8 September

Looking for Europe - Neofolk und Hintergründe

Kategorie: Auseinandergesetzt, Druckerschwärze — Jahrgang 2009

Looking for Europe BuchcoverSchon eine ganze Weile schiebe ich den Neofolk als neuen Artikel in meiner Reihe Subkultur! vor mir her. Das Thema ist zu kontrovers und grenzwertig um einfach einen Artikel ins blaue zu schreiben. Leider zeigen sich Online-Quellen auch nicht sonderlich gesprächig und verweisen meistens auf das Buch Looking for Europe von Andreas Diesel und Dieter Gerten. Grund genug das Buch einmal genauer anzuschauen um den bevorstehenden Artikel über das Genre auf gesunde Beine zu stellen.

Ende der 90er wurden die Stimmen lauter, die faschistoide Inhalte in den Musikstile Gothic, Dark Wave und Neofolk anprangerten. Gerade im Genre Neofolk, in dem es inhaltlich um Heidentum, Antikapitalismus, Nordische Mythologie, Eurozentrismus und Sozialdarwinismus geht, spielt man mit Elementen und Inhalten aus dem Soldatentum des Nazi-Regimes und umstrittenen Künstlern dieser Zeit. Kritiker gehen auf die Barrikaden und protestieren lautstark gegen die "Infiltration durch die Nazis" , es kommt immer wieder zu Diskussionen im Hinblick auf das Wave und Gothic Treffen in Leipzig1. Auf erschlagenden 536 Seiten widmen sich die beiden Autoren nun "umfassend und undogmatisch dem schwärzesten Kapitel des Musik-Undergrounds"2 und haben neben einem Lexikon auch eine gewaltige Gegendarstellung an die Kritiker verfasst.

Das Buch versucht den Neofolk so umfassend wie möglich darzustellen, obwohl es dabei nie den Anspruch erhebt vollständig zu sein. Grundsätzlich teilt sich das Buch dabei in 3 Teile. Im ersten Teil bemühen sich Diesel und Gerten um einen sanften Einstieg in das musikalische Genre Neofolk, beleuchten die Entstehung und Wurzeln und lassen Künstler und Vertreiber ihre Ansicht der Szene schildern. Die beiden Autoren arbeiten sich dabei akribisch durch Zitate, Pressemeldungen, Zeitschriften und andere Quellen und ergänzen die Lücken mit sinnvollen Zusammenfassungen.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit den wichtigsten Bands der Szene und wirft teilweise sehr ausführliche Blicke auf Current 93, Death in June, Sol Invictus, Fire + Ice, Blood Axis, Boyd Rice bis hin zu den Italienern von Kirlian Camera. Insgesamt werden mehr als 60 Bands aus aller Welt vorgestellt.

Bis dahin darf man das Buch als durchaus fundiertes Lexikon für das Genre ansehen, das zusammen mit der zusätzlich erhältlichen 4er CD einen guten Überblick über ein Musikgenre gibt. Im dritten Teil widmen sich die Autoren ausführlich der "Nazi-Problematik", denn erst hier wird die Diskussion um die Verherrlichung und das vermeintliche enthüllen der Gräuel und Mechanismen des Nazi-Deutschlands im Rahmen des musikalischen Genre thematisiert und offene Fragen aus dem ersten Teil aufgegriffen.

Leider arbeiten die Autoren hier weniger gründlich und arbeiten hier allenfalls an einer wirklich guten Gegendarstellung einzelner Kritikpunkte oder Gegebenheiten, denn von den Kritikern kommen im Verhältnis zu den Fürsprechern nur einer verschwindend kleine Anzahl zu Wort. Das beleuchten beider Seiten und eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Seite der Kritiker findet nicht statt, man versucht lediglich alle möglichen Kritikpunkte mit Fakten oder eigenen Ansichten zu wiederlegen. Dabei verfallen Diesel und Gerten in eine Verteidigungshaltung und verhelfen nicht zu einem differenzierten Eindruck der Szene.  Immer wieder klopft man auf die Tatsache, nichts mit Neonazis zu tun zu haben und keine Plattform für Rechtsextremisten zu sein, gleichzeitig verstrickt man sich aber in Wortgewaltige und Seitenumfassende Texte die genau das Gegenteil zu vermitteln scheinen.

"Es steht außer Frage, dass die The­ma­ti­sie­rung des Natio­nal­so­zia­lis­mus und der Gebrauch ent­spre­chen­der Sym­bo­lik im Rah­men von musi­ka­li­scher Ver­ar­bei­tung legi­tim ist, sofern die künst­le­ri­sche Beschäf­ti­gung keine Bekeh­rung des Publi­kums zu ent­spre­chen­den Ideo­lo­gien anstrebt oder an Gewalt­auf­rufe geknüpft ist: Bei­des kann für die in die­sem Buch bespro­che­nen Bands aus­ge­schlos­sen werden.3

Die Bands und Musi­ker ver­wei­gern sich also der Tat­sa­che, das heute noch und auf der gan­zen Welt die Haken­kreuz­fah­nen von Men­schen geschwenkt wer­den die ihrer Hoff­nung Aus­druck ver­lei­hen, dass Adolf Hit­ler wie­der belebt wer­den sollte. Auch das „künst­le­ri­sche” Spie­len mit Sym­bo­len und Dar­stel­lun­gen der NS, SA oder SS wird in selbst­ge­rech­ten Schil­de­run­gen ein musi­ka­li­scher Back­ground ver­lie­hen, den es eigent­lich nicht ver­dient. Man gewinnt den Ein­druck, das durch die Ver­wen­dung der­ar­ti­ger Sym­bole die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit erregt wer­den soll, wohl wis­send das es von einem nicht zu gerin­gen Teil der Fan­ge­meinde über­haupt nicht hin­ter­fragt wird.

So trübt der letzte Teil den zunächst guten Ein­druck des Buches, denn gerade die­ses heikle Thema sollte ent­spre­chend fun­diert ange­gan­gen wer­den, so das für den ein­sei­tig infor­mier­ten Leser nur ein Schluss­fol­ge­rung mög­lich erscheint: Die Neo­fol­ker haben irgend­wie put­zig einen an der Waf­fel, aber ihre Kri­ti­ker sind sträf­lich dumm.4

Die ange­kün­digte kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung bleibt also aus, den­noch ist das Buch eines der umfang­reichs­ten Werke über das so umstrit­tene Genre Neo­folk. Die Texte sind teil­weise ebenso so kom­plex, kon­fus und ver­wir­rend wie die Künst­ler aus des­sen Feder diese stam­men, Die­sel und Gert­ner tun sich sicht­lich schwer das ganze sinn­voll zusam­men­zu­fas­sen und bewei­sen mit der Aus­wahl der Prot­ago­nis­ten im drit­ten Teil des Buchs kein glück­li­ches Händchen.

Fazit: Umfang­rei­ches Werk über das Genre Neo­folk, als Mei­nungs­bild­ner aber mit Vor­sicht zu genießen.

Das 2005 erschie­nene und 2007 in die 2. Auf­lage gegan­gene Buch ist im Index-Verlag erschie­nen und für 24,95€ unter ande­rem bei Infra­rot erhältlich.

  1. Siehe auch die Bro­schüre Die Geis­ter die ich rief von den Gruf­ties gegen Rechts, Bre­men []
  2. Aus einer Pres­se­in­for­ma­tion auf der Inter­net­seite des Index-Verlages zum Buch Loo­king for Europe []
  3. Loo­king for Europe, Index Ver­lag 2007, 2. Auf­lage, Seite 407 []
  4. Aus dem Arti­kel Im Schüt­zen­gra­ben der dunk­len Kul­tur­front auf Telepolis.de []

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