15 November

Pennergame: Missverstandenes Geschäft?

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang 2008

Meh­rere Mil­lio­nen Sei­ten­auf­rufe und mehr als 600.000 Benut­zer kann das Online­spiel Pen­ner­game für sich ver­bu­chen. Wie Spie­gel Online jetzt mel­det, for­dert die Ham­bur­ger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Kse­nija Beke­ris die sofor­tige Ein­stel­lung des Inter­net­spiels. Robert Basic berich­tete bereits vor einem Monat und zitierte die Betrei­ber das Ziel des Spiels sei es, seine vir­tu­elle Figur mit Hilfe von Wei­ter­bil­dun­gen, Erbrin­gung von Dienst­leis­tun­gen wie Fla­schen sam­meln oder durch das Erler­nen von Musik­in­stru­men­ten aus der Obdach­lo­sig­keit her­aus zu einem Schloss­be­sit­zer zu machen. In den Kom­men­ta­ren zu sei­nem Arti­kel gin­gen die Mei­nun­gen um das Spiel aus­ein­an­der. Wäh­rend die einem dem Spiel nicht viel Zukunft ein­räumte, da das Spiel­prin­zip nicht viel neues biete schrie­ben andere, sie seien begeistert.

Tat­sa­che, es ist nur ein Spiel und sollte als sol­ches behan­delt wer­den, ob es gut oder schlecht ist muss jeder für sich sel­ber ent­schei­den. Ich für mei­nen Teil mag es nicht mit der­ar­ti­gen Spiel­kon­zep­ten Nut­zer zu locken, doch lei­der gibt der Erfolg in die­sem Fall Recht und zeigt für mich ein­mal mehr, das das Super-Nanny und Raus aus den Schul­den Prin­zip auch als Brow­ser­spiel greift. Warum haben andere, gleich­wer­tige Spiele mit alter­na­ti­ven und viel­leicht sinn­vol­le­ren Spiel­kon­zep­ten weni­ger Erfolg? Ich erkläre mir das mit einer Meta­pher. Wenn auf der Auto­bahn ein LKW einen Rei­fen­plat­zer hat und sich quer­stellt, kommt es dahin­ter zu einem Stau. Gleich­zei­tig ent­wi­ckelt sich aber auf der Gegen­spur der glei­che Stau, weil die Leute sehen wol­len was pas­siert ist.

Jetzt for­dert auch die SPD-Abgeordnete eine Ein­stel­lung des Spiels. Die Betrei­ber­firma Farb­flut Enter­tain­ment fühlt sich Miss­ver­stan­den und argu­men­tiert, ein Online-Spiel sei unge­eig­net gesell­schaft­li­che Pro­bleme rea­lis­tisch dar­zu­stel­len. Pennergame.de habe bereits zahl­rei­che Nut­zer für das Pro­blem sen­si­bi­li­siert und ein rele­van­ter Teil der Ein­nah­men komme Ham­bur­ger Hilfs­ein­rich­tung für Obdach­lose zu Gute.

Anschlies­sen möchte ich mich der For­de­rung von Frau Beke­ris nicht, damit wird nur das Gegen­teil erreicht. In einem Inter­view im Ham­bur­ger Abend­blatt mit den bei­den 19jährigen Machern des Spiel heißt es:

Wir wol­len junge Men­schen auf Obdach­lo­sig­keit und Armut auf­merk­sam machen. Auf kei­nen Fall soll das Spiel dis­kri­mi­nie­rend wir­ken.” Einige wenige Kri­ti­ker hät­ten genau das ange­merkt, erzäh­len die bei­den Freunde. „Natür­lich ist es nicht poli­tisch kor­rekt, aber wir spie­len mit den Klischees.

Ich denke das Spie­len mit Kli­schees ist hier gezielt ein­ge­setz­tes Mit­tel um hohe Nut­zer­zah­len zu errei­chen. Das sie damit jun­gen Men­schen auf­merk­sam machen ist klar, nicht aber um auf­zu­klä­ren son­dern um lang­fris­tig Geld damit zu ver­die­nen. Aus dem Spie­len mit Kli­schees ist ein knall­har­tes Geschäft gewor­den, das gibt es bei den Pri­vat­sen­dern jeden Nach­mit­tag zu sehen.

(Bild­quelle: pennergame.de Quel­len: Spiegel-Online, Robert Basic, Ham­bur­ger Abend­blatt)

2 Kommentare

  1. Ich würd mir gewal­tig ins Fäust­chen lachen wenn irgend so ein daher­ge­lau­fe­ner Poli­ti­ker groß rumg­röhlt ich solle meine Seite vom Netz neh­men. Bes­sere Wer­bung kann man nicht bekom­men und einen Anlass das recht­lich durch­zu­set­zen gibt es bei dem Spiel mit Sicher­heit nicht.

    Schein­bar geht gerade bei den Pol­ti­kern der Zen­sur­wahn wie eine Grip­pe­welle um. Alles was nicht in das eigene kleine Welt­bild passt muss ver­bo­ten, abge­schafft oder mög­lichst tief ver­bud­delt werden.

    Zum Glück ist es in Deutsch­land NOCH nicht soweit, dass diese Spat­zen­hirne damit durchkommen.

  2. So sehe ich das auch, Zen­sur bewirkt immer nur das Gegen­teil. Die Indi­zie­rung und Zen­sie­rung übt einen noch grö­ße­ren Reiz auf die Gesell­schaft, ins­be­son­dere die Jugend­li­chen aus. Was ver­bo­ten ist, muss toll sein. Noch ein biss­chen Schlim­mer als Poli­ti­ker sind die Anwaltsze­cken, die sich wie ein Krebs­ge­schwür mit immer neuen Abmahn­wel­len durch das Netz fres­sen.
    Viel wahr­schein­li­cher und noch trau­ri­ger ist es des­halb wenn du deine Seite schlies­sen sollst, weil du irgend ein Urhe­ber­recht ver­letzt hast oder das Recht irgend­ei­nes drit­ten oder vier­ten tan­giert hast. Aber auch hier ist die Poli­tik gefragt, Kos­ten der ers­ten Abmah­nung sind nicht auf den Abge­mahn­ten selbst abzu­wäl­zen. Das würde einen sofor­ti­gen Rück­gang der Abmahn­wel­len bedeu­ten, viel­leicht aber auch neue Arbeits­lose bei der Post, wer weiß?

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