nach 2010):
    – Ascetic:
    – Bleib Modern
    – Cold Showers
    – The Foreign Resort
    – Modern Eon
    – Principe Valiente
    – Then Comes Silence

    Inzwischen schon etwas länger aktiv sind:
    – The Exploding Boy
    – The Search

  5. Hallo @Tanzfledermaus,

    Modern Eon ist zwar einen guten Tipp wert (und würdig), allerdings eher in der Rubrik „Schätzchen von Gestern“. Will heissen, die Band hat sich bereits Ende 1981 aufgelöst. Und deren empfehlenswertes (und einziges) Album „Fiction Tales“ stammt aus dem nämlichen Jahr. Folglich ein New Wave-Klassiker von anno dunnemals. Neben der LP kamen damals (zwischen 1979 und 1981) noch eine Handvoll Singles auf den Markt, von denen „Euthenics“ wohl die bekannteste und erfolgreichste geworden ist.
    „Fiction Tales“ wurde zwar 2012 nochmals als Re-Issue aufgelegt, allerdings lediglich im CD-R-Format (on demand). Gab auch noch ein CD-R-„Bootleg“. Von daher ist die Anschaffung einer der damaligen Vinylausgaben durchaus empfehlenswert(er).

  6. Ooops, da hab ich mich heute morgen auf die Eile vor dem Weg zur Arbeit doch glatt verguckt. Nun ja, kein Wunder, dass die dann so schön „alt“ klingen ;-)
    Danke für die weiteren Infos :-)

  7. denn auf dem fruchtbaren Boden, den die „Alten“ in den 80ern sähten, wachsen immer wieder neue Bäume

    Danke, Du sprichst mir aus der Seele bei dieser ewig untoten Szene, die schon dutzende Male gestorben sein muss, ehe ich sie auch nur entdeckt habe. Minus x Minus gibt halt Plus, und tot x tot wird quicklebendig. Nicht nur dank Postpunk :-)

  8. Ein wenig Interessantes was mir aus den letzten Jahre spontan einfällt:
    This Cold Night
    Belgrado
    Soror Dolorsa
    Liar in Wait
    Then Comes Silence
    Ascetic
    13 Bats
    Merciful Nuns(Sicher kein Newcomer)
    Aeon Sable
    Sanne de Neige

  9. @Fraoch Zu Merciful Nuns: „Sicher kein Newcomer“ ist noch untertrieben, immerhin gab es deren Vorläufer-Band Garden Of Delight seit 1990 :D Aber die Band gehört definitiv auf die Liste. Wen es interessiert, ich habe hier mal einen kleinen Überblick über Ihre Geschichte mit entsprechenden Videos gewürzt.
    Aeon Sable habe ich kürzlich live gesehen und kann sie jedem nur empfehlen (sie spielen auch beim WGT).
    Ich würde vielleicht noch Christine Plays Viola und She Past Away zur Liste hinzufügen.

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