13 November

Von guten Freunden und unerfüllten Wohnträumen

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang: 20114 Kommentare

Es dürfte den regel­mä­ßi­gen Lesern nicht ent­gan­gen sein, dass es ruhig gewor­den ist im Blog. Eigent­lich ist es nicht meine Art einen Abwe­sen­heits­ar­ti­kel zu ver­fas­sen, denn ich selbst finde das schreck­lich und über­flüs­sig. Ent­we­der man schreibt, oder man schreibt eben nicht. Ich möchte die­sen Arti­kel zum Anlass neh­men, etwas von Träu­men zu schrei­ben, von guten Freun­den und uner­war­te­ter Hilfe.

Ich bin ein Spät­zün­der und das in jeder Hin­sicht. Ich habe Jahre gebraucht um mich selbst zu fin­den und bin Träu­men hin­ter­her­ge­lau­fen, die unrea­lis­tisch und unmög­lich erschie­nen. Kom­pro­misse, so dachte ich, gehö­ren zum pri­va­ten Leben dazu.  Kom­pro­miss­lo­sig­keit erschien mir ego­is­tisch. So blieb es bei Träu­men von der per­fek­ten Woh­nung, von einem Refu­gium, das ganz und gar den eige­nen Ansprü­chen, Vor­stel­lun­gen und Wün­schen ent­spricht. Kleine Schritte wur­den erkämpft und mün­de­ten in einem Zim­mer, einem Raum. Ein Rück­zugs­ort im Rück­zugs­ort. Fal­sche Kli­schee­vor­stel­lung brems­ten den Drang zusätz­lich, was ich als schön und ästhe­tisch emp­fand, wurde als kit­schig und lächer­lich abge­stem­pelt. Ich bin 37 und end­lich richte ich eine Höhle so ein, wie es mir gefällt. Nennt mich einen Spätzünder.

»Man muss erst her­aus­fin­den, dass es auch anders geht.« sagte eine gute Freun­din zu mir. Und so uto­pisch das für mich klang, ich habe es her­aus­ge­fun­den und das in jeder Hin­sicht. Seit ein paar Wochen reno­vie­ren wir eine gemein­same Höhle vol­ler Gemein­sam­kei­ten, ver­brin­gen viel Zeit in Ein­rich­tungs­häu­sern, Bau­märk­ten um nach den schwar­zen Per­len zu tau­chen. Die ein­zi­gen Kom­pro­misse sind dem Geld­beu­tel geschuldet.

Der Weg ist das Ziel?

Nicht für mich. Am liebs­ten würde ich mit dem Fin­ger schnip­pen und alles ist wie von Geis­ter­hand fer­tig­ge­stellt. Blöd nur, dass die Rea­li­tät anders aus­sieht. Wände und Decken strei­chen sich nicht von allein und defekte Hei­zungs­rohre, die wäh­rend der Reno­vie­rungs­ar­bei­ten ent­deckt wer­den, wer­fen Zeit­pläne scho­nungs­los zurück. Erschwe­rend hinzu kommt, dass ich zwar ein aus­ge­präg­tes Helfer-Syndrom habe, es mir aber schwer­fällt, selbst nach Hilfe zu fra­gen. Glück­li­cher­weise gibt es Men­schen, die das wis­sen und ent­spre­chende scho­nungs­los ihre Hilfe anbie­ten.  Ein über­ra­schen­der Tele­fon­an­ruf brachte uner­war­tete Hilfe:

…kom­pe­ten­ter Koordination

Umfang­rei­che Arbei­ten bedürfen…

»Sag mal, kommst du am Frei­tag?»
»Ich weiß noch nicht, ich wollte eigent­lich am Wochen­ende strei­chen um muss noch alles abkle­ben.»
»Du reno­vierst? Prima, dann kann ich mich end­lich mal revan­chie­ren. Wann soll ich kom­men?»
»Ähm…»
»Okay, dann also am Sonn­tag Mit­tag.«

Wider­stand zweck­los. Ich bin dann tat­säch­lich nicht der Ein­la­dung zum Frei­tag Abend gefolgt, son­dern habe den örtli­chen Bau­markt besucht, um mich mit ent­spre­chen­den Mate­ria­lien ein­zu­de­cken. Ich habe ange­fan­gen aus­zu­räu­men, zu demon­tie­ren und abzu­kle­ben. Sams­tag dann eine wie­derum über­ra­schende E-Mail mit sinn­ge­mä­ßem Inhalt:

»Ste­fan hat mir ges­tern erzählt, dass du reno­vierst.
Ich habe mir gedacht, eine fünfte Hand kann man immer gebrau­chen, wenn du nichts dage­gen hast, sehen uns dann Sonn­tag Mit­tag.
Viele Grüße, Marco.
«

Wer jetzt schwarze Wände erwar­tet hat, wird ent­täuscht. Das passt ein­fach nicht zum Ambi­ente der Räume, die gestri­chen wur­den. Ich glaube, ohne Hilfe hätte ich sicher­lich dop­pelt so lange gebraucht und wäre nur halb so zufrie­den gewe­sen. Ich hatte die Hilfe ehr­lich gesagt nicht erwar­tet, denn ich bin nicht der Typ, der sich wirk­lich auf­op­fernd für die Pflege sei­ner Freund­schaf­ten ein­setzt. Manch­mal melde ich mich wochen­lang nicht und bin auf Men­schen ange­wie­sen, die das ebenso unver­krampft sehen wie ich. Dankeschön.

Schwar­zes Licht am Ende des Tunnels

Aus Krei­de­zeich­nun­gen wird Rea­li­tät und aus Träu­men Wirk­lich­keit. Schritt für Schritt, denn eine Woh­nung wächst mit sei­nen Bewoh­nern. Es ist erstaun­lich, wie die Kom­pro­miss­lo­sig­keit und Detail­ver­liebt­heit ein völ­lig neues Ambi­ente schaf­fen. Ein Freund, der half ein Sofa durch das Trep­pen­haus zu wuch­ten, sagte: »Komisch, es ist die glei­che Woh­nung, aber sie hat eine völ­lig neue Aura.« Zu eso­te­risch? Viel­leicht ist auch das wie­der eine Kli­schee­vor­stel­lung, von der man sich lösen muss. Denn was man fühlt ist eben manch­mal kit­schig und könnte der Vor­stel­lung einer Gruftie-Wohnung näher kom­men, als es der Ver­stand zulas­sen möchte. Erlaubt ist, was gefällt. Kom­pro­misse sind doof.

Die Zeit kommt zurück und viel­leicht kehrt auch bald wie­der genug Ruhe ein, um Spon­tis mit fri­schem Wind zu ver­sor­gen, damit die­ser Blog schnell wie­der Fahrt auf­nimmt. Abwe­sen­heits­ar­ti­kel sind nicht meine Stärke, ich mag sie ein­fach nicht.

Impres­sio­nen

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Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Ansichtssache
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4 Kommentare

  1. [...]denn ich bin nicht der Typ, der sich wirk­lich auf­op­fernd für die Pflege sei­ner Freund­schaf­ten ein­setzt. Manch­mal melde ich mich wochen­lang nicht und bin auf Men­schen ange­wie­sen, die das ebenso unver­krampft sehen wie ich.

    Spä­tes­tens da wurde der Ein­druck, dass ich das in der Zukunft sein könnte bestä­tigt *g*

    Ich finde es schön, dass du end­lich den Mut gefun­den hast, dich kom­pro­miss­los aus­zu­le­ben, denn das sollte in den eigen vier Wän­den immer mög­lich sein, wo man sich doch schon im All­tag immer ein wenig unter­ord­nen muss.
    Diese Angst als »Kli­schee­trulla« ö.Ä. bezeich­net zu wer­den, kenne ich sehr gut. Genauso wie die Träu­mer­ein, nach einer perfk­ten Behau­sung ohne Kom­pro­misse (ich lebe bei den Eltern und kann mich noch nicht so aus­to­ben wie ich es will), die Außen­ste­hen­den auch gerne als banal erschei­nen, obwohl doch ein zu Hause mehr als nur ein Dach über dem Kopf ist.

    Auch zu dem Ein­satz dei­ner Freunde kann ich dich nur beglück­wün­schen. Ich denke manch­mal, dass das nicht so selbst­ver­ständ­lich ist, wie man mei­nen könnte und wenn man dann noch ganz spe­zi­elle Vor­stel­lun­gen hat, könnte es viel­leicht noch schwie­ri­ger werden?!

    Wie dem auch sei: Viel Glück in der neuen Woh­nung! Ich würde sagen, wir Blog­le­ser packen denn mal unse­ren Kram zusam­men — PARTY BEI ROBERT, YIIEHA!

  2. Spät­zün­der? Hier! Ich auch — ich bin immer­hin kurz über die 30 und drück mit 18-jährigen Mädels noch­mal die Schul­bank *lach* — auch wenns einem immer irgend­wie mal komisch zumute ist bei sowas — bes­ser spät als nie. Es nutzt nichts sich einen Kopf zu machen weil man mit gewis­sen Din­gen erst *spä­ter* auf den Trich­ter gekom­men ist, wich­tig ist daß man den Trich­ter über­haupt fin­det :) — und auch den Mut hat sein Ding durch­zu­zie­hen und drauf Sch***en kann was Andere davon hal­ten.
    Aber mal ehr­lich — ein Leben auf gera­den Bah­nen und ohne Stol­per­steine wäre irgend­wie auch wie­der lang­wei­lig.
    Würde man mir die Mög­lich­keit ein­räu­men, die Zeit zurück zu dre­hen und von Anfang an alles anders machen, ich würde dan­kend ableh­nen. Das Leben kann mit­ten­drin ein ziem­li­cher Sau­sack sein, aber es gibt uns mit sol­chen Umlei­tun­gen auch Erfah­rung mit die wert­voll sind.

    Viel­leicht ist das jetzt auch übers Ziel hin­aus­ge­schos­sen und reich­lich »eso­te­risch« ;) — aber Du ver­stehst es sicher :) — das unbe­stimmte Gefühl daß sich bei Dir grade eini­ges ändert hat sich wohl irgend­wie bestätigt …

    Die Detail­bil­der der Woh­nung sehen super aus — würd ich mich wohl auch wohl füh­len ;) — in die­sem Sinne wün­sche ich Dir alles Gute in der neu gestal­te­ten Wohnung!

    Und: Mut zum Kli­schee ;) — das kann unglaub­lich wit­zig aber auch sehr befrei­end sein. Ich zB hab schwarze Hand­tü­cher und schwar­zes Geschirr — weil ichs schön find und ande­re­seits auch immer wie­der über mich schmun­zeln kann wenn ich meine Pizza aus dem Ofen auf den schwar­zen Tel­ler ver­lade :D

    Was das »wochen­lang nicht mel­den« angeht — bin ich genauso. Leute die ich als Freunde bezeichne sind auch für mich sol­che, die damit klar kom­men daß ich beim Kon­takt gele­gent­lich mal sehr lahm sein kann. Im End­ef­fekt sor­tier­ten sich so die Per­so­nen aus die sich dann spä­ter auch nicht gerade als Freunde entpuppten.

    Ah, falls Du für sowas offen bist: besorg Dir ein wenig Weih­rauch und Kohle, such Dir was womit Du das Zeug im glim­men­den Zustand trans­por­tie­ren kannst und lauf damit ein­mal die Runde durch die Woh­nung, beson­ders die Zim­mer­ecken nicht ver­ges­sen. Das putzt ener­ge­tisch noch­mal durch ;) — falls Spu­ren nega­ti­ver Emo­tio­nen irgendwo noch dumm her­um­hän­gen sollten :)

  3. wow du hast ja echt nette Freunde.. und bes­ser spät als nie. Und mit dem Schrei­ben, sol­che Erfah­run­gen sind doch viel schö­ner und wich­ti­ger als Blog­gen! Hof­fent­lich wird alles so, wie du es dir erträumt hast.

    LG Tina

  4. Hi!

    Das mit der Woh­nung ist toll -
    herz­li­chen Glück­wunsch! :)
    Meine Traum­woh­nung exis­tiert der­zeit
    lei­der nach wie vor immer­noch nur in
    mei­nem Kopf. Schwarz­hu­mo­rig soll es bei
    mir sein, gruf­tig und schräg — mit Pup­pen am
    Strick, die von der Decke bau­meln, Kin­ders­arg
    in der Wohn­zim­mer­ecke und wit­zi­gen Schil­dern.
    ( zB für die Ein­gangs­tür: Cau­tion — strange people
    cros­sing… ) Dazu Wände in kräf­ti­gen Far­ben und
    aus­schließ­lich schwarze Möbel. Und natür­lich
    viel Gedöns ( Kunst­ro­sen, Ker­zen­stän­der,
    Toten­köpfe, Bla ), das Bad ganz in schwarz­weiß…
    Hachja… *träumz*…

    Ich gehöre übri­gens auch zu den Men­schen,
    die sich oft wochen­lang nicht bei ihren
    Freun­den mel­den. Ich brau­che sie ein­fach nicht
    immer um mich herum und kann auch mal
    eine Weile ganz glück­lich mit mir alleine sein
    und vor mich hin­wer­keln ( zB am PC — gerade
    dort ver­sinke ich oft regel­recht in dem, was ich
    tue und ver­misse dann gar nichts. An man­chen
    Tagen bin ich durch­aus auch nerdy ).

    Und irgend­wann kriege ich dann wie­der den
    Rap­pel und ich denke mir: Was macht
    eigentlich… ? ;)

    @ Rosa: Mir könnte es bald ähnlich gehen wie
    Dir — ich strebe zunächst ein paar Prak­tika an
    und spä­ter eine Aus­bil­dung. Und ich bin auch
    schon 31, auch mein Lebens­lauf ist nicht per­fekt.
    Wich­tig ist nur, daß man sich selbst treu und
    im Kopf jung bleibt! :)

    Dunkle Grüße !
    Melle

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