17 Oktober
Springtime for Germany - Urlaub in Deutschland
Der Brite und BBC Journalist Ben Donald hatte Lust Urlaub zu machen. In Deutschland. Als seine Freunde das hörte hielten diese Ihn für verrückt und seine Frau meinte »etwas Besseres als den Tod« können man überall finden. Berlin ist mittlerweile auch in England als Reiseziel etabliert, der Rest der Republik scheintaber weitgehend unbekannt. Schließlich haben wir keinen Witz und pflege die Unsitte, uns mit unserem Handtuch schon im Morgengrauen die Liegestühle am Hotelpool zu reservieren. Mittlerweile ist Donald schon zum 15. mal nach Deutschland gereist, hat einen Reiseführer geschrieben und ist nun zu recht in der Lage über uns, die Krauts zu resümieren:
Welches populäre Vorurteil über die Deutschen stimmt? - Ben Donald: Das die Deutschen die Nacktheit am Strand und in der Sauna lieben. Sie ist nie sexuell sondern sehr theoretisch. In Deutschland muss überhaupt alles theoretisch Begründet sein. Zum Beispiel das hüllenlose Baden. Man könnte Nacktheit sagen, aber die Deutschen nennen es Kultur - die Freikörperkultur.
...und welches stimmt nicht? - Ben Donald: Der Mangel an Humor. Die Deutschen sind witzig, aber anders, als die Engländer.
Die Deutschen haben nach Ihrer Beobachtung in die Ferien am Meer System eingebracht, dem es an Spontaneität und Lebenslust mangelt. Sollte uns jemand beibringen etwas lockerer zu sein? - Ben Donald: Um Himmels Willen! Dann würde alles unordentlicher werden und nichts würde funktionieren. Nein, ich glaube die Welt sollte sich von den perfekt organisierten Deutschen etwas abgucken.
Deutsche Volksfeste sind nach ihrer Beobachtung ein Vorwand, um viel zu saufen, und das unter Extrembedingungen: Es sei laut, verraucht, heiß und die Leute sitzen ganz nah beieinander. Eigentlich doch der Albtraum für jeden Engländer, oder? - Ben Donald: Ja, wir hassen es, wenn die Leute einander zu sehr auf die Pelle rücken. Aber beim Saufen fühlen wir uns auch wohl. Allerdings können die Deutschen das wesentlich zivilisierter als wir Engländer. Würden die Londoner drei Wochen lang Oktoberfest feiern, gäbe es Krawall.
Sie schreiben über die "Kunst, Deutscher zu sein". Was gehört dazu? - Ben Donald: Der Deutsche ist ein Wanderer und Wunderer. Er will nah an der Natur sein, er denkt über alles nach, er will die Welt verbessern.
Was ist die "Kunst, Brite zu sein"? - Ben Donald: Wir sind höfliche und konservative Exzentriker, die alles gelassen nehmen. Welche drei deutschen Traditionen und Eigenarten würden Sie in England einführen, wenn Sie könnten? - Ben Donald: Das Wandern, deutsches Brot und das Badehosenverbot in der Sauna.
Außerhalb der deutschen Grenzen scheinen sich die Blicke unserer Nachbarn zu weiten. Mehr als 60 Jahre nach Ende des Krieges und beinahe 20 Jahre nach dem Mauerfall häufen sich die Anzeichen, dass unsere Nachbarn die Hakenkreuzbrille öfter mal zur Seite legen und einen genaueren Blick auf uns Deutsche werfen. Mittlerweile häufen sich Reiseführer über Deutschland in englischer, französischer und spanischer Sprache und Witze über Deutschen kreisen nicht mehr nur um die Nazi Vergangenheit. Ist das nun das Vergessen oder Aufklärung? Vielleicht werden auch wir mittlerweile in den Köpfen der Menschen als Europäer und Kinder einen neuen Generation betrachtet.
Roger Boyes schreibt in seinem Buch »My dear Krauts« Deutschland sei ein faszinierend neurotische Land, das sich selbst für normal hält. Wie recht er doch hat. Der Deutsche ist auf der ständigen Suche nach seiner Identität und der deutschen Seele. Leider steht ihm die eigene Vergangenheit dabei im Weg und veranlasst den Deutschen sich das beste aus anderen Kulturen zu eigen zu machen, um uns herum ist ja einiges geboten, man muss es nur entdecken.
Quellen: Interview von Alexei Makartsev, Springtime for Germany — Ben Donald, My dear Krauts — Roger Boyes, Lexikon der Germanen (FAZ)
Veröffentlicht von Robert
Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch
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Kategorie: Ansichtssache
Schlagwort: england, Krauts, Reiseführer, Springtime

