10 Juni

Gruftige Performancekunst: Virgin Prunes - Decline and Fall (1982)

Kategorie: Back to the Roots — Jahrgang: 20107 Kommentare

Bild von einem der Virgin PrunesDie Vir­gin Pru­nes ste­hen stell­ver­tre­tend für eine inter­es­sante Ent­wick­lung zu Beginn der 80er. Die 1977 gegrün­dete Band sorgte mit ihren frü­hen Auf­trit­ten, die mehr einem Thea­ter­stück als einer musi­ka­li­schen Dar­bie­tung ähnel­ten, für einen maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die frühe Gothic-Bewegung in ihrer äuße­ren Erschei­nungs­form. Als die Fans jedoch die Musik­rich­tung und das was die Künst­ler dar­stel­len als Lebens­ma­xime ent­de­cken und dar­aus etwas 1982 eine Jugend­be­we­gung for­men, dis­tan­zie­ren sich viele Band von dem Phänomen.

Nicht weil sie die Jugend­kul­tur als sol­che ableh­nen, son­dern weil sie fürch­ten in eine Schub­lade zu gera­ten, die sie in ihrer »künst­le­ri­schen Frei­heit« ein­schränkt und ihnen einen Stil auf­zwängt, dem sie nicht gerecht wer­den wol­len. »Yeah, we got put in there with the Gothics and at the end of the day basi­cally I think they like to put you in to some kind of bra­cket, but basi­cally we were an ori­gi­nal band from Dub­lin, ahead of their time.»1 Kult­sta­tus erreich­ten die Pru­nes mit ihrer Per­for­mance­kunst auf der Bühne, die sich all derer Ele­mente bediente, auf die sich die spä­te­ren Gothics beru­fen. Das Live-Auftritt von Decline and Fall macht das deutlich:

Doch die Idee dahin­ter ist älter. Mitte der 70er grün­dete sich in Dub­lin ein Cli­que, die sich Lyp­ton Vil­lage nannte und sich dadurch aus­zeich­nete eine eigene Phan­ta­sie­welt zu schaf­fen, die mit eige­nen Kon­ven­tio­nen ver­suchte dem bür­ger­li­chen zu ent­sa­gen. Schon hier gab man sich Künst­ler­na­men, die den eige­nen »wah­ren« Cha­rak­ter dar­stel­len soll­ten. »As teen­agers, they for­med a society cal­led the Lyp­ton Vil­lage — a group of like-minded people united in their unease at the con­ven­ti­ons of con­tem­porary sub­ur­ban life. Mem­bers were given Vil­lage names — Gavin Fri­day, Guggi, Pod, Bono Vox, The Edge — to rep­re­sent their “true” cha­rac­ter.»2 Die Mit­glie­der der Cli­que grün­de­ten etwa 1977 zwei ver­schie­dene Bands. Die einen soll­ten als U2 ein­mal Musik­ge­schichte schrei­ben, wäh­rend die ande­ren sich Vir­gin Pru­nes nann­ten um ihren Teil zur Gothic-Geschichte beizutragen.

Die Ästhe­tik der Band, der sich viele Fans in ihrer Form anneh­men soll­ten, war das Stolz­sein auf die eigene Außen­sei­ter­rolle  und die Mög­lich­keit sich selbst in all sei­nen Facet­ten aus­le­ben zu kön­nen. Musi­ka­li­sche Kon­ven­tio­nen und äußere Stan­dards waren der Feind, dem man sich in der Art wie man sich klei­dete und das was man auf der Bühne bot, ent­ge­gen­stellte. Als aus dem eige­nen Stil ein Bewe­gung wurde, als die Fans vor der Bühne einen an das erin­nerte was man selbst aus­drü­cken wollte, fühlte man sich in sei­ner eige­nen Außer­ge­wöhn­lich­keit par­odiert. Viel­leicht ein Grund, warum sich auch viele andere Bands die­ser Zeit so von der neu ent­stan­de­nen Bewe­gung dis­tan­zier­ten. Auf­hal­ten konnte sie die Ent­wick­lung, die sie selbst ins Leben geru­fen hat­ten, nicht mehr.

(Bild­quelle: virginprunes.com)
  1. Quelle: Aus dem Inter­view »A con­ver­sa­tion with David ID« von virginprunes.com []
  2. Quelle: The U2 Con­nec­tion von der Web­site Virginprunes.com, 18. Sep­tem­ber 2003 []

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Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Back to the Roots
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7 Kommentare

  1. Echt jetzt? U2 und die Vir­gin Pru­nes kom­men aus der­sel­ben Kin­der­stube? Ist ja…komisch. Bevor­zuge trotz­dem letztere ;)

  2. Immer dese dis­tan­zie­ren >-<
    Das Video kann ich mir lei­der erst heute nachmittag/abend anschauen, da meine momen­tane Loka­li­tät das nicht zulässt.
    Was mich auch noch ver­wun­dert ist das sich Siuox­sie and the Bans­hees von Gothic dis­tan­zie­ren, obwohl die den Begriff doch slebst benutzt haben.

  3. @Vizioon: Echt jetzt, die ganze Geschichte dazu gibt es in den Quel­lan­ga­ben. Ist zwar auf eng­lisch, ist aber sicher­lich loh­nens­wert. Aber ich folge dei­ner Bevor­zu­gung unein­ge­schränkt, U2 hat zwar ein paar gute Stü­cke im Gepäck, sind mir aber mitt­ler­weile zu weit von dem ent­fernt was sie ein­mal aus­ge­macht hat.

    @Schatten: Wie gesagt, ich denke als die Künst­ler ent­de­cken das man ihre Kunst zur eine Lebens­ein­stel­lung ver­wan­delte, fühlte man sich par­odiert und unver­stan­den. Man wollte nicht in eine Schub­lade gedrückt zu wer­den um nicht von der Enge selbst erdrückt zu wer­den. Viel­leicht fehlte die Vision des­sen was man dar­aus machen könnte, den brach­ten erst Ende der 80er die ers­ten Bands aus der Szene selbst ins Spiel.

  4. Bis­lang kannte ich von den Pru­nes nur die reich­lich schrä­gen »Baby turns blue« und den »Pagan Love Song«, die beide nicht so wirk­lich an mich gin­gen. Aber »Decline and Fall«, ins­be­son­dere in Kom­bi­na­tion mit der Per­for­mance, sind da schon viel eher meine Kra­gen­weite.
    Wie­der mal sehr inter­es­sant, danke ^^

  5. Stimmt, macht Sinn.
    Das Video ist klasse sowohl optisch als auch vom Klang her.
    Schön düs­ter und mor­bi­des Gesamt­bild :D

  6. @Robert: Ich wollte U2 damit auch nicht dis­kre­di­tie­ren, ich mag auch einige wenige Songs die­ser Gruppe. Ich finde es aber inter­es­sant, wie weit die musi­ka­li­sche Entwicklung/Ausprägung auseinandergeht.

  7. @Karnstein: Kein Pro­blem, Inter­esse zu wecken ist wie ein woh­li­ges Gefühl von Zufriedenheit.

    @Vizioon: Weit ist gar kein Aus­druck :) Ich mochte zunächst auch nicht glau­ben das bei­den Bands die glei­che Kin­der­stube haben.

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