27 Februar

Tour of the Universe: Depeche Mode in Düsseldorf

Kategorie: Dunkle Klänge, Veranstaltungen — Jahrgang: 20108 Kommentare

Depeche Mode LogoWas lange währt wird end­lich gut. Nach­dem ich vor über einem Jahr und vol­ler Vor­freude die Kar­ten für die Tour of the Uni­verse mei­ner 3 Lieb­lings­bri­ten erstan­den habe, folgte ja eine wahre Odys­see. Dave wurde von einer plötz­li­chen Krank­heit über­rascht, musste kurz­fris­tig einige Kon­zerte absa­gen und brachte damit den ganze Tour­plan durch­ein­an­der, so ein Schuft. Das ursprüng­lich für den 4.6.2009 geplante Kon­zert fand nach lan­gem hin– und her nun am 26.02.2010 in der inzwi­schen umbe­nann­ten Esprit-Arena in Düs­sel­dorf statt.

Soweit so gut, ges­tern ist es dann soweit gewe­sen. Nach einer wirk­lich rei­bungs­lo­sen Anfahrt mit den öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln, die man mit der Kon­zert­karte ja kos­ten­los benut­zen konnte, fan­den wir uns im Sta­dion ein und enter­ten zunächst den Merchandise-Shop, um die obli­ga­to­ri­schen Tour-Shirts zu erwer­ben. Wir beeil­ten uns in den Innen­raum­be­reich zu kom­men um uns gute Plätze zu sichern und der Dinge zu har­ren die da kom­men. Zeit kann so grau­sam sein, nach einer schier end­lo­ses War­te­zeit in der beheiz­ten und mit geschlos­se­nem Dach zur Halle mutier­ten Arena zeigte sich end­lich die Vor­gruppe Nit­zer Ebb auf der Bühne.

Ich war skep­tisch, ob DM-Fans wirk­lich die rich­tige Ziel­gruppe für den eher EBM ori­en­tier­ten Sound Bri­ten waren, ver­suchte aber die Dinge auf mich wir­ken zu las­sen, denn vom neuen Album Indus­trial Com­plex hatte ich noch nicht wirk­lich was gehört. Trotz spär­li­chem Ein­satz von Licht und einem eher beschei­de­nen Klang ver­suchte die Band ihr bes­tes, konnte das Publi­kum aber zu kei­nem Zeit­punkt für sich begeis­tern. Der stark elek­tro­nisch geprägte und harte Sound har­mo­niert nicht wirk­lich mit dem Sound von DM, obwohl beide Bands viele Ein­flüsse der 80er mit­ge­nom­men haben, ent­wi­ckel­ten sie sich in zwei völ­lig unter­schied­li­che Rich­tun­gen. Wie Nit­zer Ebb ins Vor­pro­gramm rutschte lässt sich nur spe­ku­lie­ren, viel­leicht liegt es auch an Ex-Depeche Mode Mit­glied Alan Wil­der, der sich für einen Remix von I am Undone ver­ant­wort­lich zeigt.

Depeche Mode Bühne In ChainsNach einer Stunde Spiel­zeit und end­lo­sen 15 Minu­ten Umbau­pause war es dann end­lich soweit. Mit dem Opener In Chains wurde das Kon­zert eröff­net und die Band wurde jubelnd emp­fan­gen. Gleich zu Beginn wurde einige Pro­bleme mit dem Sound deut­lich, die man erst im Laufe des Kon­zert ver­bes­sern, aber nie ganz abstel­len konnte. Es ist und bleibt ein­fach schwie­rig eine so große Arena ver­nünf­tig zu beschal­len. So klang auch die Sin­gle­aus­kopp­lung der aktu­el­len Albums Wrong auch irgend­wie wrong, was an Dave Gahans Non-Verbaler Kom­mu­ni­ka­tion mit den Tech­ni­ker zu sehen war. Die über­di­men­sio­nale Lein­wand im Hin­ter­grund der Band war will­kom­me­nes visu­el­les Hilfs­mit­tel, das neben ein­ge­spiel­ten Film­se­quen­zen auch Sze­nen der Büh­nen­ka­me­ras einfing.

Depeche Mode - Let me see your HandsMit Hole to Feed folgte gleich das dritte Stück des aktu­el­len Albums, des­sen Ener­gie weder von Gahan aus­ging noch auf das Publi­kum über­sprin­gen wollte. Das sollte sich beim ers­ten Klas­si­ker Wal­king in my Shoes schlag­ar­tig ändern, es war deut­lich zu spü­ren das nun der Funke auch im Publi­kum zün­dete und der Refrain begeis­tert mit­ge­sun­gen wurde. Auch Gahan und Gore leg­ten eine ordent­lich Sohle auf das Par­kett und ver­lie­hen dem Stück eine wür­dige visu­elle Grund­lage, die sich auch beim Song It’s No Good fort­set­zen sollte, bei dem der Sound nun auch lang­sam bes­ser wurde, erstaun­li­cher­weise bekam das Stück in der Live-Version deut­lich mehr Kraft, als auf dem Album Ultra auf dem es 1997 erschien. Nun bil­de­ten sich auch ers­ten Schweiß­per­len auf mei­ner Stirn. Das die beim nächs­ten Knal­ler A Ques­tion of Time nicht trock­nen sollte, war eine logi­sche Kon­se­quenz. Und lang­sam hatte sich auch das Publi­kum auf die Band ein­ge­schos­sen und betei­ligte sich bis in die Oberränge.

Depeche Mode Martin Gore SoloDas atmo­sphä­ri­sche Pre­cious war will­kom­mene Abwechs­lung und sorgte für aus­ge­las­se­nes Chill-Out, was vom nach­fol­gen­den World in My Eyes jäh unter­bro­chen wurde. Ein kur­zes Inter­mezzo mit einem ange­spiel­ten Super­so­nic von Jami­ro­quai sorgte übri­gens für die ein­zig nen­nens­werte Kom­mu­ni­ka­tion Gahans, der sich wie immer sehr wort­karg zeigte. Die fol­gen­den Solo-Einlagen von Mar­tin Gore, der mit Insight und Home wie­der ein­mal unter Beweis stellte das es sich um einen groß­ar­ti­gen Künst­ler han­delt, kann man nur als gro­ßes Kino bezeich­nen. Für mich, das High­light die­ses Kon­zerts. Dem fol­gen­den Miles Away schlos­sen sich dann wie­der alle Prot­ago­nis­ten an, das Publi­kum war aber erst wie­der bei Policy of Truth bereit, aktiv mit einzusteigen.

Depeche Mode SchreibmaschineDie bei­den Stü­cke In Your Room und I Feel you hat­ten wie­der arg mit dem schlech­ten Sound und der üblen Akus­tik der Halle zu kämp­fen, der Bass war viel zu laut und sorgte für einen recht mat­schi­ges Gerüst, das bei­den Songs ihre Qua­li­tät nahm. Auch auf der Bühne schien es mir wie Busi­ness as usual. Dafür läu­tete man mit Enjoy the Silence wie­der ein groß­ar­ti­ges Finale ein, das nur noch vom Hym­nen­ar­tig gefei­er­ten Never let me Down again getoppt wurde. Spä­tes­tens hier ver­sagte dann auch mein Deo und konnte seine anti­t­ran­spi­ra­tive Wir­kung nicht mehr hal­ten. Dem Geträn­ke­mann mit dem Bau­la­den, der sich mit­ten im Höhe­punkt an mir vor­bei drän­gen wollte, sorgte für unge­ahnte Aggres­sion mei­ner­seits, am liebs­ten hätte ich ihn mit sei­nem Bauch­la­den durch die geschlos­sene Decke gefeuert.

Depeche Mode Bühne in RotDie Zugabe ent­schä­digte dafür umso mehr, ein gran­dios gesun­ge­nes Dres­sed in Black sorgte für Gän­se­h­aut­fee­ling und Schüt­tel­frost, der Klas­si­ker Strip­ped zeigte wie­der ein­mal alle Nach­ah­mern, wo der besagte Ham­mer hängt und degra­dier­ten Ramm­stein zu einem Hau­fen feu­er­spu­cken­der klei­ner Dra­chen, die wie Grisu ver­such­ten Feu­er­wehr­mann zu wer­den. Behind the Wheel offen­barte sich als wür­di­ger Nach­fol­ger und konnte wie­der ein­mal bewei­sen, das Music for the Mas­ses (1987) immer noch funk­tio­niert. Über­trof­fen wer­den konnte es eigent­lich nicht mehr, doch Per­so­nal Jesus eig­nete sich als krö­nen­der Abschluss.

Lei­der gab es keine wei­tere Zugabe, ver­dient hätte wir es ja, schließ­lich habe wir eine halbe Ewig­keit war­ten müs­sen, aber der Band ist das Alter und die Tour doch anzu­mer­ken. Das haben sie wohl mit ihrem Publi­kum gemein­sam, den wirk­lich jün­ger wer­den wir auch nicht mehr. Schön das uns wenigs­tens Kon­zerte wie die­ses das Gefühl geben kön­nen, wie es ein­mal gewe­sen ist, ohne dabei die Zei­chen der Zeit zu verachten.

Der Klang war erwar­tungs­ge­mäß schlecht, ich hatte zwar gehofft man würde sich für die schlechte Akus­tik der Halle etwas ein­fal­len las­sen, lei­der schien es nicht funk­tio­niert zu haben. Wei­tere Kon­zerte schaut man sich bes­ser in ande­ren Räum­lich­kei­ten an, die Köln-Arena hat hier bei­spiels­weise die Nase rein klang­lich weit vorn. Die Orga­ni­sa­tion ging in Ord­nung, die Geträn­ke­ver­käu­fer die sich mit­ten im Kon­zert durch die Menge drück­ten dage­gen eine Frech­heit, zumal es dort auch nur Bier ohne Koh­len­säure gab. Das Sta­dion in Düs­sel­dorf ist trotz­dem für musi­ka­li­sche Ereig­nisse unge­eig­net, auch wenn Depe­che Mode drauf­steht. Ich hoffe für die Fans, die gleich in den Genuss einer immer noch groß­ar­ti­gen Band kom­men, das sie das letzte Kon­zert der Tour­nee genie­ßen kön­nen. Ich ver­neige mich vor Mar­tin Gore, der es wie kein zwei­ter ver­steht GEFÜHL zu ver­mit­teln, ich ver­neige mich vor Dave Gahan, der ENERGIE eine Fleisch gewor­dene Hülle ver­leiht und natür­lich auch vor And­rew Flech­ter, der die bei­den immer noch zusammenhält.

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Dunkle Klänge, Veranstaltungen
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8 Kommentare

  1. Hmmm, habe ich mich jetzt ver­le­sen oder wird grund­sätz­lich nichts mehr von den ers­ten bei­den DM Alben gespielt?

  2. Sehr schö­ner Bericht, danke Dir dafür … ich denke das Du nicht der Ein­zigste gewe­sen bist bei dem das Deo versagte ;)

  3. Jetzt wis­sen wir end­lich, zumin­des­tens ähnlich, was wir im letz­ten Jahr in Ham­burg ver­passt haben. Trotz eini­ger Man­kos hoffe ich, dass sich das lange War­ten in der Summe doch gelohnt hat.

  4. @postpunk: Völ­lig rich­tig, die ers­ten bei­den Alben wur­den aus­ge­las­sen das legen­däre Pho­to­gra­phic lief am Sams­tag beim Abschluss­kon­zert und »Just cant’t get Enough« über­haupt nicht. Vom 82er Album A Bro­ken Frame habe ich per­sön­lich schon lange nichts mehr gehört. Woran es liegt, musst du die Band fra­gen — oder auch das Manage­ment. Grund­sätz­lich ist es ja schwie­rig bei so einer lan­gen Kar­riere und so vie­len Jah­ren es wirk­lich allen recht zu machen oder einen Quer­schnitt des­sen zu prä­sen­tie­ren, was DM aus­macht. Das Publi­kum spricht eine deut­li­che Spra­che, von U20 bis Ü50 ist alles dabei gewe­sen, obwohl der Kern wohl bei 35 gele­gen hat. Trotz­dem war es ein groß­ar­tige Erfahrung.

    @stoffel: Das kannst du laut sagen. Ich als geruchs­emp­find­li­cher Mensch habe mir ein paar mal über­legt ein paar Gehör­schutz­stöp­sel in die Nase zu ste­cken, bei so einem nahen »Zusam­men­sein« wer­den schon die ein oder ande­ren Geruchs­no­ten verteilt.

    @Mysti: Es hat sich gelohnt. Für mich jeden­falls. DM beglei­tet mich nun­mal schon mein gan­zes musi­ka­li­sches Leben, viel­leicht bin ich des­we­gen auch nicht ganz objek­tiv :) Kurz­fa­zit: Tol­les Kon­zert, schlech­ter Klang. Das nächste mal nehme ich viel­leicht eine etwas »klei­nere« Loca­tion. Viel­leicht ver­su­che ich immer noch dem Rose­bowl Sta­dium der legen­dä­ren 101-Tour hin­ter­her­zu­lau­fen. Aber das ist Prosa :)

  5. […]Ich war skep­tisch, ob DM-Fans wirk­lich die rich­tige Ziel­gruppe für den eher EBM ori­en­tier­ten Sound Bri­ten waren, ver­suchte aber die Dinge auf mich wir­ken zu lassen[…]Trotz spär­li­chem Ein­satz von Licht und einem eher beschei­de­nen Klang ver­suchte die Band ihr bes­tes, konnte das Publi­kum aber zu kei­nem Zeit­punkt für sich begeistern.[…]

    Gemäß mei­ner Erfah­rung gehört Depe­che Mode sowieso zu den Bands, bei denen eine Anstel­lung als Vor­band allzu undank­bar ist und ein gutes Ego der Inter­pre­ten erfor­dert. Ähnlich denen vor Front 242. Deren eli­täre Fans eben­falls nichts vor oder nach ihren „Göt­tern“ auf der Bühne tole­rie­ren, akzep­tie­ren oder respek­tie­ren wol­len. Selbst bei Fes­ti­vals, wel­che ja bekannt­lich eine gewisse Spiel­zeit für andere Band vor­aus­set­zen, durfte ich schon fan­tas­tisch fana­ti­schen Äuße­run­gen lauschen.

  6. Nit­zer Ebb sind durch­aus eine gute Band, die sich auch schon lange im Genre hal­ten, lei­der nur inkom­pa­ti­bel mit dem vor­herr­schen­den Musik­ge­schmack der anwe­sen­den. Wie diese Zusam­men­ar­beit letzt­lich Zustand gekom­men ist, bleibt wohl unklar. Ich habe Nit­zer Ebb durch­aus akzep­tiert, Respekt haben sich sich allein dadurch ver­dient, vor etwa 50.000 DM Fans zu spielen :)

  7. […] Wie Nit­zer Ebb ins Vor­pro­gramm rutschte lässt sich nur spe­ku­lie­ren, viel­leicht liegt es auch an Ex-Depeche Mode Mit­glied Alan Wil­der, der sich für einen Remix von I am Undone ver­ant­wort­lich zeigt.[…]

    Wie Nit­zer Ebb bei DM ins Vor­pro­gramm »rutschte« ist eigent­lich bei kei­ner ande­ren Band ein­fa­cher zu erklä­ren. Es besteht eine jahr­zehn­te­lange Freund­schaft zwi­schen den Bands. Nit­zer waren bereits 1990 als Sup­port von DM tätig, sie sind beim glei­chen Label und Alan hat eins ihrer bekann­tes­ten Alben produziert ;-)

  8. @Peter: Vie­len Dank für dei­nen auf­klä­ren­den Kom­men­tar! Natür­lich wird das »rut­schen« jetzt ein­leuch­ten­der, denn über die Freund­schaf­ten der Bands unter­ein­an­der wusste ich noch nicht so rich­tig Bescheid. Das »rut­schen« Bezog sich zu dem auch dar­auf, das ich die Band nicht als guten Opener emp­fun­den habe die es nicht schaff­ten mich zu »fan­gen« und auf das Kon­zert einzustimmen.

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