17 Oktober

Springtime for Germany - Urlaub in Deutschland

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang: 2008Keine Kommentare

Der Brite und BBC Jour­na­list Ben Donald hatte Lust Urlaub zu machen. In Deutsch­land. Als seine Freunde das hörte hiel­ten diese Ihn für ver­rückt und seine Frau meinte »etwas Bes­se­res als den Tod« kön­nen man über­all fin­den. Ber­lin ist mitt­ler­weile auch in Eng­land als Rei­se­ziel eta­bliert, der Rest der Repu­blik schein­ta­ber weit­ge­hend unbe­kannt. Schließ­lich haben wir kei­nen Witz und pflege die Unsitte, uns mit unse­rem Hand­tuch schon im Mor­gen­grauen die Lie­ge­stühle am Hotel­pool zu reser­vie­ren. Mitt­ler­weile ist Donald schon zum 15. mal nach Deutsch­land gereist, hat einen Rei­se­füh­rer geschrie­ben und ist nun zu recht in der Lage über uns, die Krauts zu resümieren:

Welches populäre Vorurteil über die Deutschen stimmt? - Ben Donald: Das die Deutschen die Nacktheit am Strand und in der Sauna lieben. Sie ist nie sexuell sondern sehr theoretisch. In Deutschland muss überhaupt alles theoretisch Begründet sein. Zum Beispiel das hüllenlose Baden. Man könnte Nacktheit sagen, aber die Deutschen nennen es Kultur - die Freikörperkultur.

...und welches stimmt nicht? - Ben Donald: Der Mangel an Humor. Die Deutschen sind witzig, aber anders, als die Engländer.

Die Deutschen haben nach Ihrer Beobachtung in die Ferien am Meer System eingebracht, dem es an Spontaneität und Lebenslust mangelt. Sollte uns jemand beibringen etwas lockerer zu sein? - Ben Donald: Um Himmels Willen! Dann würde alles unordentlicher werden und nichts würde funktionieren. Nein, ich glaube die Welt sollte sich von den perfekt organisierten Deutschen etwas abgucken.

Deutsche Volksfeste sind nach ihrer Beobachtung ein Vorwand, um viel zu saufen, und das unter Extrembedingungen: Es sei laut, verraucht, heiß und die Leute sitzen ganz nah beieinander. Eigentlich doch der Albtraum für jeden Engländer, oder? - Ben Donald: Ja, wir hassen es, wenn die Leute einander zu sehr auf die Pelle rücken. Aber beim Saufen fühlen wir uns auch wohl. Allerdings können die Deutschen das wesentlich zivilisierter als wir Engländer. Würden die Londoner drei Wochen lang Oktoberfest feiern, gäbe es Krawall.

Sie schreiben über die "Kunst, Deutscher zu sein". Was gehört dazu? - Ben Donald: Der Deutsche ist ein Wanderer und Wunderer. Er will nah an der Natur sein, er denkt über alles nach, er will die Welt verbessern.

Was ist die "Kunst, Brite zu sein"? - Ben Donald: Wir sind höfliche und konservative Exzentriker, die alles gelassen nehmen. Welche drei deutschen Traditionen und Eigenarten würden Sie in England einführen, wenn Sie könnten? - Ben Donald: Das Wandern, deutsches Brot und das Badehosenverbot in der Sauna.

Außer­halb der deut­schen Gren­zen schei­nen sich die Bli­cke unse­rer Nach­barn zu wei­ten. Mehr als 60 Jahre nach Ende des Krie­ges und bei­nahe 20 Jahre nach dem Mau­er­fall häu­fen sich die Anzei­chen, dass unsere Nach­barn die Haken­kreuz­brille öfter mal zur Seite legen und einen genaue­ren Blick auf uns Deut­sche wer­fen. Mitt­ler­weile häu­fen sich Rei­se­füh­rer über Deutsch­land in eng­li­scher, fran­zö­si­scher und spa­ni­scher Spra­che und Witze über Deut­schen krei­sen nicht mehr nur um die Nazi Ver­gan­gen­heit. Ist das nun das Ver­ges­sen oder Auf­klä­rung? Viel­leicht wer­den auch wir mitt­ler­weile in den Köp­fen der Men­schen als Euro­päer und Kin­der einen neuen Gene­ra­tion betrachtet.

Roger Boyes schreibt in sei­nem Buch »My dear Krauts« Deutsch­land sei ein fas­zi­nie­rend neu­ro­ti­sche Land, das sich selbst für nor­mal hält. Wie recht er doch hat. Der Deut­sche ist auf der stän­di­gen Suche nach sei­ner Iden­ti­tät und der deut­schen Seele. Lei­der steht ihm die eigene Ver­gan­gen­heit dabei im Weg und ver­an­lasst den Deut­schen sich das beste aus ande­ren Kul­tu­ren zu eigen zu machen, um uns herum ist ja eini­ges gebo­ten, man muss es nur entdecken.

Quel­len: Inter­view von Ale­xei Makart­sev, Spring­time for Ger­many — Ben Donald, My dear Krauts — Roger Boyes, Lexi­kon der Ger­ma­nen (FAZ)

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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