17 August

Die Selektion - Noire

Kategorie: Dunkle Klänge — Jahrgang: 20112 Kommentare

Die Selektion - NoireIn dunk­len Zei­ten, in denen Techno mit Indus­trial ver­wech­selt wird und auf musi­ka­li­schen Müll das Label  EBM geklebt wird um lust­los anein­an­der­ge­reihte Beats einen Hauch von Manu­fak­tur zu geben, ist man froh, wenn sich echte dunkle Per­len durch den Unter­grund an die Ober­flä­che spie­len, um dort ein­drucks­vol­len Wel­len zu schla­gen. Bereits im März berich­tete ich über die tan­zen­den Träu­mer der Selek­tion, nun halte ich das ange­kün­digte Album »Noire« in elek­tro­ni­scher Form und als Tape (!) in mei­nen Hän­den. Ein ver­reg­ne­ter Tag wie die­ser, ist genau die rich­tige Gele­gen­heit, dar­über zu schreiben.

Ich habe mir die Freude gemacht, ein altes Tape-Deck anzu­schlie­ßen, das Band ein­zu­le­gen und die Play-Taste zu drü­cken. Still und leise schleicht sich das erste Stück Du Rennst in die Gehör­gänge, bevor der trei­bende Beat, die für die Selek­tion so typi­sche Trom­pete (Han­nes Rief) und die brei­ten Synthie-Teppiche (Max Rie­ger) aus­ge­brei­tet wer­den, auf die man sich sofort legen möchte, um sich im Klang der Musik zu wäl­zen, was zunächst ver­wirrt und sich den­noch als ange­nehme Dis­har­mo­nie prä­sen­tiert ist der ver­zerrte Gesang (Luca Gil­lian), der mich schon im März sofort an Gabi Del­gado erin­nerte, dem aber in nichts nach­steht, nicht imi­tie­ren will, son­dern eine ganz eigene Dyna­mik erzeugt. Ein groß­ar­tige Eröffnung.

Ähnlich tanz­bar prä­sen­tiert sich Steine auf dein Haupt, das der Eröff­nung folgt und die Beine auf der Tanz­flä­che in Bewe­gung hält, sich aber deut­lich zurück­hal­ten­der prä­sen­tiert. Die Asso­zia­tion mit der sprich­wört­li­chen Asche, bei dem man sei­nen Feh­ler ein­ge­steht, kann ich nicht nach­voll­zie­hen, denn ein Feh­ler war das sicher nicht, auch wenn das Stück nicht ganz an die Ener­gie des Vor­gän­gers heranreicht.

Als Deine Augen aus dem Laut­spre­chern nach vorne treibt, ist die Marsch­rich­tung klar. Hier soll Tran­spi­ra­tion erzeugt wer­den und schweiß­nasse schwarze Haare in den Gesich­tern der tan­zende kle­ben. Nebel und zuckende Licht­ef­fekte, so stelle ich mir das wohl vor. Die Ein­lei­tung ist zärt­lich und hält nur kurz, bevor es zur Sache geht und in Sachen BPM deut­lich einen drauf­setzt. Mit Inter­mezzo endet die A-Seite des Tapes, rund 2 Minu­ten braucht die Selek­tion um dem Hörer ein Ent­span­nung zu ver­schaf­fen, hier wird nicht geklotzt son­dern gekle­ckert und das ganz bewusst. Mit einem lau­ten »Klack!« deu­tet mein Tape-Decke auf die Tat­sa­che hin, das es nun tat­säch­lich vor­bei ist mit der ers­ten Seite. Ich drü­cke den Eject-Knopf und fühle mich so herr­lich nost­al­gisch, als das Kas­set­ten­fach sanft nach vorne glei­tet. Das Geräusch, wenn man eine Kas­sette ent­nimmt und umdreht ist unver­wech­sel­bar und dürfte jedem Nost­al­gi­ker ein Genuss sein.

Die SelektionMan sollte sich schnellst mög­lich wie­der zwi­schen die Laut­spre­cher bewe­gen um dort wei­ter­zu­ma­chen, wo man auf­ge­hört hat. Pup­pen­spie­ler kün­digt sich laut­stark an »Geh uns aus dem Weg! Wir has­sen dich, wir lie­ben dich…« und ver­mag dem Hörer das Gefühl der gesun­ge­nen Emo­tion ver­mit­teln und lässt den Begriff der Hass­liebe in einem ganz neuen Kon­text erstrahlen.

Raben ist mein per­sön­li­ches High­light des Albums, denn es ver­eint noch ein­mal gekonnt das, was die Selek­tion für mich aus­macht. Ein schwar­zer Flo­kati aus Synthesizer-Klängen der auf einem sub­ti­len Beat die Melo­die der Trom­pete beglei­tet, die so aus­ge­zeich­net zu die­sem Sound passt, dass mir immer ganz schumm­rig wird, als würde die woh­lig warme Däm­me­rung end­lich das Schwarz der Nacht ein­läu­ten. Noch hadere ich mit mir, ob  ich ein­fach die Augen schlie­ßen soll, um die Musik in mich hin­ein­krie­chen zu las­sen, doch dem Text kann ich nicht ent­kom­men. »Tanz die Liebe, die dich durch­dringt bei Tag bei Nacht  / Was ist dir dein Leben wert?«

Wie kann man ein so krö­nen­des Album, ein so nost­al­gi­sches Tape wür­dig abschlie­ßen. Die Band lie­fert die Ant­wort selbst, mit Liliana beginnt das gefühl­vollste Stück, das man frech als Bal­lade ein­stu­fen kann, ohne jedoch sei­nem Grund­kon­zept untreu zu wer­den, ohne dabei schnul­zig zu klin­gen und ohne das Gefühl zurück­zu­las­sen, sei­nem Stil untreu gewor­den zu sein. Das Stück klingt so aus, wie es begann und wird nur durch das »Klack!« des Tape-Decks unter­bro­chen, das unfrei­wil­lig die Beleuch­tung ein­schal­tet. Instink­tiv öffne ich das Tape-Deck, wende die Kas­sette und drü­cke auf Play.

Wer wie­der ein­mal etwas elek­tro­ni­sches mit Anspruch sucht, einen Aus­gleich zum EBM Ein­heits­brei sucht, sich gerne an alte Zei­ten erin­nern lässt ohne dabei das Neue zu ver­ges­sen, dem sei das Album »Noire« von die Selek­tion ans Herz, oder bes­ser, ins Herz gelegt. Wie ange­kün­digt, wird das Album auch bald in einer grö­ße­ren Auf­lage erschei­nen und einem bis dahin hof­fent­lich gewach­se­nen Publi­kum zu Ohren kommen.

[xrr rating=10/10]

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Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Dunkle Klänge
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2 Kommentare

  1. Dem bleibt nicht viel hin­zu­zu­fü­gen, außer: Die Selek­tion unbe­dingt live on Stage erle­ben!
    Hier ein klei­ner Vor­ge­schmack vom Kon­zert in der Supa­molly in Ber­lin F’hain:

    http://www.youtube.com/watch?v=n7xgiUjyvcA

  2. Hört sich sehr gut an! Nur wo kann man einen Ton­trä­ger von »Die Selek­tion« her bekom­men?
    Kas­set­ten sind übri­gens genauso groß­ar­tig wie Plat­ten. Die kom­men mir irgend­wie wert­vol­ler vor als CDs.
    Ich habe noch Anfang des Jah­res einen gan­zen Schwung Rock-Mixtapes von einer Musik­kneipe vom Sperr­müll geret­tet, die dudeln andau­ernd bei uns.;)

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