Tintenkleckse? Das sind diese lustigen Bilder fraktaler Gebilde, die möglichen Patienten vor die Nase gehalten werden um zu sehen, wie sie darauf reagieren. Der nach dem Schweizer Rorschach benannte Test, der aus eben diesen Tintenklecksen besteht hat aber nichts damit zu tun. Meine Definition oder auch Deutung dieses Begriffes ist eine andere.
Betrachten wir die Gothicszene als Summe vieler Subkulturen die einst dem Post-Punk entsprungen sind, so haben wir heute einen riesigen Topf mit einer schwärzlichen Flüssigkeit die wir jetzt der Einfachheit halber einmal »Szene« nennen. Nimmt man die Pipette der musikalischen Kreativität und füllt sie mit etwas dieser Szene um sie dann auf ein Stück Papier zu tröpfeln das man anschließen faltet und aufklappt, erhält man ein verwässertes unwirkliches und sehr blasses Bild einer Band oder eines Künstlers. Langweilig und unförmig
Hintergrund
Hintergrund dieser Annahme ist, das viele kreative Acts der Neuzeit aus der Szene selbst entstammen und aufgrund mangelnder Alternativen beschließen, ihre eigene Musik zu machen. Zu den Anfängen der Szene war es ein ganz schönes Stück Arbeit, sich eventuell Mitmusiker zu beschaffen und seine Musik populär zu machen. Die Spreu vom Weizen trennten die, die den Bands die Möglichkeit einräumten, Live zu spielen und ein Publikum für sich zu erobern. Heute ist das ein bisschen anders. Es ist viel leichter geworden, Musik zu machen. Computer, Castingagenturen und Internet eröffnen ganz neue Möglichkeiten der Selbstdarstellung, doch es ist auch viel schwerer geworden die Spreu vom Weizen zu trennen, denn die, die vorselektierten, gibt es nun nicht mehr. Das führt dazu, das Unmengen an Bands präsent sind in denen die wahren (schwarzen) Perlen untergehen. Die Musikindustrie steuert ihren Teil dazu bei. Schnell und billig zu vermarktende Bands werden gegründet, die den Musikgeschmack eines Publikums erfüllen sollen, das sich selbige Industrie durch eben diese Handhabung vor geraumer Zeit selbst geschaffen hat. Frankenstein verlangt nach Musik.
Es braucht wieder Destillateure ohne (oder mit geringem) kommerziellen Hintergrund, die wieder das herauspicken was ihnen gut und richtig erscheint. Musik die dem eigenen Geschmack entspricht, die man gut findet, die Inhalt hat, die super klingt. Ohne mir anmaßen zu wollen eine anständige Destillation durchzuführen möchte ich dennoch meinen Teil dazu beitragen. Wie das geht?
Destillat
Kommen wir zurück zu dem Topf mit der schwärzlichen Flüssigkeit. Ich stelle diesen Topf auf eine Kochplatte und beginne damit, die wässrigen Anteile zu verdunsten. Die Energie dafür findet sich im Bekanntenkreis und den Gruftiefreunden, dem Internet selbst und zuweilen sogar auf ambitionierten Tanzflächen. Nach einer Weile bildet sich ein Bodensatz, der Rabenschwarz ist. Ich brauche nun keine Pipette der musikalischen Kreativität mehr, sondern meine eigene und viel einfachere, denn das was im Topf übrig bleibt ist konzentriertes musikalisches Talent. Ich lasse den Tropfen auf ein Blatt Papier fallen, falte es sorgfältig um dann zu sehen was daraus geworden ist. Ein Kontrastreiches Bild voller Facetten und klaren Strukturen, die Sichtweise der Zuhörer bestimmt dabei, was es wird. Etwas gutes, oder etwas schlechtes.
Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber es lohnt sich das Bild zu betrachten, denn schließlich besteht es aus dem, was bereits jemand gefiltert oder konzentriert hat, nach seinem eigenen Geschmack, mit viel Hingabe oder auch einfach einem Bauchgefühl. Verlasst euch nicht auf das, was Kritiker oder Charts euch vorgaukeln, verlasst euch auf euren Geschmack. Blogger sind solche Filter, die meisten, die sich in meiner Blogrolle tummeln, haben auch etwas für Musik übrig und meine Erfahrung hat gezeigt, das die Tintenkleckse anderer Blogger, die einen gleichen Geschmack haben und dieselbe musikalischen Vorlieben teilen, IMMER einen genauen Blick wert sind. Stellen wir wieder unpopuläre, unbekannte Musik vor, die UNS gefällt. Die, die unseren Geschmack teilen, werden es uns danken.
Umsetzung
Unter dem Schlagwort Musikperlentaucher findet ihr hier Musik älterer Tage, die im Grunde genommen einen Teil meines Geschmacks darstellen, in der ich mich auf für meine Begriffe unbekanntere oder unpopulärere Musik konzentriere, deren Existenz ich gerne nochmals in Gedächtnis rufen möchte. Mittlerweile gibt es dort schon eine Auswahl von rund 30 Perlen zu begutachten sind, wer wissen will was ich sonst noch höre, wirft einen Blick in mein Profil bei last.fm. Unter dem Schlagwort Tintenkleckse stelle ich euch demnächst das Destillat zur Verfügung, meine persönlichen Tintenkleckse und der Grund für diesen Artikel. Morgen geht es um eine Band names Leichenliebe, ich verspreche, die Artikel werden kurz und knapp. Vielleicht bin ich etwas zu philosophisch und bestimmt zu ausschweifend, aber manchmal ist das Bedürfnis sich mitzuteilen einfach zu verlockend. Eure Meinung?



hat bereits 77 Kommentare abgegeben und schrieb am 8. Dezember 2009 um 12:43:
Schön beschrieben, einen ähnlichen Gedankengang hatte ich auch schon ^^ Ich glaube gerade jetzt, wo in den bekannten Musikzeitschriften sowieso nur noch Bands auftauchen, die man sowieso irgendwie schon kennt, sind Blogs wie deine wirklich die Rettung.
Mir blieb früher nichts anderes übrig als auf eigene Faust zu suchen, bei alter Musik ist das nicht so das Problem,da sich schlechtes Zeug meistens nicht bis heute halten konnte. Aber bei neuen Sachen ist es wirklich manchmal anstrengend sich durch den ganzen Mist zu wühlen…vielleicht hör ich deswegen vor allem eher ältere Musik…
Freu mich auf dein Destillat =)
hat bereits 13 Kommentare abgegeben und schrieb am 8. Dezember 2009 um 18:29:
Das ist der bisher beste und tiefgründigste Blogeintrag den ich zum Thema Musik gelesen habe. Ich bin echt hin und weg. In jedem Satz kann man deine Liebe zum Detail erkennen. Schön das es noch Menschen gibt, die sich so Gedanken über dieses thema machen.
Leider ist es ja auch heutzutage so, das mehr auf den Lifestyle wertgenommen wird, als auf die Musik. Und wenn wir gerade von vermarktenden Bands sprechen, hat das immer einen Teil Psychologie intus. Es werden ganz gewählt die Personen gewählt, welche auf jeden Fall anziehend auf ihre Kunden (solche sind wir halt) wirken.
Und du hast Recht. Blogger die den selben Musikgenre wie ich bevorzugen, besuche ich besonders oft und lese ihre Einträge genauer. bzw ich schreibe intensivere Kommentare.
Ich suche gerne auf Myspace oder LastFm nach neuen Bands, oder frage Freunde nach neuen entdeckungen, aber im Grunde hab ich die letzte Meinung ob ichs mag oder nicht^^
Da stehen andere auch noch unter Gruppenzwang.
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 12. Januar 2010 um 23:06:
@Atanua: Ich werde versuchen, weiterhin ein Destillat zu liefern, möchte aber keinen festen Zeitrahmen prophezeien. Ich stimme Dir aber absolut zu, in Zeitschriften, auf Festivals und auch in Discotheken werden immer die gleichen Bands »herumgereicht« die mit dem eigentlichen Kern der Bewegung nichts mehr zu tun haben.
@Äwe: Vielen Dank für deine schwarzen Blumen, ich fühle mich geehrt. Die Suche ist jedoch immer schwierig und langwierig, denn im Internet gibt es bekanntlich alles, man muss nur wissen wie man suchen muss. Wenn ich zu virtuell Gleichgesinnten Kontakt aufgenommen habe geht es mir ähnlich wie Dir, ich lese regelmäßig und intensiver als bei anderen »Themenfremderen« Seiten. Bei mir kommt auch immer noch die Stimmung dazu, wenn ich mies drauf bin, finde ich natürlich tendenziell melancholischere Musik besser. Musik ist und bleibt eben doch Gefühlssache.