18 Juli

Die wahre Deutsche Welle

Kategorie: Dunkle Klänge — Jahrgang: 2009Keine Kommentare

ndwWer denkt bei dem Begriff Neue Deutsche Welle nicht an Nena mit ihren 99 Luftballons oder Markus und seinem unbändigen Verlangen nach Spaß? An der NDW scheiden sich die Geister, die Kritiker finden es einfach nur noch peinlich, es sei das schlechteste aus Deutschen Landen und die Befürworter halten es für ein Stück deutscher Geschichte, für Kult. Überall steckt ein Fünkchen Wahrheit drin, nichts ist wirklich richtig.

Wie so viele innovative Musikrichtungen begann auch die NDW mit dem Punk und ist fast eine unausweichliche Konsequenz aus der Neugier und dem zu dieser Zeit vorherrschenden musikalischen Kreativitätsvakuum. Während man international von New Wave sprach und damit den verstärkten Einsatz von elektronischen Hilfsmitteln in der Musik meinte, begann man in Deutschland damit zusätzlich wieder Deutsch zu singen. Die ersten Synthesizer wie der MS-20 werden erschwinglich und finden verstärkt Einzug in die eigenen vier Wände, eine ganze Generation Jugendlicher entdeckt die selbstgemachte Musik und kann ihrer musikalischen Kreativität freien Lauf lassen. Alfred Hilsberg prägt mit seinem Artikel "Neue Deut­sche Welle — Aus grauer Städte Mauern« im Okto­ber 1979 den Begriff der NDW und beschreibt die aktu­elle Deut­sche Ent­wick­lung sehr treffend:

In Westdeutschland und Westberlin findet eine neue Musik statt. Sie wird gemacht und wird gehört. Einige nennen es immer noch Punk und wollen es sein. Andere wissen mit diesem Begriff nichts mehr anzufangen. Dutzende von Gruppen arbeiten in Wohnzimmern, Übungsräumen, Studios. Manche spielen, um sich und ihren Fans Spaß zu bringen.Andere haben ernstere Ansprüche, entwickeln Konzepte, neue Töne. Und arbeiten mit deutschen Texten. Sie spielen in wenigen Clubs, organisieren bereits erste Tourneen. treten auf Lastwagen auf. Keiner lebt von der neuen Musik, Sie gehen arbeiten, zur Schule, studieren, nehmen Kredite auf, wohnen zu hause oder in einer Kommune. Manche sind erst 15, andere bald 30.1

Korg MS-20

Korg MS-20

Die Musikbranche befindet NDW zunächst als nicht vermarktbar, da es bei Bands wie auch bei den Fans starke Widerspruch gegen eine Zusammenarbeit mit der Industrie gab und Bands die auch nur Gespräche mit den "Plattenbossen" führten, wurden innerhalb der Szene abgelehnt. Als Bands wie Fehlfarben, DAF oder Abwärts immer größere Erfolge feiern beginnen die Plattenfirmen damit, eigene Retortenbands zu züchten und durch einfache, unkritische und einprägsame Produktionen eine breite Masse anzusprechen. Hubert Kah, Markus, UKW, Nena, Trio und Peter Schilling sind wohl die prominentesten Vertreter dieser Entwicklung die schnell nationale Erfolge feiern und in den Hitparaden landen.

Hans-A-Plast 1983

Hans-A-Plast 1983

Die Musik­ver­mark­tungs­stra­te­gie geht nun voll auf. In allen Medien ist die Neue Deut­sche Welle prä­sent, Hit­pa­ra­densen­dun­gen, Jugend­sen­dun­gen und Repor­ta­gen dre­hen sich nur noch um ein Thema, bei­nahe alle Musik­zeit­schrif­ten stei­gen auf die­sen Trend ein und sti­li­sie­ren die Retor­ten­bands zu Iko­nen einer gan­zen Gene­ra­tion. Die Geschwin­dig­keit mit der man dabei vor­geht ist atem­be­rau­bend und so wun­dert es nicht das der 1980 im Unter­grund ange­fan­gene Trend 1984 einen frü­hen Tod stirbt, der Markt ist ein­fach übersättigt.

Auf der Aus­läu­fern der Neuen Deut­schen Welle kön­nen sich jedoch einige deut­sche Bands eta­blie­ren und pas­sen in den all­ge­mei­nen Trend, wie­der Deut­sche Texte zu sin­gen. Her­bert Grö­ne­meyer, BAP, Die Ärzte oder auch die Toten Hosen konn­ten nie mit dem Genre ver­gli­chen wer­den, sind aber Nutz­nie­ßer der Popu­la­ri­tät und größ­ten­teils heute noch sehr erfolgreich.

Gabi Delgado von DAF 1982

Gabi Del­gado von DAF 1982

Somit spielt sich die Neue Deut­sche Welle auf mehr oder weni­ger 2 Ebe­nen ab. Im Unter­grund wird wei­ter expe­ri­men­tiert und mit kri­ti­schen und durch­aus poli­ti­schen Tex­ten der Gesell­schaft ein Spie­gel vor­ge­hal­ten, wäh­rend man auf der Ober­flä­che die Men­schen mit unkri­ti­schen Tex­ten und ein­gän­gi­ger Musik befrie­digt.  Viele der Musi­ker ver­schwan­den ebenso schnell in der Ver­sen­kung wie aus ihr empor­schos­sen. Ver­duns­tet man das Was­ser der Belang­lo­sig­keit bleibt eine fei­ner und erle­se­ner Boden­satz zurück, von denen viele auch heute noch musi­ka­li­sche aktiv sind. Die Humpe-Schwestern bei­spiels­weise, die sich für die Grün­dung der Neon­ba­bies 1979 ver­ant­wort­lich zeich­nen sind auch heute noch sehr erfolg­reich, Inga die zuletzt mir 2Raumwohnung erfolg­reich war und Anette, die mit Ich + Ich große Erfolge verzeichnet.

Wie schwer es ist, die Musik die­ser Zeit zu erfas­sen zeigt des­sen Viel­falt. Es scheint unmög­lich alle Bands die­ser Zeit zu erfas­sen, erst in Zei­ten von Inter­net ist es mög­lich die Infor­ma­tio­nen dar­über zu tei­len und auch heute noch ent­de­cke ich für mich völ­lig neue Stü­cke aus die­ser Zeit. Dabei ist die Zuord­nung zu die­sem spe­zi­elle Genre äußerst schwer, began­nen sich die Musik­rich­tung unter dem New Wave/Neue Deut­sche Welle Genre damit, sich aus­zu­dif­fe­ren­zie­ren.  Ich habe zu die­sem Zweck ein Play­list erstellt, die euch eine kleine Zeit­reise in den Unter­grund der Neuen Deut­schen Welle von 1979–1984 mit­nimmt. Es sind einige groß­ar­tige Rari­tä­ten dabei, die ihr euch nicht ent­ge­hen las­sen soll­tet. Mit dabei sind unter ande­rem: Der Moderne Man, Mala­ria!, Abwärts, Hans-A-Plast, DAF, Fehl­far­ben, Nichts und X-mal Deutsch­land

Nicht alle Lie­der die einer Wür­di­gung wür­dig wären haben hier Platz gefun­den, des­halb habe ich auf die beschränk, die einen win­zi­gen Ein­blick in diese Zeit geben. Es lohnt sich immer wie­der in alten Bestän­den zu for­schen und aus­zu­gra­ben was uns damals im Unter­grund ver­bor­gen geblie­ben ist.

httpv://www.youtube.com/view_play_list?p=876CFAF0DFE811DF

In Zei­ten von Retro-Shows und Aus­schlach­tung alter Genre wer­den immer wie­der Musi­ker die­ser Zeit reani­miert und in Fern­seh­shows des Pri­vat­fern­se­hen ver­mark­tet. Merke: Nicht über­all wo neue Welle drauf­steht ist auch neue Welle drin. Infor­ma­tio­nen über die wahre Deut­sche Welle fin­det man dazwi­schen aus, man muss nur die Augen auf­hal­ten: Die wohl umfang­rei­cheste Samm­lung von Zeit­schrif­ten und Arti­kel über die Zeit aus der Zeit fin­det man bei R. Fuchs von Infor­ma­tion Over­load, eine recht gute Über­sicht über die Musik aus die­ser Zeit gibt es bei Ich will Spass.

(Bil­der: Korg MS-20, Buch­co­ver von Diddi Zill, Old­punks from Ham­burg)
  1. Head­li­ner aus dem Arti­kel der Sound 10/79 von Alfred Hils­berg []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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  1. Stephan Mayer schreibt:

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