Ihre Welt ist bunt bis schwarz, ihre Musik laut und schnell. Als Verschmelzung einer Gothic-Attitüde und der technoiden Musikform die man fälschlicherweise als Industrial bezeichnete, entwickelt sich etwas, das zunächst einige Clubs im Ruhrgebiet eroberte und schließlich auf Festivals und auch dem WGT einen festen Platz ergatterte. Hier sorgten sie nicht allein wegen ihres Musikgeschmacks und der Art sich zu kleiden für Aufsehen und ungeahntes Konfliktpotential. Handelt es sich um eine eigenständige Szene oder ist es nur ein Trend?
Zu meinem Artikel Subkultur! Cybergothic, in dem ich versuchte die Verkettung der Szenen und den Hintergrund der Cyber zu ergründen, erhielt ich mittlerweile über 100 Kommentare die sich mit der Frage beschäftigen, was Cyber den nun eigentlich ist, woher es kommt und was es darstellt. Eine abschließende und definierende Antwort steht noch immer aus, doch vielleicht ist die auch bald nicht mehr notwendig.
Potential für die Entwicklung einer eigenständigen Kultur sehe ich persönlich nicht, zu oberflächlich agiert der Großteil dieser Szene, zu partyorientiert zeigen sich deren Mitglieder. Es scheint so, als gäbe es zu wenig Interesse, der eigenen Szene Hintergründe zu vermitteln und Sichtweisen zu verleihen.
Party statt Tiefgang?
»Die meisten Cyber möchten mit ihrem Outfit darauf hinweisen, wie kaputt die Welt ist. Durch die Gasmasken und die Kunsthaare soll einem vor Auge geführt werden, wie es in der Zukunft aussehen könnte.»1 Doch anstatt gegen das System der Zerstörung zu rebellieren, gibt man sich ihm hin, denn inzwischen scheint die Kommerzialisierung dieser Szene weit fortgeschritten.
In Essen eröffnete jüngst »Der größte Cyber-Laden Deutschlands«, wie die Betreiber vollmundig behaupten, der sich im Kellergeschoss des Leo Store befindet und auf 150 qm das Herz und den Geldbeutel der Cyber zu öffnen vermag. »Elektronische Musik hören die Menschen, die hier kaufen, gerne etwas schnellerer Art und bisweilen schwereren Gemüts, und sie sind zwar in der Regel jüngeren Alters, kommen aber aus allen Bevölkerungsschichten, erklärt Bussler. Und noch etwas fällt auf: Die Menschen legen sehr viel Wert auf ihr Äußeres.»2
Die Preise für die angesagten Labels sind hoch, die Auswahl ist riesig. Möchte man eine Totalverwandlung, sind schnell ein paar Hundert Euro über die Theke gewandert, während Synthetisches in den Einkaufstaschen knistert. Die 17-jährige Tamara aus Freiburg legt sehr viel Wert auf ihr szenetypisches Äußeres und kann stellvertretend für Viele zitiert werden: »Das alles geht ins Geld. Mein teuerstes Outfit hat etwa 500 Euro gekostet. Privat trage ich lieber schlichte Kleidung. Die Cyber-Outfits sind eher für Events oder Fotoshootings.»1
Oberflächliche Szene-Beschreibungen verstärken den Eindruck: Party statt Tiefgang. Zu leise sind die Stimmen aus der Szene, die das Gegenteil behaupten, die aufschreien, sich wehren. Was fehlt, ist eine etablierte Basis, die Ideale und Ziele hochhält und Berichte, die beispielsweise in auflagenstarken Zeitungen erscheinen, in der Luft zerreißen.
»Cyber Gothic sind die Vertreter der Gothic-Szene, die elektronische Musik hören und dazu feiern. Dazu zählt unter anderem „Industrial“ – Geräusche aus Fabriken mit Synthesizer-Tönen untermalt. Merkmale für das passende Styling sind Kostüme in auffälligen Neonfarben. Für das „Fabrik-Feeling“ sorgen Schutzbrille und Mundschutz.»3
Ein allgemeines Problem?
Irgendwann fällt eine populäre Jugendszene der Kommerzialisierung zum Opfer. Wo ein Markt ist, sind Geschäftemacher nicht weit. Spätestens seit dem Punk sucht man immer wieder nach lukrativen Möglichkeiten, der Jugend in die scheinbar offenen Geldbeutel zu greifen. 500€ für ein Outfit erscheinen unverständlich, sind aber sicherlich keine Seltenheit.
Dass es in der Gothic-Szene nicht anders ist, kann niemand mehr von der Hand weisen. Auch hier scheint die schwarze Subkultur in der Oberflächlichkeit der Kommerzialisierung zu ertrinken. Menge statt Qualität, Party statt Tiefgang, konsumieren statt zu verstehen.
Doch im Gegensatz zu den Cybern hat man meiner Meinung nach im Gothic die Möglichkeit, zu forschen und zu entdecken. 30 Jahre haben allerlei Fantastisches hervorgebracht. Unter all der schwarzen Verkleidung sind echte dunkle Seelen verborgen, denen es zuwider ist, nur zu konsumieren. Wer gräbt, stößt auf schwarzes Gold. Schatzkarten gibt es mittlerweile im Internet. Die Szene selbst zeigt: Es geht auch anders.
Wege zurück ins bunte Dunkel
Dass wir in unseren Szenen nicht mehr abseits jeder Vereinnahmung durch die Industrie und die Medien stehen, ist in Stein gemeißelt. 2011 gehört es dazu, seine Szene im Fernsehen zu beobachten, seine Bands in der Presse zu finden und auf Veranstaltungen fotografiert zu werden. Wer auffallen möchte, fällt auf. Dass das heute auf einen fruchtbaren Boden fällt und nicht pauschal auf Ablehnung stößt, ist das Ergebnis des Jahrelangen streben nach Akzeptanz aus den Szenen selbst!
Die Zeiten sind schwierig geworden. Es scheint unmöglich, ein paar einzelne schwarze Bälle aus dem Ballparadies einer schwedischen Möbelhauskette zu fischen. Doch wer sucht, der findet. Auch die Cyberszene hat sicherlich kreative Mitglieder und Protagonisten, die imstande sind, ihre Ziel zu bewahren. Doch leider vermisse ich die Bälle mit den bunten Rasta-Zöpfen, so sehr ich auch suche.
»Cyber war für mich immer eine Clubkultur. Es geht ums Tanzen und Feiern, nicht um einen Lebensstil oder bestimmte Ansichten.»4
Daran zerbricht irgendwann jede Subkultur. Denn wenn sich ein Modetrend zum Feiern und Tanzen verbraucht hat, weicht er dem nächsten Modetrend. Zurück bleibt allenfalls eine vielleicht irgendwann peinliche Erinnerung an die Vergangenheit und der bittere Nachgeschmack, nicht versucht zu haben, etwas daraus zu machen.
(Bild: Diine Amandine — CC Lizenz@flickr.com, vielen Dank auch an meine Muse Sabrina Kirnapci)
- Aus dem Artikel: Ich steh dazu: Ich bin Cyber, Jana Höppner auf fudder.de, abgerufen am 16.02.2011 [↩] [↩]
- Aus dem Artikel: Künstliche Welten im Cyber-Shop, von Stefan Kober auf derwesten.de, abgerufen am 16.02.2011 [↩]
- Aus dem Artikel: So wurde ich ein Cyber Gothic, von Denise Kylla auf express.de abgerufen am 16.02.2011 [↩]
- Aus dem Artikel: Die Cyber vom Bahnhof Zoo, auf Cyber-Culture.de, abgerufen am 15.02.2011 [↩]



hat bereits 2 Kommentare abgegeben und schrieb am 10. Februar 2012 um 10:30:
Bin jetzt gerade erst durch einen Link bei FB auf den Artikel gestoßen. Die angesprochene Kritik finde ich (leider) sehr berechtigt, aber teilweise aus einer zu eingeschränkten Ecke heraus. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, nachdem mich die Konzepte und Lebensart des Cyberpunk schon faszinierten, bevor ich überhaupt wusste, dass es so etwas wie die schwarze Szene gibt.
1. »Cybergoth« ist eigentlich eine falsche Bezeichnung, die auch zu falschen Annahmen führt. Eigentlich handelt es sich um »Cyberpunk«, gemäß dem Literaturgenre, das die grundlegenden Konzepte und die Ästhetik prototypisiert hatte.
2. Cyberpunk hat mit »Gothic« genau so viel zu tun wie Metal, Mittelalter, VisualKei usw: Erstmal gar nichts. Der Wikipedia-Eintrag »Schwarze Szene« beschreibt das ganz gut. Cyber ist wie Gothic _nur ein Teil_ eines größeren Konglomerats, das man am besten eben »Schwarze Szene« nennt. Die Gemeinsamkeiten gehen eigentlich nicht weiter als eine Abgrenzung von der allgemeinen Pop-Leitkultur und eine Vorliebe für das Düstere (wie auch immer sich das zeigt).
3. Cyberpunk ist in der Tat in erster Linie eine alternative Lebensart in der modernen, technisierten und vom Kommerz regierten Welt. Genau das drücken die Protagonisten in den Protowerken des Cyberpunk — Neuromancer und Snow Crash — aus. Keine grundsätzliche Abkehr vom Kommerz — ein deutliches Stilmittel gerade in Neuromancer war die auffällige Nennung zahlreicher Marken und Firmennamen — sondern eine Nutzung der Möglichkeiten außerhalb des Systems. Insofern ist die Cyberkultur sehr eng mit der Hackerkultur verwandt.
4. Die Ästhetik ist nicht »bunt«, sondern »neon« und entstammt ursprünglich aus der Gedankenwelt von William Gibson. Sie wurde nicht von der Technoszene übernommen, sondern genau umgekehrt. Dabei steht Neon nicht für Party und Hippiekacke, sondern für das Schild über dem Eingang des unlizensierten Organhändlers, den beleuchteten Blade-Runner-Schirm in der dreckigen, ewig im Halbdunkel versinkenden Welt usw. Dabei hat der Cyberpunk im Gegensatz zu klassischem Gothic oder dem Aufsteiger Steampunk keine rein fiktive Ästhetik, sondern wird gerade von der Realität ein– und sogar überholt. Gasmasken aufgrund von Umweltverschmutzung, leistungssteigernde Prothesen, die Omnipräsenz technischer Gadgets als Erweiterung des Körpers — alles in der Realität (bzw deren düsteren Seiten) angekommen, im Gegensatz zu Vampiren und Prinzessinnen.
5. Der Konflikt zwischen »Cyberpunks« und »Gothicks« [sic] wurde bereits 1986 im Roman »Biochips« thematisiert, als die meisten »Cybergoths« noch gar nicht geboren waren. Zwei Szenen, grundverschieden, aber mit Berührungspunkten.
6. Bei all diesen Erklärungen muss man leider sagen, dass gefühlte 99% der sog. »Cybergoths« keine Ahnung davon hat und auch einen Scheiß darauf gibt. Gerade das Phänomen der Tanzvideos mit einstudierten Standardbewegungen (aus anderen Tanzvideos) finde ich furchtbar peinlich und zum Fremdschämen. Nerds, Geeks, Punks? No way. Die meisten der Kiddies erkennt man am Sonntag kaum wieder, sobald sie sich aus dem Partyoutfit geschält haben und in die Normalität zurückgekehrt sind.
hat bereits 2 Kommentare abgegeben und schrieb am 10. Februar 2012 um 10:33:
Lest mal den Roman »Biochips« von William Gibson. Dort wird nicht nur besser als in jedem peinlichen Tanzvideo beschrieben, was Cyberpunk eigentlich ist, sondern auch das gespannte Verhältnis zu »Gothics«.
Der Roman ist von 1986.
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 14. Februar 2012 um 22:49:
@Neo van Goth: Guter Kommentar! Ich finde, er bringt endlich mal das auf den Punkt, was »Cyber« tatsächlich zu einer Subkultur erheben könnte. Manchmal stimmt es mich traurig, wenn einige (viele?) in leuchtend-bunten Outfits einer Bewegung angehören wollen, die mehr zu bieten hat, als Gasmasken und Knicklichter. Ich wünschte, immer mehr Protagonisten würden sich mit Hintergründen beschäftigen, anstatt nur zu feiern. Und wer weiß, vielleicht nennt dann auch eines Tages jemand diese (in meinen Ohren) schreckliche Musik nicht mehr Industrial.
Ergänzung für alle lesenden: Das von Neo van Goth angesprochene Buch gibt es bei Amazon (Gebraucht) zum Schleuderpreis: http://www.amazon.de/Biochips-Zweiter-Roman-Neuromancer–Trilogie/dp/3453027779/ref=sr_1_cc_1?s=aps&ie=UTF8&qid=1329256088&sr=1–1-catcorr
hat bereits 4 Kommentare abgegeben und schrieb am 11. Mai 2012 um 01:18:
@Neo van Goth Vielen Dank für diese interessanten Hintergrundinfos!
Da ist es wahrlich umso trauriger, wie sich diese Szene entwickelt hat. Es ist doch so viel Potential vorhanden!
Ich denke, dass auch die Akzeptanz innerhalb der Gothicbewegung wesentlich höher wäre, wenn es größtenteils Cybers gäbe, die sich mit den genannten Punkten beschäftigen würden und der Szene mehr Tiefe gäben.
Stattdessen rege ich mich nun über wild mit Knick– und LED-Lichtern herumfuchtelnde Leute auf, denen es anscheinend scheißegal ist, dass sie damit den anderen Clubbesuchern gewaltig auf die Nerven gehen. Ich denke, ich bin nicht die einzige, die einfach nur in Ruhe und möglichst im Dunkeln die Musik genießen möchte.
Ebenso werden Blinklichter in den Haarteilen montiert, damit man den Konzertbesuchern, die hinter einem stehen, damit unglaublich toll den Abend vermiesen kann. Ich frage mich da wirklich, was solche Leute sich dabei denken…???
Wären derartige, ich nenne sie mal unüberlegte Respektlosig-, bzw. Dreistigkeiten nicht, würde das Zusammenleben von Cyber und Gothic wohl wesentlich harmonischer ablaufen.
Dabei sehe ich hin und wieder Cyber die sich richtiggehend auf der Tanzfläche ausleben. Ich spüre einfach, dass sie sehr viel mit der Musik verbinden, sich in ihrem Tanzstil ausdrücken und dabei eine Menge Energie ausstrahlen. (Zumindest bilde ich mir ein, unterscheiden zu können, wer tanzt, um sich nur selbst darzustellen oder wer sich voll und ganz auf die Musik einlässt.) Und so etwas liebe ich einfach. Da ist es mir vollkommen gleich, was derjenige anhat und auf welche Musik er tanzt. Ich weiß nicht, ob ich das mit Worten richtig beschreiben kann. Ich weiß nur, dass ich letzthin auf einer Veranstaltung war, auf der der Großteil der Leute mir dieses Gefühl vermittelt hat. (Genau das sollte meiner Meinung nach einen Tanzabend ausmachen.) Und dass mir dieses Gefühl auf den meisten fehlt, auf denen es elektronischer und technoider zugeht. Da sehe ich größtenteils nur Selbstdarsteller (ganz egal ob Cyber, Goth oder Normalo).
Darum kann ich der Cyber-Szene nur wünschen, dass sie mehr Leute bekommt, für die dies ein Lebensstil ist und nicht nur eine einstudierte Tanzparty. Denn ansonsten finde ich den Cyberstil sehr gelungen, wenn…ja, wenn das Wörtchen Wenn nicht wäre.